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Rassismus und Privilegien – (Un)Möglichkeiten rassismuskritischer Praxis

„Check your privileges“ ist der bekannte Ausspruch der „critical whiteness studies“, der vor allem in Universitäten und Antirassismusorganisationen rezipiert wird. Was passiert, wenn Menschen ihre Privilegien hinterfragen? Wie sieht dieses „Privilegien-Checken“ konkret aus? Wie können Biographien von privilegierten Antirassisten* dahingehend analysiert und gedeutet werden?

Seit einigen Jahren wird im deutschsprachigen Raum vermehrt über die Zusammenhänge von Rassismus und Privilegien diskutiert. Beginnend vor allem in der metropolitanen Zivilgesellschaft um Vereine wie „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ und der Rassismusforschung der 1990er und 2000er Jahre hat sich ein Forschungsbereich entwickelt, der sich „kritische Weißseinsforschung“ nennt und sich mit der sogenannten „Dominanzgesellschaft“ auseinandersetzt. Die Denkbewegung besteht darin, Rassismus nicht nur als ein System der Abwertung und der Konstruktion von meist negativ konnotierten „Anderen“, sondern auch als ein System der Aufwertung mitsamt der Erzeugung von „Eigenen“ zu verstehen. Die Folgefragen lauten dann: Wie wirkt sich Rassismus auf jene aus, die als Teil der „Mehrheitsgesellschaft“ oder „Dominanzgesellschaft“ angesehen werden? Welche Rolle spielt die Zuschreibung als „weiß“ oder „einheimisch“? Welche Privilegien ergeben sich daraus? Welche Selbst- und Fremdbilder entwickeln Menschen, die als Teil eines kollektiven „Wir“ adressiert werden?

Rassismus

Um diesen Fragen nachgehen zu können, benötigen Forscher_innen eine Theorie von Rassismus, die über das Konzept der Stereotype und Vorurteile hinausreicht. Zwar können Menschen in unterschiedlicher Weise für Rassismus empfänglich und auch mehr oder weniger rassistisch sein – Rassismus ist jedoch weit mehr als ein individuelles Vorurteil. Vielmehr ist er ein strukturelles Phänomen, das mindestens seit der Neuzeit in unterschiedlichen Formen existiert. Die Rassismusforscher Paul Mecheril und Claus Melter definieren Rassismus allgemein als „[…] machtvolles, mit Rassenkonstruktionen operierendes oder an diese Konstruktionen anschließendes System von Diskursen und Praxen […], mit welchen Ungleichbehandlung und hegemoniale Machtverhältnisse erstens wirksam und zweitens plausibilisiert werden“ (Melter & Mecheril 2009: 15). Rassismus findet sich in zeitgenössischen Strukturen (z.B. Fremdenrecht, institutionelle Diskriminierung), Diskursen (z.B. rassistisches Wissen, mediale Diskurse über Migration und Geflüchtete), Praktiken (z.B. Racial profiling, Diskriminierung bei Wohnungs- und Arbeitssuche) und Subjektvorstellungen („Weiße“, „Schwarze“, „Muslime“, „Einheimische“), hat damit also eine gesamtgesellschaftliche Dimension.

Dominanzgesellschaft und Weißsein

Hinter diesem „Neorassismus“ stehen dominante Gesellschaftsgruppen, die von der durch Rassismus hergestellten Ungleichheit profitieren – ob sie es wollen oder nicht. Rassismus muss demnach mit Michel Foucault als eine Machttechnik verstanden werden, die allen Menschen zur Verfügung steht, von der jedoch nicht alle in gleichem Maße profitieren. Privilegien durch Rassismus erhalten vor allem jene, die als Teil der „Mehrheitsgesellschaft“ und kritisch ausgedrückt als Teil der „Dominanzgesellschaft“ erkannt und adressiert werden. Diese Prozesse passieren alltäglich und werden oft von Profiteur_innen nicht wahrgenommen, da sie sich ja als Teil der gesellschaftlichen „Normalität“ fühlen können. Im Gegensatz dazu zeigen Arbeiten zum Alltagsrassismus, wie Rassismus tagtäglich erlebt, erlitten, aber auch bekämpft wird. Wenn Rassismus tatsächlich unsere Gesellschaft mitstrukturiert, uns mit Wissen versorgt, bestimmte Praktiken anleitet und auf unser Selbst- und Fremdbild Einfluss hat, wie kann er dann überhaupt bekämpft oder kritisiert werden? Und wie kann dies aus einer privilegierten sozialen Position gelingen, aus der es häufig schwer fällt, Rassismus überhaupt zu erkennen? Dieses Forschungsinteresse leitet mein erziehungswissenschaftlich-soziologisches Dissertationsprojekt mit dem Arbeitstitel „Rassismen als Techniken der Subjektivierung: Subjektivierung – Subjektbildung – Antirassist*“ an.

Mein Forschungsprojekt

In meiner Dissertation schließe ich an einschlägige Forschungen zu Rassismus und Privilegien an und untersuche eine spezifische „Gruppe“: privilegierte Antirassisten*1. Voraussetzung ist die Mitgliedschaft in einem antirassistischen oder rassismuskritischen Verein und die Selbstpositionierung als Mann* ohne Rassismuserfahrungen oder als „weißer“ Mann*. Erstens können so das Zusammenspiel von Weißsein und Männlichkeit sowie deren Spezifika („white male privilege“) in Bezug auf Antirassismus erforscht werden. Zweitens interessiere ich mich für rassismuskritische Aktivsten*, weil ich dort erwarte, auf Menschen mit Wissen über Rassismus und ihrer Position innerhalb des Rassismus zu treffen. Vielleicht haben sie rassismuskritische Praktiken entwickelt, welche die Fragen nach Privilegien hinfällig machen. Drittens interessiere ich mich für diese Gruppe auch aus biographischen Gründen, da ich mich selbst als von Rassismus privilegierter Antirassist verorte. Als Methodik erscheint die „empirische Subjektivierungsforschung“ als besonders geeignet, da mit ihr sowohl die Diskurs- als auch die Subjektebene beleuchtet werden kann. Die Ebene des Diskurses wird rassismustheoretisch behandelt und die Ebene des Subjektes mittels narrativer Biographieforschung untersucht. Die forschungsleitenden Fragen lauten: Wie wirken sich rassistische Diskurse und rassistisches Wissen auf die befragten Subjekte aus? Wie verhalten sich dabei Rassismus und Privilegien? Wie gehen die Befragten mit Rassismus um? Welche antirassistischen Diskurse und Praktiken entwickeln sie?

Erste Schlussfolgerungen

Aus der groben Interpretation der Interviewdaten können folgende erste Schlussfolgerungen gezogen werden. Erstens: Rassismus subjektiviert auch unbewusst. Die Befragten hatten zwar mehrheitlich angegeben, dass sie in ihrem Umfeld wenig Rassismus erlebt haben, meinten aber damit offene rassistische Diskriminierung in Form von Beschimpfungen. Claudius2 erklärt sich die vermeintliche Abwesenheit von Rassismus in seiner Kindheit folgendermaßen: „Weil, weil de facto keine Minderheiten da waren. Es wurde niemand diskriminiert, weil, weil es niemanden zu diskriminieren gab quasi.“ Seine Kindheit in einem relativ wohlhabenden Vorort, der scheinbar nur aus „Weißen“ oder „Einheimischen“ besteht – er spricht das nicht aus, was typisch für die „normale“ dominanzgesellschaftliche Position ist –, bringt er nicht in Bezug zu rassistischen Strukturen. Die Tatsache, dass er Menschen als „Minderheiten“ erkennen kann, die vermeintlich „anders“ sind und die dann rassistisch beleidigt werden können, setzt er nicht in Bezug zu rassistischen Subjektpositionen.

Die zweite für mich überraschende Schlussfolgerung lautet: Die befragten Aktivisten* „checken“ ihre Privilegien. Luca erzählt von einem Gespräch mit einem Freund über Privilegien: „[…] Alter, du scheiß, du scheiß privilegierter weißer Junge, was sagst du hier, der Klimawandel. Du in deiner, in deinem großen Haus hier in Hamburg (lachend). Wie kannst du nur sagen, dass der Klimawandel nicht vom Menschen erzeugt (klopft auf den Tisch) ist, also. Also so. Und darüber offen zu reden, das finde ich, eine unglaublich (.) weiterbringende Erfahrung […]“. In allen Interviews wurde von den Befragten in der einen oder anderen Weise angesprochen, dass sie sich in privilegierten Positionen befinden und ihnen dies auch bewusst ist. Sie beschäftigen sich mit rassismuskritischer Literatur, kennen die Diskussionen zu „Weißsein“ und hegemonialer Männlichkeit und verorten sich selbstkritisch als privilegierte Bildungsbürger*.

Die dritte Schlussfolgerung erklärt allerdings, warum ihr rassismuskritisches Engagement trotzdem als „Scheitern“ bezeichnet wird: Die Selbsttechniken, also die Strategien, mit denen die rassismuskritischen Befragten ihre privilegierte Verstrickung mit Rassismus bekämpfen wollen, sind genauso in rassistische Diskurse verstrickt. Luca hat nach dem Abitur in Deutschland ein freiwilliges soziales Jahr in Ecuador absolviert. Mit diesem Engagement wollte er aus seiner privilegierten Situation hinaustreten und Weltzusammenhänge kennen und verstehen lernen. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse daraus deutet er folgendermaßen: „Also, (klopft auf den Tisch) deshalb habe ich auch immer in Ecuador gemerkt, (.) ah das war immer (.) ähm für mich nicht so verständlich, am Anfang, warum die Leute sich überhaupt nicht für Politik interessieren. Oder gar nicht politisch sind, oder. Ähm und ich fand es schade, dass ich kaum politische Menschen kennengelernt habe. Aber es gibt einfach auch viel weniger politische Menschen in, in Ecuador. Weil ähm einfach ganz andere Dinge im Zentrum stehen. (.) Grundbedürfnisse stillen und irgendwie die Familie durchkriegen und ähm, (..) die Familie glücklich machen sozusagen und.“ Luca ist dem Narrativ des „Entwicklungshelfers*“ gefolgt und sieht in seinen Beschreibungen eine „unterentwickelte“, „traditionelle“ Gesellschaft. Die ausgeprägte Demonstrations- und Protestkultur in Ecuador übersieht er vollkommen und systematisch. Er tut dies, um sich selbst als ein „politisches“, handlungsfähiges Subjekt darstellen zu können. Im Gegensatz dazu seien die Menschen Ecuadors in ihren traditionellen, unpolitischen, armen Verhältnissen gefangen. In einer späteren Sequenz beschreibt Luca dieses Erlebnis als Initialzündung für sein politisches Engagement. Über die Konstruktion und Verwerfung des „Anderen“ mitsamt der Externalisierung patriarchaler Strukturen, was sich in seiner Interpretation der ecuadorianischen Familie implizit erkennen lässt, konstituiert sich demnach das politisch handelnde und damit Welt gestaltende „weiße“, westliche, männliche* Ich.

Produktives Scheitern

Meine bisherige Forschung zeigt, dass die Subjektposition des „weißen“ antirassistischen Mannes* eine spezifisch rassistisch und sexistisch hergestellte Position ist, die trotz des vorhandenen Wissens der darauf adressierten Akteure weder vollständig erkannt noch transformiert werden kann. Das Hauptproblem ist nämlich, dass die angewandten Selbsttechniken wie Reflexionen, Reisen und Bildung auch von Rassismen und Sexismen durchzogen sind. Rassismus prägt also tatsächlich (bewusst und unbewusst) privilegiert positionierte Menschen. Das Wissen darüber reicht aber nicht aus, um Rassismus und die eigenen Verstrickungen erfolgreich bekämpfen zu können. Diese rassismuskritische Praxis ist demnach häufig von Prozessen des Scheiterns begleitet, das aber durchaus als produktiv bezeichnet werden kann. Denn die Momente des Scheiterns zeigen die rassistischen Machteffekte besonders deutlich auf und können im Weiteren als Ausgangspunkt für weniger rassistische Praktiken und weniger hegemoniale Technologien des Selbst dienen. Beispiele dafür können etwa „Unlearning“, „Erinnerungsarbeit“, „Unsichtbares Theater“ sein – Selbstpraktiken, die an den Rändern und im Konflikt mit der „weißen Vorherrschaft“ entstanden sind. 

Die Zugehörigkeit zur Kategorie „Männer“ ist eine Selbstbezeichnung und soll nicht zur Rekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit beitragen.
Die Namen wurden geändert.

Literatur

Paul Mecheril, Claus Melter, Rassismustheorie und -forschung in Deutschland. Kontur eines wissenschaftlichen Feldes, in: Paul Mecheril, Claus Melter (Hrsg.), Rassismuskritik, Bd. 1: Rassismustheorie und –forschung, Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag 2009, 13–22.


(Florian Ohnmacht)

Foto OhnmachtFlorian Ohnmacht ist seit Januar 2019 als Universitätsassistent am Lehr- und Forschungsbereich Migration und Bildung des Instituts für Erziehungswissenschaft tätig. Zuvor hat er Politikwissenschaft und Soziologie studiert und im Anschluss daran als Universitätsassistent am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck gearbeitet. Seit 2017 ist Florian Ohnmacht Kollegiat des Doktoratskollegs „Dynamiken von Ungleichheit und Differenz im Zeitalter der Globalisierung“ am Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“.

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