"WIR SIND DORT, WO WIR HIN WOLLTEN"
Zusatzmaterial zum Artikel "INTERVIEW"

 

Tilmann Märk, geschäftsführender Rektor und Vizerektor für Forschung an der Universität Innsbruck über die Schwerpunktbildung im Forschungsbereich, eingeworbene Projekte, gestiegene Drittmittel und neue Wege in der Forschungsverwertung.

 

ZUKUNFT: Sie sind seit acht Jahren Vizerektor für Forschung an der Universität Innsbruck. Was hat sich in diesen Jahren geändert – strukturell und inhaltlich?

TILMANN MÄRK: Strukturell hat sich durch die Einführung des UG 2002 die Möglichkeit aufgetan, gewisse Veränderungen vorzunehmen, welche die Forschung gefördert haben. Zum Beispiel die Schwerpunktbildung, die war mir von Anfang an ein großes Anliegen. Nämlich Forschung nicht nur über Einzelforscher zu ermöglichen, sondern den Vorteil der Zusammenarbeit zu nutzen. Aus langer eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Gruppe von Forschern mehr, teilweise auch qualitativ bessere Forschung durchführen kann. Als Gruppe ist man eher in der Lage, größere Projekte anzugehen, einzuwerben und erfolgreich durchzuführen. Heute werden 50 Prozent der Forschungsleistung an der Uni Innsbruck im Rahmen der Schwerpunkte erbracht.

ZUKUNFT: Wie verteilen sich die Forschungsschwerpunkte, -plattformen und -zentren?

MÄRK: Ein Schwerpunkt ist „Alpiner Raum – Mensch und Umwelt“, ein breites Thema, das regional verankert ist, in dem wir aber über viele Fachrichtungen verteilt hohe Kompetenz haben. Wir haben die „Molekularen Biowissenschaften“, bei denen wir sehr eng mit der Medizin-Uni zusammenarbeiten, in Zukunft sogar noch mehr durch das gemeinsame Biozentrum. Und als dritten Schwerpunkt „Physik“ mit den Zentren Astrophysik, Ionenphysik und Quantenphysik, die sicherlich Leuchtturmcharakter haben. Die Plattformen sind unterschiedlich aufgestellt, breitere, aber auch schmalere Themen, bei denen aber relativ viele Gruppen gemeinsam forschen. Zusätzlich gibt es die 35 Zentren, die themenspezifisch aufgestellt sind.

ZUKUNFT: Die Schwerpunktsetzung verfolgte auch die Idee, dass aus diesen Gruppen größere Projekte entstehen, wie etwa ein Spezialforschungsbereich oder ein Doktoratskolleg. Konnte das umgesetzt werden?

MÄRK: Hier muss ich zuerst Aristoteles zitieren: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das gilt für Forschung zu hundert Prozent. Aus meiner Sicht war es für viele Jahre der Vorteil Amerikas, dort hatte man schon immer die Vernetzung innerhalb der USA. In Europa hatten wir das nicht, wir waren national und kleinstrukturiert. Mit der EU, und deren FP7 Projekten, den Forschungsprogrammen haben wir jetzt die Möglichkeit, europaweite Netzwerke zu betreiben. Damit haben wir den letzten Schritt gesetzt, um auf Augenhöhe mit unseren amerikanischen Kolleginnen und Kollegen zu kommen. Konkret für Innsbruck heißt das, dass wir auch in Österreich einige solche Großprojekte, aufbauend auf unseren Schwerpunkten, einwerben konnten – unter anderem in der Physik den SFB „Foundations and Applications of Quantum Science“, den SFB HiMAT, das Doktoratskolleg „Computational Interdisciplinary Modelling“, das Ludwig-Boltzmann-Institut für Neulateinische Studien, ein Christian-Doppler-Labor für die Anwendungsorientierte Optimierung der Bindemittelzusammensetzung und Betonherstellung und – für mich besonders erfreulich – an der Theologie das von der Templeton Foundation geförderte 1,2-Millionen-Projekt „Analytic Theology“. Damit komme ich zurück zu Ihrer Frage. 2003 war es für mich wichtig, Ziele zu haben. Wir sind davon ausgegangen, dass herausragende Forschungsleistung ein wichtiges Fundament für eine Universität ist, da sie eine exzellente Studierendenausbildung im Rahmen der Diplomarbeiten und Dissertationen erlaubt. Mit dieser ausgezeichneten Ausbildung erhält man Studierende, die herausragende Forschungsleistung erbringen können. Es war also die Herausforderung, die Universität in diese Richtung zu lenken, auch in Richtung Innovation und Wissensleistung. Wichtig war in diesem Zusammenhang eine richtige Balance zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Die Strategien dazu waren die Schwerpunktsetzung, das „Ankurbeln“ von Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationen sowie Forschungsförderung und Technologietransfer. Und ich glaube, wir sind jetzt dort, wo wir hinwollten.

ZUKUNFT: Ist Schwerpunktsetzung nicht oft auch ein Spagat zwischen Förderung eines Faches und der nicht so intensiven Förderung eines anderen?

MÄRK: Schwerpunktbildung erfolgt durch Umstrukturierung, bei der man sich überlegt, wo Fakultäten oder Institute in Zukunft stehen möchten, was interessante Themen sind, wo man schon Stärken hat. Ich denke, dass wir an unserer Universität die wichtigen Themen der Menschheit behandeln, etwa Klimawandel, Energieproblematik, Mehrsprachigkeit, Migration. Es ist aber auch klar, dass Universität die Möglichkeit bieten muss, sich ohne Zweckbindung mit den unterschiedlichsten Fragestellungen zu befassen – es muss also Freiräume geben. Außerdem kann man nie sagen, wohin Forschung geht, welche Erkenntnisse man erzielt – das ist ja das Spannende.

ZUKUNFT: Die Schwerpunkte, Plattformen und Zentren werden laufend evaluiert. Gab es Veränderungen?

MÄRK: Es war immer so gedacht, dass es ein dynamischer, offener Bottom-Up-Prozess sein sollte, also nie die Idee, es von oben zu dekretieren. Und es hat sich viel verändert. Wir haben alle ein, zwei Jahre die Zukunftsplattform Obergurgl, bei der sich alle Schwerpunktsprecherinnen -und sprecher treffen und über ihre Aktivitäten informieren. Das sind immer Foren, bei denen sich die Wissenschaftler austauschen, sich teilweise auch neu formiert haben. Im Rahmen des letzten Entwicklungsplanes und auf Wunsch des Ministeriums haben wir etwas umstrukturiert, was dem Rechnung trägt, dass Forschung laufend zu neuen Konstellationen führt. Im Frühjahr 2012 haben wir die nächste Zukunftsplattform, in diesem Zusammenhang wird eine neue Evaluierung stattfinden.

ZUKUNFT: Hatte die Schwerpunktbildung auch finanzielle Auswirkungen?

MÄRK: Durch diese Schwerpunkte, Plattformen und Zentren konnten wir mehr Verbundprojekte einwerben, haben auch mehr EU-Projekte sowie FWF- und FFG-Großprojekte. Dadurch haben wir mehr Finanzierungsmöglichkeiten und erhöhen damit die Leistungsfähigkeit der Universität Innsbruck. Beispiele sind das K1-Zentrum alpS, das gemeinsam mit der Medizinischen Universität und der UMIT betriebene K1-Zentrum Oncotyrol sowie das K2-Zentrum ACIB. 2003 war das Drittmittelaufkommen rund 10 Millionen Euro pro Jahr, heute stehen wir bei 36 Millionen. Das heißt, dass 20 Prozent unseres Budgets von unseren Forscherinnen und Forschern eingeworben werden. Und noch ein paar Zahlen: Zehn Prozent dieser Drittmittel kommen aus der Wirtschaft als Auftragsforschung. Beim FWF hat sich in den vergangenen vier Jahren die Anzahl der gestellten Anträge verdoppelt, wir konnten die Mitglieder der Universität motivieren, mehr Anträge zu stellen – das war in gewissen Fächern durchaus ein Paradigmenwechsel.

ZUKUNFT: Wobei diese Drittmittel zweckgebunden für die Projekte sind.

MÄRK: Natürlich, letztlich dienen sie aber der Forschung und der Lehre. Genau diese 20 Prozent haben uns erlaubt, den Spitzenplatz zu erreichen, an dem wir heute stehen. Wir können damit hochqualifizierte Diplomarbeiten und Dissertationen finanzieren, sowohl bezüglich Personal- als auch bezüglich Verbrauchs- und Gerätekosten. Wenn man diese Gruppen aufbauen kann, hat man viel mehr Potenzial in der Lehre. Insofern nützen die Drittmittel insgesamt, auch wenn sie projektspezifisch eingeworben werden. Insgesamt führt das dazu, dass wir – normiert auf die Größe der Universität – bei vielen Kennzahlen in Österreich die Nummer 1 sind und auch nicht überraschend im Ranking der Fachzeitschrift „Times Higher Education“ als beste Universität Österreichs geführt werden.

ZUKUNFT: Hat sich auch abseits der Drittmittel-Einwerbung etwas geändert?

MÄRK: Ja. Das hat klare Konsequenzen für den Forschungsoutput. Die Anzahl der Publikationen ist gestiegen – von rund 3400 im Jahr 2003 auf circa 4400 im Jahr 2009 –, aber auch die Qualität. Es ist die Anzahl in den Top-Journalen gestiegen, also Arbeiten, die dann wieder viel zitiert werden – das ist auch ein Maß für die Exzellenz. Ein wichtige und neue Aufgabe war auch die Verwertung der Forschungsergebnisse und von neuem Wissen für die Gesellschaft und Wirtschaft. Das sind wir konsequent angegangen und waren auch erfolgreich. Bezüglich Erfindungen und Patentanmeldungen sind wir hinter den zwei Technischen Universitäten die Nummer 3 in Österreich. Das ist ein gemeinsamer Erfolg mit den Forscherinnen und Forschern. Wir überlegen zusammen, ob die Erkenntnisse eventuell verwertbar sind, gehen dann gemeinsam den geeigneten Weg – Lizenzierung, Patentierung, Patentverkauf, Kooperation mit der Wirtschaft, Spin-offs, teilweise auch eine gemeinsame Ausgründung über die Beteiligungsholding der Universität – und beteiligen die Forscher natürlich auch an dem Gewinn. Das war für uns Neuland und ebenso ein Paradigmenwechsel, inzwischen sind wir ein Best-Practice-Case.

ZUKUNFT: Sie unterstützen die Forscher bei der Patentierung, erzielt die Universität damit auch Einnahmen?

MÄRK: Wir hatten in den letzten Jahren einen stetigen Anstieg an Lizenzeinnahmen und ähnlichem. Diese Mittel fließen wieder in diesen Bereich zurück.

ZUKUNFT: Sie haben von Beteiligungen gesprochen. Wie schaut das konkret aus?

MÄRK: Wir gehen zwei Arten von Beteiligungen ein. Die eine nennen wir strategische Beteiligungen – hier geht es darum, uns an einer Forschungseinrichtung zu beteiligen. Damit können wir bestimmte Forschungen durchführen, die wir sonst nicht finanzieren könnten, wie etwa bei alpS oder dem Technologiezentrum Ski- und Alpinsport. Ähnlich gelagert sind transidee und CAST, da geht es darum, Forschungkooperation zwischen Uni und Wirtschaft bzw. Transfersaktivitäten zu organisieren. Meist sind es GmbHs, die sich durch eingeworbene Mittel selbst tragen. Und zwar Mittel, die wir als Universität nicht lukrieren könnten, da der Förderer darauf besteht, dass es selbstständige Institutionen sind. In den vergangenen Jahren waren das enorme Mittel, die nicht in den 36 Millionen Drittmittel inkludiert sind. Die anderen Beteiligungen sind Spin-offs, die Gründung gewinnorientierter Unternehmen, bei denen Know-how, das innerhalb der Universität gewonnen wurde, gemeinsam mit dem Forscher verwertet wird. Je nach Situation macht das der Forscher alleine oder unter Beteiligung der Universität – das bieten wir jetzt seit kurzem an und haben dafür eine eigene Beteiligungsgesellschaft gegründet. In den letzten zwei Jahren haben wir uns an sieben Spin-offs beteiligt.

ZUKUNFT: Gab es noch weitere Maßnahmen in den vergangenen Jahren?

MÄRK: Wichtige Maßnahmen waren der Ausbau der Forschungsleistungsdokumentation, die wir für Evaluierung und das Berichtswesen brauchen – sie gibt einen guten Überblick über das gesamte Leistungsspektrum der Universität. Für die geisteswissenschaftlichen Fakultäten haben wir 2005 die „innsbruck university press“ gegründet und sind jetzt an dem Punkt, dass wir rasch und kostengünstig Forschungsergebnisse in Buchform publizieren können. Derzeit sind es rund 80 Bücher im Jahr, das Renommee des Verlags ist durch die Qualität, die wir garantieren, ständig im Steigen. Und ein Letztes bezüglich Forschungskommunikation: Das Universitätszentrum Obergurgl steht als Forschungs- und Kongresszentrum inzwischen dort, wo es sein sollte. Es ist de facto mit nationalen und internationalen Tagungen ausgebucht, es hilft unseren Forschern und unserem Renommee. Wir sind einer von wenigen ausgesuchten Standorten, an denen die „European Science Foundation“ Top-Tagungen abhält, an unserem Standort zu den Themen Physik, Umweltwissenschaften und Biowissenschaften. Vor Kurzem hatten wir die Tagung „ Graphene Week 2011“, zu Gast war dabei der aktuelle Nobelpreisträger für Physik, Andre Geim. Das ist eine Auszeichnung für die Universität Innsbruck und den Standort Tirol.