Innsbruck unter Murschutt

Muren sind in Tirol keine Seltenheit und stellen neben Lawinen und Felsstürzen die größte Naturgefahr dar. Was sich aber vor langer Zeit vor der Haustüre der Landeshauptstadt abgespielt hat, stellt alles was sich an Murschüben in Tirol in den vergangenen Jahrenzehnten ereignet hat in den Schatten.

An vielen Stellen am Südhang der Nordkette findet man die versteinerten Überreste dieser Muren, die zwischen Achselkopf und Mühlauer Graben einst eine Fläche von rund 3 km2 einnahmen. Sie sind unter dem Namen Höttinger Brekzie bekannt und in Innsbruck besonders in der Altstadt als Baustein allgegenwärtig. Lokal türmten sich die Murschuttschübe bis zu etlichen Zehnermetern hoch. Der Höttinger Klettergarten, die Ostwand eines großen ehemaligen Steinbruchs, aber auch die Mühlauer Klamm bieten Einblicke in den inneren Aufbau dieser Ablagerungen.

Wann fand dieses Geschehen statt? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Man fand zwar versteinerte Pflanzenreste in feinkörnigen Lagen an der Basis und innerhalb der Brekzie; sie sagen jedoch kaum etwas über das Alter aus. Als Schlüssel zur Klärung der Altersfrage haben sich Sinterbildungen herausgestellt. Dabei handelt es sich um Ablagerungen von Kalzit in Klüften der Brekzie. Sie müssen demnach jünger als letztere sein. Die Altersbestimmung der Sinter ergab etwa 165.000 Jahre vor heute, womit klar ist, dass die Höttinger Brekzie schon mindestens zwei große Eiszeiten überdauert hat. Möglicherweise ist sie aber noch ein Stück älter; daran wird aktuell gerade geforscht. Der Inntalgletscher räumte zwar im Tal selbst die Mursedimente aus; am Südhang der Nordkette blieb die Brekzie jedoch dank ihres gutes Verfestigungsgrades weitflächig erhalten und baut die markante Terrasse der Hungerburg auf.

1913 trieb man einen etwa 20 m langen Stollen oberhalb des Alpenzoos an der Basis der Brekzie in den Berg. Man suchte weder Gold noch Silber sondern die Klärung einer Jahrzehnte währenden wissenschaftlichen Frage: Gab es eine oder mehrere Eiszeiten? Der Stollen brachte insofern Klarheit als er zeigte, dass unter der Brekzie ein glaziales Sediment (Moräne) liegt. Da die Brekzie auch von einer (jüngeren) Moräne bedeckt wird ist seit diesem Zeitpunkt klar, dass es mindestens zwei Eiszeiten gegeben hat.

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