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FSP-Tag „Wissenschaft und Wahrheitssuche“

Wie wird in den einzelnen Fächern Erkenntnis gewonnen und Plausibilität hergestellt? Auf welche Weise gelangen die Fächer zu Ergebnissen, wann und warum werden diese als valide anerkannt? Welchen epistemologischen Rang haben diese Ergebnisse dann und welche Rolle spielt dabei die Person der Forschenden? Welche Rolle spielt intersubjektive Überprüfbarkeit und wie wird diese hergestellt?
Beziehungsstatus: It’s complicated

Aus der Distanz betrachtet und mit kühlem Verweis auf erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Klassiker und methodologische Gütestandards, von Immanuel Kant bis Karl Popper und darüber hinaus, wirkt die Sache mit der Wahrheit und der Wissenschaft doch nach wie vor gar nicht so vertrackt, vielleicht sogar einfach: Hat man sich erst einmal dazu durchgerungen, „Ding-an-sich“ und korrespondenzialistische Wahrheitsverständnisse hinter sich zu lassen, hat man sich darüber hinaus nicht nur mit dem Prinzip der Falsifikation, sondern auch mit der Einflusskraft wissenschaftlicher Paradigmen im Sinne Thomas S. Kuhns angefreundet, hat man also anerkannt, dass sowohl basale Wahrnehmungs- und Erkenntniskategorien als auch wissenschaftliche Theorien, Konzepte und Messinstrumente stets in spezifischer Weise das mitprägen und mitherstellen, was jemals wissenschaftliches Ergebnis – und somit: wissenschaftliche Wahrheit – sein kann, dann steht einem fröhlichen Streben nach wahren wissenschaftlichen Aussagen auch nichts mehr im Wege: Allein: Die eine, zeitlose, endgültige, ahistorische, von Konzepten und Perspektiven unabhängige Wahrheit-an-sich kann nicht sein, wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben stets eine von spezifischen Kontextparametern mithergestellte Wahrheit-für-uns. Das letztlich Undramatische an diesen Feststellungen betonte auch Silke Meyer in ihrer einleitenden Rahmung des FSP-Tages mit Verweis auf die Wissenschaftshistoriker_innen Lorraine Daston und Peter Galison: Die Tatsache der grundlegenden soziokulturellen und historischen Verortetheit von Vernunft, Objektivität und Wahrheit, und somit die Anerkennung einer grundlegenden Pluralität von Rationalitäten und Wahrheiten, schwächen deren Wert und Bedeutung nicht.

Woher also die Aufregung und Unruhe, die das Thema „Wissenschaft und Wahrheit“ doch in gewissem Grade stets umweht? Zwei mitentscheidende Gründe, die auch zwei Hauptaspekte und zentrale Diskussionsstränge des FSP-Tages ausmachten, seien hier genannt:

It’s complicated, part I

Möglicherweise stand das Entfachen von Aufregung nicht an oberster Stelle der Vorhaben jener Theoretiker_innen, die spätestens ab den 1970er Jahren auf der Basis einer (Fundamental-)Kritik der (wissenschaftlichen) Moderne die oben genannten klassischen wissenschaftstheoretischen Konzepte als noch zu zahnlos und inadäquat beurteilten. Das Auslösen von Unruhe, im Sinne von Irritation und Provokation, war jedoch durchaus intendierter Teil oder zumindest willkommenes Nebenprodukt jener „postmodernen“ Theorieprogramme, im Zuge derer Wissenschaft und Wahrheit doch unter enormen Verruf gekommen sind: Im Zentrum und im Erbe dieser Perspektive steht die Analyse und Kritik der mannigfachen Verbindungen von Wissen/­Wissenschaft/­Wahrheit und Macht (zum Beispiel über den Ausschluss spezifischer Personengruppen als handelnde Forschersubjekte oder über das Etablieren bestimmter Personengruppen als implizite, verschwiegene Norm für alle Menschen) sowie die historische, kulturelle und konzeptuelle Relativität jener Kriterien, die darüber entscheiden, welche Aussagen als „wahr“ bewertet werden können bzw. müssen. Das Herausarbeiten (disziplinen-)spezifischer (historischer) Referenzrahmen und Kriterienkataloge für das Zuschreiben der jedenfalls machtvollen Evaluierungskategorie der (wissenschaftlichen) Wahrheit (bzw. Objektivität, Tatsächlichkeit, Authentizität, Echtheit, Vertrauenswürdigkeit etc.) war so auch zentrales Anliegen mehrerer Beiträge und ein grundlegender Diskussionsstrang des FSP-Tages.

It’s complicated, part II

Aus dem oben genannten macht- und wissenskritischen („postmodernen“) Blickwinkel gerät die (wissenschaftliche) Wahrheit oftmals in den Rang einer „gefährlichen Drohung“, von der man sich distanzieren will/muss/soll – nur allzu verständlich angesichts der Exklusion, Gewalt, Diskriminierungen, Grausamkeiten, die unter ihrer Fahne und in ihrem Namen unternommen, gedeckt und legitimiert wurden und werden. – Keinerlei Grund also, zu einem Plädoyer für die Verteidigung von wissenschaftlichen Standards und Gütekriterien und die ebenso grundlegenden Bedingungen vernünftiger wie gerechter (wissenschaftlicher wie gesellschaftlicher) Diskurse anzusetzen? Ist und bleibt Wahrheit tatsächlich nichts weiter als eine Machtfunktion und reine Willkür, entlang dem Prinzip „Wahr ist, was die Mächtigen als wahr vorgeben“? Spätestens seit der herausgestellten Wissenschaftsfeindlichkeit gegenwärtiger populistischer Politikakteure und der scheinbaren Beliebigkeit, mit Fakten, „alternativen Fakten“, glatten Falschbehauptungen, gezielten Fehlinformationen und Lügen umzugehen, ist das laute Nachdenken und das explizite Debattieren über notwendige, hinreichende, bedingungslose, gerechtfertigte und gerecht-moralische Kriterien für Wissenschaftlichkeit und (wissenschaftliche) Wahrheit wieder in Mode und auf die (macht-)kritische Agenda gekommen. Auch mit Parolen, die einem antidemokratischen Szientismus das Wort reden, und also wieder hinter einen grundlegend pluralen Wahrheitsbegriff und das Wissen um die machtspezifischen Aspekte wissenschaftlicher Erkenntnisse und Institutionen zurückfallen wollen.

Was also tun? Zum Beispiel: Ins Gespräch kommen und sich in die Auseinandersetzung um Leitfragen rund um die (wissenschaftliche) Wahrheit begeben, wie sie sich der FSP-Tag aufgegeben hat.

Das Skandalon und das Berührende (an) der Wahrheit für die Forscher_in

Die oben skizzierte Debattenlage und ebenjene Janusköpfigkeit der Wahrheit in ihrem Bezug zu Macht und Kritik mag ein stetes und herausforderndes Skandalon für die Forscher_in sein. Doch hat der FSP-Tag auch deutlich spüren lassen, dass diese Thematik in ihrer subjektbezogenen Verbundenheit mit den semantischen Feldern der Aufrichtigkeit, der Ehrlichkeit, der Echtheit, dem Vertrauen, die teilnehmenden Wissenschafter_innen vor allem auch als Personen anspricht und berührt (hat): Ein kühles Sich-Verschanzen hinter sperrigen oder auch superfiziellen Theoriegebilden und Begriffsfassaden gelingt hier nicht, die Frage nach der Wahrheit fordert die Wissenschafter_in als ganzen Menschen auf, rührt sie als konkrete Einzelne an. Wissenschaftliche Wahrheitssuche in ihrer notwendigen subjektbezogenen Dimension ist immer auch in gewissem Grad ein existenzielles Unterfangen, das ihre An- und Abstoßpunkte in konkreten Lebenswelten, biographischen Erlebnissen und transgenerationalen Erfahrungsräumen hat. Das Fragen nach der Wahrheit berührt, schlägt Verbindungen zum Repertoire des Existenziellen, sei es entlang der Parameter des Vertrauens, der Erfahrung von Leid, des Sich-Aussetzens, der nicht fassbaren Menschheitsgrausamkeiten: Die Frage nach der Wahrheit berührt, und fordert auf, sich zu stellen.

Hauptsache: Ins Gespräch kommen – in Auseinandersetzung bleiben

Welche konkreten methodologischen bzw. methodischen Wege ein redliches Streben nach wissenschaftlicher Wahrheit auch verfolgen mag, ein deutliches Plädoyer in mehreren Beiträgen galt der Absage an die im Wissenschaftsbetrieb nicht unübliche Praxis eines mehr oder weniger gehässigen Gegen-Einander-Ausspielens von Approaches, Theorien, Methoden etc. und/oder des Behauptens von scheinbar kontextungebundenen methodologischen „Goldstandards“ und Königswegen. Notwendige und förderliche Konsequenz aus der unumgehbaren Perspektivität und Konzeptgebundenheit von Erkennen und Forschen ist nicht Selbst-Isolierung oder selbstgerechte Denunziation anderer Forschungszugänge, sondern gerade das Kombinieren und Triangulieren von Perspektiven, Approaches, Konzepten, Methoden, Daten.

Referenzrahmen und Kriterien zur Vergabe der Evaluierungskategorie „wahr“ mögen in verschiedenen Sub-/Disziplinen, Approaches, Wissenschaftsauffassungen unterschiedlich sein, was entlang eines pluralen Wahrheitsbegriffes logisch erscheint: Wahrheit und Wahrheitssuche, dieses höchst menschliche Unterfangen, bleibt eine ständige Aufgabe, wissenschaftliche Wahrheit ist kontextgebundene „Wahrheit auf Widerruf“. Sie stellt sich nicht her und hat sich nie eingestellt – gerade das Behaupten oder Durchsetzen einer unterstellten Unmenschlichkeit, Nicht-Pluralität, Zeitlosigkeit von Wahrheit ist ihr Untergang. Wahrheit ist nicht willkürlich: Wahrheit und Wahrheitssuche, die Diskussion von Referenzrahmen und Kriterienkatalogen für Wahrheit, haben ihren Ort in der lebendigen und konkreten Begegnung und in der diskursiven, möglichst gerecht strukturierten und argumentativen Auseinandersetzung, haben ihren Ort im Dialog, getragen von einem Bemühen um Aufrichtigkeit, vom Explizieren und In-Frage-Stellen eigener normativer Maßgaben, ganz grundlegend getragen von Dissens und Widersprechen, und nicht zuletzt getragen von Kritik in ihren vielfältigen Ausformungen (etwa als Analyse von konstitutiven Möglichkeitsbedingungen in Anschluss an Kants Kritik menschlicher Erkenntnis), Selbst-Reflexion und Selbst-Kritik als zentrale Aspekte miteingeschlossen.

Gerade auch in Hinblick auf das Format der FSP-Tage steht am Ende dieses Berichtes ein Plädoyer für die Wichtigkeit ebensolcher Formen inter- und transdisziplinärer Auseinandersetzung innerhalb der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, und weit darüber hinaus. Dass solche Unternehmungen der transdisziplinären Verständigung und Diskussion spezifische Anstrengungen und Problemstellungen mit sich bringen, liegt auf der Hand: Dialoge quer durch unterschiedliche Disziplinen brauchen die Toleranz des Nicht-/Gleich-/Verstehens, das Bemühen und Ringen um eine gemeinsame Sprache ebenso wie die unumgänglichen Anstrengungen des Übersetzens, auch das Zulassen von dem, was erst im Gespräch gemeinsam hergestellt wird, und das Sich-Einlassen auf das, was entgegen eigener Intentionen verläuft. Die Hauptsache jedoch ist simpel: Ins Gespräch kommen – in Auseinandersetzung bleiben.

(Lisa Blasch)