Herkunft

geboren 1948 in Volmerdingsen/Bad Oeynhausen, Ostwestfalen.

 

Studium und Laufbahn


1968-1970 Universität Göttingen [Geographie, Germanistik, Geologie]

1971-1972 Universität Valdivia, Chile [Geographie, Geologie]

1972-1974 Universität Tübingen [Geographie, Geologie, Vor- und Frühgeschichte]

1974 Staatsexamen

1976 Dissertation [Universität Tübingen]

1985 Habilitation [Universität Tübingen]

1991-2014 Lehrstuhl für Geographie [Universität Innsbruck], Emeritierung zum 30.9.2014

1999-2006 zusätzlich Direktor Institut für Stadt- und Regionalforschung (ISR) [Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien]

2006-2016 zusätzlich Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung (IGF) [Österreichische Akademie der Wissenschaften, Innsbruck]


Forschungsaufenthalte

Gastprofessuren und -dozenturen in Eugene/Oregon, Bangkok, Tamaulipas/Mexiko, Bern, Santiago de Chile, Valdivia/Chile

Forschungs- und Studienaufenthalte in Chile, Argentinien, Brasilien, Paraguay, Peru, Bolivien, Ekuador, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Surinam, Frz. Guayana, Panama, Costa Rica,Honduras, Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Belize, Mexiko, Kuba, Dominikanische Republik, Guadeloupe, Kanada, Grönland, Antarktis

 

Festschriften

Stötter, J. & M. Coy (Hg.) 2016: Die Welt verstehen - eine geographische Herausforderung. Eine Festschrift der Geographie Innsbruck für Axel Borsdorf. Innsbrucker Geographische Studien 40. Innsbruck. ISBN: 978-3-901182-43-3

Sánchez, R., R. Hidalgo & F. Arenas (eds.) 2017: Re-conociendo las geografías de América Latina y el  Caribe. Homenaje al Dr. Axel Borsdorf. GEOlibros 24. Santiago de Chile. ISBN: 978-956-14-2051-9

Eine persönliche Zwischenbilanz


Ein Wort zuvor

„Überall lernt man nur von dem, den man liebt“ – dieser Ausspruch Goethes ist uns von Eckermann überliefert. Ohne dem deutschen Universalgelehrten zu widersprechen, möchte ich für mich den bestimmten Artikel in einen unbestimmten wandeln: „was man liebt“. Damit sind Personen und Gegenstände eingeschlossen. Von den Personen spreche ich gleich, mit dem Gegenstand ist für mich die Geographie gemeint.

Meine Lehrmeister im Fach Geographie waren in Göttingen Hans-Jürgen Nitz, Karsten Gar­leff und Fred Scholz. Die Faszination für den Siedlungsraum verdanke ich den fesselnden Vorlesungen von Nitz, den Blick für Geländeformen und die Gabe, genau zu beobachten, Garleff, das Streben nach neuen Erkenntnissen Scholz. Er war es, der indirekt die Ursache meines Wechsels nach Tübingen war. Eigentlich hatte er mir Dietrich Bartels in Karlsruhe empfohlen, doch war ich, da ich einen guten Freund in Tübingen hatte, auf der Durchreise dort gelandet und – mehr aus Zufall – auf Herbert Wilhelmy gestoßen. Ein einstündiges Gespräch mit meinem späteren Mentor und Freund öffnete mir nicht nur „eine“, sondern auch „die“ Neue Welt, neu in diesem Fall groß geschrieben. Nach einer Stunde hatte ich einen Platz in seinem Oberseminar mit einem Thema über Chile und die Zusage, ein Stipendium dorthin zu vermitteln. Wilhelmy hielt Wort, und schon ein halbes Jahr später studierte ich gemeinsam mit meinem Freund Helmut Meyer an der Universidad Austral de Chile, wo ich nicht nur auf eine von deutschen Geographen (Schmithüsen, Lauer, Weischet) begründete chilenische Forschungstradition, sondern auch auf meine große Liebe, nun zu einer Person, meine heutige Frau Marianne stieß. Überall lernt man nur von dem, den man liebt…

Nach der Rückkehr begann eine Metamorphose, die mich zum begeisterten Tübinger machte. Das offene geistige Klima der „großen kleinen Stadt“ (Walter Jens) regte zu manchem intellektuellen Fremdgehen an. So hörte ich den Rhetoriker Walter Jens, den Politologen Eschenburg, die Theologen Küng und Jüngel und ließ mich vom Vorgeschichtler Kimmig so beeindrucken, dass ich dieses Fach sogar bis zum Vordiplom führte. Die Geologie „verfolgte“ mich bis ins Rigorosum, und ich bin bis heute dankbar für die grundsolide Ausbildung, die ich bei Westphal, Schönenberg und Seilacher genossen habe.

In der Geographie vermittelten mir nicht nur die lebhaften Vorlesungen Wilhelmys, auch die methodisch hervorragend strukturierten Lehrveranstaltungen von Adolf Karger und die theoretisch reflektierten Kurse von Hermann Grees Begeisterung (Wilhelmy), die Fähigkeit, strukturiert zu denken (Karger), und das Interesse an theoretischen Fragestellungen (Grees). Bald bildete sich ein Kreis aus Wilhelmy-Schülern, die das Gelernte weiter diskutierten. Uwe Rostock, später Professor am Esslinger Seminar für Studienreferendare, Klaus Frantzok, Josef Koch und Wilfried Korby, allesamt später Studiendirektoren, gehörten dazu. Dieser Kreis, die „Wilhelmysten“, trifft sich heute noch vier bis sechs Mal im Jahr, und bis zu seinem Tode gehörte auch unser verehrter Lehrer dazu. Es freut uns, dass Renate Wilhelmy es sich trotz hohen Alters nicht nehmen lässt, immer noch zu uns zu stoßen. Manchmal kommt auch Wolfgang Brücher dazu.

Herbert Wilhelmy gab mir auch den Anstoß, in den Ferien als Reiseleiter tätig zu werden. Mit den „Freunden weltweiter Studienreisen“ bereiste ich alle Länder Lateinamerikas und die Großen Antillen, nach Kanada und in die Arktis und Antarktis. Spätere Reisen, Gastprofessuren und Einladungen führten mich auch in die Golfstaaten Bahrain, Kuweit und Katar, nach Thailand, Taiwan und in viele Bundesstaaten der USA. Ich verdanke diesem Umstand eine geographisch recht breite Palette an Eindrücken, Erfahrungen und Erkenntnissen, von denen meine Arbeiten zehren konnten.  


Forschungen

Stadt- und Siedlungsgeographie

Eine herbe Enttäuschung – ich musste in Chile entdecken, dass mein ursprüngliches Thema bereits von Wilfried Golte, Bonn, bearbeitet wurde – führte mich zu meinem ersten Forschungsgegenstand, zur Stadtgeographie. Dieses Erkenntnisobjekt hat mich bis heute nicht losgelassen, und ich habe mit meinen Arbeiten zur lateinamerikanischen Stadt nicht nur analytisch gearbeitet, sondern auch modellbezogen typologisch. Lange Jahre bildete ein Vergleich der Stadtmodelle von Bähr/Mertins, Gormsen und mir ein Standardthema des Geographieunterrichts an deutschen Schulen, und es ist beglückend für mich, dass schließlich in einer gemeinsamen Arbeit von Jürgen Bähr und mir sowie unter Einbezug der jungen Generation (Michael Janoschka) eine Synthese entstehen konnte.

In Chile hatte ich das Glück, einen kongenialen Partner in Rodrigo Hidalgo von der Katholischen Universität in Santiago kennenzulernen. Gemeinsam mit ihm und seinen Schülern (Rafael Sánchez und Carla Marchant promovierten bei mir undsind heute Professoren an chilenischen Universitäten) konnte ich zahlreiche Projekte zur sozialräumlichen Segregation, Gentrifizierung, zum funktionalen Wandel und zur Amenity Migration durchführen. Mit anderen Freunden, darunter Hugo Romero, Andrés Moreira, Federico Arenas, Adriano Rovira, Jorge Ortiz und Hugo Zunino stehe ich im ständigen Gedankenaustausch. 

Eine unvergessene Tagung in Guadalajara, von Luis Felipe Cabrales, gut vorbereitet, öffnete ein neues Forschungsfeld zu den geschlossenen Stadtvierteln in lateinamerikanischen Städten. Meine Schüler untersuchten diese in Mexiko und Quito, ich selbst fand in Santiago kongeniale Partner. Es entstanden Studien zur sozialräumlichen Segregation, zur Privatisierung öffentlichen Raums und zur Globalisierung in Santiago und anderen lateinamerikanischen Städten. Michael Janoschka, heute Professor in Madrid, arbeitete mit mir am Wiener Akademieinstitut für Stadt- und Regionalforschung. Auch mit ihm verbindet mich eine gute Freundschaft. Die gute Zusammenarbeit mit einem meiner besten Schüler, Andreas Haller, führte zu gemeinsamen Arbeiten über peruanische und kolumbianische Mittelstädte.   

1999 wurde mir die Leitung des Instituts für Stadt- und Regonalforschung (ISR) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften übertragen, das ich sieben Jahre leiten durfte. Auf der Homepage dieses Instituts heißt es heute: 

„Nach einer  Zwischenetappe von Manfred M. Fischer wurde 1999 Axel Borsdorf zum geschäftsführenden Direktor bestellt. Ihm gelang es, der neuen Positionierung Österreichs in einem größeren Europa entsprechend, die Funktion des ISR als internationale Forschungsplattform für innovative Projektideen zu definieren.“ 

Über EU-Projekte, die ich in dieser Zeit leitete oder an ihnen mitarbeitete, hatte ich das Glück, auch europäische Städte und ihre „outskirts“ intensiv kennen zu lernen, so dass ich auch dazu eine ganze Reihe von Arbeiten zu postsuburbanen Phänomenen, zur Wettbewerbsfähigkeit und zur sozialen Kohäsion vorlegen konnte. Einladungen zur Mitarbeit an den Stadtentwicklungskonzepten und spezifischen Planungen verschiedener europäischer Städte (Wien, Nikosia, Tübingen, Innsbruck) sowie die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Stadtrat und jetzigem Geschäftsführer von communalp, Walter Peer, zeigten mir, dass meine Erkenntnisse auch für die Praxis nützlich sein konnten. Dieses Themenfeld brachte mich in Kontakt zu zahlreichen Menschen, mit denen mich freundschaftliche Bande verbinden und mit denen ich z.T. auch gemeinsam publizieren konnte, darunter Genevieve Dubois-Taine, Pierre Zembri (beide Paris), Pierre Frankhauser (Besançon), Willem Salet (Amsterdam), Georg Kluczka (Berlin), Gabriel Wackermann (Straßburg), Severino Escolano (Zaragoza), José Luis Luzón (Barcelona) und viele andere.

Diese Erfahrungen zeigten mir aber auch, dass es falsch ist, isoliert „Stadt-“geographie zu betreiben. Städtischer und ländlicher Raum – früher eine Dichothomie, später ein Kontinuum – bilden heute einen Verbund, der untrennbar verflochten ist. Die Suburbanisierung und in Europa die darauf folgende Post-Suburbanisierung (in anderen Erdräumen auch Ex- und Counterurbanisierung) haben städtische Lebensformen in den ländlichen Raum getragen. Diese Erkenntnis führte mich zur Siedlungsgeographie zurück. Ein erster Lehrtext erschien mit Klaus Zehner, ein eigenes Lehrbuch wurde mit Oliver Bender publiziert.

 

Regionalgeographie

Natürlich waren Chile und in der Folge ganz Lateinamerika zu Beginn meiner Tätigkeit die bevorzugten Forschungsräume. Zu Chile verfasste ich mehrere regionalgeographische Arbeiten, mit Herbert Wilhelmy entstand ein zweibändiges Werk über die Städte Südamerikas. Die vielfältigen Erfahrungen in Mexiko, wo ich als Gastdozent wirken durfte, führten zwar zu keinen Spezialpublikationen, mündeten aber mit den Erfahrungen aus einem Forschungsprojekt, das mein Freund Christoph Stadel aus Salzburg leitete (wir waren gemeinsam in Kolumbien, Peru, Ecuador und Chile), in ein e-learning Paket, das sich, wie mir zahlreiche Zuschriften zeigen, an Schulen und Hochschulen großer Nachfrage erfreut. Das schöne Buch zum Naturraum Lateinamerika, das ich mit dem befreundeten Zoologen Walter Hödl herausgeben konnte, ist eine Folge dieser regionalgeographischen Interessen zu Lateinamerika, ein weiteres das mit Christoph Stadel verfasste und bei Springer-Spektrum erschienene Buch „Die Anden. Ein geographisches Porträt“.

Es ist die solide Kenntnis der Naturgeographie, die mir Herbert Wilhelmy in seinen Vorlesungen und später auch auf gemeinsamen Reisen nach Kuba, Chile, Paraguay, Argentinien und Brasilien vermitteln konnte, von denen ich in diesen Arbeiten zehrte. Sie bilden auch das Gerüst meines Essays über die Südstaaten Nordamerikas, zu dem mich der Amerikanist Waldemar Zarachasiewicz  auf einer gemeinsamen Reise durch den „alten Süden“ angestiftet hat. Diese Reise bildete eine willkommene Ergänzung zu den Erfahrungen, die ich während meiner Gastprofessur in Eugen/Oregon gemacht hatte.

Die Regionale Geographie war nach dem Kieler Geographentag, also schon zu Beginn meines Studiums, zunehmend in Verruf geraten. Ich betrachte es als glücklichen Umstand, dass ich in Tübingen und später in Innsbruck mit Hans Stötter und Martin Coy in einem intellektuellen Klima wirken konnte, in dem dieser Fehlentwicklung unseres Faches kein Raum gegeben wurde. Die fast fünfzehnjährige Bekanntschaft mit Hartmut Leser, übrigens ebenfalls ein Wilhelmy-Schüler, bekräftigte mich in dieser Haltung. Auf zahlreichen Exkursionen, die zum Teil auch publiziert wurden, konnte ich die integrative und vernetzte – weil regionale – Blickweise der Geographie vielen jungen Studierenden vermitteln. Immer wieder habe ich die beglückende Erfahrung machen können, dass ich als Geograph gerade wegen dieses integrativen Ansatzes von Kollegen aus Nachbardisziplinen, mit denen ich in internationalen Projekten, in Kommissionen und Verbänden und auf Tagungen zusammentraf, sehr geschätzt wurde.

Die Mitarbeit zunächst in der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung und im Internationalen Rat für sozialwissenschaftliche Lateinamerikaforschung, später im Österreichischen Lateinamerikainstitut (LAI), als dessen Vizepräsidenten einige Jahre fungierte, in der Arbeitsgemeinschaft Österreichische Lateinamerikaforschung und mehrere Jahre als Vorsitzender des Beirats für den Universitätslehrgang Höhere Lateinamerikastudien an der Universität Wien verstärkten diese internationale Ebene der Erkenntnissuche. Dankbar bin ich für die Freundschaft mit  Stefanie Reinberg, Elke Mader und Wolfgang Dietrich und vielen anderen österreichischen Lateinamerikanisten. Ein ganz besonderer Gewinn aber ist die väterliche Freundschaft, mit der mich der Kulturanthropologe und Nestor der deutschen Lateinamerikaforschung Hans-Albert Steger beschenkte. Eine große Bereicherung stellte schließlich die Freundschaft zum Ehepaar Altrektor Wolfram Krömer und seiner lieben Frau Gertrut  von der Tiroler Sektion des Lateinamerikainstituts. In ihrem gastfreien Haus lernte ich viele interessante Kollegen aus Innsbruck und dem deutschsprachigen Raum kennen.

 

Religionsgeographie

Jugendliche Erfahrungen hatten mich der evangelischen Kirche entfremdet. Geblieben war, vermittelt durch meine Eltern, ein großes Interesse nicht nur an der sakralen Baukunst, sondern auch an den vielfältigen Ausdrucksformen von Religiosität und Spiritualität. Weitere Impulse vermittelten mir Manfred Büttner, Gisbert Rinschede und Reinhard Henkel, die mich zu den Sitzungen der Arbeitskreise Geographie der Geisteshaltung und Religionsgeographie einluden. Es entstanden meine Arbeiten zu weltanschaulichen Gemeinschaftssiedlungen, zu Herrnhutern und Anthroposophen sowie ein Entwurf zur spezifisch lateinamerikanischen Spiritualität, den ich sogar vor der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vortragen durfte. Ich konnte auch zwei Artikel zu einem mehrbändigen Lexikon der Religionsforschung beitragen, das nun auch in Englisch erschienen ist.

 

Gebirgsforschung

Überall lernt man nur von dem, was man liebt…. Schon auf meine Dissertation hatte mir Elisabeth Lichtenberger, die große österreichische Hermeneutikerin, einen langen Brief geschrieben. Nach meiner Berufung nach Österreich sorgte sie für meine Berufung in die Österreichische Akademie der Wissenschaften (zunächst 1994 als korrespondierendes, 1995 schon als wirkliches Mitglied – über Jahre blieb ich dann das jüngste wirkliche Mitglied!). In meiner Zeit am ISR erschienen u.a. meine Arbeiten zum österreichischen Alpenraum, die mich wiederum in hochrangige Gremien der Alpenforschung katapultierten. Schon von Tübingen aus – die Universität Tübingen unterhielt im Allgäuer Oberjoch ein Studienzentrum – hatte mich das europäische Hochgebirge so in den Bann gezogen, dass meine Frau meinte, ich könne ohne Berge nicht leben. Die Vergleiche zu meinen Untersuchungsräumen in den Anden öffneten mir eine erweitere Perspektive. In Wien entstand ein Atlas des österreichischen Alpenraums, in dem auch das nichtalpine Österreich einbezogen wurde, und wir entwickelten ein nutzergesteuertes, interaktives Alpeninformationssystem (GALPIS-Web), das für Jahre, wie die zahlreichen und zeitlich langen Besuche auf unserer Homepage zeigen, führend sein sollte. Meine Tätigkeit im MAB-Nationalkomitee und in der Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien eröffnete die Forschungsfelder im Bereich der Gebirgsschutzgebiete. Die Freundschaft mit dem Botaniker Georg Grabherr schließlich ermöglichte 2006 die Einrichtung eines Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung (IGF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Standort Innsbruck, die ich seither führe.

Auf diesem spannenden Forschungsfeld tausche ich mich nun mit zahlreichen Kollegen aus allen Alpenländern aus, darunter Ulrike Tappeiner, Thomas Scheurer, Horst Hagedorn, Bruno und Paul Messerli, Martin Boesch, Bernard Debarbieux, Thomas Scheurer und vielen anderen. Zu den Kollegen in Bern und Grenoble hat sich ein sehr herzliches Verhältnis entwickelt. Ich wurde das Editorial Board der Revue de Géographie Alpine berufen. Beglückend war auch, dass die von mir begründete Zeitschrift eco.mont – Journal for Protected Mountain Areas Research and Management in den Science Citation Index Expanded aufgenommen wurde, und zwar von der ersten Ausgabe an.

Schutzgebietsforschung in Österreich, Chile und Kolumbien wurde daher ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeiten¸ die z.T. auch auf Exkursionen und Geländepraktika mit Innsbrucker Studierenden vertieft wurden. Sie brachten mir die Freundschaft mit Luis Alfonso Ortega und Alvaro Gómez in Popayán und Andrés Moreira in Santiago de Chile. Mit Andrés, einem Schüler von Michael Richter¸ und seiner Familie in Limache verbindet mich auch die Begeisterung für die Waldorf Pädagogik. Mit ihm entstand eine Monographie über die chilenischen und mit den chilenischen Freunden sowie Carla Marchant und Martin Mergili mehrere Artikel zu kolumbianischen Parks. Ein Buch über die Reservas de la Biosfera de Colombia ist in Arbeit. Es war beglückend für mich, dass mein Sohn, der Politologe Falk Borsdorf, mein Interesse für Schutzgebiete teilt und diese in Österreich, Deutschland und Kolumbien ebenfalls bearbeitet hat. 

Die Schutzgebietsforschungen wurden durch meine Mitarbeit im MAB-Nationalkomitee bereichert, das von Georg Grabherr und Günter Köck geleitet wurde.  Beide sind enge Freunde geworden.

Die Zusammenarbeit in der von Thomas Scheurer geleiteten Internationalen Wissenschaftlichen Komitee Alpenforschung (ISCAR) und dessen Arbeitsgruppe Schutzgebiete (ISCAR-P), die ich leite, brachte nicht nur viele neue Kontakte, Einsichten und Erfahrungen, sondern auch die Möglichkeit, mich in die Vorbereitung der Tagungen Forum Alpinum, AlpWeek und den Symposia Protected Areas einzubringen. Drei weitere internationale Großtagungen, die ich mitorganisiert habe, sollen genannt werden: Managing Alpine Future I und II und Sustainable Development in Mountain Regions, jeweils mit 400 Teilnehmern aus 40 Ländern. Auch daraus entstanden Freundschaften¸ natürlich mit den Mitveranstaltern Hans Stötter, Eric Veulliet und Robert Jandl, aber auch mit einzelnen Teilnehmern, darunter vor allem Thomas Schaaf und Prakash Tiwari.

2011 gelang mit Hilfe des Wissenschaftsministeriums die Einrichtung der Schweizerisch-Österreichischen Gebirgsforschungsallianz. Partner sind in der Schweiz das MRI mit meinen Freunden Rolf Weingartner und Greg Greenwood und die Kommission Alpenforschung der Schweizer Akademie für Naturwissenschaften (ICAS) mit meinem Freund Thomas Scheurer. In der Schweiz administriert diese Allianz Astrid Björnsen-Gurung, in Österreich meine geschätzte Mitarbeiterin Valerie Braun. Ohne die ständige freundschaftliche Unterstützung von Ministerialrat Christian Smoliner wäre die Allianz nicht zustande gekommen.

Mein Fokus liegt nicht nur auf den Alpen, sondern auch auf den Anden, und es ist für mich beglückend, dass ich viele gute Freunde gewinnen konnte, die in den Hochgebirgen der Neuen Welt forschen, etwa den schon genannten chilenischen Freunden, Hildegardo Córdova in Peru, Juan Hidalgo und Azuzena Vicuña in Ecuador, Cesar Caviedes in Gainesville/Florida oder Bill Preston in San Luis Obispo. Beglückend für mich war es, dass ich gute Freundschaften zu Bruno Messerli in Bern, Larry Hamilton, USA, Jack Ives und Laurence Moss, beide in Kanada, aufbauen konnte. Viele Besuche am IGF, darunter Fred Zimmermann, Hans Gundermann, Carlos Reboratti, Federico Arenas und andere, zeugen von den vielen internationalen Kontakten.   

In Österreich verbindet mich eine bereichernde Freundschaft mit Christoph Stadel, dem neben Hans Kinzl vielleicht prominentesten österreichischen Andenforscher. Ihm habe ich eine Festschrift zum 75. Geburtstag gewidmet, an der viele prominente Gebirgsforscher mitgearbeitet haben.  

 

Methodik und Didaktik

Der „Wilhelmystenkreis“ besteht vor allem aus Schulgeographen, den Studiendirektoren Wilfried Korby, Josef Koch, Klaus Frantzok sowie Prof. Uwe Rostock. Sie motivierten mich zu einigen Lehr- und Materialienbänden für Lehrer und Schüler, zur Mitarbeit an einem Schulbuch und indirekt auch zu Veröffentlichungen in fachdidaktischen Zeitschriften, wie Praxis Geographie und GW-Unterricht. Irgendwann wollte ich auch einmal wissen, ob mein Studienabschluss (Lehramtsprüfung) mich auch an der Schule befriedigt hätte. Ich übernahm eine Geographie-Epoche an der Innsbrucker Waldorfschule – und siehe da: Es hat mir und hoffentlich auch den Schülern Spaß gemacht. Ich habe sehr von den 15 Tagungen der Fachdidaktiker am Haimingerberg profitiert (in permanenter intellektueller Diskussion mit Christian Vielhaber) und ich hoffe, dass ich etwas davon an meine Studierenden weitergeben konnte. Die Zeitschrift GW-Unterricht wird inzwischen am IGF redaktionell betreut.

Gerade im Schulunterricht ist eine gute Fachmethodik das „Um und Auf“, wie man in Österreich sagt. Von Adolf Karger gründlich in die Methodik eingearbeitet, habe ich einerseits versucht, meinen Schülern die Fähigkeit zur Strukturierung geographischer Sachverhalte weiterzugeben und dies auch in verschiedenen methodisch ausgerichteten Einführungsbüchern festgehalten. Darüber hinaus war es mir aber ein Anliegen, die Methoden auch selbst weiter zu entwickeln. Natürlich bildeten Reflexionen zur Exkursionsmethodik eine gute Möglichkeit, den integrativen Ansatz der Geographie weiter zu führen. Die Herausforderung, regionalgeographische Methoden neu zu fassen, und dies in einer Zeit, in der die Regionalgeographie scheinbar dazu verurteilt war, in Nachbarfächern neu entdeckt, in der Geographie selbst aber unterzugehen, nahm ich gern an. Ich entwickelte daraus einerseits neue Strukturationsmethoden, wobei der Ansatz des „Mindmapping“ zugrunde gelegt wurde, andererseits aber neue Analyse-, Monitoring- und Indikationsmethoden, die schließlich in das schon erwähnte Geographische Alpeninformationssystem einflossen. Ich freue mich, dass ich diese Erfahrungen in ein weiteres, nun interdisziplinär angelegtes Projekt einbringen konnte, in dem 2008 ein neuer Alpenatlas publiziert wurde.

Seit meinem ersten Computerkauf während meiner Gastprofessur in Oregon, 1984, bin ich mit den Möglichkeiten der digitalen Kommunikation vertraut. In dem von mir geleiteten EU-Projekt mountain.TRIP haben wir ganz neue Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt und weiterentwickelt, die auf web 2.0 Technik aufgebaut wurden. Dies wird in einem weiteren EU-Projekt WIKIAlps fortgeführt, indem u.a. ein Alpen-Wiki entsteht. Dabei fließen meine Erfahrungen als „Mann der ersten Stunde“ der Wikipedia ein.  

Im zunehmenden Alter ist meine Skepsis gegenüber der auch in der Geographie weitverbreiteten Suche nach „grand theory“ gewachsen. Mich sprechen mehr die Denker der „Postmoderne“ an. Ich sehe darin die Chance, überholte Ideologien und Gruppenzwänge zu überwinden und zu eigener ungebundener Kreativität zu finden, die dem Individuum und eben auch dem Wissenschafter eine neue, aber eigentlich seit Alexander von Humboldt, dessen Portrait mein Dienstzimmer ziert, alte Qualität der Freiheit verleiht. Dies ist ein Grund, warum ich mich der Handlungstheorie gegenüber so skeptisch gezeigt habe. So faszinierend die Betonung der Handelnden ist, so groß ist aber die Gefahr, die von den Handlungen Betroffenen und Leidtragenden zu vergessen.

Mit dem Manchesterkapitalismus, der Vergötterung der Ellbogenfreiheit und ähnlichen Auswüchsen protestantischer Arbeitsethik hatte ich – trotz meiner jugendlichen Prägung – schon als Heranwachsender wenig „am Hut“, meine Erfahrungen als Schüler in der Jugendbewegung, als Student in der Turnerschaft Salia Jenensis zu Göttingen und später in den Instituten, in denen ich tätig war und bin, lassen mich, freilich in nicht-sozialistischer Manier, auf die Gemeinschaft – andere würden sagen: auf das Kollektiv – vertrauen. In allen Projekten, die ich leiten durfte, hat sich gezeigt, dass solidarischer Team- und Korpsgeist und korporatives, gemeinschaftliches Streben bessere Erfolge bringen als das Vertrauen auf Akteure, die man früher einmal „Führer“ nannte. Bottom-up gilt mir mehr als jedes top-down. So lehre ich zwar die Theorie und leite durchaus zu theoriegeleitetem Denken an. Denken beinhaltet aber für mich immer auch Kritik und Skepsis – und selbst bin ich dabei zum – wie ich meine, durchaus konstruktiven – theoriekritischen Skeptiker geworden.

 

Institutionelle Aktivitäten

Dies ist der Grund dafür, dass ich mich gern für Korporationen eingesetzt habe und Verantwortung darin übernommen habe. Dies gilt für das Fach und seine Organisationen, für die Fakultät, für die Institutionen in meinen Forschungsfeldern und nicht zuletzt in Her­ausgeberschaften und Editorial Boards. Gern war ich Präsident der Österreichischen Geographischen Gesellschaft und bin stolz darauf, die Gesellschaft in ihr 150jähriges Jubiläum geführt zu haben. Die Innsbrucker Geographische Gesellschaft, deren Vorsitzender ich über mehrere Jahre sein durfte, ernannte mich 2014 zum Ehrenvorsitzenden. Ebenso froh bin ich darüber, dass ich mich als Mitherausgeber des ältesten Fachjournals der Geographie, DIE ERDE, aber auch in zahlreichen anderen Periodika (Norte Grande, Revue de Géographie Alpine, EURE, Historische Sozialforschung/Internationale Entwicklung, Peripherie u.a.) einbringen konnte und teilweise noch kann. In der Akademie arbeitete ich in zahlreichen Gremien mit, und meine Stimme ist in mehreren wissenschaftlichen Beiräten mitunter sehr gefragt. Pflichtbewusstsein und Treue sind heute Tugenden, die – vor allem auch in der Postmoderne – wenig zählen. In dieser Beziehung bin ich sehr konservativ und eigentlich eher prämodern.

Vielleicht war es diese Haltung, mit der es das IGF geschafft hat, die Streichung von über 70 Akademieeinrichtungen, nötig geworden durch Budgetkürzungen und Reformen, zu überstehen. 2012 wurde das IGF entfristet und bekam einen etwas veränderten Namen: Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung. Das habe ich nicht allein bewirkt: Bruno Messerli war ein treuer und engagierter Begleiter auf diesem Weg, Hans Stötter und Georg Grabherr sehr gute Ratgeber und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen engagierte Mitstreiter. Viele ausländische Kollegen haben in Briefen an das Präsidium die wichtige Funktion des Instituts betont. Das IGF wurde zuvor hervorragend international evaluiert. Dies gilt übrigens auch für das Institut für Geographie der Universität, das 2012 sehr gut bewertet wurde und aufgrund des universitätsinternen Ranking an erster Stelle der Universitätsinstitute steht. Auch in der Evaluation der Bertelsmann Stiftung steht dieses Institut inzwischen auf Rang 1 der Geographieinstitute im deutschen Sprachraum.

Mein Engagement gilt insbesondere auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs. Ich bin stolz darauf, viele junge Geographinnen und Geographen in Doktorate und Professuren geführt oder ihnen den Berufseinstieg, teilweise auch in den von mir geleiteten Instituten, ermöglicht zu haben. Beglückend war und ist vor allem die Zusammenarbeit mit meinem jungen Team im IGF. Ich habe mich gefreut, auch Studierende der Universität Wien betreuen zu dürfen. Eine besondere Freude war es auch, dass ich Rafael Sánchez und Carla Marchant aus Santiago de Chile zur Promotion führen konnte. Die Jungen müssen die Alten überholen, um Wissenschaft voran zu bringen. Ich hoffe, dass ich dazu einen kleinen Teil beigetragen habe.

 

Kollegen am Weg

Diese Zwischenbilanz wäre unvollständig, wenn nicht jene erwähnt würden, mit denen ich ein Stück des Weges gemeinsam gegangen bin, die mich immer ermunterten, voran zu schreiten und die mir halfen, wenn ich schon glaubte, dass es nicht mehr weiter ginge. Manche neue Einsicht habe ich dank vieler intensiver Gespräche gefunden. Mit manchen Kollegen wurde aus dem wissenschaftlichen Austausch Freundschaft. Natürlich gab es auch Enttäuschungen, die immer dann besonders weh taten, wenn sie von Menschen verursacht wurden, die ich zuvor gefördert hatte, namentlich Michaela Paal, die ich trotz negativer Gutachten habilitiert habe, und Günter Mertins, der mich während eines Freisemesters in Innsbruck vertreten hat. Ich kenne die Ursache kaum, wenn ich Schuld daran trage, tut es mir leid. Immerhin haben ihre gehässigen Rezensionen meiner Bücher mir den Zuspruch vieler Fachkollegen eingetragen.

Ich bin dankbar dafür, dass ich aus der älteren Generation viele "Große" der Geographie persönlich kennen lernen durfte: Noch nicht erwähnt habe ich Carl Troll, Wolfgang Weischet, Gerhard Sandner, Erdmann Gormsen, Eugen Wirth, Franz Tichy, Gottfried Pfeiffer, Pedro Cunill und natürlich meinen verehrten Amtsvorgänger Adolf Leidlmair, die ich in diesem Zusammenhang stellvertretend für manche andere anführen möchte. 

Weitere Namen will ich nicht nennen, weil die Gefahr zu groß ist, dass ich jemand übersehen könnte. Stellvertretend erwähne ich die Institutionen, in derem Umfeld ich viele dieser Begegnungen erfahren durfte und sicher auch in Zukunft noch erfahren werde: Die Institute für Geographie, vor allem jene in Tübingen und Innsbruck, das Institut für Stadt- und Regionalforschung in Wien, das Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung in Innsbruck und überhaupt die Österreichische Akademie der Wissenschaften, das Österreichische Lateinamerikainstitut, die Österreichische und die Innsbrucker Gesellschaft für Geographie und der Herausgeberkreis der Zeitschrift DIE ERDE. Ich bin für jede der Begegnungen dankbar. Nicht zuletzt möchte ich meiner Familie, Eltern, Bruder, Ehefrau und Söhnen danken. Das offene Gespräch, das bei uns sehr gepflegt wird und oft erst nach Stunden endet, ist für mich ein Kraftquell. Überall lernt man nur von dem, den man liebt und von dem, was man liebt….