Eine andere Dimension

Zusatzmaterial zum Artikel "TECHNIK" 

Dekan Arnold Tautschnig über die Umbenennung in „Technische Fakultät“, eine Studienkooperation und ein „Face-Lifting“, was ­gemeinsam neues technisches Forschen und Lehren ermöglichen soll.

 

ZUKUNFT: Am 1. Jänner 2013 tritt die Umbenennung der Fakultät für Bauingenieurwesen in Fakultät für Technische Wissenschaften in Kraft. Was ändert sich dadurch – außer der Name?

ARNOLD TAUTSCHNIG: Kurz zur Vorgeschichte: Wir hatten vor fünf, sechs Jahren einen Studentenmangel mit nur 50, 60 Studienanfängern im Jahr. Es kam auch zu Diskussionen über die Daseins-Berechtigung der Fakultät für Bauingenieurwissenschaften und ihre Ausrichtung, unter anderem, ob man denn nicht andere, verwandte Studien dazu nehmen könnte. Im Zuge der Technologieoffensive des Landes Tirol wurden dann vor rund viereinhalb Jahren Stiftungsprofessuren im Bereich Mechatronik – vor allem für die Privatuniversität UMIT – angedacht. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Tirols Wissenschaftslandesrat Bernhard Tilg hat der damalige Rektor Karlheinz Töchterle  angeregt, dass nicht nur die UMIT sondern auch die Universität Innsbruck Stiftungsprofessuren für neue Technik-Studien bekommt. Und das ist passiert. Insofern ändert sich die Fakultät, nicht nur weil wir neue Studien – Mechatronik –, sondern auch neue Fachrichtungen bekommen, z.B. Maschinenbau. Dadurch werden wir ein viel interdisziplinäreres Team. Wir können  auch interdisziplinärer forschen, sind nicht mehr auf den reinen Baubereich und die damit zusammenhängenden technischen Aspekte begrenzt, sondern können nun auch Randbereiche des Bauwesens mitbetreuen. Zusammengefasst: Wir erwarten uns, dass wir in eine andere Dimension des technischen Forschens und Lehrens vorstoßen.

ZUKUNFT: Es stehen eine Reihe von neuen Professuren an – wie wird sich die Fakultät dadurch entwickeln?

TAUTSCHNIG: Wir bekommen jetzt einmal drei Stiftungsprofessuren, zwei finanziert das Land Tirol, eine kommt von MED-EL, dem international erfolgreichen Tiroler Hersteller von Hörimplantaten. Eine Stiftungsprofessur des Landes - „Maschinenelemente und Konstruktionstechnik“ – gehört zum klassischen Maschinenbaubereich, die zweite - „Fertigungstechnik“ – kommt eher aus dem Produktionsbereich. Sozusagen aus dem eigenen, von der Universität finanzierten Bereich kommt eine Professur, die ursprünglich für Domotronik gedacht war, und die wir dem Gebiet „Werkstoffwissenschaften in der Mechatronik“ gewidmet haben. Die Nummer 4 von MED-EL wird sich mit Mikroelektronik und implantierbaren Systemen beschäftigen. Diese Professur ist die Fortführung eines Forschungsschwerpunkts an der Fakultät für Mathematik, Informatik und Physik – dort gibt es mit Clemens Zierhofer einen Professor für diesen Bereich und ein auslaufendes Christian-Doppler-Labor. Mit Zierhofer und der neuen Professur haben wir dann zwei Personen in Leitungspositionen für den Bereich Hochfrequenztechnik und Mikroelektronik.

ZUKUNFT: So wie jetzt mit den aktuellen hat sich die Fakultät schon in den letzten Jahren mit Hilfe von Stiftungsprofessuren ein neues Gesicht gegeben. Ist bei der heutigen universitären Budgetlage solch ein Facelifting ohne externe Unterstützung überhaupt möglich?

TAUTSCHNIG: Generell halte ich es für eine sehr kluge und gerade wegen der derzeitigen Budgetsituation für eine sehr wichtige Möglichkeit, um neue universitäre Fachgebiete zu eröffnen.

So wäre auf unserer Fakultät der Bereich Holzbau nicht in dem Maße vertreten, wenn wir nicht die Stiftungsprofessur von pro:Holz Tirol und Land Tirol gehabt hätten. Auch die Stiftungsprofessur für Energieeffizientes Bauen mit spezieller Berücksichtigung des Einsatzes von erneuerbaren Energien wäre nicht da. Das sind wesentliche Weichenstellungen, die stattgefunden haben und die von außen initiiert wurden. Das Problem aber ist, dass sich letztendlich die Universität verpflichten muss bzw. soll, nach fünf Jahren diese Professuren aus eigenen Mitteln weiter zu finanzieren – daher muss man bei dieser guten Sache auch die „Langfristwirkung“ berücksichtigen, vor allem die finanzielle.

ZUKUNFT: Einzigartig in Österreich ist sicherlich die studienmäßige Zusammenarbeit mit der Privatuniversität UMIT. Wie sehen Sie das gemeinsame Mechatronik-Studium und welche Vorteile hat die Kooperation für die Studierenden?

TAUTSCHNIG: Für unsere Fakultät war der Vorteil, dass durch die Kooperation eine  Zusammenarbeit mit dem Land Tirol schneller und intensiver möglich war – denn ohne die Kooperation hätten wir nicht zwei der fünf Mechatronik-Stiftungsprofessuren an der Universität Innsbruck. Dadurch wurde die Erweiterung unseres Studienangebots überhaupt erst möglich. Ein Nachteil für die Studierenden ist vielleicht die dezentrale Aufteilung Innsbruck und Hall…

ZUKUNFT: … eine Entfernung, die für Studierende in Wien durchaus normal ist …

TAUTSCHNIG: … ja, aber für Tiroler Verhältnisse liegen die zwei Ausbildungsstätten doch eher weit auseinander. Es war eine gewisse organisatorische Herausforderung, wir haben es tageweise so gelöst, dass die Studenten nicht jeden Tag hin und her fahren müssen. Ein Vorteil ist auch, dass wir dadurch die UMIT in ihrer Arbeit besser kennen lernen und auch in deren Weiterentwicklung involviert sind. Ich bin z.B. Mitglied des wissenschaftlichen Beirats. Dadurch ergeben sich formelle und informelle Kontakte, die durchaus zu Forschungs- oder Publikationstätigkeiten führen können und auch führen.

ZUKUNFT: Sind noch andere neue Studien angedacht?

TAUTSCHNIG: Es gibt Gespräche mit Kollegen aus Südtirol und Trient, die gemeinsam das Masterstudium „Energy Engineering“ anbieten – wir sind dabei derzeit im Bereich der Lehre engagiert. Ob es intensiver wird, wird sich zeigen. Eine Möglichkeit wäre auch, bei einem Studium der Bauwirtschaft bzw. Baulogistik in Bozen, eventuell auch Trient dabei zu sein, weil in Italien die Geometerschulen – eine Art Bau-HTL – keine Berufsbefähigung mehr anbieten dürfen. Für diese Ausbildung braucht es jetzt laut EU einen Bachelor und einen qualifizierten Ausbildungsanbieter. Auch gemeinsame Doktoratskollegs wären eine Idee. Es gibt sehr wohl Überlegungen, es ist aber noch nichts konkret.

ZUKUNFT: Und an der Uni Innsbruck?

TAUTSCHNIG: Wir wollen das Masterstudium Bau- und Umweltingenieurwissenschaften aufsplitten, in ein klassisches Masterstudium Bauingenieurwissenschaften und ein Masterstudium Umweltingenieurwissenschaften. Der Bachelor wäre gemeinsam, der Master gesplittet.

ZUKUNFT: Zurück zur UMIT. Gibt es schon Kooperationen über das Studium hinaus?

TAUTSCHNIG: Ja, im Bereich Robotik gibt es konkrete Gespräche und Forschungsprojekte, bei uns fällt das in den Arbeitsbereich von Manfred Husty, der mit UMIT-Professor Michael Hofbaur, der aus dem Automatisierungsbereich kommt, zusammenarbeitet. Für den Bereich Medizintechnik, der an der UMIT stark vertreten ist, sind wir derzeit noch nicht der erste Ansprechpartner. Es kann aber durchaus dazu führen, wenn wir die Professur für Werkstoffwissenschaften in der Mechatronik haben – ich denke, dass es da gemeinsame Forschungsprojekte geben wird, z.B. mit Christian Baumgartner, der an der UMIT die elektronischen und elektrotechnischen Aspekte des Zellbereichs erforscht.

ZUKUNFT: Täuscht der Eindruck, dass die Forschungs- und Arbeitsergebnisse der Fakultät heute präsenter sind als – sagen wir – vor zehn, 15 Jahren?

TAUTSCHNIG: Ich hoffe, dass er nicht täuscht. Vor zehn Jahren, als es auch noch die gemeinsame Fakultät mit den Architekten gab, standen die klassischen Bauingenieurdisziplinen – Betonbau, Stahlbau, Tunnelbau, etwas Holzbau – im Vordergrund. Die Entwicklung seither, vor allem in den letzten fünf, sechs Jahren hat – auch durch die Stiftungsprofessuren – dazu geführt, dass wir mehr durch den Bereich Energieeffizientes Bauen präsent sind. Dies wird auch durch Aktivitäten des Landes und der Standortagentur nach außen transportiert – da geht es um das Passivhaus, das von Kollegen Wolfgang Feist forciert wird, das Energieeffiziente Bauen durch Wolfgang Streicher. Zudem ist die gesamte Energiethematik mit Einbindung der technischen Disziplinen in das tägliche Leben bedeutsamer als vor zehn Jahren. Das trifft natürlich auch auf den Umweltbereich zu, den Wasserbau, die Wasserver- und entsorgung sowie auf die Entwicklung neuer Materialien. Durch die Neuberufungen in den letzten Jahren haben sich da viele neue Aspekte ergeben.

ZUKUNFT: Ein Schwerpunkt der Fakultät dreht sich um intelligente Gebäude. Sehen Sie da Kooperationspotenzial mit den Kollegen von der Fakultät für Architektur?

TAUTSCHNIG: Es gab und gibt, so wie ich das überschauen kann, schon einige Projekte gemeinsam mit den Architekten, z.B. INTENSYS, da ging es um intelligente Systeme im Wohn- und Siedlungsbau. Es könnten aber mehr sein, es gibt sicherlich Verbesserungspotenzial.

ZUKUNFT: Anlässlich der Eröffnung der Baufakultät im Jahre 1970 meinte der damalige Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer, dass dieses neue Lehr- und Forschungszentrum zeigen soll, „wie mit Mitteln der Technik alle Schäden, die die Natur, die Technik und die Hochzivilisation verursachen, bekämpft werden können“. Wie stehen Sie heute zu so einer Aussage?

TAUTSCHNIG: Da ist sicher was dran. Die Reparatur von Schäden, aber auch die Auswirkungen von Klimafolgen, der Schutz der Siedlungsräume vor Naturgefahren sind Schwerpunkte, die bei uns im Arbeitsbereich Wasserbau behandelt werden. Die Schutzfunktion, aber auch die Reparatur von Gebäuden sind ein wesentlicher Teil der Bautätigkeit, mit dem wir uns – aber auch die kommende Generation - beschäftigen werden. Tätigkeiten im Neubau gehen zum Teil zurück, viel wird sich im Bereich Sanierung tun – es gibt Studien, die sagen, dass mehr als 50 Prozent der Gesamtinvestitionen in die Sanierung fließen. Und das wird noch mehr werden. So wie der Schutz vor Gefahren durch Bauwerke, das wird an Bedeutung gewinnen.

ZUKUNFT: Und die von Ihnen angesprochene Energiethematik?

TAUTSCHNIG: Die gesetzlichen Regelungen schreiben vor, diesen Aspekt bei allen Neubauten zu berücksichtigen. Das Problem ist nur, dass Neubauten in dem Bereich schon sehr gut sind. Natürlich gibt es Verbesserungsmöglichkeiten, die liegen aber meiner Meinung nach im technischen Bereich – da braucht es auch viel Forschung. Potenzial gibt es aber sicherlich noch im Infrastrukturbau z.B. beim Brenner Basistunnel. Wie kann man etwa die erneuerbare Energiequelle „Tunnelabwärme“ nutzen? Das Hauptproblem aber sind die bestehenden Gebäude, da kann man bezüglich Energieeffizienz bei der Sanierung wesentlich mehr erreichen – da muss aber auch von der Förderseite mehr passieren, damit wir „den fahrenden Zug nicht versäumen“.