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Bludenzer Namenbuch. Namenlandschaft einer Alpenstadt

Flurnamen sind als historisch gewachsene Namen kleinräumiger Landschaftsteile ein wesentlicher Bestandteil der Sprach- und Kulturgeschichte einer Region. Valentina Kaufmann befasst sich in ihrer Dissertation mit dem Flurnamengut der Stadt Bludenz in Vorarlberg. Besonders hervorgehoben wird darin die Relevanz dieser Namen in der aktuellen Lebenswirklichkeit der lokalen Bevölkerung.
Namenlandschaft als Kulturgut

Die Stadt Bludenz liegt im südlichen Vorarlberg, dem westlichsten Bundesland Österreichs. Die vielfältig strukturierte Landschaft in dieser Region und die landwirtschaftliche und kulturelle Nutzung haben zur Entstehung eines reichen Namenschatzes geführt. Diese Namen sind historisch gewachsen, beziehen sich auf (einst) konkrete Gegebenheiten und bestehen oft jahrhundertelang im lokalen mündlichen Sprachgebrauch. Flurnamen dienen und dienten einerseits durch ihre raumerschließende Funktion der Orientierung im Gelände und andererseits durch ihre raumbildende Funktion der Identifizierung von Örtlichkeiten in der Landschaft. Sie sind vor allem im landwirtschaftlichen Bereich auch heute noch ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation. Die Benennung von Äckern, Weilern, Wäldern, Wiesen und Bergen folgte unterschiedlichen Motivationen. So kann die Art der landwirtschaftlichen Nutzung, die Lage oder die Geländeform ausschlaggebend für die Bezeichnung sein.

Die Toponomastik beschäftigt sich mit der Sammlung, Untersuchung und Erforschung der Bezeichnungen von Örtlichkeiten. Flurnamen im allgemeinen Sinn zählen zu den Toponymen, genauer zu den Mikrotoponymen. Flurnamenforschung zielt darauf ab, alle im Gelände verhafteten Flurnamen und ihre historischen Formen ebenso wie die urkundlich überlieferten Orts-, Berg-, Weg-, Gelände- und Gewässernamen des untersuchten Gebiets zu sammeln.

Auch wenn sich einige Aspekte der namenkundlichen Entwicklungsgeschichte als gesamtheitliche Phänomene begreifen lassen, ist doch die regionale bzw. lokale Aufbereitung in Form von räumlich begrenzten Untersuchungen für die Namenkunde von weitaus größerer Bedeutung.

Die Vorarlberger Flurnamen bieten wertvolle Einblicke in historische Verhältnisse und sind ein wichtiger Bestandteil des sprach- und soziogeschichtlichen Kulturerbes der Region. Seit 2011 sind die Vorarlberger Flurnamen Teil des österreichischen „Immateriellen Kulturerbes“ und so besteht nicht nur in der Gesellschaft ein besonderes Interesse an ihrer Erforschung, sondern auch in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sowie in der Abteilung für Raumplanung des Landes Vorarlberg.

Sammlung und Erforschung von Flurnamen

Einen wertvollen ersten Anhaltspunkt für die Sammlung der Bludenzer Flurnamen lieferte das Vorarlberger Flurnamenbuch von Werner Vogt, welches in neun Bänden zwischen 1970 und 1993 erschienen ist und für alle 96 Gemeinden Vorarlbergs insgesamt 38.554 Flurnamen auflistet. Diese Sammlung ist das Ergebnis jahrzehntelanger Sammlungstätigkeit schriftlicher und mündlicher überlieferter Flurnamen und brachte wesentliche Fortschritte im Bereich der Flurnamenforschung in Vorarlberg. Mit diesem Buch entstanden zudem Flurnamenkarten für jede einzelne Gemeinde, in denen die Flurnamen geografisch verortet wurden. Dieses Gesamtwerk Werner Vogts wurde am 16. März 2011 als „Mündliche Tradition in Vorarlberg“ in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen.

Auf Grundlage dieses Flurnamenbuchs konnten zudem alle Vorarlberger Flurnamen in das Vorarlberger Geoinformationssystem des Landesamts für Vermessung und Geoinformation – das sogenannte VoGIS – eingespeist werden. Alle Flurnamen Vorarlbergs nach Werner Vogt sind in diesem digitalen Atlas jederzeit öffentlich einsehbar.

Seit Jahrzehnten besteht in Vorarlberg allerdings Interesse daran, diese reine Auflistung der Flurnamen durch weiterführende Forschungen zu ergänzen und diese Namen in Hinblick auf ihre Etymologie und ihre sprachliche bzw. siedlungsgeschichtliche Auswertung zu untersuchen. Dies geschah bisher lediglich zum Namengut einzelner Gemeinden und Talschaften.

Meine Dissertation fügt sich in eine Reihe wissenschaftlicher Bearbeitungen der Vorarlberger Flurnamen ein und schließt mit dem „Bludenzer Namenbuch“ ein bisher bestehendes Forschungsdesiderat. Die Forschungen beinhalten dabei auch die Erstellung einer digitalen Flurnamenkarte, welche eine genaue Lokalisierung und Darstellung der Namen aller Örtlichkeiten beinhaltet. Darüber hinaus wird in Zusammenarbeit mit der Abteilung „Raumplanung und Baurecht“ des Landes Vorarlberg an der Digitalisierung der Flurnamen sowie deren Hintergründen gearbeitet. Vorgesehen ist, dass in der Karte des VoGIS zusätzlich zum Flurnameneintrag Informationen zur Etymologie und Aktualität aller Flurnamen angezeigt werden.

Handschriften, Urkunden, Karten

Grundlage für die Sammlung war einerseits das Vorarlberg Flurnamenbuch und andererseits der Digitale Atlas Vorarlberg (VoGIS). Nach der Sammlung der Flurnamen erfolgte die Prüfung der urkundlichen Belege bzw. die Quellenrecherche in den Beständen des Vorarlberger Landesarchivs in Bregenz. Hinzu kommen die Urkunden-, Akten- und Handschriftenbestände des Stadtarchivs Bludenz, des Vogteiamtes Bludenz sowie der Pfarrarchive Bludenz und Braz. Als besonders ergiebig erwiesen sich Verkaufsurkunden, welche meist nicht nur die betreffende Flur nennen, sondern diese durch ihre relative Lage zu anderen Fluren im Gelände verortet. Besonders wertvolle Einblicke in die geschichtliche Geografie der Flurnamen boten darüber hinaus historische Karten. Im Österreichischen Staatsarchiv ist umfangreiches historisches Kartenmaterial archiviert, wie etwa die Karten der Franziszeischen Landesaufnahme oder die Österreichische Generalkarte von Mitteleuropa, die alle auch in digitalen Versionen zur Verfügung stehen.

Klassisches Namenbuch mit Aktualitätsbezug zur Bewahrung des kulturellen Erbes

Meine Dissertation widmet sich dieser vielfältigen Namenlandschaft der Stadtgemeinde Bludenz. Denn Flurnamen im Allgemeinen und der Bludenzer Flurnamenschatz im Besonderen eignen sich nicht nur hervorragend für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einer Region, sondern auch mit gegenwärtigen Verhältnissen. Das Bludenzer Namenbuch ist aus methodischer Sicht wie ein klassisches toponomastisches Namenbuch aufgebaut und listet alle Flurnamen durch einzelne Nameneinträge in alphabetischer Reihenfolge auf. Darin werden um die 600 Namen von Örtlichkeiten in Bludenz inklusive ihrer Lokalisierung, Kategorisierung, mundartlichen Aussprache, Beleglage, Deutung und ihres Aktualitätsbezugs erfasst.

Ein typischer Eintrag eines Flurnamens im Namenbuch sieht folgendermaßen aus (durch Anklicken vergrößerbar):

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Besonderer Fokus wird auf den Aktualitätsbezug gelegt, denn das steigende Interesse an diesem kulturellen Erbe bewirkt zunehmen einen Einbezug der Flurnamen bei der Benennung von verschiedensten Objekten. Es gab in Bludenz vielfältige Bestrebungen, diese alten Namen in den Alltag und die Lebenswirklichkeit einzuflechten, um dieses Namengut in lebendiger Erinnerung zu halten und ein Bewusstsein für Lokalität zu demonstrieren.

So sind beinahe die Hälfte der Bludenzer Straßennamen nach Flurnamen benannt, wie beispielsweise der Zafeierweg nach der Flur „Zafeier“ oder der Strof-Motta-Weg nach den beiden Fluren „Strof“ und „Motta“. Darüber hinaus sind Flurnamen bei Wohnsiedlungen sowie Gewerbegebieten namengebend. Die Reihenhausanlage „In der Halde I“ und das Betriebsgebiet Alfenz sind nach dem Flurnamen „Halden“ und dem Gewässernamen „Alfenz“ benannt. Auch kommunale Einrichtungen wie das Trinkwasserkraftwerk Altoffa, das von den Trinkwasserquellen Altoffa-West und Altoffa-Ost gespeist wird, tragen einen Flurnamen in der Bezeichnung. Das High-Tech-Unternehmen Kaplina Engineering wählte seine Firmenbezeichnung nach dem ersten Standort des Unternehmens in der Flur „Kaplina“. Darüber hinaus tragen zahlreiche Haltestellen des öffentlichen Verkehrs, Wanderrouten, Jagdzonen und -hütten sowie weitere Objekte alte Namen in ihren Bezeichnungen. Durch Gespräche mit Gewährspersonen wurden und werden zudem Informationen über die genauen Hintergründe der Benennung und die dahinterstehenden Motivationen in diese Arbeit einfließen.

Es geht also nicht nur um die Sammlung und Deutung der Namen, sondern auch darum zu untersuchen, wie das Wissen über dieses (identitätsstiftende) Erbe aktiv verbreitet und genutzt wird. Es geht darum, dieses Kulturerbe zu erhalten und greifbar zu machen.

(Valentina Kaufmann)

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Valentina Kaufmann wurde 1993 in Bludenz geboren. Sie studierte von 2013 bis 2018 Deutsch sowie Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung im Rahmen des Lehramtstudiums an der Universität Innsbruck. Bereits in ihrer Diplomarbeit „Bludenzer Familiennamen des 17. Jahrhunderts“ widmete sie sich der Onomastik und der Regionalgeschichte ihrer Heimatstadt. 2018 begann sie ihr Doktorat an der Universität Innsbruck im Bereich der Sprach- und Medienwissenschaft am Institut für Germanistik. Sie ist nebenbei am Wirtschaftsförderungsinstitut Innsbruck als Deutsch-Trainerin tätig. Seit Februar 2021 erhält sie ein Doktoratsstipendium aus der Nachwuchsförderung der Universität Innsbruck.

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