H. Mostler & Z. Balogh
Zur Skelettarchitektur, Entwicklung und stratigraphischen Bedeutung ausgewählter lithistider Schwämme aus dem Oberjura

GPM 19, p. 133-153

Zusammenfassung:
Durch die uneinheitliche Ansprache der Desmen, die ihrerseits die Grundlage für die bisherige Systematik der Lithistida stellen, ist nach dem gegenwärtigen Forschungsstand die Bedeutung dieser zum Teil für die Aufgliederung in Unterordnungen problematisch geworden. Um die Bedeutung dieser Skleren dennoch aufzuzeigen, war es daher wichtig, ein klares Bild über die Desmenarchitektur zu erarbeiten. Anhand der Baupläne dieser konnte aufgezeigt werden, daß man auch mit isolierten Desmen bis in das Gattungsniveau, in einigen Fällen sogar bis in den Artbereich lithistider Schwämme vordringen kann. So konnte erstmals mittels isolierter Skleren aus der oberjurassischen Beckenfazies (Oberalm-Formation) Lecanella pateraeformis ZITTEL aus der Unterordnung der Anomocladina und Cylindrophyma milleporata GOLDFUSS aus der Unterordnung der Didymorina nachgewiesen werden. Es handelt sich um Arten, die im Germanischen Oberjura weit verbreitet sind.
Aufgrund eines reichen Sklerenmaterials das aus den unterschiedlichsten Ablagerungsgebieten, vom Karbon bis in den Oberjura reichend, stammt, sowie auch aus der Sicht der hier vorgestellten oberjurassischen Lithistiden läßt sich hinsichtlich der Entwicklung dieser Schwammgruppe folgendes festhalten. Die Unterordnungen Orchocladina und Tricrancoladina sind ebenso wie die Sphaerocladina (hier beschränkt auf die eigenständige paläozoische Gruppe) im Paläozoikum ausgestorben. Die im Oberjura auftretenden "Sphaerocladina"; mit demselben sphaerocladinen Grundbau, wie sie bei den paläozoischen Formen entwickelt wurde, wurden in dieser Studie neu als Neosphaerocladina im Range einer Unterordnung benannt und sind somit als eine völlig unabhängig entstandene Gruppe zu betrachten.
Die Anomocladina, die man den Sphaerocladina zuzählte zeigen keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu diesen; sie sind vielmehr eine neue Formgruppe im Range einer Unterordnung die sich ebenfalls erst im Oberjura entwickelte. Die Dicranocladina sind keinesfalls aus den Tricranocladinen hervorgegangen, wie dies bisher vermutet wurde; sie haben sich ebenfalls eigenständig im Oberjura ebenso wie die Unterordnung Tetracladina gebildet. Damit kann schon jetzt belegt werden, daß die Lithistida im Oberjura einen neuen Evolutionsschub erfuhren, zum Teil unter Nutzung alter Baupläne. Eine ökologische Komponente könnte durchaus mit der Steuerung der plötzlichen Entwicklung einer so vielfältigen lithistiden Fauna mitgewirkt haben. Hiebei wird an die plötzliche Verfügbarkeit an Faziesräumen für eine Schwammriffbildung im Oberjura gedacht.

Abstract:
According to the non-uniform terminology for the desma, which are the base for the previous systematic of the Lithistida, due to the present state of knowledge the significance of the desma for the subdivision into suborders became problematical.
To point out the significance of these scleres it was therefore important to create a clear idea on the architecture of the desma.
Based on their construction plans it was possible to demonstrate that also with isolated desma a determination on the level of genera, in some cases even on the level of species, is possible.
Thus, for the first time, it was possible to indicate Lecanella pateraeformis ZITTEL from the suborder Anomocladina and Cylindrophyma milleporata GOLDFUSS from the suborder Didymorina by means of isolated scleres derived from Late Jurassic basin sediments (Oberalm Formation). These species are very common in the German Late Jurassic.
Based on a rich material of scleres derived from different environments ranging in age from the Carboniferous to the Late Jurassic, and based on the Late Jurassic Lithistida described in the present paper, the following can be stated concerning the evolution of this group of porifera:
The suborders Orchocladina and Tricranocladina, as well as the Sphaerocladina (in this study confirmed to the original paleozoic group) dissappeared during the Paleozoic.
The 'Sphaerocladina' with the same sphaerocladine architecture as the paleozoic forms, which first appear during the Late Jurassic, in this study are termed Neosphaerocladina (in the rank of a suborder) and therefore are to be considered as an independently developed group.The Anomocladina, which belong to the Sphaerocladina, do not show any relationships to them; they rather represent a new form-group in the rank of a suborder, which also developed during the Late Jurassic.
The Dicranocladina by no means evolved from the Tricranocladina. By this, at present it can be proved that the Lithistida experienced a push in their evolution during the Late Jurassic, partly by using old construction plans. An ecological component like the sudden availability of an environment favouring the formation of sponge reefs, might have controlled the sudden evolution of such a manifold lithistid fauna.


Zurück zu / Back to Titelseite / cover page von / of vol. 19