Aus S. Kierkegaard "Der Liebe Tun"

Das verborgene Leben der Liebe und dessen Kenntlichkeit an den Früchten.

Luk. VI, 44. Ein jeglicher Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt. Denn man lieset nicht Feigen von den Dornen, auch so lieset man nicht Trauben von den Hecken.

Wenn es so wäre, wie dünkelhafte Klugheit meint - stolz, daß man sich nicht betrügen läßt-, daß man nichts glauben dürfte, was man nicht mit seinem sinnlichen Auge sehen kann: dann müßte man es vor allem bleiben lassen, an Liebe zu glauben. Und falls man das täte und es aus Furcht täte, betrogen zu werden, wäre man dann nicht betrogen? Man kann ja auf mancherlei Art betrogen werden; man kann dadurch betrogen werden, daß man das Unwahre glaubt, aber man wird doch wohl auch dadurch betrogen, daß man das Wahre nicht glaubt; man kann durch den Schein betrogen werden, aber man wird doch wohl auch durch den klugen Schein betrogen, durch den schmeichelnden Dünkel, der sich gegen das Betrogenwerden gänzlich gesichert weiß. Und welcher Betrug ist wohl der gefährlichste? Wessen Heilung ist am zweifelhaftesten, die Heilung dessen, der nicht sieht, oder dessen, der sieht und doch nicht sieht? Was ist am schwierigsten, jemanden zu wecken, der schläft, oder jemanden zu wecken, der wachträumt, er sei wach? Welcher Anblick ist am traurigsten, der, welcher sogleich und unbedingt zu Tränen rührt, der Anblick des in der Liebe unglücklich Betrogenen, oder der Anblick des durch sich selbst Betrogenen, dessen törichter Dünkel, er sei nicht betrogen, freilich lächerlich ist und zum Lachen darüber reizt, wenn das Lächerliche hier nicht ein noch stärkerer Ausdruck für das Entsetzliche wäre, indem es nämlich ausdrückt, daß er der Tränen nicht wert sei.

Sich selbst um die Liebe zu betrügen ist das Entsetzlichste, ist ein ewiger Verlust, für den es keine Erstattung gibt, weder in der Zeit noch in der Ewigkeit. Denn wenn sonst - wie verschiedenartig sie auch sein kann - die Rede ist vom Betrogenwerden in Bezug auf die Liebe, dann verhält der Betrogene sich doch zur Liebe, und der Betrug liegt nur darin, daß sie nicht war, wo man glaubte, daß sie sei; wer aber sich selbst betrügt, hat sich selbst von der Liebe ausgeschlossen und schließt sich selbst von ihr aus. Man spricht auch davon, daß man vom Leben oder im Leben betrogen wird; wer aber selbst betrügerisch sich selbst ums Leben betrogen hat, dessen Verlust ist unersetzlich. Sogar für jemanden, der das ganze Leben hindurch vom Leben betrogen ward, kann die Ewigkeit reichliche Erstattung aufheben; wer aber sich selbst betrügt, hat sich selbst daran gehindert, das Ewige zu gewinnen. Wer gerade durch seine Liebe ein Opfer menschlichen Betrugs ward, o, was hat er denn eigentlich verloren, wenn es sich in der Ewigkeit zeigt, daß die Liebe bleibt, während der Betrug aufgehört hat! Wer aber - fein berechnet - sich selbst betrogen hat, indem er klüglich der Klugheit ins Netz ging, ach, falls er sich auch das ganze Leben lang glücklich priese in seiner Einbildung, was hat er nicht dennoch verloren, wenn es sich in der Ewigkeit zeigt, daß er sich selbst betrogen hat! Denn in der Zeitlichkeit kann es vielleicht einem Menschen gelingen, die Liebe entbehren zu können, es mag ihm vielleicht gelingen, durch die Zeit zu schlüpfen, ohne den Selbstbetrug zu entdecken, es mag ihm vielleict das Entsetzliche gelingen, - in einer Einbildung - zu bleiben, stolz darauf, - in ihr zu sein; aber in der Ewigkeit kann er die Liebe nicht entbehren, und muß entdecken, daß er alles verspielt hat. Wie ist das Dasein so ernst, wie ist es so überaus furchtbar, gerade wenn es strafenden Sinns dem Eigenherrlichen erlaubt, sich selbst zu regieren, so daß er frei ist, dahinzuleben, stolz darauf, - unbetrogen zu sein, bis daß er dermaleinst frei ist zu gewahren, daß er sich ewig selbst betrogen hat! Wahrlich, die Ewigkeit läßt sich nicht spotten, eher ist es so, daß sie nicht einmal der Machtausübung bedarf, sondern allmächtig ein bißchen Spott benützt, um den Vermessenen furchtbar zu strafen. Was verbindet nämlich das Zeitliche und die Ewigkeit, was anderes als die Liebe, welche eben deshalb vor allem ist, und welche bleibt, wenn alles vorbei ist. Aber gerade weil die Liebe dergestalt das Band der Ewigkeit ist, und gerade weil die Zeit und die Ewigkeit ungleichartig sind, deshalb kann die Liebe der irdischen Klugheit dieser Zeitlichkeit als eine Last erscheinen, und deshalb kann es in der Zeitlichkeit dem sinnlichen Menschen als eine ungeheuere Erleichterung erscheinen, dieses Band der Ewigkeit von sich zu werfen.

Der durch sich selbst Betrogene glaubt ja freilich sich trösten zu können, ja er glaubt, mehr als gesiegt zu haben; im Dünkel der Torheit ist ihm verborgen, wie trostlos sein Leben ist. Daß er "aufgehört hat zu trauern", wollen wir ihm nicht abstreiten; aber was nützt denn das, wenn die Erlösung gerade darin läge, daß man anfinge, im Ernst über sich selbst zu trauern! Der durch sich selbst Betrogene glaubt vielleicht sogar, andere trösten zu können, die ein Opfer des Betrugs der Treulosigkeit geworden sind; aber welcher Wahnwitz, wenn jemand, der selbst Schaden am Ewigen genommen hat, einen heilen will, der höchstens zum Tode krank ist! Der durch sich selbst Betrogene glaubt vielleicht sogar, infolge eines wunderliche Selbstwiderspruchs, er habe Teilnahme mit dem unglücklich Betrogenen. Aber falls du auf seine tröstende Rede achtest und auf seine heilsame Weisheit, so wirst du die Liebe an den Früchten erkennen: an der Bitterkeit des Spotts, an der Schärfe der Verständigkeit, an dem giftigen Geist des Mißtrauens, an der beißenden Kälte der Verstockung, das heißt, es wird an den Früchten kenntlich sein, daß keine Liebe darin ist.