Home | Aktuell | Login

Risikoanalyse Oberes Suldental, Vinschgau

Konzepte und Methoden zur Erstellung eines Naturgefahrenhinweis-Informationssystems

»Kurzfassung«

Innsbrucker Geographische Studien Band 31


Problemstellung

In Gebirgsregionen gehören Massenverlagerungsprozesse, wie Lawinen, Murgänge oder Sturzprozesse, zum natürlichen Prozeßgeschehen. In Überschneidung mit der anthropogenen Raumnutzung stellen sie für vorhandene Schadenobjekte eine Gefahr dar.

Inhalt der Arbeit sind methodisch-konzeptionelle Untersuchungen zur Erstellung eines Gefahrenhinweis-Informationssystems für die Autonome Provinz Bozen-Südtirol. Als Grundlage für umfassende Risikountersuchungen in der Raumplanung enthält ein Gefahrenhinweis-Informationssystem eine Zusammenführung sämtlicher Raum- und Sachinformationen zur Gefährdungssituation betrachteter Gebiete. Über Verschneidungs- und Analysefunktionen werden auf mittlerer Maßstabsebene Überblicksinformationen dargestellt, auf deren Basis eine Entscheidungsfindung bezüglich einzuleitender Schutzmaßnahmen sowie eine Prioritätenreihung für eventuell zu erstellende vertiefende Gutachten und Maßnahmen ermöglicht wird.

Naturgefahrenprozesse werden bisher in Südtirol in der Regel ereignisorientiert im Rahmen von Einzelgutachten beurteilt. In den letzten Jahren setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, daß für eine nachhaltige Raumplanung flächendeckende Informationen über Naturgefahren zur Verfügung gestellt werden müssen. Einer zeit- und kostensparenden Methode, die gleichzeitig den Postulaten der sachlichen Richtigkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit genügt, kommt dabei große Bedeutung zu. Hierzu werden in einem ersten Schritt Gefahren-Hinweiskarten in einem regionalen Maßstab erstellt, deren primärer Zweck es ist, eine Abgrenzung der durch Naturgefahren betroffenen Konfliktbereiche mit der anthropogenen Raumnutzung zu ermöglichen.

Methodik
Einen geeigneten Rahmen für den prospektiven Umgang mit Naturgefahren bietet die Risikoanalyse. Die vier Arbeitsschritte der Risikoanalyse (Systemabgrenzung, Gefahrenbeurteilung, Schadenpotential- und Folgenanalyse) werden in der Arbeit für Murgänge, Sturzprozesse und Lawinen exemplarisch anhand des Untersuchungsgebiets 'Oberes Suldental' im Vinschgau vorgestellt. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt im Rahmen der Gefahrenbeurteilung auf der digitalen Umsetzung eines geeigneten Legendenkonzepts für die geomorphologische Kartierung sowie auf der Evaluierung von Prozeßmodellen. Dabei wird gezielt die Verwendbarkeit bereits vorhandener Datengrundlagen beurteilt.

Für das ausgewählte Testgebiet werden verfügbare Dokumente und Katasterinformationen ausgewertet. Eine anschließende Situationsanalyse, bestehend aus Luftbildinterpretation, Einbeziehung bereits vorhandener Kartierungen und Gutachten sowie einer geomorphologischen Kartierung, bereitet die digitale Bearbeitung des Gebiets vor.

Auf Grundlage der eigenen Vorerhebungen werden unter Verwendung digitaler Geländemodelle und weiterer topographischer und morphologischer Informationen Modellrechnungen für Murgänge, Sturzprozesse und Lawinen durchgeführt.

Die Modellierungsergebnisse werden mit den Resultaten der geomorphologischen Indikatoren verglichen und bewertet. Im Anschluß daran wird die Exposition des vorhandenen Schadenpotentials gegenüber der einzelnen Prozeßarten untersucht. Die möglichen Folgen des Schadeneintritts werden diskutiert.

Ergebnisse
Im Rahmen der Geländeanalyse wird eine geomorphologische Karte des Untersuchungsraums erstellt, das verwendete Konzept von KIENHOLZ & KRUMMENACHER (1995) erweist sich hierfür in mehrerer Hinsicht als geeignet. Zum einen führt es durch den systematischen Aufbau auch bei einer ungenügenden Datenausstattung zur räumlichen Situation zu befriedigenden Ergebnissen, zum anderen ist es aufgrund seiner 'Baukastenstruktur' sehr gut für eine digitale Umsetzung geeignet.

Murprozesse werden mit dem Programm FLOW-VEC (WICHMANN 2000) modelliert und die Ergebnisse anhand der Geländeanalyse überprüft. Entsprechend der mittleren Maßstabsebene stehen maximale Reichweiten und Ausdehnungen im besiedelten Raum im Vordergrund. Aufgrund nicht nachzuweisender Abhängigkeit der Modellparameter von der Geländesituation wird mit in der einschlägigen Literatur vorgeschlagenen einheitlichen Parameterwerten gerechnet. Für eine weitergehende flächendeckende Anwendung sind besonders hinsichtlich des Reibungswerts µ noch weitere Untersuchungen und Kalibrierungen notwendig. Die Aussagekraft der Resultate ist stark abhängig von der Qualität der verwendeten digitalen Geländemodelle.

Prozeßbereiche für Steinschlag und Felssturz werden mit dem Modell 'Sturzgeschwindigkeit' (MEISSL 1998) berechnet und ebenfalls anhand der Geländeanalyse überprüft. Für die Modellierung steht die maximale Reichweite von Sturzprozessen im Vordergrund. Bei Beachtung der vorgegebenen Rahmenbedingungen für die Anwendung des Modells 'Sturzgeschwindigkeit' können gute Ergebnisse mit dem einheitlichen Reibungskoeffizienten (0,575) erzielt werden. Für die flächendeckende Verwendung von gesteinsabhänigen Reibungskoeffizienten sind jedoch weitere Untersuchungen und Kalibrierungen notwendig.

Lawinenprozesse werden unter Anwendung des gekoppelten Simulationsmodells SAMOS (BRANDSTÄTTER et al. 1996; BRANDSTÄTTER & SAMPL 1996; SAMPL et al. 1999) analysiert und beurteilt. Die Anrißgebiete wurden in der GIS-Umgebung aus dem digitalen Geländemodell abgeleitet. Die Verwendung über das Untersuchungsgebiet gemittelter Werte für die benötigten Eingabeparameter führte zu realistischen Reichweiten. Das Simulationsmodell SAMOS liefert trotz der teilweise für das Modell zu geringen Qualität der Grundlagendaten sehr gute Ergebnisse.

Im Anschluß an die Gefahrenbeurteilung erfolgt eine Verschneidung der modellierten Prozeßbereiche mit dem vorhandenen Schadenpotential. Dieses wird entsprechend des Überblicksmaßstabs in Objektkategorien zusammengefaßt, um in der Gefahren-Hinweiskarte Konfliktbereiche auszuscheiden. Um nachvollziehbare und vergleichbare Ergebnisse mittels Schadenpotential- bzw. Folgenanalyse zu erhalten, sollten hierfür Objektkategorien und Schutzziele auf einer einheitlichen Basis von übergeordneten Verwaltungsbehörden vorgegeben werden.

Es zeigt sich, daß das Konzept einer Risikoanalyse für Naturgefahrenprozesse im regionalen Maßstab grundsätzlich durchführbar ist und zu aussagekräftigen Ergebnissen führt. Aufgrund der vielen fehlenden digitalen sowie analogen Datengrundlagen und der oft ungenügenden Qualität der vorhandenen Informationen ist das Endergebnis dieser Arbeit nicht im vollem Umfang zufriedenstellend. Bevor das Konzept einer weiteren flächendeckenden Umsetzung zugeführt wird, ist eine Verbesserung der Datensituation anzustreben.

Hinsichtlich der rechtlichen Situation wäre eine Neuregelung bei der Berücksichtigung von Naturgefahren in der Raumplanung anzustreben, da die derzeitig Rechtslage von Einzelgutachten ausgeht. Hier sind vor allem politisch Verantwortliche gefordert, in Zusammenarbeit mit Juristen die nötigen Gesetzesgrundlagen zu schaffen.

Sie befinden sich im Verzeichnis / geographie / shop / igs