Leitmotiv Exzellenz

Zusatzmaterial zum Artikel "STANDORT" 

Forum-Alpbach-Präsident Franz Fischler wirft einen europäischen Blick auf den Wissenschaftsstandort Tirol, einen kritischen auf die Forschungspolitik der EU und einen optimistischen auf das Forum Alpbach.

 

ZUKUNFT: Wenn Sie einen europäischen Blick – sozusagen aus der Vogelperspektive – auf den Forschungsstandort Tirol werfen würden, was sehen Sie da?

FRANZ FISCHLER: Wenn Sie von Tirol sprechen, meinen Sie das Bundesland oder die Region?

ZUKUNFT: Wir können gerne die Region nehmen, da es inzwischen ja schon einige Kooperationen mit den Universitäten in Bozen und Trient gibt.

FISCHLER: Gut. Die Region ist mit Universitäten sicher reichlich bestückt, wobei natürlich die Landesuniversität in Innsbruck als Volluniversität besonders im Rampenlicht steht. Vergessen darf man auch nicht, dass zum Forschungsstandort die Fachhochschulen dazu gehören und die private Forschung. Ich nenne nur Plansee, Sandoz und GE als Beispiele. Zudem gibt es einige Highlights in der Tiroler Forschung, wie etwa die Innsbrucker Quantenphysik um Rainer Blatt, Peter Zoller und Rudolf Grimm, die international höchste Anerkennung genießt. Mir fallen dazu aber auch einige Institute der medizinischen Universität ein, die einen guten Ruf haben, etwa die Sportmedizin, die langjährigen Leistungen von Raimund Margreiter oder die Onkologieforschung. Natürlich gibt es auch Bereiche, in denen wir nicht so gut aufgestellt sind, in denen wir nur Durchschnitt sind, was sich dann auch im Gesamtranking der Innsbrucker Universitäten niederschlägt. Innsbruck mag zwar im Österreichvergleich gut liegen, aber im internationalen Vergleich liegt es zwischen den Plätzen 200 und 250 …

ZUKUNFT: … bei weltweit rund 17.000 Hochschulen …

FISCHLER: … ja. Ich glaube aber, dass man sich nicht mit den letzten, sondern mit den vorderen Universitäten vergleichen soll. Vielleicht wäre es tatsächlich eine Chance, die Ranking-Platzierung zu verbessern, wenn man die Universität Innsbruck und die Medizinische Universität Innsbruck wieder zusammenführt? Experten sagen, das würde etwas bringen. Es ist aber sicherlich eine komplexe Materie und wegen des Rankings allein wird es nicht gemacht werden.

ZUKUNFT: Tirol gilt in Europa sicherlich als Land des Tourismus, als alpine Region, das Transitproblem wird vielleicht wahrgenommen. Wird Tirol auch als Standort für Wissenschaft, Bildung und Hochtechnologie wahrgenommen?

FISCHLER: Nein, dazu ist es zu klein und es fehlen große Forschungseinrichtungen wie etwa die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihren tausenden Mitarbeitern in Bayern. Das ist eine andere Liga, da spielen wir nicht mit. Mit den Möglichkeiten aber, die Tirol hat, geschieht das bestmögliche. Es spielt aber auch kein anderes Bundesland in dieser Liga mit.

ZUKUNFT: Wird Wien international wahrgenommen?

FISCHLER: Durch die Vielzahl der Universitäten und die Vielfältigkeit. Und auch durch die neuen Exzellenzzentren wie Gugging.

ZUKUNFT: Die im Jahr 2000 verabschiedete Lissabon-Strategie sah vor, die EU bis 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ zu machen. Wurde Ihrer Meinung nach dieses Ziel erreicht oder ist man gescheitert?

FISCHLER: Das ist bei weitem nicht eingetreten, schon im Halbzeitbericht im Jahr 2006 konnte man nachlesen, dass man sogar in einigen Bereichen hinter den Stand von 2000 zurückgefallen ist. Die Formulierung war …

ZUKUNFT: … sehr optimistisch.

FISCHLER: Das ist noch ein Understatement. Da hat sich Europa einfach übernommen. Man muss klar sehen: Europa ist schon gut positioniert, wenn wir mit den anderen Großen der Welt mithalten können. Zu glauben, dass wir die Nummer Eins werden können ist passé. In der neuen Strategie „Europa 2020“ hat man daher realistisch formuliert und eine in meinen Augen sehr gute Kombination gewählt: smart, inclusive and green growth. Innovation ist also weiterhin wichtig, sie soll sich aber auch im Gleichgewicht mit grünem Wachstum und der Armutsbekämpfung befinden. Die EU-2020 Strategie wird derzeit umgesetzt. Dazu hat man diverse Flagschiff-Strategien festgelegt. Diese sind zum Teil beschlossen und in Umsetzung, zum Teil warten sie noch auf eine Beschlussfassung.

ZUKUNFT: Wo sehen Sie Vorteile?

FISCHLER: Man hat die Ziele, die man sich mit den genannten drei Elementen gesetzt hat, quantifiziert. Was z.B. Forschung und Entwicklung betrifft: drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts müssen bis 2020 erreicht werden. Das werden wir aller Voraussicht nach auch erreichen. Vor allem, wenn in den kommenden Monaten die künftige Finanzierung der EU festgelegt wird – da ist nämlich vorgesehen, dass die Ausgaben der EU für Forschung- und Entwicklung nahezu verdoppelt werden. Es zeigt sich aber immer deutlicher ein anderes Problem: Wir haben ein nach wie vor großes Ungleichgewicht zwischen Forschung und Entwicklung. Sicher ist Grundlagenforschung richtig und wichtig, da ist Europa auch relativ gut, die Stufen danach aber, um aus neuen Erkenntnissen auch wirtschaftliche Erfolge zu erzielen, sind unser Schwachpunkt. Wenn es darum geht, aus Erkenntnissen der Grundlagenforschung Technologien zu entwickeln, wenn es um Patente geht oder darum, eine neue Technologie in die Wirtschaft einzuführen, da hinken wir den anderen Hochtechnologieländern nach. Die Amerikaner nennen es „the last mile“ – und diese letzte Meile ist unser Schwachpunkt.

ZUKUNFT: Haben Sie eine Erklärung dafür?

FISCHLER: Das europäische Wirtschaftsklima, vor allem die Finanzierung unserer Wirtschaft ist risikoscheu. Wenn man etwas Neues machen will, ist dies immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Folge der geringen Risikofreude ist, dassin Europa nur halb so viel Risikokapital zur Verfügung steht wie in den USA. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn oft Patente außerhalb von Europa ausgewertet werden. Die Kommission will daher im 8. Forschungsrahmenprogramm stärker auf Entwicklung wert legen.

ZUKUNFT: Wie partizipiert Österreich an solchen Forschungsprogrammen?

FISCHLER: Österreich und die heimischen Universitäten nutzen die Möglichkeiten des Europäischen Forschungsfonds überproportional im Vergleich zu anderen europäischen Staaten.Unsere ForscherInnen müssen sich da keine Kritik gefallen lassen. Es gibt aber noch andere wichtige Rahmenbedingungen, z.B. die Infrastruktur. Da würde ich – auch in Tirol – die Notwendigkeit sehen, dass es eine stärkere Kooperation etwa mit der Industrie gibt, dass insgesamt die Entwicklung von neuen Unternehmen – von Start-Ups – entsprechend forciert und gefördert wird. Tirol muss aufpassen, dass es nicht in eine Deindustrialisierung schlittert. Man darf das nicht unterschätzen: Wir haben Vorzeigebetriebe wie Swarovski, Plansee, Sandoz, GE, Liebherr etc., haben aber bei den Klein- und Mittelbetrieben einen Mehrbedarf, was innovative Unternehmen z.B. im Umweltbereich betrifft. Wir haben viele kleine traditionelle Gewerbebetriebe, aber bei den kleinen Know-how-intensiven Betrieben müsste mehr passieren. Z.B. bei Betrieben, die die Standortvorteile Tirols nutzen können – z.B. wie man mit alpinen Gefahren umgeht bis hin zu erneuerbaren Energienutzungsformen und Möglichkeiten der Effizienzsteigerung. Hier müsste das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft noch stärker optimiert werden.

ZUKUNFT: Im europäischen Rahmen ist Tirol eine recht kleine Region, allein Nordtirol verfügt über acht Universitäten bzw. Hochschulen. Zu viel für das Bundesland?

FISCHLER: Dafür gibt es keinen absoluten Maßstab, daher kann niemand sagen, das ist zu viel oder zu wenig. Ich glaube, man muss das von einer anderen Seite her betrachten: Würden Zusammenschlüsse von Universitäten so viele Synergien bringen, dass sich diese auszahlen? Dann muss man darüber nachdenken. Wobei eines richtig ist: International ist die Tendenz vorhanden, dass sich kleinere Universitäten mit größeren zusammentun um Großgeräte gemeinsam zu nützen oder Doppelgleisigkeiten zu beseitigen und Spezialisierungen auszubauen. Von daher wäre es wert, in Tirol über diese Frage nachzudenken. Im größeren Tirol betrachtet, gibt es natürlich das Problem, dass Nordtirol, Südtirol und Trient glauben, alles selbst machen zu müssen. Da wäre es notwenig, in der Euregio über gemeinsame Forschungsfragen intensiv nachzudenken.

ZUKUNFT: Wie zum Beispiel?

FISCHLER: Im Rahmen des „Europäischen Forums Alpbach“ habe ich in diesem Zusammenhang angeregt, dass anlässlich des alljährlichen Tiroltags ein Podium geboten wird, um über diese Fragen nachzudenken. Wenn wir ein europäisches Forum sein wollen, ist ein Tiroltag als ein „Nur Bundesland Tirol“-Tag etwas kleinkariert. Daher meine Anregung eines Euregiotags, was heuer schon gut funktioniert hat und positiv aufgenommen wurde. Zusätzlich haben die drei Wirtschaftskammern der Regionen einen „Euregio-JungforscherInnen-Preis“ gestiftet, der jeweils unter einem bestimmten Thema steht. 2012 war es das Thema „Sport“. Das soll zu einer ständigen Einrichtung werden, um einerseits die Vernetzung unter den Jungen zu fördern und andererseits ein Signal nach außen zu setzen, dass Forschung wichtig ist.

ZUKUNFT: Europäisch ist in Tirol schon lange das Forum in Alpbach. 1945 als „Internationale Hochschulwochen“ gegründet, heißt es seit 1949 „Europäisches Forum Alpbach“ und ist für Tirol jedes Jahr eine Vorzeigeveranstaltung. Ist es eine solche auch außerhalb von Tirol?

FISCHLER: Vorerst: Schon bei der Gründung 1945 hatte Alpbach die Intention, sich für den europäischen Einigungsprozess einzusetzen. Zur Wahrnehmung: Da gibt es wie überall konjunkturelle Auf- und Abbewegungen. Die Wahrnehmung in der internationalen Presse entspricht noch nicht meinen Vorstellungen. An deren Verbesserung werden wir intensiv arbeiten. Aber allein dass der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, heuer in Alpbach war, dass Ivo Josipović, der Präsident Kroatiens, gekommen ist, dass wir in den nächsten Jahren ebenfalls eine prominente internationale Besetzung haben werden, zeigt schon, dass Alpbach auf europäischer Ebene wahrgenommen wird. Wir müssen aber am Boden bleiben: Wir sind kein Davos, schon allein deshalb, weil wir im Vergleich zu Davos nur rund zwei Prozent der Mittel haben. Das ist aber nicht allein der Punkt, mit Geld allein macht man auch nicht alles. Was das intellektuelle Niveau betrifft, können wir sicher mithalten.

ZUKUNFT: Wie sehen Sie die Kooperation des Forums Alpbach mit den Tiroler Hochschulen und Universitäten? Gibt es Ausbaumöglichkeiten?

FISCHLER: Grundsätzlich gibt es den neuen Tiroltag, den wir weiter intensivieren wollen und hoffen, dass sich alle Hochschulen der Europaregion Tirol einbringen. Dahinter steht die Idee, bei dieser Gelegenheit, Exzellenz zu zeigen, also Professoren einzuladen, die international mithalten können. Dann gibt es in Alpbach einen eigenen Universitäts- und Fachhochschultag, in denen alle österreichischen Unis und Fachhochschulen vertreten sind. Da ist es natürlich ebenfalls naheliegend, dass Tirol eine entsprechende Rolle spielt. Und prinzipiell ist es für uns immer interessant, Tiroler Forscher anzusprechen. Wobei: Das Leitmotiv der Einladung ist Exzellenz. Wenn jemand aus Tirol kommt: umso besser.

 


Franz Fischler (* 23. September 1946 in Absam, Tirol) war der von Österreich gestellte EU-Kommissar für Landwirtschaft, Entwicklung des ländlichen Raumes und Fischerei von 1995 bis Ende Oktober 2004. Von 2005 bis Ende 2011 war Franz Fischler Präsident des Ökosozialen Forums, seit 20. März 2012 ist er Präsident des Europäischen Forums Alpbach.[1]