Universität Innsbruck

Überblick

Newcomer*innen im Hochgebirge der österreichischen Alpen

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Idyllisch anmutende alpine Hochgebirgsregionen werden seit Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert: Abwanderung vor allem junger Personen, Überalterung der verbleibenden Bevölkerung, Aufgabe landwirtschaftlicher Betriebe etc. Infolgedessen schließen vermehrt Nahversorgungs- sowie Bildungseinrichtungen und (landwirtschaftliche) Gebäude stehen leer (Bild 1). Ferner werden eine Vielzahl an Agrarflächen nicht mehr bewirtschaftet, weshalb betroffene Regionen nicht zu Letzt einem erhöhten Naturgefahrenrisiko durch Muren, Lawinen oder Felsstürzen ausgesetzt sind.

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Bild 1: Leerstehender Hof inmitten der österreichischen Zentralalpen (Quelle und freundliche Genehmigung durch: Judith Brenneis 2019)

Im Hinblick auf diesen sozio-demographischen und -agrarischen Strukturwandel stellt sich die Frage, welche Personengruppe sich künftig um die alpine Natur- und Kulturlandschaft kümmern wird. Dies betrifft vor allem die Bevölkerung, die berglandwirtschaftliche Kultur sowie deren Siedlungsstruktur und Wirtschaftsweisen (Bild 2).

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Bild 2: Almflächen und -gebäude in den nördlichen Kalkalpen als wesentlicher Bestandteil der landwirtschaftlichen Kultur und alpinen Kulturlandschaft Österreichs (Quelle: Konzett 2020)

Für den Westalpenraum, insbesondere für französische, schweizer, italienische und slowenische Alpenregionen konnte diese Frage bereits hinreichend genau beantwortet werden: Es handelt sich dabei in der Regel um von außeralpinen Regionen zugezogene Newcomer*innen, welche bewusst aus der Stadt abwandern.
Das hier präsentierte Projekt legt seinen Schwerpunkt auf den bis dato wenig berücksichtigten Ostalpenraum und folglich auf das periphere Hochgebirge Österreichs und der Nachbarregionen.

Theoretischer Rahmen

Diese sogenannten new highlanders entscheiden sich deshalb für ein Leben im Hochgebirge, um sich den persönlichen Wunsch nach ländlicher Idylle, alpiner Lebensweise und darüber hinaus nach mehr Lebensqualität zu erfüllen. Diese Bevölkerungsbewegung weist einen starken Stadt-Land-Gradienten auf, deren wesentliche Treiber naturräumliche sowie kulturelle Vorzüge - sogenannte amenities - sind (Bild 3). Genau aus diesem Grund lässt sich dieses Konzept der Amenity Migration zuschreiben.

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Bild 3: Die naturräumlichen amenities von Hochgebirgsregionen - wie hier am Beispiel des Tiroler Gailtals - sind entscheidend für den Zuzug von Newcomer*innen (Quelle und mit freundlicher Genehmigung von: Anni Bodner 2007)

Darüber hinaus belegen jüngst veröffentlichte Fallstudien aus nicht-alpinen, ländlichen Regionen Europas die Existenz neuer Landwirt*innen – sogenannter new farmers. Diese Newcomer*innen zeigen erhebliches Interesse daran, sich landwirtschaftlich zu engagieren, selbst ohne persönliche Vorerfahrungen. Diese speziell raumwirksame Form des Lebensstils lässt sich in das theoretische Konzept des lifestyle farmings einordnen.

Grobziele und Hypothesen

Die Forschungsarbeiten konzentrieren sich gerade deshalb auf den österreichischen Alpenraum, da dort eine verhältnismäßig große Anzahl an Menschen und landwirtschaftlichen Nutzflächen von den eingangs erwähnten strukturellen Veränderungen betroffen sind (Abb. 1).

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Abb. 1: Veränderungen der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe sowie Bevölkerung im Alpenraum zwischen 1980 und 2010 (Quelle: Eurac Research, Institut für Regionalentwicklung; Ravazzoli E. 2017)

Der Zuzug von Newcomer*innen und ihr damit einhergehendes Innovationspotential könnte nicht zu Letzt für den Fortbestand österreichischer Hochgebirgsregionen von Bedeutung sein oder eben gegenteilige Effekte mit sich bringen. Aus diesem Grund gilt es die Trends der amenity migration sowie des lifestyle farmings näher zu analysieren. Ferner soll die damit verbundene Zuwanderung von new highlanders/new farmers aufgezeigt, ihre Wanderungsmotive erfasst und ihre räumlichen und sozio-ökonomischen Auswirkungen untersucht werden. Aus den gewonnenen Forschungsdaten wird ein theoretisches Konzept abgeleitet, welches unter anderem in der Demographie, Agrarsoziologie, Ökologie, Naturgefahren- und Regionalentwicklungsforschung sowie der Regionalpolitik Anwendung finden kann.

Innovationscharakter des Projekts – Perspektivenwechsel

Kein Ziel dieses Projekts ist es sich mit der rückschreitenden Anzahl an autochthonen Personen sowie an Landwirt*innen im österreichischen Alpenraum auseinanderzusetzen. Vielmehr geht es darum, die Forschungsperspektive zu verändern. Demgemäß wird der Fokus auf jene Personen gelegt, die gegen den Strom wandern und damit Einfluss auf die bevölkerungsgeographischen und landwirtschaftlichen Strukturen sowie die Kulturlandschaft österreichischer Hochgebirgsregionen nehmen (Bild 4 & 5). Dadurch kann nicht zu Letzt ein Beitrag zur Reduktion des Naturgefahrenrisikos geleistet werden, welches insbesondere im Hochgebirge aufgrund des fortschreitenden Klimawandels ansteigt.

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Bild 4: Von new highlanders revitalisierter Hof im Tiroler Gailtal (Quelle: Grüner 2016)
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Bild 5: Von new highlanders restaurierte, originale Montafoner Stube (Quelle: Konzett 2015)

Methoden

Die oben skizzierten Hypothesen werden anhand eines Mixed-Methods-Ansatzes überprüft. Ferner wird die Zahl der new highlanders sowie jene der new farmers quantitativ erfasst, während es ihre Wanderungsmotive vorwiegend qualitativ zu untersuchen gilt. Dieser Prozess erfordert längere Feldforschungsaufenthalte in den betroffenen Gemeinden. Dadurch kann einerseits die soziale Integration der new highlanders in der Dorfgemeinschaft sowie deren Netzwerke detaillierter beleuchtet, andererseits ihre Auswirkungen auf die Kulturlandschaft vor Ort erfasst werden.

Arbeitsgruppe:

Arbeitsgruppe Demographic Change in the Alps / Ethnic Minorities and Refugees

Projektmitglieder:

Projektleitung: Dr. Ernst Steinicke

Doktorand*innen: Mag.a Savina Konzett, Mag. Bernhard Grüner

Finanzierung:

Dieses Projekt (Nr. P 32956) wird vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanziert.

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