Wettbewerb hilft
Zusatzmaterial zum Artikel "STANDORT"

 

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle über die „Entfesselung“ der heimischen Universitäten, interuniversitäre Kooperationen, das internationale Standing der Uni Innsbruck und warum die Lehrerausbildung ein universitäres Thema bleiben soll.

 

Zukunft: In der ersten Ausgabe von ZUKUNFT FORSCHUNG meinten Sie damals als Rektor der Universität Innsbruck im Interview, dass man sich von Seiten der öffentlichen Hand mehr Unterstützung erwarten würde. Jetzt sind Sie als Wissenschaftsminister zumindest teilweise in der Rolle eines Wunscherfüllers – welche Wünsche der Universitäten können Sie denn erfüllen?

Karlheinz Töchterle: Was sich die Universitäten immer wünschen, ist mehr Geld. Ich habe sie deswegen auch schon kritisiert, dass sie sich beinahe nur Geld wünschen und sonst nicht viel kommunizieren. Was zu der fatalen Folge führt, dass man die Unis nur als desolat, am Hungertuch nagend wahrnimmt. Klar ist natürlich, dass man Geld braucht, das weiß ich als ehemaliger Rektor. Geld ist natürlich das, was ich als Minister bringen kann – nicht nur, aber auch. Und es schaut gut aus bezüglich einer Hochschulmilliarde, das ist in Zeiten wie diesen bemerkenswert. Und wenn es sie in dieser Größenordnung gibt, wird auch die Universität Innsbruck profitieren. Ein Teil des Geldes wird an den Hochschulplan gebunden sein, der vor allem Kooperation, Synergien, Profilierungen, Schwerpunktsetzungen etc. fördern und belohnen wird. Universitäten, die dabei erfolgreich sind, werden entsprechend daran teilhaben.

Zukunft: Bezüglich Hochschulplan gibt es den Bericht der drei ausländischen Experten Antonio Loprieno, Eberhard Menzel und Andrea Schenker-Wicki*. Auffallend ist dabei ein Leitgedanke – „Wettbewerb und Kooperation gehören gleichermaßen und untrennbar zu einer modernen nationalen Universitätslandschaft“. War dies vor 20, 30 Jahren nicht so?

Karlheinz Töchterle: Nein, bei weitem nicht. Das Universitätsgesetz 2002 hat in diesem Bereich gewaltige Änderungen gebracht – die Autonomie der Universitäten, die „Entfesselung“ im besten Sinne des Wortes. Das haben die Universitäten sehr gut genützt. Ich war am Anfang durchaus ein Skeptiker des UG 2002, muss jetzt aber gestehen – und das verhehle ich auch nicht –, dass es ein mutiger und richtiger Schritt in die Zukunft war. Natürlich kann man immer nachbessern. Aber: es ist jedenfalls dadurch Wettbewerb entstanden, eine neue Kultur in den Berufungen zum Beispiel. Früher war dies zentral über das Ministerium, da wird es wohl auch den einen oder anderen Wettbewerbsfaktor gegeben haben. Jetzt ist es aber ein klassischer Wettbewerb zwischen den Universitäten der ganzen Welt um die besten Köpfe. Das weiß ich, da ich ihn als Rektor bei etwa 100 Berufungen hautnah gespürt habe. Da bläst der eiskalte Wind des internationalen Wettbewerbs und dabei gute Köpfe zu bekommen, ist eine Herausforderung. Weiters haben wir einen Wettbewerb im Drittmittelbereich. Ich würde mir auch einen Wettbewerb bei den Studierenden wünschen – den haben wir nicht. Natürlich ist er hier besonders schwer zu installieren, wünschenswert wäre er aber. Ich war vor kurzem in der Schweiz. An der ETH Zürich hat Präsident Ralph Eichler gesagt, dass die zwei Stärken der ETH Zürich die Autonomie und die guten Studierenden sind. Es gibt aber noch weiteren Wettbewerb – eine Universität mit einer schlanken, gut funktionierenden Verwaltung hat Vorteile gegenüber einer, die dies nicht hat. Wettbewerb hilft sicher, wobei ich betonen möchte, dass ich nicht in allem ein Wettbewerbseuphoriker bin.

Zukunft: Explizit heißt es im Bericht auch, dass Kooperation – gerade in einem kleinen Land wie Österreich – noch weitere Wettbewerbsvorteile bringen könnte. Wo sehen Sie Kooperationspotenziale im heimischen Universitätswesen?

Karlheinz Töchterle: Kooperation geht über die Landesgrenzen hinaus, in Österreich können wir sie steuern, anregen und verstärken. Sie drängt sich vor allem da auf, wo es teuer wird. Es ist besser, ein gutes teures Gerät zu kaufen, das mehrere Universitäten nutzen, statt drei mittelmäßige Geräte für drei Universitäten anzuschaffen.

Zukunft: Ein Beispiel dafür wäre der neue Supercomputer MACH, ein Kooperationsprojekt der Universitäten Innsbruck und Linz.

Karlheinz Töchterle: Ja. Das sind die ersten guten Schritte, bei Rechnern geht es natürlich relativ leicht, weil der Standort relativ egal ist. Sie sind aber in der Zwischenzeit ein extrem wichtiges Forschungsmittel für viele Wissenschaftsdisziplinen und man kann in diesem Bereich aber auch sehr gut kooperieren. Ein weiteres Kooperationsfeld ist jenes, in dem größere Quantitäten notwendig sind. Beispiel wären Doktoratskollegs. Mit drei Doktoranten geht das nicht, es braucht zehn, 20 gute Dissertantinnen und Dissertanten, die im Team arbeiten. Das stellt ein kleineres Fach an einer Universität nicht auf. Sinnvoll ist Kooperation auch in der Forschung. Wenn man gute ERC-Grants oder FWF-Projekte einwerben will, braucht es eine gewisse Masse und Qualität, was für eine Universität oder ein Fach allein oft schwer ist, kann aber mit gemeinsam mit anderen funktionieren. Mit Kooperation kann man aber auch die Qualität und Vielfalt in der Lehre erhöhen, Professorinnen und Professoren von verschiedenen Universitäten etwa bieten ein gemeinsames Curriculum an.

Zukunft: Das würde auf das Mechatronik-Studium in Tirol zutreffen, das von der Universität Innsbruck gemeinsam mit der Privatuniversität UMIT angeboten wird, in dieser Form – staatliche und private Uni – ist es in Österreich einzigartig. Können Sie sich vorstellen, so etwas auch anderen Universitätsstandorten schmackhaft zu machen.

Karlheinz Töchterle: Beim Mechatronikstudium hat uns damals sicherlich auch die Technologieoffensive des Landes animiert. Wissenschaftslandesrat Bernhard Tilg wollte das Studium, er wollte es an der UMIT ansiedeln. Die Universität Innsbruck zeigte Bereitschaft, dabei zu sein und konnte auch zeigen, was sie in diesem Bereich zu bieten hat. So ist die Kooperation entstanden, es gibt an beiden Universitäten Stiftungsprofessuren und es gibt das gemeinsame Studium. Wahrscheinlich gibt es auch ein paar Kinderkrankheiten, aber das ist ganz normal. Auf lange Sicht kann es nur so gehen. Ich kann mir vorstellen, dass zu dieser Kooperation auch das MCI dazukommen wird, wenn es z.B. darum geht, eine größere Lehr- oder Forschungswerkstätte zu bauen. Festzuhalten ist aber auch, dass in solchen Fällen auch immer die Qualität auf allen Seiten stimmen muss – die UMIT hat damals zwei sehr gute Professoren berufen, die mit ihren Kollegen an der Uni Innsbruck exzellent zusammenarbeiten können. Man muss immer auf gleicher Augenhöhe sein, das ist die Voraussetzung, dann passt es.

Zukunft: In diesem Fall war es ein gemeinsamer Weg statt jeweils ein Studium an der Uni Innsbruck und eines an der UMIT. Wie schaut es bei den bestehenden Studien in Österreich aus? Es gibt mehrere Architekturstudien, sehr viele auch unterschiedlichste Wirtschaftsausbildungen an Universitäten, Fachhochschulen und Privatuniversitäten. Loprieno, Menzel und Schenker-Wicki schreiben von rund 1000 Studienmöglichkeiten in Österreich, das wären statistisch gesehen pro Studienmöglichkeit 300 Studierende. Sehen Sie in diesem Bereich Kooperations-, Fusions- oder Konzentrationspotenzial?

Karlheinz Töchterle: Natürlich gibt es die. Die von Ihnen angeführten Studien sind allerdings Massenstudien, da müssen wir über die vielen Anbieter froh sein, sonst könnten wir die Massen noch schlechter bewältigen. Da würde ein Konzentration wenig bringen. Wichtig ist aber eine Absprache, wer macht was, müssen oder sollen wir alle das selbe machen. Es erstaunt mich immer wieder sehr – und das ist kein Vorwurf –, dass im Zeitalter des Internets Universitäten nicht wissen, dass es an einer anderen Universität etwas Ähnliches gibt. In diesem Sinne ist ein Hochschulplan und eine gegenseitige Information und Abstimmung extrem wichtig.

Zukunft: Soll der Hochschulplan eine gewisse Systematik ins österreichische Universitätswesen bringen?

Karlheinz Töchterle: Unser Universitätswesen ist über Jahrhunderte mit sehr vielen Einzelelementen gewachsen, die muss man in eine Zusammenschau und eine Abstimmung zu einander bringen. Nun hat man es aber mit autonomen Gebilden zu tun – und diese Autonomie gilt es zu wahren –, da muss man sich bei der Abstimmung dementsprechend verhalten. Man kann nicht von oben herab anschaffen, man kann anstoßen, anregen, steuern. Dafür möchten wir eine österreichische Hochschulkonferenz einrichten. Ein Modell, das wir in Tirol mit der Tiroler Hochschulkonferenz entwickelt haben und die inzwischen beispielgebend in Österreich ist, Salzburg und die Steiermark übernehmen die Idee bereits. Österreichweit ist die Hochschulkonferenz das Steuerungsinstrument, um den Hochschulplan weiterzubringen. Das ist sicher ein Klassiker der Kooperation, wobei man natürlich auch am Boden bleiben muss. Am Anfang passieren nicht die großen Wunder, allein aber, dass man gemeinsam an einem Tisch sitzt, miteinander redet, sich abstimmt, das ist ein Qualitätssprung sondergleichen.

Zukunft: Wenn es nach den politischen Plänen geht, wird es im Bereich der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung zu Kooperationen, Fusionen, gemeinsamen Ausbildungen kommen. Die Universität Innsbruck hat in diesem Zusammenhang eine „School of Education“ präsentiert, welche die gesamte Lehrerausbildung an der Universität ansiedelt. Wie sehen Sie das?

Karlheinz Töchterle: Ich habe selbst über Jahrzehnte Lehrer ausgebildet und weiß also sehr genaz, von was ich rede. Ich habe auch klare Positionen, die ich argumentativ abstützen kann. Es ist schlicht undenkbar, dass die Universitäten in Zukunft bei der Lehrerausbildung eine untergeordnete Rolle spielen sollen. Sie sind quantitativ die weitaus größten Ausbildner. Was aber viel wichtiger ist: Sie sind die Stätten, an denen die fachliche Qualität von Lehrerausbildung am ehesten abgesichert ist. Das werden die Pädagogischen Hochschulen vermutlich nicht so gerne hören und ich möchte ihre Qualität auch nicht schlecht reden. Wenn man sich allerdings anschaut, dass sich die Pädagogischen Hochschulen jetzt das Ziel setzen müssen, dass irgendwann einmal 25 Prozent ihres Personals ein Doktorat haben, dann sagt das bereits Einiges. Und wir kennen ja auch die Genese, von der LBA über die PÄDAK zur PH, viel hat sich aber nicht geändert. Wenn ich forschungsgeleitete Lehre haben will, finde ich sie an den Universitäten. Natürlich könnte man die PHs zu Pädagogischen Universitäten weiter entwickeln, aber erstens dauert es Jahrzehnte, zweitens kostet es viel Geld und drittens wäre es eine klassische Doppelstruktur. Natürlich weiß ich, dass die universitäre Lehrerausbildung nicht an jeder Universität in jedem Fach im Zentrum des Interesses gestanden ist. Entscheidend ist aber, dass die besten Lehrer die sind, die ihr Fach beherrschen. Und wo lerne ich die beste Beherrschung des Faches, wenn nicht an der Uni – da passiert die Ausbildung am Puls der Forschung. Für die Qualität eines Lehrers und somit für die Qualität einer zukünftigen Schule ist die wissenschaftsgestützte und –geleitete Lehre unabdingbar. Das gilt primär für die Fachausbildung, aber auch für die pädagogische Ausbildung, da auch hier die wissenschaftliche Begleitung durch Lehrende, die am modernen Diskussionsstand der Pädagogik, Psychologie etc. sind, immens wichtig. Und zu Innsbruck: Die Universität hat in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich Lehrerbildung sehr viel gemacht, ist weit vorn. Eine „School of Education“ an der Uni ist daher sehr stimmig, wobei das andere Unis, eigentlich alle größeren, auch tun – sie wollen im Bereich der Lehrerbildung noch intensiver tätig zu sein. Eine Entwicklung, für die ich sehr dankbar bin und die mich sehr freut.

Zukunft: Sie haben inzwischen durch Ihre Funktion eine Außensicht auf die heimische Universitätslandschaft. Wie bewerten Sie aus dieser Sicht heute die Universität Innsbruck?

Karlheinz Töchterle: Das Standing ist hervorragend, sie ist überall bekannt und hat einen guten Klang. Seit 2002 hat sie sicherlich dazugewonnen, man muss sich nur die internationalen Berufungen anschauen. Natürlich viele Deutsche, aber auch Italiener, Schweizer, Engländer, Rückkehrer aus den USA – das ist nur ein Indiz. Die Uni Innsbruck kann stolz sein, was sie aus ihren Möglichkeiten gemacht hat. Mehr geht immer, es gibt Fächer, da könne man besser sein. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit Helga Nowotny, der Präsidentin des Europäischen Forschungsrates. Zu meinem Erstaunen hat sie mir erzählt, dass Österreich im Bereich der Geisteswissenschaften bei ERC-Anträgen eher schwach sind, da oft die Qualität nicht stimmt. Das hat mich sehr erstaunt, weil ich das von Innsbruck anders kenne.

Zukunft: Wie wird Österreich als Forschungsland sonst wahrgenommen?

Karlheinz Töchterle: Auch gut. Wir machen uns aber leider selbst schlecht. Das liegt zum Teil auch etwas an den Rektorinnen und Rektoren – denen ich ja auch angehört habe –, da sie immer als diejenigen auftreten, die nach mehr Geld rufen. Die einzige Botschaft, die in der Öffentlichkeit hängen bleibt ist dann, dass die österreichischen Unis desolat sind, was nicht stimmt. Ich glaube, dass man auch positive Botschaften vermehrt verbreiten sollte. Das heißt nicht, dass man sich zurücklehnen darf, man muss sich immer anstrengen.

 



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Univ.-Prof. Dr. Antonio Loprieno, Rektor und Professor für Ägyptologie an der Universität Basel Universität Basel
Prof. Dr. Eberhard Menzel, Professor „Elektrische Energietechnik“ und Präsident der Hochschule Ruhr West, Mülheim an der Ruhr
Univ.-Prof. Dr. Andrea Schenker-Wicki, Professorin für Business Administration an der Universität Zürich