Günther Jontes
Das Schwazer Bergbuch als Quelle zur Montanvolkskunde
The Schwaz Mining Book (Schwazer Bergbuch) – a source to the culture of mining and metallurgy in early modern times

Geo.Alp Sonderband 1/Special volume 1, 2007, p. 63–71

Zusammenfassung
Tirol war im ausgehenden Mittelalter zu einer der europäischen Hauptregionen der Bunt- und Edelmetallproduktion geworden. Hatte auch die Entdeckung der Neuen Welt ein Überangebot von Gold nach Europa gebracht, so war doch die Versorgung mit Kupfer und Silber zu einer Haupteinnahmequelle der Landesfürsten und dann der neureichen Handelsherren aus dem Hause der Fugger geworden, denen Kaiser Maximilian I. und Erzherzog Sigismund die Bergbaue verpfändet hatten. Schwaz im Tiroler Inntal bildete dabei das alpine Zentrum von Bergbau und Verhüttung der Erze. Die anfänglichen reichen Gewinne wurden um 1550 jedoch durch äußere politische Einflüsse derart geschmälert, dass aus Angst davor, dass die fremden Kapitalisten wegen sinkender Einnahmen die Gruben schließen könnten, man in Tirol wieder gerne den eigenen Landesfürsten, diesmal Kaiser Ferdinand I., als Bergherren gesehen hätte.
Aus diesen Beweggründen heraus entstand auch im Jahre 1556 das Schwazer Bergbuch, das durch seine eingehende schriftliche und bildliche Darstellung des Tiroler Montanwesens wieder das Interesse des Habsburgers wecken sollte und deshalb auch ihm gewidmet und dediziert wurde. Dementsprechend ist das in zehn zum Teil illuminierten Handschriften überlieferte Bergbuch in prächtiger Weise ausgestattet worden. Zu den schönsten Ausfertigungen zählt dabei das Exemplar der Universitätsbibliothek der Montanuniversität Leoben, das hier zur Betrachtung herangezogen wurde.
Für Kulturgeschichte und Volkskunde bilden die über einhundert Miniaturen in Temperatechnik verschiedene Ansätze der Analyse. Man kann die relevanten Darstellungen in mehrere Gruppen einteilen, wobei die Inhalte der detailreichen Bilder von Standes-, Arbeits- und Repräsentationskleidung über Arbeitsgeräte und Würdezeichen bis zu religiöser Symbolik und Schilderungen des Alltagslebens und der sozialen Welt reichen.
Dabei erweist sich, dass die Montankultur dieser Epoche eine weiträumige Gleichartigkeit zumindest innerhalb des römisch-deutschen Reiches zeigt und enge Verbindungen etwa zu den kulturellen Äußerungen des sächsischen Erzgebirges nicht zu übersehen sind. Dies reizt zu Vergleichen bis in die Gegenwart. Man gewinnt auch den Eindruck, dass dem Landesfürsten mit den Darstellungen aus dem Leben und der Arbeit der Berg- und Hüttenleute eine ihm wahrscheinlich fremde und exotisch anmutende Welt vor Augen geführt werden sollte, die es noch im eigenen Herrschaftsbereich zu entdecken galt und aus der man auch großen materiellen Gewinn ziehen konnte. Dies war im Zeitalter der Türkenabwehr sogar von lebenswichtiger Bedeutung.
Darüber hinaus geben die Bilder mit ihren präzise erläuternden Begleittexten auch ein klares Bild von der starren hierarchischen Gliederung des Bergwesens in dieser Zeit, wie sie darüber hinaus literarisch in den musikalisch unterlegten Bergreihen des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt. Bürokratie, die sich aus der Standesgliederung der Zeit und der Kodifizierung lang gepflegter Arbeitsbräuche in den Bergbriefen herleitet, führt auch in die Amtsstuben der Verwaltung. Und die Darstellungen aus Berg und Hütte selbst machen deutlich, wie in dieser Zeit, als Georgius Agricola sein bahnbrechendes technologisches Werk "Zwölf Bücher vom Bergbau" verfasste, die darin geschilderten Techniken im Tiroler Bergbau schon Anwendung finden.

Abstract
During the end of the Middle Ages Tyrol has become one of the most important regions for the precious and non-ferrous metals production. The discovery of the New World brought a surplus of gold to Europe, but the supplies with silver and copper became the main revenues for the rulers and later on for the nouveau riche businessmen, the Fugger, to whom Emperor Maximilian I. and Archduke Sigismund had pawned their mines. Schwaz in the Inn Valley was the centre for mining and metallurgy in the Alpine region. First the profit had been very rich, but about 1550 the surplus became smaller because of external political reasons. Fearing, that foreign capitalists could shut down the mines because of smaller revenues, the people in Tyrol wished to see their own ruler as owner of the mines, they asked for Emperor Ferdinand I. as owner of the Tyrolean mines.
These were the reasons to write the Schwaz Mining Book, to present the Tyrol mining industry in written and painted form and thus reaching again the interest of the rulers. Therefore the Mining Book was dedicated to the Habsburg emperor. The manuscript, written in 1556, which has come to us in 10 copies, not all of them illuminated, was richly decorated. One of the most beautiful copies is the Mining Book in the University Library at Leoben, which served as basis for these reflections.
The more than 100 tempera paintings are approaches to an analysis of cultural history and ethnology of the miners. The relevant pictures can be divided into different groups; the contents show formal and prestigious dresses, working clothes, mining equipment, signs of honour and religious symbols and let us know about everyday life and its social aspects.
It can be proved, that the mining lore and culture of this epoch shows a wide-ranging similarity, at least in the Holy Roman Empire, close cultural connections to the Saxon Erzgebirge can be seen clearly. These aspects provoke comparisons until today. One cannot help thinking that with these pictures from life and world of the miners and smelters, the ruler should become aware of a strange and even exotic world, which could be discovered in his own territory and from which also a big financial profit could be gained. This was of essential importance in an age of war against the Turks.
Above that, the miniatures with their precise explanatory texts give a clear picture from the rigid organization of mining at that time, in literature this is expressed in the 16th century “Bergreihen” (mining poetry), where the words are often set to a tune. Bureaucracy, deriving from the organization of the profession at that time and of the codification of the working habits in the mining privileges, finds its way into the mining offices. And the pictures from mining and smelting make clear that the technologies, that were described in the pioneering work of Georgius Agricola's "Zwölf Bücher vom Bergbau" (Twelve Books about Mining) were in use in mining in Tyrol at that time.


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