Guatemalas verbotene Ressourcen

Eine handlungstheoretische Untersuchung

»Kurzfassung«

Innsbrucker Geographische Studien Band 29


In dieser Arbeit wurde von vier Thesen ausgegangen, die sich auf Entstehung und Besonderheiten der wirtschaftlichen und sozialen Situation Guatemalas und die Frage der wissenschaftlich angemessenen Auseinandersetzung mit diesen bezogen. Da die Konstitution von Gesellschaft und die Ausprägung von Wirtschaftssystemen im Kern nicht voneinander zu trennen sind, wird wirtschaftsgeographische Forschung interdisziplinär vorgehen müssen. Die Entwicklung eines handlungstheoretischen Ansatzes und die modellartige Darstellung der Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher Struktur, individuellem Handeln und räumlich-materiellem Umfeld legte dann die methodologische Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit den Phänomenen der sozialen und wirtschaftlichen Realität dieses Landes.

Zunächst stand die Analyse der strukturellen Bedingungen wirtschaftlichen Handelns im Zentrum der Betrachtung. Es wurde deutlich, daß das Handeln einer Gruppe gesellschaftlich mächtiger Akteure zu Resultaten führt, die den Großteil der übrigen Bevölkerung des Landes in ihrem individuellem Handlungsrahmen stark beeinflußt. Für die Bereiche der Finanzwirtschaft und der organisierten Kriminalität, die für das Wirtschaftssystem von zentraler Bedeutung sind, wurde dies exemplarisch mit empirischen Daten belegt.

Daran schloß sich die Darstellung verschiedener individueller Strategien des wirtschaftlichen Handelns an. Diese zeigte, daß neben den strukturellen Handlungsregeln auch die subjektiven Bedeutungszuweisungen und der individuelle Erfahrungsschatz von Personen ihr Handeln und die Gestaltung ihres wirtschaftlichen Umfeldes entscheidend prägen. Daher beruht eine Regionalisierung des wirtschaftlichen Handelns auf dem guatemaltekischen Territorium auf strukturellen, individuellen und materiellen Faktoren. Die materiellen Spuren bereits erfolgter Handlungen, die Präsenz einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe von Akteuren und Aspekte der naturräumlichen Ausstattung eines Gebietes treffen so zusammen, daß jeweils typische Handlungsabläufe an bestimmten Orten verwirklicht werden, die für diese Region dann als charakteristisch gelten können.

Aus theoretischer Sicht wurde dann eine Begrifflichkeit vorgeschlagen, die der unterschiedlichen zeiträumlichen Ausdehnung wirtschaftlicher Handlungen Rechnung trägt. Mit den Konzepten des "Action Settings", des "Aktionsraumes" und der "Region" kann die Wirtschaftsgeographie als handlungsorientierte Regionalwissenschaft verstanden werden. Da Regionen in die Dualität lokaler und globaler wirtschaftlicher Zusammenhänge eingebettet sind, wurden diese Konzeptionen zusätzlich durch eine theoriegeleitete Darstellung des sich globalisierenden Wirtschaftssystems ergänzt. In bezug auf das Wissenschaftsverständnis wurde es als Teil des handlungstheoretischen Ansatzes verstanden, strukturelle Handlungszwänge zu benennen und aufgrund der differenzierten Analyse Lösungsvorschläge zu entwickeln.

Dieses Engagement führte zu grundsätzlichen Überlegungen, welche die Bereiche zukunftsorientierten Handelns im lokalen, regionalen und globalen Maßstab und welche die dabei beteiligten Akteure sein werden, womit die vorliegende Untersuchung schließt. So wurden sowohl die Ausgangsthesen differenziert begründet und erhärtet, als auch die wissenschaftliche Analyse mit Horizonten für gesellschaftliches Handeln in internationalen Zusammenhängen verbunden.

Die Ergebnisse dieser Arbeit laden in vielerlei Hinsicht zu Widerspruch ein, da sie als unbequem empfunden werden können. Die gezeigten Ausschnitte alltäglichen Handelns fügen sich weder zu einem positiven oder harmonischen Bild "Guatemalas", noch ist die Analyse struktureller Hintergründe von der Überzeugung getragen, daß die augenblickliche Form des globalen Wirtschaftens dazu führen wird, Ungleichheit und Gewalt zu verringern. Darüber hinaus sind auch die gezeigten Ansätze für zukünftiges Handeln weder Allheilmittel noch leicht zu verwirklichen. Und letztlich ist jede wissenschaftliche Analyse, als Versuch der Darstellung von Wirklichkeit, notwendigerweise begrenzt.

Ausgezeichnet mit dem "Hans Bobek-Preis" 1998 der Österreichischen Geographischen Gesellschaft