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3. FSP-Tag: „Wissenschaft, wie hast du’s mit der Religion?“

Der nunmehr dritte FSP-Tag widmete sich der Frage, wie die einzelnen Fächer und Disziplinen das weite Themenfeld ‚Religion‘ bestellen, mit welchen Methoden und theoretischen Werkzeugen sie sich ihm annähern – oder ob sie es in ihrer Forschungspraxis doch eher meiden.

Die ‚Gretchenfrage‘ drängt sich mit neuer Brisanz auf, vielleicht war sie aber auch nie verstummt. In vielfältigen Zusammenhängen und in sehr unterschiedlichen Ausprägungen spielen religiöse oder angeblich religiöse Elemente, Symbole und Diskurse eine Rolle – als politisches Argument in Dienst genommen oder durch ideologische Vereinnahmung entstellt, als Orientierungspunkte der individuellen Lebensführung und Sinnstiftung, als integraler Bestandteil einer ‚Neuen Aufklärung‘ oder doch eher als Negativpol für sich als postsäkular entwerfende Gegenwartsgesellschaften. ‚Religion‘ und kulturelle Begegnungen und Konflikte scheinen derzeit jedenfalls untrennbar miteinander verwoben zu sein. Diese gegenwärtigen Gemengelagen boten Anlass, die am Forschungsschwerpunkt beteiligten Fächer im Rahmen des dritten FSP-Tags miteinander in ein Gespräch darüber zu bringen, ob und wie sie sich dem Themenkomplex ‚Religion‘ annähern, mit welchen Methoden sie arbeiten, welche theoretischen Modelle und Konzepte sie anlegen und wie sie ihre wissenschaftliche Arbeit zu den Herausforderungen der Gegenwart positionieren.

Den Auftakt bildete der Impulsvortrag von Józef Niewiadomski, Michaela Neulinger und Nikolaus Wandinger (Institut für Systematische Theologie), die den Religionsbegriff aus einer theologischen Perspektive, namentlich jener der Innsbrucker ‚Dramatischen Theologie‘ beleuchteten. Józef Niewiadomski vertrat dabei die These, dass das Konzept der multiplen Modernen im Zeitalter der Globalisierung die Säkularisierungsthese als alleiniges Paradigma verabschiedet und die Frage nach der Rolle und Bedeutung von Religion bzw. Religionen neu aufgeworfen habe. Michaela Neulinger wiederum stellte unter dem Titel „Warum Religion weh tut“ anthropologisch angeleitete Überlegungen zur Bedeutung von Religion an und erkundete, welchen Beitrag die Theologie zum Umgang mit der Fragilität des menschlichen Lebens leisten könne. An diese Reflexionen knüpfte Nikolaus Wandinger an und führte in den Entwurf der ‚Mimetischen Theorie‘ von René Girard ein, deren kulturtheoretisches Potential auch für die Geistes- und Kulturwissenschaften er herausarbeitete. Dabei vertrat er die These, dass diese Theorie zudem geeignet sei, ‚gute‘ von ‚schlechter‘ Religion – im Sinne von gewaltfördernder und gewaltminimierender Religion – zu unterscheiden.

Martina Kraml (Institut für Praktische Theologie) und Zekirija Sejdini (Institut für Fachdidaktik/Bereich Islamische Religionspädagogik) stellten ein aktuelles Forschungs- und Publikationsprojekt vor, das zum einen die Entwicklung einer interreligiösen Religionsdidaktik zum Gegenstand hat, zum anderen in einer empirischen Hochschul- und Schulstudie die Chancen, aber auch Grenzen in der Zusammenarbeit von muslimischen und christlich-katholischen Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden auslotet. Anhand ihres eigenen Findungsprozesses bei der Arbeit an zwei monographischen Studien, die bald erscheinen und eine neue Publikationsreihe begründen sollen, illustrierten die katholische Theologin und der muslimische Fachvertreter, welche Erträge, aber auch welche Herausforderungen der interreligiöse Dialog mit sich bringt. Im Anschluss gab Kristina Stoeckl (Institut für Soziologie) einen Einblick in ihr mit dem START-Preis des österreichischen Wissenschaftsfonds und dem Starting Grant des Europäischen Forschungsrates ausgezeichnetes Projekt, das postsäkulare Konflikte untersucht. Unter diesem Begriff kartiert die Sozialwissenschaftlerin Konfliktlinien, die in Gesellschaften, in denen säkulare und religiöse Diskurse gleichermaßen Geltung beanspruchen können, in der Aushandlung von Normen verlaufen, beispielsweise rund um die Gleichstellung von Homosexuellen, Geschlechtergerechtigkeit, Abtreibung und Sterbehilfe. Am Beispiel der Russisch-Orthodoxen Kirche untersucht Stoeckl insbesondere die transnationalen Dynamiken solcher postsäkularen Konflikte sowie die teils paradoxen Koalitionen, die konservative Akteure eingehen, um ‚traditionelle‘ Wertvorstellungen und Weltbilder zu verteidigen.

Während den Vormittag vor allem theologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven prägten, näherten sich am Nachmittag Vertreterinnen und Vertreter der Geistes- und Kulturwissenschaften dem Themenfeld ‚Religion‘ an. Den Beginn machte Thomas Steppan (Institut für Kunstgeschichte), der den Interferenzen von religiösen Sinnsystemen auf der einen und Bau- und Kunstwerken auf der anderen Seite nachspürte. Anhand der weltberühmten Hagia Sophia in Istanbul, die zunächst als byzantinisch-christliche Kathedrale, nach der Eroberung Konstantinopels dann als Moschee fungierte, in der kemalistischen Türkei zu einem Museum säkularisiert wurde und nun unter den veränderten politisch-religiösen Vorzeichen der Türkei Erdoğans wieder schrittweise in eine Moschee umgewandelt werden soll, zeichnete der Kunsthistoriker exemplarisch die komplexe ‚Biographie‘ religiöser Monumente nach. Darüber hinaus beleuchteter er kulturelle Transferprozesse etwa zwischen der byzantinischen und der romanischen Kunst und warf einen Blick auf die Zerstörung religiös konnotierter Kunst und Bauten in Vergangenheit und Gegenwart.

Ulla Ratheiser (Institut für Anglistik) wiederum stellte den Sieg der Muslimin Nadiya Hussain in der britischen Sendung „The Great British Bake Off“ und dessen mediale Verarbeitungen an den Anfang eines Streifzuges durch die englische Gegenwartsliteratur. Aus Blickwinkeln der postcolonial studies und der Gender-Forschung ging sie der Frage nach, wie religiöse Zugehörigkeiten und Zuschreibungen literarisch repräsentiert, ironisiert oder subversiv unterwandert werden können. Am Beispiel der Kurzgeschichte „The Hijab“ von Ava Ming zeigte die Anglistin, wie ein literarischer Text mit religiösen Symbolen spielt und dabei Innen- und Außensichten miteinander konfrontiert, Stereotype unterminiert und etwa das Einschreiben von Moralität in den weiblichen Körper subtil thematisiert. Christian Bauer (Institut für Praktische Theologie) beschloss den Vortragsreigen und spannte den Bogen zurück zu den Vorträgen des Vormittags, indem er das theoretische Instrumentarium des französischen Historikers, Jesuiten und Kulturphilosophen Michel de Certeau als Bindeglied zwischen einer Theologie, die sich für Säkulares interessiert, und einer Kulturwissenschaft, die sich Theologischem gegenüber offen zeigt, anbot.

Die Erträge des Tages bündelten drei Resümees aus historischer, religionswissenschaftlicher und theologischer Perspektive: Christoph Ulf (Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik) fokussierte den historischen Kontext, in dem jedes religiöse Phänomen stehe und aus dem es umgekehrt analysiert werden müsse, und fächerte aus religionssoziologischer Sicht Funktionen religiöser Zeichensysteme auf. Ausgehend von einem Überblick über indische Religionen plädierte Jayandra Soni (Institut für Philosophie) für Differenzierung und Perspektivenpluralität als Antwort auf fundamentalistische Vereinnahmungen. Roman Siebenrock (Institut für Systematische Theologie) zirkelte abschließend zentrale Positionen in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Debatte um den notorisch undurchsichtigen Religionsbegriff sowie um methodische Zugriffsmöglichkeiten auf religiöse Phänomene ab. „Wissenschaft, wie hast du’s mit der Religion?“ – hierauf gab es naturgemäß weder eine noch eine einfache Antwort. In der lebhaften Abschlussdiskussion wurde etwa eine Frage erneut aufgeworfen, die bereits den ganzen Tag durchzogen hatten und die letztlich, wie nicht anders zu erwarten, offen blieb: jene nach Analysekategorien und – versteckten oder explizierten – normativen Ansprüchen in der Auseinandersetzung mit dem Themenfeld ‚Religion‘.

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