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Beitrag in der Leopoldine Francisca

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Leopoldine Francisca“, die das Büro für Gleichstellung und Gender Studies in regelmäßigen Abständen herausgibt, stellt Timo Heimerdinger den Forschungsschwerpunkt, sein Forschungsprogramm und seine Zielsetzungen näher vor.

Eine Universität sollte Kants Forderung eines „öffentlichen Gebrauchs der Vernunft“ täglich leben. Der Begriff der Öffentlichkeit ist hier freilich auf mehrfache Art und Weise zu lesen: universitäre Forschung findet inmitten und für die Gesellschaft statt, die Gesellschaft selbst ist Teil der universitären Forschungen. Die Beschäftigung mit gesellschaftlicher Pluralität, ihrer Entstehung und ihrem Wandel ist gewissermaßen das Kerngeschäft des Forschungsschwerpunktes „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ und der über 20 hier beteiligten geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen.

Dies gilt grundsätzlich und immer, in historischen Situationen wie der gegenwärtigen jedoch ganz besonders. Wir sind weder JournalistInnen noch PolitikerInnen, sondern WissenschaftlerInnen. Als solche ergänzen und bereichern wir den öffentlichen Diskurs, zumindest geben wir uns redlich Mühe, auch hier gehört und wahrgenommen zu werden. Die Fragen nach den Grundsätzen unseres Zusammenlebens, den Formen staatlicher Organisation und Kooperation, der Geltung der Menschenrechte, der historisch gewachsenen Verantwortung und dem Umgang mit innergesellschaftlichen Interessenskonflikten stellt sich täglich neu, nicht nur für PolitikerInnen, sondern für alle interessierten BürgerInnen und natürlich auch für die Wissenschaften. Diese sind aufgefordert, dabei die Kraft der Vernunft, der Rationalität und des Argumentes zum Einsatz zu bringen und somit gesellschaftliche und politische Prozesse aus wissenschaftlicher Perspektive gewissermaßen zu eskortieren. Dazu gehört auch, auf Problemlagen hinzuweisen und Diskussionen anzustoßen, jedoch auch mit Blick auf die Historie oder auf andere Orte der Welt Sachverhalte einzuordnen, in größere Zusammenhänge zu stellen oder aus neuen Blickwinkeln zu beleuchten.

Mobilität, Migration und Transfer stellen – so unsere Ausgangshypothese – nicht nur wesentliche Herausforderungen unserer Zeit dar, sondern sind grundlegende Erfahrungen aller Epochen. Wie alle kulturellen Phänomene sind sie historisch bedingt, daher vielschichtig und veränderbar. Sie spiegeln Machtverhältnisse und soziale Ungleichheiten, zugleich sind sie mit der Suche nach Orientierung und Ordnung verschränkt.

Unter ‚Kultur‘ verstehen wir dabei keine statischen Einheiten oder abgrenzbaren sozialen Räume, sondern ein dynamisches System zur Herstellung von Sinn und Bedeutung. All das, was wir heute als „üblich“, „normal“ oder „abendländisch“ wahrnehmen – um nur einige exemplarische Kategorien alltäglichen Denkens herauszugreifen – ist keineswegs selbstverständlich, sondern historisch gewachsen und wird an vielen gesellschaftlichen Orten – so z.B. in Schulen, Parlamenten, Kirchen, Medienerzeugnissen, Vereinen, Sportstätten, Geschichtsbüchern usw. – tagtäglich immer wieder praktisch ins Werk und in Szene gesetzt.

Der Forschungsschwerpunkt untersucht genau diese Entstehung und Herstellung von Kultur in Kunst, Alltag, Politik, Gesellschaft, Religion und Geschichte. Die verschiedenen beteiligten Disziplinen haben dabei natürlich thematisch sehr unterschiedliche Interessensschwerpunkte. Alle jedoch sind mit der Wandelbarkeit der Welt und der Verhältnisse befasst und können feststellen, dass diese Wandelbarkeit eine enorme Bandbreite umfasst. Nichts ist und war gewöhnlicher (wenn man so will: normaler) als eine heterogene, vielschichtige und ständig sich wandelnde Gesellschaft. Unterschiedliche Menschen und Menschengruppen bewegen sich, treffen aufeinander, gehen miteinander um. Begegnung und Konflikt sind dabei zwei grundlegende Muster dieser Dynamik, die nicht nur titelgebend für unseren Forschungsschwerpunkt sind, sondern auch inhaltlich als heuristische Kategorien unsere Arbeit strukturieren. Verschiedene Effekte sind dabei möglich: aggressive Zuspitzungen bis hin zu Gewalt und Krieg ebenso wie die Entstehung von Neuem und Überraschendem. Wir haben es hier mit einem stetigen, nie abgeschlossenen Prozess zu tun. Jeder Versuch, Gesellschaft als stabil zu beschreiben oder einzelne Elemente in eindeutig „eigen“ oder „fremd“, gar „richtig“ oder „falsch“ zu klassifizieren, greift entschieden zu kurz. Diese Einsicht in die tiefgreifende Dynamik gesellschaftlicher Verhältnisse hat ebenso eine hoffnungsvolle wie eine besorgniserregende Seite: einerseits lässt sich hier die Möglichkeit erkennen, konflikthafte Situationen zu lösen und in produktive Ordnungen zu überführen, andererseits müssen wir auch erkennen, dass die Dinge und Werte, die uns momentan selbstverständlich erscheinen mögen – Frieden, Wohlstand, Meinungsfreiheit, Grundrechte, sozialstaatlicher Ausgleich, um nur einige Stichworte zu nennen – keineswegs selbstverständlich und von sich aus auf ewig garantiert sind. Auch hier gilt es, entstehende Dynamiken stets aufmerksam im Blick zu behalten.

Genau hinzuschauen, sich nicht vorschnellen Kategorisierungen hinzugeben und der Schnelllebigkeit medialer Konjunkturen eine historisch informierte, empirisch fundierte und begrifflich präzise Sicht entgegenzustellen, ist dabei zentrales Anliegen und auch Arbeitsergebnis. Wir streben nach einem differenzierten und genauen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, die in jedem Fall als vielschichtig und wandelbar erscheinen.

Wir verstehen unsere Forschung als reflexiven Prozess, der sich nicht nur für Themen interessiert, sondern die Rolle des Wissens und der Wissenschaften darin mitbedenkt. Zudem sind wir davon überzeugt, dass in der gemeinsamen Arbeit verschiedene Fachdisziplinen zusammenwirken sollen, die alle ihre je eigenen Kompetenzen einbringen, jedoch voneinander lernen können und aufeinander angewiesen sind. Und schließlich begreifen wir unsere Arbeit als Beitrag zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen und stehen im kritischen Dialog mit der Öffentlichkeit. „Kritik“ meint hier nicht per se eine oppositionelle Haltung, sondern den fortgesetzten Versuch, Gewohntes, Vertrautes und Allzuvertrautes nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen, sondern stets durch differenzierende und ergänzende Sichtweisen produktiv zu irritieren. Dazu gehört ganz wesentlich eine ständige Arbeit an und mit der Sprache: was bedeuten Begriffe wie „Fremdheit“, „Migration“, „Religion“, „Kultur“ oder „Gewalt“ eigentlich, wie werden sie verwendet und welche Bilder und Verständnisse von Wirklichkeit erzeugen sie? Diese Fragen sind nicht ein- für allemal abschließend zu beantworten, sondern müssen immer wieder neu gestellt und bearbeitet werden.

Auch dies mag ein Grund dafür sein, dass die 2015 veröffentlichte „Charta zur gesellschaftlichen Vielfalt“ der Universität Innsbruck ihre – zumindest digitale – Heimat auf unserer Internetseite gefunden hat. Die Universität bekennt sich dort explizit zu einer pluralen Gesellschaft: „Vielfalt und Veränderung sieht [die Universität Innsbruck] als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität an.“ Dies ist natürlich ein zivilgesellschaftliches Anliegen, das alle Universitätsangehörige betrifft und angeht, wir als Forschungsschwerpunkt möchten dazu gerne einen wissenschaftlichen Beitrag leisten. Die Probleme beständig zu umkreisen und zu bearbeiten, wenn sie schon nicht gelöst werden können, ist dabei weit mehr als eine Not- oder Verlegenheitslösung, es ist der Schwerpunkt unserer Arbeit. 

In diesem Sinne sehen wir uns einem primär aufklärerischen Imperativ verpflichtet: die Nichtlösbarkeit mancher Fragen klar zu erkennen und anzuerkennen und sie trotzdem immer weiter zu bearbeiten, um sie besser zu verstehen, ist schon ein großer Schritt hin zu ihrer Bewältigung.

(Timo Heimerdinger)

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