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Hall in Tirol

Stadtentwicklung im Spannungsfeld von Altstadterneuerung und Ausländersituation

»Kurzfassung«

Innsbrucker Geographische Studien Band 34

Hall umfasst mit rund 300 Gebäuden die größte Altstadt in Tirol, was auf die überragende Bedeutung der mittelalterlichen Stadt schließen lässt. Sie verdankt ihre Gründung und Stadterhebung im Jahr 1303 dem Salzvorkommen. In der Folge waren vor allem die Innschifffahrt und die Zolleinnahmen aus dem Straßenverkehr sowie die Märkte und später die Münzstätte für die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung von Hall verantwortlich. Der Stadtbrand im Jahr 1447, der beinahe die gesamte damals ummauerte Stadt zerstört hatte, ermöglichte einen einheitlichen Wiederaufbau der gotischen Altstadthäuser, die erst nach dem Erdbeben von 1670 ihre barocken Elemente erhielten.

Gegen Ende des 16. Jh. setzte der Bedeutungsverlust Halls gegenüber Innsbruck ein. Zu Beginn des 17. Jh. übernahm die Saline den Salzverkauf in Eigenregie und 1750 wurde das "Niederlagsrecht" aufgehoben, wodurch besonders der Handel Einbrüche erlitt. Die Verlegung der Durchzugsstraße, die nun an der Altstadt vorbeiführte, der Niedergang der Innschifffahrt und schließlich die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Innsbruck-Kufstein führten zum wirtschaftlichen Abstieg der Geschäftsleute, Gewerbetreibende und besonders der zahlreichen Gastwirte.

Trotz der Ausweitung des Stadtgebietes Mitte des 19. Jh. (durch Klöster, Krankenanstalten, Gymnasium etc.) und Beginn des 20. Jh. durch das Villenviertel blieb die Bevölkerungsentwicklung bescheiden und ist seit 1971 sogar rückläufig.

Der Wohnraumbedarf nach dem zweiten Weltkrieg führte zum Bau von Siedlungshäusern im Osten und zur Schaffung des neuen Stadtviertels "Schönegg". Gleichzeitig kam es im Westen der Stadt zur Ansiedlung von Industriebetrieben und dem Ausbau des Frachtenbahnhofes.

Der Verfall der Altstadt, der schon im 19. Jh. aufgrund der ökonomisch-strukturellen Ereignisse eingesetzt hatte, setzte sich im 20. Jh. sukzessive fort. Der Abwanderung der Bevölkerung und der Degradierung Altstadt versuchte Hall durch ein gezieltes Altstadtsanierungsprogramm ab den 1970er-Jahren entgegenzuwirken. Eingeleitet wurde die Altstadtsanierung mit der Fassadenaktion. Seit 1974 bis einschließlich 2000 sind an 168 Objekten 305 Fassaden erneuert worden. Erste generalsanierte Häuser waren ehemalige "Großgasthäuser". Da private Bauherren trotz Förderungen die Sanierungskosten nicht aufzubringen konnten, wurde das "Haller Sanierungsmodell" entwickelt. Im Vorfeld einer Generalsanierung ist eine exakte Befundung von großer Wichtigkeit, bei der Ausführung die vom Denkmalamt genau überwachte Beibehaltung des historischen Charakters sowie die Bewahrung der Bausubstanz des Gebäudes.

Für die Revitalisierung der Altstadt bedeutete die Sanierung öffentlicher Gebäude eine wichtige Voraussetzung. Dem Kulturleben konnten durch die Schaffung von Räumlichkeiten für Kongresse, Tanzveranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte und Galerien neue Impulse verliehen werden. Mit der Generalsanierung des ehemaligen Kurhauses, der Restaurierung des Stadtsaales und besonders durch die Wiederbelebung der Burg Hasegg sowie der Kunsthalle ist die Stadt diesem Ziel einen wesentlichen Schritt näher gekommen. Neben den Schwerpunkten der Objektsanierung konnten Mittel aus dem Stadtkern- und Ortsbildschutzgesetz auch für die Erneuerung und Verbesserung des Altstadtbildes als Ganzes eingesetzt werden. Durch die Generalsanierung von Wohnhäusern wurde vor allem moderner Wohn- aber auch Geschäftsraum geschaffen, wodurch das Geschäftsleben in der Altstadt seit Beginn der Altstadtsanierung eindrucksvoll wieder belebt werden konnte. Seit den 1980er-Jahren ist eine Höherbewertung zentrumsnaher Wohnquartiere zu beobachten, die im Rahmen der Altstadtsanierung zeitgemäß und hochwertig verbessert wurden.

Im Zuge der Industrialisierung in der Nachkriegszeit vollzog sich mit der Errichtung der Tiroler Röhren- und Metallwerke und der Armaturenfabrik Schmiedl ein Aufbau des industriellen Sektors, für den bereits Ende der 1960er-Jahre - also beinahe zur selben Zeit, als die ersten Ideen für eine Altstadtsanierung geboren wurden - Arbeitskräfte aus dem Ausland ("Gastarbeiter") angeworben werden mussten. Diese übernahmen als meist ungelernte Arbeiter geringer bewertete Tätigkeiten. Auch in der boomenden Bauwirtschaft fanden immer mehr Arbeitskräfte aus Jugoslawien und später der Türkei Beschäftigung.

Die ausländischen Arbeitskräfte waren in den Anfangsjahren fast ausschließlich in der Industrie und im Baugewerbe beschäftigt. Heute liegt auch in der Gastronomie und bei den gewerblichen Kleinbetrieben der Anteil der "Gastarbeiter" je nach Branche bei rund einem Drittel. Der Sektor "Gesundheits- Fürsorge- und Sozialwesen" mit den Pflege-, Seniorenheimen und den beiden Krankenhäusern bietet vielen Migranten Arbeitplätze im Reinigungs- und Pflegedienst.

Die ersten "Gastarbeiter" erhielten von den Arbeitgebern Unterkunft in Form von Wohnbaracken in der Nähe der Betriebe. Manche Betriebe boten auch Wohnmöglichkeiten an, indem sie Altbauwohnungen überwiegend im Substandard oder leer stehende Bauernhäuser anmieteten. Ab 1964 wanderten die Arbeitsemigranten allmählich in die Altstadt ein. Seit Beginn der 1980er-Jahre kam es zu einer sukzessiven Konsolidierung der "Gastarbeiter" in der Altstadt, als Migrantenfamilien in inzwischen leer stehende, meist kleine Altstadtwohnungen nachrückten. Außerhalb der Altstadt lassen sich heute Arbeitsmigranten im Zuge der Familienzusammenführung immer mehr in Häusern und Wohnungen im Südwesten der Stadt nieder. Im Osten der Stadt, wo die Lebensqualität wesentlich besser ist, haben sie hingegen kaum Zugang zu den dort errichteten Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen.

Aber nicht nur in den Grundbedürfnissen "Wohnen" und "Arbeiten" ergeben sich Probleme für die "Gastarbeiter". Für die meisten von ihnen, die aus unterentwickelten Räumen Anatoliens und des Balkans stammen, ist es schwer, sich mit der neuen Situation in einem westlichen Industrieland zu identifizieren. Im Sinne der Notwendigkeit eines zukünftigen Miteinanderlebens sollten Einheimische und "Gastarbeiter" trotz verschiedener kultureller Wurzeln versuchen, mehr aufeinander zuzugehen und mehr miteinander in Kontakt zu treten.

Während der Stiftsplatz Jahrhunderte lang der beschauliche Platz der Altstadt war, wird er zusammen mit der benachbarten Jesuitenkirche immer mehr für kulturelle Ereignisse genutzt und damit belebt. Der Obere Stadtplatz dagegen war immer schon das pulsierende Zentrum der Stadt und ist nach wie vor beliebter Kommunikationsort mit Flair für die Haller Bevölkerung. Trotzdem ist Hall keine Touristenstadt geworden. Der Wunsch, die Salztradition in Hall wieder aufleben zu lassen, Solebäder zu reaktivieren und Hall zu einer Kurstadt zu machen, ist bis jetzt nicht gelungen. Pläne zu einer Wiederaufnahme der Innschifffahrt in die alte Salinenstadt und zu einer Umgestaltung des alten Salinengeländes in einen Erlebnispark "Salzwelten" ruhen bislang in der Schublade. Vielleicht könnte mit der Wiederbelebung der Salztradition in irgendeiner Form zusammen mit dem Vorzeige-Kleinod Altstadt, der Kaufleuteinitiative mit dem Slogan „Einkaufsstadt Hall“ und der doch noch nicht endgültig "abgeschriebenen" Kunsthalle im ehemaligen Salzlager ein weiterer Wirtschaftsimpuls und damit eine zusätzliche Zukunftschance für Hall in den nächsten 700 Jahren eröffnet werden.

Literaturtipp: Ein Stadtrundgang zur aktuellen Thematik "Hall in Tirol - Altstadtsanierung und Revitalisierung" ist im Exkursionsführer Band 33/2 enthalten.

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