Counterurbanisierung in Kalifornien

Einführung

Die Sierra Nevada als Teil des nordamerikanischen Kordilleren Systems erstreckt sich über 800 Kilometer zumeist entlang der Grenze der U.S. Bundesstaaten Kalifornien und Nevada. Die ausgesprochene Siedlungsfeindlichkeit bedingt durch die großen absoluten Höhen mit ihrem Schneereichtum - durchschnittliche Neuschneemengen pro Wintersaison von über neun Meter - und dem Steilabfall im Osten ließ die weißen Siedler die Sierra Nevada lange Zeit meiden. Durch das Fehlen von verbindenden Quertälern, die das Eindringen in das Gebirge erleichtern, verstellte sie wie eine Barriere den Zugang zum Westen. Daher mussten Ost - West verbindende Übergänge noch vor 150 Jahren erst gefunden werden (Howard 1998). Mit dem ersten Impuls der Zuwanderung erzeugt durch Gold- und Silberfunde (gold rush) kam es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer sehr dünnen, punkthaften, aber doch beachtlichen Besiedelung der High Sierra. Von etwa 1848 bis 1860 folgten etwa 150.000 bis 175.000 dem Ruf des Goldes, ein Drittel der Zuwanderer waren nicht in den USA geboren. Demgegenüber standen nur rund 5000 Nativs (Duane 1999). Mit dem allmählichen Versiegen der Bodenschätze flaute der Goldrausch bereits binnen weniger Jahrzehnte wieder ab. Aus zahlreichen für kurze Zeit florierenden Bergbausiedlungen - z. B. Bodie, auf Grund seiner naturräumlichen als auch menschlichen Rauheit bzw. des Tagesbucheintrages eines kleinen Mädchens "Good bye god, I´m going to Bodie" bekannt - entstanden in den Jahren nach 1900 Ortswüstungen (ghost towns). Mit dieser Entwicklung steht die Sierra Nevada ganz im Gegensatz zum übrigen Kalifornien. Vor allem die Städte im Central Valley und an der Küste profitierten sehr durch die Edelmetallfunde und erlebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regen Bevölkerungsaufschwung.


 

Jüngere Bevölkerungsentwicklung

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts änderten sich die demographischen Verhältnisse in den oberen Stockwerken der High Sierra entscheidend. Seit 1960 hat sich die Bevölkerung in einigen Gebieten der High Sierra mehr als verfünffacht. Zwar sind die absoluten Bevölkerungsgewinne in der Sierra Nevada eindeutig geringer als in den südkalifornischen Counties. Doch im Hochgebirge bedeutet eine Zunahme um "nur" einige Tausend Einwohner eine signifikante Verdichtung sowie Erweiterung des Dauersiedlungsraumes. Neben der Siedlungsverdichtung verschiebt sich die Siedlungsobergrenze in den letzten Jahren stetig nach oben, so dass z. B. im Gebiet der Mammoth Lakes permanente Siedlungen auf einer Höhe von 2500 Meter keine Seltenheit sind. In den letzten 15 Jahren hat sich die Bevölkerungszunahme in der High Sierra ein wenig verlangsamt. Dies hängt zum einem mit der limitierten Verfügbarkeit von privaten Land, in einigen Gebieten auch des limitierten Wasserangebotes zusammen. Zwar nimmt die Sierra Nevada 18% der Fläche von Kalifornien ein, doch besteht auf dem Großteil dieser Fläche überhaupt kein Potential für Baugrund. Dies gilt auch für die in Privatbesitz befindlichen Waldflächen in der unteren und mittleren Höhenstufe, die aus den Erwerbungen der frühen Eisenbahnbauer stammen. Dieser Rückgang der Zuwanderung hat aber auch das verlangsamte Wirtschaftswachstum von Südkalifornien in den späten 1980ern und früheren 1990ern als Ursache (Duane 1999). Doch mittelfristig wird der Zuzug in die Sierra Nevada aufrecht bleiben. Nach Berechnungen von Duane (1999) wird die Bevölkerung im Jahr 2040 auf knapp 2,000,000 ansteigen. Die Gründe für das Bevölkerungswachstum sind vielfältig. Die Steigerung der Lebensqualität, vor allem bedingt durch die Möglichkeiten im Freizeit- und Wellnessbereich, gegenüber der Großstadt ist für den Großteil der Zuwanderer entscheidend. Mit Ausnahme der jungen Bevölkerung bevorzugen die meisten kleinere Städte, die jedoch auch die Vorzüge einer großen Stadt bieten sollen. Auch die niedrigere Kriminalitätsrate in der Sierra Nevada und die ethnische Homogenität veranlassen zur Wanderung. Obwohl Grundstücks- bzw. Hauskosten in den Hauptgebieten der High Sierra Region schon beachtliche Höhen erreicht haben, liegen die Lebenskosten noch auf einem niedrigeren Niveau als in den Großstädten. Die Einwohner der Sierra Nevada heben sich in einigen Aspekten vom kalifornischen Durchschnitt ab. Am auffallensten ist die ethnische Homogenität mit 88 % weißer Bevölkerung. Demgegenüber stehen 69% im kalifornischen Durchschnitt. Das County Nevada ist in Kalifornien überhaupt das Gebiet mit der größten ethnischen Homogenität. In den letzten Jahren zeigt sich aber auch eine erhöhte Zuwanderung von Hispanics. Jedoch im Gegensatz zu den weißen Zuwanderern werden sie vor allem von im Tourismus tätigen Betrieben als Arbeitskräfte angeworben. Dieser Trend ist mit der Zeit des frühen Eisenbahnbaus vergleichbar, wo Chinesen als Arbeitskräfte angeworben wurden. Rund 80 % der Hispanics in der Sierra Nevada - in allen Altergruppen gleich - beherrschen die englische Sprache sehr gut bis gut. Die Bevölkerung innerhalb der Sierra Nevada ist nicht gleichverteilt. In den Counties Nevada, Placer und El Dorado lebt knapp die Hälfte der Bewohner. Hauptgründe sind die Nähe zum Central Valley mit der kalifornischen Hauptstadt Sacramento bzw. der große Erholungswert des Gebietes um den Lake Tahoe sowohl im Sommer als auch im Winter. Die Altersverteilung der Zuwanderer entspricht der vom Durchschnitt in Kalifornien. Da aber die Fertilitätsrate in der Sierra Nevada geringer ist überwiegt insgesamt hier ein wenig der Anteil der älteren Bevölkerungsschichten. Den Daten des  U. S. Census Bureau zu Folge liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen in der Sierra Nevada unter dem von Kalifornien. Dabei ist aber zu beachten, dass bei diesen Angaben Transferzahlungen (z. B. Dividenden, Mieteinnahmen, Sozialeinnahmen) nicht zur Gänze berücksichtig werden. Trotzdem sind im Gebiet der Sierra Nevada mehr Haushalte unter bzw. im Bereich der Armutsgrenze als im Durchschnitt von Kalifornien. Jedoch gilt dies nicht für die Counties mit den in den letzten Jahren stärksten Bevölkerungszuwächsen. Denn diese Zuwanderer stammen aus den einkommensstarken Bevölkerungsschichten.


 

Probleme und Konflikte in der Zukunft

Eine Raumordnung bzw. -planung wie z. B. in Österreich ist in den USA nicht möglich. Denn hier gelten die County-Grenzen auch immer für Richtlinien der Regionalplanung. Da sich die Sierra Nevada über insgesamt 18 Counties erstreckt ergeben sich für diesen in sich geschlossenen Naturraum vielfältige, oft grundsätzlich unterschiedliche Richtlinien. Um sich jedoch nachhaltig vor negativen ökologischen Folgewirkungen vor allem in den oberen Stockwerken durch die sich ausweitenden Siedlungsflächen zu schützen, wären zumindest in Einzelbereichen einheitliche Vorschriften nötig. Da auch in den nächsten Jahrzehenten noch hohe Zuwanderungsraten erwartet werden, sollten Bauvorschriften, die eine Erhöhung der Siedlungsdichten fordern, unbedingt in die Regionalentwicklungspläne eingebunden werden. Doch dies steht im krassen Widerspruch zu den Vorstellungen und Ansprüchen der Zuwanderer aus den Ballungsgebieten. Konflikte können sich auch innerhalb der Bewohner der Sierra Nevada ergeben. Denn die Ansprüche der aktuellen Zuwanderer sind teilweise grundsätzlich unterschiedlich zu den der eingesessenen Bürgern. Deutlich wird das z. B. am Baustil bzw. der Wohnlage. Auch in der Freizeitgestaltung liegen große Differenzen. So werden derzeit im Gebiet um die Mammoth Lakes großzügig angelegte Golfplätze erbaut. Größeren Konflikten innerhalb der Bewohner der Sierra Nevada sind bisher aber noch nicht aufgetreten. Die Problematik des zu großen Flächenverbrauchs wird nur von den Verantwortlichen in der Regionalplanung thematisiert.

 

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