Peru
- ein lohnendes Ziel für eine geographische Exkursion


von Axel Borsdorf


Vom 10.7.-6.8. 2000 führten die Institute für Geographie der Universitäten Innsbruck und Salzburg unter der Leitung von Axel Borsdorf und Christoph Stadel eine Exkursion nach Peru durch. Von ihr handelt der hiermit vorgelegte Exkursionsbericht.
Was ist das besondere an einer geographischen Exkursion, und welche Überlegungen führten dazu, Peru als Exkursionsziel auszuwählen?
Geographische Exkursionen sind Lehrveranstaltungen im Gelände. Sie dienen dazu, den in Vorlesungen gelernten Stoff zur Allgemeinen Geographie, zur Regionalen Geographie und zur Fachmethodik fernab der dünnen Luft der Hörsäle im Raum selbst anzuwenden und in ungewohnter Umgebung in Beziehung zu setzen. Die Geographie ist eine integrativ-synthetische Disziplin, in der die Fähigkeit zu vernetztem Denken eine große Rolle spielt. Die unmittelbare Anschauung von Raumstrukturen, Lebenswelten und Wirtschaftsweisen führt fast automatisch zur Vernetzung sehr unterschiedlicher Fachinhalte.
Kaffee wird nicht nur als Welthandelsgut wahrgenommen, die ökologischen Voraussetzungen seiner Erzeugung, seine Weiterverarbeitung und Vermarktung werden hierzu in Beziehung gesetzt. Die Flächengenese in wechselfeucht-tropischen Klimaten wird angesichts der durch unangepaßte Bodennutzung verursachten Probleme der Bodendegradation und -abspülung oder dem Versuch, durch Anlage von Feldterrassen und dem Einsatz von bodenschonendem Ackergerät zu hochkomplexen Thema. Bodennutzungssysteme, die aus Mitteleuropa bekannt sind, können mit ähnlichen, aber eben doch im Detail andersartigen Systemen der Tropen verglichen werden: Die Egartwirtschaft ist nur bedingt der tropischen Feldgraswirtschaft ver-gleichbar, den aus dem europäischen Mittelalter bekannten Wölbäckern entsprechen die Hochäcker der Sierra nur teilweise. Standortfaktoren der heimischen I ndustrie richten sich nach anderen Kostengrößen als die der Länder der Dritten Welt. Viele weitere Beispiele fin-den sich im vorliegenden Exkursionsbericht.
Peru ist unter natur- und kulturräumlichen Gesichtspunkten ein außerordentlich vielfältiges Land. Diese Vielfalt äußert sich im planetarischen Formenwandel von Nord nach Süd, stärker aber noch im West-Ost-Gegensatz und im zentral-peripheren Gefüge. In der dritten Dimensi-on wird das räumliche Kontinuum durch den hypsometrischen Formenwandel, die markante Höhenstufung des Andenraumes ergänzt. Naturräumlich, kulturgeographisch und wirtschafts-geographisch kann Peru als typisches Andenland, tropisches Hochgebirgsland - und darüber hinaus als typischer Vertreter eines rohstoffreichen sog. "Entwicklungslandes" gesehen wer-den. Bei alledem gestattet die Nationalsprache Spanisch einen relativ leichten Zugang zu den Menschen, und die Beherrschung des Spanischen war eine Grundvoraussetzung für die Teil-nahme an der Exkursion. All dies rechtfertigt bereits die Auswahl dieses Staates als Exkursionsziel.
Der Zielsetzung entsprach auch die Auswahl der Exkursionsroute, die von Lima aus zunächst in die südliche Costa, dann in die Sierra und von dort in die Selva führte und am Ende auch noch die nördliche Costa einschloß. Damit wurden Profile gelegt, die nicht nur die natur-räumlichen Großeinheiten Perus umfaßten, sondern auch die großen Wirtschafts- und Sied-lungsräume des Landes. Ebenfalls auf das Exkursionsziel ausgerichtet war die Lehrmethode, die - fachspezifisch gesprochen - landschaftskundlich-typologisch und nicht, oder nur teil-weise, länderkundlich-idiographisch ausgerichtet war. Nicht Peru in seiner Einmaligkeit sollte vorgestellt werden, sondern dieses Land als Beispiel für den lateinamerikanischen Natur- und Kulturraum oder gar als Beispiel für tropische Hochgebirgsländer. Auf der Exkursion wurde daher auch nicht vorgetragen, im Gegenteil, die Beobachtungen wurden im Gespräch gemein-sam erarbeitet, wobei auf die Anwendung des methodischen Rüstzeugs der Geographie größ-ter Wert gelegt wurde. Zuweilen mündeten die Besprechungsstopps auch in regelrechte Fach-diskussionen, in denen Hypothese gegen Hypothese gestellt wurde.
Die von Hofmann (2000, S. 68, S. 71f.) in einer Polemik gegen einen Exkursionsbericht Ecu-ador (Borsdorf/Stadel (1997), geht an der Aufgabe geographischer Auslandsexkursionen vor-bei.. Es kann aber gern eingestanden werden, daß es unterschiedliche Exkursionstypen gibt, die jede für sich ihre Berechtigung haben. Es geht aber nicht an, nur eine Art gelten zu lassen, nämlich die, die lediglich den Hörsaal mit den Besucherräumen der Verwaltungen von Ge-bietskörperschaften, Unternehmen oder Entwicklungsinstitutionen vertauscht und hierbei nur einen thematischen Schwerpunkt setzt. Dabei wird zwar erstklassiges Expertenwissen gebo-ten, was diese Exkursionen ja auch sinnvoll macht. Verloren gehen aber oft die Vernetzung mit dem Stoff der Fachwissenschaft, die kritische Auseinandersetzung mit dem Gebotenen und vor allem die räumliche Anschauung, die Bestandteil einer Exkursion ist, die nicht das Ghetto des Hörsaals gegen das einer anderen Theorieinsel vertauscht. Dennoch, ganz ohne raumspezifische Fakten kann kein Exkursionsbericht vorgelegt werden. Im Anschluß an diese Reflexion steht daher ein fact sheet, das die wichtigsten Strukturdaten zu Peru erhält und das während der Lektüre des Berichts zum Nachschlagen verwendet werden kann. Es weist Peru als typisch lateinamerikanisches Entwicklungsland aus. Nach explosionsartigem Bevölke-rungswachstum im 20. Jahrhundert gehen die demographischen Zuwachsraten inzwischen zurück. Das Prokopfeinkommen ist merklich gestiegen, wenngleich es starken konjunkturel-len Schwankungen unterworfen ist. Erfreulich sind auch die Daten zum Bildungswesen, wo-bei die Inklusion- und Desertionsraten nicht darüber hinweg täuschen dürfen, daß der Bil-dungssektor qualitativ weit unterdurchschnittlich ist. Nach wie vor ist Peru stark von seinen Exporten, vor allem mineralische und agrarisch-fischereiwirtschaftliche Rohstoffe, abhängig. Übervölkerungstendenzen bei Überschreitung der Tragfähigkeit führen zur Mobilisierung der Bevölkerung, für die die Städte - und dabei besonders die Primatstadt Lima -, aber auch die Kolonisationsgebiete im Oriente wichtige Anziehungspunkte bilden. Schon ist die Biodiver-sität gefährdet, und die Hauptstadt weist immer noch einen primacy index von 5,1 gegenüber der nächst größeren Stadt auf.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich auch die Problematik der Exportabhängigkeit. Die Fischmehlproduktion leidet immer häufiger unter den Einflüssen des El-Niño-Phänomens, der Bergbau unter der jahrzehntelangen staatlichen Mißwirtschaft und der dadurch bedingten ge-ringen Produktivität, agrarische cash-crops müssen zunehmend auch dem heimischen Markt zugeführt werden, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Hinzu kommt, daß die Gue-rilla-Jahre den internationalen Tourismus, der helfen muß, die Zahlungsbilanz auszugleichen, stark beeinträchtigt haben. Zumindest auf diesem Sektor erfreut sich Peru heute aber wieder rasch wachsender Touristenankunftszahlen.
Abschließend soll noch kurz auf die Konzeption des Exkursionsberichtes verwiesen werden. Die Tagesberichte werden durch zahlreiche Graphiken aufgelockert. Sie enthalten zudem Textkästen, in denen allgemeine Gesichtspunkte in starker Verdichtung dargestellt werden. Schließlich werden die drei Großlandschaften - Costa, Sierra und Selva - in eigenen Zusam-menfassungen, die unterschiedlichen methodischen Ansätzen folgen, beim Verlassen der je-weiligen Großlandschaft resümiert.
Die Studierenden haben sich große Mühe gegeben, ihre Erkenntnisse bestmöglichst zu Papier zu bringen, verbal und graphisch. Der Leser mag selbst beurteilen, inwieweit ihnen das ge-lungen ist. Teilweise waren - mal mehr, mal weniger - redaktionelle Korrekturen und Ergän-zungen notwendig. In diesem Zusammenhang soll noch auf eine andere, von Hofmann (2000, S. 72) formulierte Polemik geantwortet werden. Sie betrifft die Kritik der Exkursionsleiter an der Qualität der abgelieferten Exkursionsprotokolle. Dies muß im Sinne einer kritischen Wis-senschaftsauffassung legitim sein, denn es ist unseres Erachtens für jeden Wissenschaftler notwendig, kritisch gegenüber sich selbst zu sein, aber auch Kritik an anderen zu üben.
Mehr Zeit als Korrektur und Ergänzung verlangten, kostete die Layoutierung und Herstellung des Exkursionsberichtes. Ca. 60 Stunden sind allein hierfür aufgewendet worden. Die Exkur-sionsleiter hoffen, daß sich die Mühe gelohnt hat!