Bevölkerung als Forschungs- und Wissensobjekt der Geographie im 20. Jahrhundert

Bevölkerung als Forschungs- und Wissensobjekt der Geographie im 20. Jahrhundert [Forschungsstand 2010]

 

Trotz der weithin bekannt gewordenen Arbeit von Thomas Robert Malthus über die Gesetzmäßigkeiten des Bevölkerungswachstums (1798) gehörten demographische Fragestellungen in der deutsch- und italienischsprachigen Geographie nicht zu den zentralen Forschungsanliegen des Faches – sieht man einmal von den Bevölkerungsstatistiken des 19. Jh. und der Diskussion zur Tragfähigkeit der Erde im ersten Drittel des 20. Jh. ab. Hauptgründe dafür lagen einerseits in der geodeterministischen Betrachtungsweise, die sich mit dem anthropogeographischen Gedankengebäude von Ratzel (1891) ausbreitete und keinerlei Impulse für eine eingehende Beschäftigung mit der Bevölkerung erzeugen konnte, andererseits in der darauf folgenden einseitigen Hinwendung zur Kulturlandschaft.

Im Italien der 1930er Jahre hat dagegen der enorme Einwohnerschwund in seinen Berggebiete Geographen des Istituto Nazionale di Economia Agraria dazu bewogen, das Monumentalwerk zum „Spopolamento“ herauszugeben. In der Zeit nach 1945 war im dts. Sprachraum die Beschäftigung mit Bevölkerungsfragen ideologisch belastet und wurde weitgehend gemieden. Zudem führte die dts. und ital. Bevölkerungsgeographie als eigenständiges Teilgebiet der Humangeographie ein Schattendasein, weil ihre Belange lange Zeit von der Länderkunde sowie von der Wirtschafts- und Sozialgeographie abgedeckt wurden. So ist es verständlich, wenn nach dem Zweiten Weltkrieg die Auseinandersetzung mit der “spatial demography“ im französischen und angelsächsischen Sprachraum früher erfolgte.

Eine Ausnahme bildete lediglich die „Innsbrucker Schule der historischen Bevölkerungsgeographie“, die im Jahr 1939 von der deutschen Sprachinsel Pozuzo in Peru ihren Ausgang nahm. In diesem Zusammenhang sind seit 1947 bevölkerungsbiologisch orientierte Studien über österreichische und Südtiroler Alpendörfer entstanden. Auch größere Abhandlungen zu demographisch-ethnischen Themen über Südtirol, das Trentino und Friaul sind aus diesem Kontext hervorgegangen. Allgemeine deutschsprachige wie auch italienische Lehrbücher zur Bevölkerungsgeographie entstanden nicht vor 1980 – damit 30 Jahre später als beispielsweise in Frankreich. Inzwischen besteht innerhalb der Bevölkerungsgeographie – wie in keiner Teildisziplin der Humangeographie – eine internationale Übereinstimmung über Inhalt und Aufgaben.

 

Der vorliegende Beitrag ist ein Teilergebnis des Projekts P32500, das vom österreichischen
„Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung“ (FWF) gefördert wird.

 

 STEINICKE, E. (2021): Lo studio geografico della popolazione in area montana. In: R. Talani und M. Wedekind (a cura di): La regione Trentino-Alto Adige/Südtirol nel X secolo / 3 - L'oggetto popolazione. Fondazione Museo Storico del Trentino, Trento: 251-260.

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