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Que serait-il alors de la liberté de l'Europe? Europakonzepte in diplomatischen Korrespondenzen zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges

Mittels Verfahren aus den Digital Humanities lassen sich neue Blicke auf die europäische Elite der Frühen Neuzeit werfen. Dieser Beitrag untersucht die diplomatischen Quellen des Spanischen Erbfolgekrieges (1701–1713/14), um damit die von dieser Personengruppe verwendeten Europabegriffe zu erforschen.

Neue computerbasierte Analyseverfahren aus dem interdisziplinären Fachbereich der Digital Humanities ermöglichen es erstmals, detaillierte Einblicke in die diplomatische Korrespondenz der Eliten des Spanischen Erbfolgekrieges (1701–1713/14) zu erlangen. In meinem Dissertationsprojekt verwende ich computergestützte qualitative Textanalysen, um Vorstellungen und Konzepte von „Europa“ besser erfahrbar zu machen und die Informationsverbreitung und -durchsetzung in der Frühen Neuzeit zu erforschen.

Der Spanische Erbfolgekrieg, der um das weltumspannende Erbe der spanischen Habsburger zwischen Frankreich mit seinen Verbündeten und der sogenannten Großen Haager Allianz (Habsburgerreich, England/Großbritannien, die Republik der Vereinigten Generalstaaten und Fürsten aus dem Reich, usw.) ausgetragen wurde, stand in der historischen Kultur- und Politikforschung bisher meist im Zentrum der systembezogenen Analyseverfahren der Geschichtswissenschaft. Der Fokus der hierzu bereits umfangreich vorhandenen Forschungsliteratur lag dabei meist auf der Analyse des Kriegsverlaufes, der Darstellung einzelner Schlachten und den daraus resultierenden Friedensverhandlungen bzw. den politischen und kulturellen Folgen des Krieges. In den letzten Jahren wurden diese Paradigmen und Forschungsmethoden allerdings durchbrochen, da auch Forschungen zu einzelnen Akteur_innen (v.a. John Churchill, 1st Duke of Marlborough, seiner Frau Sarah, Queen Anne oder Prinz Eugen von Savoyen), ihren Handlungen und diplomatischen Netzwerken durchgeführt worden sind. Die Forschungen über Konzepte von „Europa“ wurden bisher rein an der offiziellen Pamphletistik und Flugblättern durchgeführt. Sie wurden allerdings noch nie anhand der von den Akteur_innen im Alltag verwendeten diplomatischen Korrespondenz und den darin verwendeten Begriffen und Wörtern analysiert.

Eine Analyse aus der Sicht der Digital Humanities

Ich gehe in meinem Projekt daher diesen neuen Weg der Analyse und rücke erstmals die Wahl der von einzelnen diplomatischen Akteur_innen verwendeten Begriffe und Wörter zur Durchsetzung von europabezogenen Themen und Konzepten in den Fokus. Meine forschungsleitenden Fragestellungen lauten: In welchem quantitativen Umfang können Europabegriffe in den diplomatischen Quellen erfasst werden? Welche Begrifflichkeiten sind im semantischen Umfeld bzw. in Clustern mit Europabegriffen verwendet worden? Welche Themen wurden hierdurch durchgesetzt und welche Entwicklungen der Europabegriffe sind für einzelne Akteur_innen im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges aufgrund von diversen Einflüssen (Kriegsverlauf, Friedensverhandlungen, usw.) erfassbar?

Zur Umsetzung der Forschungen wird ein in den Digital Humanities benötigtes breites Sample an Quellen von einzelnen diplomatischen Akteur_innen aus allen kriegführenden Parteien erfasst. Diese Quellen, die primär aus dem Haus-, Hof und Staatsarchiv in Wien, sowie aus dem Bayrischen Hauptstaatsarchiv in München und den National Archives in London (Kew) ausgehoben werden, beinhalten im Wesentlichen einen thematischen Querschnitt von diplomatischen und auch militärischen Themen jener Zeit. Diese breite Auswahl von Archiven und Quellen ermöglicht es, einen möglichst repräsentativen Teil der diplomatischen Elite Europas abzudecken und damit auch ein statistisch auswertbares Ergebnis zu erhalten. Insgesamt konnten bisher 36.417 Korrespondenzen erfasst und ausgewertet werden, die aus Quelleneditionen (34.889) und selbst ausgehobenen Archivquellen des Haus-, Hof-, und Staatsarchives in Wien (1.518) bestehen. Alle Quellen wurden inhaltlich auf das Vorkommen des Begriffes „Europa“ untersucht und anschließend auf eine (vorläufige) Gesamtzahl von 812 Quellen/-stellen mit „Europabegriffen“ (657 englisch- bzw. französischsprachige, 104 niederländischsprachige und 51 deutschsprachige) eingegrenzt. Diese wurden in einzelnen Quellenstellen in ein Microsoft Word Dokument extrahiert. Damit gelang es in erster Linie zu verdeutlichen, dass „Europa“, wenn auch nur in 2,22% der (bisher) untersuchten Quellenstellen, an konkreten und bestimmten Quellenstellen eingesetzt wurde.

Zur weiteren Analyse werden die Quellenstellen in die Software MAXQDA eingespeist. Mit diesem für die Forschungen der Digital Humanties entwickelten und auf qualitative Textanalyse spezialisierten Programm kann nicht nur die allgemeine semantische Struktur von Texten, sondern auch die Analyse von Bedeutungsstrukturen aus un- oder schwachstrukturierten Textstellen herausgearbeitet werden. Hierfür werden die gefundenen Nennungen mit dem semantischen Kontext erfasst (je nach Quellenstelle der gesamte Satz bzw. Absatz). Anschließend werden mittels tagging einzelne Informationselemente markiert. Dies dient dazu, diese Elemente mit zusätzlichen Informationen (etwa bestimmten Schlagwörtern) zu versehen und sie in einen gemeinsamen Informationskontext zu setzen, damit eine gewisse Struktur in die Daten gebracht werden kann. In meinen Forschungen geschieht dies im semantischen Umfeld von „Europa“, indem einzelne weitere Begriffe bzw. Begriffscluster mit Tags gekennzeichnet werden und darauf als einzelne Textelemente in einen Bezug zueinander bzw. auch in Bezug zum Hauptbegriff gesetzt werden.

„Europa“ als Terrain des Konfliktes und als Konzept zur Durchsetzung von Informationen innerhalb der diplomatischen Elite

Mit den bisher durchgeführten Analysen konnten innerhalb des Textdokumentes nicht nur die einzelnen Europabegriffe selbst, sondern auch daran regelmäßig angehängte Begriffe und Begriffscluster erfasst werden. Die allgemeinen und über tagging auf diese Quellenstellen durchgeführten Analysen belegen, dass das allgemeine Themenspektrum der Korrespondenzen von der Werbung um den Eintritt in die Allianz(en) bis zur Durchsetzung von Konzepten um die (zukünftige) Friedensordnung reichte. Auch einschneidende, nachhaltige Ereignisse jener Jahre, wie u.a. der frühe Tod Kaiser Josephs I. oder Siege bzw. Niederlagen in Schlachten und Belagerungen, wurden meist im Kontext von „Europa“ verwendet. Zusätzlich kann belegt werden, dass Cluster um „Europa“ grundsätzlich über den gesamten Messzeitraum von allen Kriegsparteien benützt, weiterentwickelt und in alle Arten der Korrespondenz eingebaut wurden. So konnten auch einzelne entscheidende Schwerpunkte der Verwendung von Konzepten festgestellt werden, da es innerhalb der Briefe einzelne Phasen mit verstärkter Verwendung und Phasen mit einer verringerten Verwendung von „Europa“ gab. Eine generelle Häufung der Begriffsverwendung trat beispielsweise am Kriegsbeginn bzw. der ersten Phase des Krieges (ca. 1700–1704) und auch in der Spätzeit des Krieges (ca. 1709–1714) auf.

Die im semantischen Kontext von den thematischen Feldern gebildeten Begriffscluster zu bzw. um „Europa“ waren meist eine Vielzahl von verschiedenen allgemeinen Wörtern und Begriffen, die grundsätzlich auch in anderen Korrespondenzen regelmäßig verwendet wurden. Allerdings lassen sich einige spezifische Begriffe feststellen, die häufig in Verbindung mit „Europa“ verwendet wurden. Hierzu zählen u.a. „System(a)“, „common/commune“ (gemeinsam), „public(que)“ (öffentlich), „Balance“, „Barriere“, „Verwirrung“ oder „Freiheit“. Diese Begriffe wurden meist im Satz- bzw. Textaufbau an „Europa“ angehängt und erfuhren über diese semantische Verbindung eine allgemein anerkannte Begründung, da sie damit für die diplomatische Elite des Kontinents als Bindeglied greifbar wurden. Mit dieser Verwendung konnten auch die in der Korrespondenz diskutierten Konzepte generell an Themen angekoppelt, präzisiert und für Empfänger_innen der Nachricht unmissverständlich in ihrer politischen Tragweite verdeutlicht werden. Daraus erklärt sich auch die generelle Durchsetzung der Verwendung dieser Begriffe in allen Kriegsparteien und den von den diplomatischen Akteur_innen verwendeten Sprachen. Damit konnten auch eigene Interessen durchgesetzt, sowie (Folgen von) politischen Strategien und Kurswechsel einiger Länder begründet oder auch davor gewarnt werden (siehe hierzu die Quellenstelle im Titelbild).

Konkrete Beispiele für solche Konzepte lassen sich im Kontext von einigen entscheidenden Maßnahmen und Ereignissen der Mächtepolitik jener Jahre belegen. Dies ist in den diplomatisch übermittelten Kriegserklärungen Englands und der niederländischen Generalstaaten an Frankreich (1702) oder beim Übertritt von Savoyen-Piemont in das Lager der Großen Allianz (1703) zu erkennen. Genauso wurden mit der Aufnahme der späteren Friedensgespräche (ab 1709) mit diesen Begriffsclustern auch Friedenskonzepte für die zukünftige Ordnung Europas gefördert und durchgesetzt bzw. von der kaiserlichen Seite eine Fortsetzung des Krieges gefordert. So wurde von einzelnen Diplomat_innen der Allianz immer wieder die Installierung einer europaweiten Barriere zu Frankreich (neben der Grenze zu den Niederlanden, auch in Italien oder Spanien) und eine generelle „Balance of Power“ oder „Equilibre“ der Mächte des Kontinents beworben, wobei dies auch im Gegenzug von der französischen Seite in deren Korrespondenz genutzt wurde, um auch vor einer Übermacht eines anderen Landes zu warnen.

Durch die systematische quantitative und qualitative Erfassung von Korrespondenzen aus der Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges (1701–1713/14) leistet meine Dissertation einen Beitrag zu einem repräsentativen und differenzierten Bild über die Verwendung und Instrumentalisierung des Europabegriffs in der Hochdiplomatie der Frühen Neuzeit. Dabei werden nicht nur allgemeine diplomatische Informationsverbreitungsarten untersucht, sondern auch Kommunikationsstrategien neu beleuchtet, auf denen die zukünftige Diplomatieforschung der Frühen Neuzeit aufbauen kann. Zusätzlich soll meine Dissertation einen Beitrag dazu leisten, dass Ansätze der Digital Humanities in diesem Fachbereich verstärkt verankert werden.

Literatur

Falkner, James, The War of the Spanish Succession 1701-1714, Barnsley 2015.
Kampmann, Christoph, Arbiter und Friedensstiftung. Die Auseinandersetzung um den politischen Schiedsrichter im Europa der Frühen Neuzeit (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte 21), Paderborn-München-Wien-Zürich 2001.
Schmale, Wolfgang, Geschichte Europas, Wien 2000.
Strohmeyer, Arno, Theorie der Interaktion. Das europäische Gleichgewicht der Kräfte in der Frühen Neuzeit, Wien-Köln-Weimar 1994.  

(Patrick Plaschg)

37-portrait-plaschgPatrick Plaschg wurde 1989 in Innsbruck geboren. An der Universität Innsbruck hat er im Bachelor Geschichte und im Bachelor Archäologien sowie darauf aufbauend im Master Geschichte studiert. Aktuell befasst er sich im Doktoratsstudium Geschichte mit dem Thema „Europavorstellungen und Europakonzepte in diplomatischen Korrespondenzen zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges“. Im Jahr 2019 hat er zusätzlich im FWF-Projekt zum sogenannten „Alpenbund (1810-1813)“ bei Claus Oberhauser gearbeitet und ist seit 2020 Stipendiat des Vizerektorates für Forschung der Universität Innsbruck. Seine Fachgebiete innerhalb des Fachgebietes (Frühe) Neuzeit sind die Politik- bzw. Diplomatiegeschichte und die Militärgeschichte, sowie die Schlachtfeldarchäologie.

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