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Lateinamerika im Umbruch. Geistige Strömungen im Globalisierungsstress

»Ein Vorwort«

Innsbrucker Geographische Studien Band 32


"Lateinamerika - Krise ohne Ende?", so war eine Ringvorlesung an der Universität Innsbruck betitelt, die die Lage in diesem Kulturerdteil 500 Jahre nach dem Beginn der europäischen Penetration analysieren wollte. Jetzt, wenige Jahre später, lautet das Motto einer weiteren Ringvorlesung "Lateinamerika im Umbruch."

An und für sich sagen solche Formulierungen wenig aus, sie sind zu oft wiederholt worden, als dass sie noch Aufmerksamkeit für sich beanspruchen können. "Kontinent der Zukunft", "Kontinent in der Krise", - zwischen Zukunftsversprechen und gegenwartsbezogener Schwarzmalerei scheint die Formulierung "Kontinent im Umbruch" zu vermitteln, verheißt einen wie auch immer definierten Wandel, zum Besseren, zum Schlechteren? Wenn die Veranstalter der ersten Innsbrucker Lateinamerika-Ringvorlesung auch ein Fragezeichen angebracht hatten, die Referenten verwandelten es mit den Kernaussagen ihrer Beiträge - mit wenigen Ausnahmen - in ein Ausrufungszeichen. Was ist seither geschehen, dass die diesjährige Ringvorlesung, veranstaltet von den gleichen Institutionen wie 1993, nicht mehr eine Krise ohne Ende in Lateinamerika sehen, sondern einen Umbruch?

Der peruanische Philosoph Alberto Wagner de Reyna hat die Geschichte Lateinamerikas nach 1492 in vier Phasen gegliedert: die Kolonialzeit, das erste Jahrhundert der Unabhängigkeit, den Panamerikanismus und eine vierte Phase, für die der Philosoph noch keinen Namen fand. Niemals war Lateinamerika in einem politisch-geistigen Sinn in seiner 500jährigen Geschichte wirklich unabhängig. Für die Kolonialzeit versteht sich das von selbst, aber auch das 19. Jahrhundert, in dem der Traum Simon Bolívars von einem Großreich infolge der von den USA erfolgreich geförderten "Balkanisierung" des Subkontinents scheiterte, und erst recht die von Anfang an verlogene Bewegung des Panamerikanismus zeigen bei genauerer Analyse die Abhängigkeit Lateinamerikas von den Interessen der USA.

Bis hierher wird man dem Philosophen zustimmen. Hinsichtlich der Charakterisierung der vierten Epoche, die ihm zufolge nach Ende des 2. Weltkrieges begonnen hat und zur Bewußtwerdung der europäischen Wurzeln, zur Erkenntnis der Interessensharmonie und zu einer neuartigen Kooperation zwischen Europa und Lateinamerika führen wird - für diesen Schluß finden sich jedoch, wie es heute scheint, zu wenige oder gar keine Anhaltspunkte. Ein schlagender Beweis ist Österreich, das Land, dessen Dynastie knapp 200 Jahre koloniale Verantwortung für Lateinamerika getragen hat: Lateinamerikanistik ist hier keine Universitätsdisziplin, das Österreichische Lateinamerikainstitut, eine nichtstaatliche Einrichtung, darf sich nicht um Forschungsmittel bei den wesentlichen Forschungsförderungsinstitutionen bewerben, die Österreichische Akademie der Wissenschaften unterhält keine offiziellen Kontakte zu ihren Partnerakademien in Iberoamerika, obwohl viele der dortigen Universitäten älter sind als die österreichischen, mit Ausnahme Wiens.

Jedenfalls ist Wagner de Reynas These, dass die Erkenntnis der Schicksalsgemeinschaft Europa-Lateinamerika wirklich zur Emanzipation in Lateinamerika führen wird angesichts der vielfältigen Dimensionen der Abhängigkeit doch sehr zweifelhaft. Eine nachhaltige Emanzipation kann sich nicht nur auf die Staaten und ihre Machteliten beziehen, sie muss auch die anderen Sozialschichten, die unterschiedlichen Ethnien aller Hautfarben und beide Geschlechter umfassen.

Die Organisatoren der Ringvorlesung, zugleich die Herausgeber dieses Bandes, orten aber eine Konstellation im globalen, amerikanischen und schließlich im lateinamerikanischen Kontext, die tatsächlich zu umfassenderen Emanzipationsprozessen in Lateinamerika führen und möglicherweise einen "Umbruch" bewirken könnte. Merkwürdigerweise werden diese Prozesse durch eine eigentlich ganz diametrale Entwicklung hervorgerufen, die Globalisierung, die scheinbar die ganze Welt überschwemmt, nationale und regionale Wirtschaften ebenso vernichtet wie Kulturen bis zur Unkenntlichkeit standardisiert.

Die Autoren und Autorinnen dieses Bandes kommen aus den verschiedensten Disziplinen, der Ethnologie, Geographie, Geschichte, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Romanistik und Theologie. Sie finden daher sehr unterschiedliche Ansätze. Und dennoch, es scheint, als ob die meisten darin übereinstimmen, dass sich als Reflex auf den Globalisierungsstress Menschen - Frauen und Männer, Gruppen, Völker - in bislang ungekannter Weise artikulieren und organisieren. So gesehen ist die Formel vom Umbruch in Lateinamerika vielleicht doch keine Leerformel, vollzieht sich - und nun erstmals von der Basis her und im lokalen bzw. regionalen Maßstab - ein Prozess der Emanzipation.

Nicht alle Aspekte können in dieser Ringvorlesung behandelt werden. Dass es gelang, an zwei Universitätsstandorten - in Innsbruck und Wien - eine Veranstaltung zum selben Thema anzukündigen, stellte sich als großer Vorteil für den Band zur Vorlesung heraus. Er kann eine wesentlich größere thematische Vielfalt abdecken, weil nur einige der Redner an beiden Orten sprechen, so dass Innsbrucker Hörer/Leser auch in den Genuß von Wiener Beiträgen kommen, Wiener dagegen sich über die Innsbrucker Referate informieren können. Es ist bedauerlich, dass nicht alle Beiträge der Ringvorlesung im Begleitband wiedergegeben werden konnten. Die Organisatoren kennen die Terminzwänge von Wissenschaftlern aus eigener Anschauung und hatten daher Verständnis dafür, dass manche Kollegen sich außerstande sahen, ihren Beitrag so frühzeitig fertigzustellen, dass er noch rechtzeitig in Druck gehen konnte. Für die Entscheidung, dann eben mit weniger Artikeln in Druck zu gehen, war die Überlegung ausschlaggebend, dass der Band seinen größten Nutzen erzielt, wenn er noch rechtzeitig während der Ringvorlesung den Hörern zur Verfügung gestellt werden kann.

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