zukunft

Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck

Ausgabe 01 | 10


TOBIN-TAX. Innsbrucker Forscher untersuchen die potenziellen Auswirkungen der vom US-Ökonomen James Tobin vorgeschlagenen Steuer auf Währungsspekulationen.

 

Spannende Steuer

Im Rahmen eines vom FWF geförderten Projektes untersuchen ­Wissenschaftler der Uni Innsbruck die Auswirkungen der „Tobin Tax“. Michael erklärt, was es mit der Steuer auf sich hat.

Zukunft: Es wird, vor allem in der derzeitigen Finanzsituation, viel über die Tobin-Steuer diskutiert. Gleichzeitig wird sie als unrealisierbar eingestuft. Welchen Sinn haben dann die Diskussionen? Welchen Sinn hat eigentlich dieses Interview?
Michael Kirchler: Ich denke, es wird noch länger über die Tobin Tax diskutiert werden. Egal ob sie nur teilweise eingeführt wird, nur in Einzelbereichen, wenigen Ländern bzw. Währungszonen. Grundsätzlich ist sie ein spannendes Konzept und wir als Ökonomen sollten herausfinden ob sie wirklich ökonomisch sinnvoll realisierbar ist oder nicht. Die Tobin-Steuer wurde lange Zeit von der Wissenschaft sehr stiefmütterlich behandelt. Erst in den letzten Jahren wurde die Forschung dazu intensiviert. Vor allem während der letzten Jahre wurde viel über die Tobin Tax geforscht.

Zukunft: Die Ergebnisse der Studien über Auswirkung oder Realisierbarkeit waren durchwegs unterschiedliche. Einige besagen die Steuer würden zu einer höheren Votalität bzw. Instabilität führen, andere meinen sie wäre eine gute Maßnahme um Währungsspekulationen einzudämmen. Welche Position vertreten Sie in dieser Diskussion?
Kirchler: Die Grundhypothese von Tobin ist, dass durch die Steuer, die je nach Literatur bei 0,01 bis 0,5 Prozent ausmachen soll, man Währungsspekulanten vom Markt verdrängt und somit die Währung stabilisiert. Ich kann natürlich nur sagen, was die wissenschaftlichen Ergebnisse sind. Manche Studien bestätigten die Hypothese von Tobin insofern, als die Steuer die Volatilität, sprich die Preisschwankungen auf Devisenmärkten geringer werden. Dann gibt es gegenteilige Gegenteilige Studien, die besagen, dass durch die Steuer viele von den besteuerten Markt Märkten in unbesteuerte Märkte, in sogenannte „Tax Havens“, flüchten und so eine Währung noch anfälliger auf Spekulation wird. Gleichzeitig würden die Märkte, die besteuert sind ausgeklammert werden und die Steuer hätte den gegenteiligen Effekt. Wenn tatsächlich einige "Tax Havens" existieren und Kapital friktionsfrei wechseln kann, finden wir auch die negativen Effekte der Steuer. Wenn die Steuer jedoch relativ umfassend eingeführt wird oder wenig Liquidität aus besteuerten Märkten abfließt, finden wir zumindest keine destabilisierenden Effekte der Steuer, unter bestimmten Voraussetzungen sogar die von Tobin vermuteten Stabilisierenden.

Zukunft: Die Steuer könnte ein Schuss nach Hinten sein?
Kirchler: Wenn zum Beispiel Österreich die Tobin Tax einführt, dann könnte es den Effekt haben, dass viele ihre Devisen nicht mehr in Österreich kaufen und der österreichische Markt würde also eherwohl massiv austrocknen. Wenn jetzt z.B. eine gesamte Währungsgemeinschaft, wie die Euro-Länder, das machen würden, wäre eine Prognose, inwieweit das Kapital frei wechseln kann, schwierig, weil niemand genau weiß, ob die großen Banken und Händler von Frankfurt nach London oder New York wechseln würden. Das ist sehr schwer abzuschätzen. Dies würde u.a. auch von der jeweiligen Gesetzeslage abhängen.

Zukunft: James Tobin selber erstellte 1995 eine Studie, die besagt, dass es reichen würde die Steuer nur in einigen Staaten einzusetzen. Aber, um sie effektiv zu gestalten, würde das nicht reichen?
Kirchler: Das zu beantworten ist extrem schwierig. Es hängt primär davon ab, wie der Gesetzgeber die Regeln definiert und somit wie leicht Kapital zwischen einzelnen Handelsplätzen wechseln kann. Wir Wissenschaftler können nur sagen, was unter bestimmten Voraussetzungen und Annahmen zutrifft. Deshalb gibt es auch so viele widersprüchliche Studien. Was die Politik, die Gesetzgebung daraus macht, kann ich als Wissenschaftler nicht beantworten.

Zukunft: Es ist schlussendlich eine politische oder gar ideologische Frage?

Kirchler: Genau das ist das Spannende an dieser Tobin Tax: Einerseits ist es eine ökonomische Frage, andererseits eine politische. Eine Frage, die die Gesellschaft schlussendlich selber beantworten muss. Wenn ein Ergebnis der Forschung wäre, dass die Steuer die Volatilität bzw. die Preisschwankungen am Markt sogar leicht erhöht, dann könnte eine Gesellschaft trotzdem hergehen und sagen: Gut, wir nehmen die leichte Instabilität in Kauf, dafür gibt es hohe Steuereinnahmen. Das muss eine Gesellschaft für sich im Prinzip selber entscheiden und ökonomische mit anderen gesellschaftlichen Zielen abwiegen. Aber die Auswirkungen der Steuer können wir nicht genau benennen.

Zukunft: Hätte eine solche Steuer auch realwirtschaftliche Auswirkungen?
Kirchler: Ja. Wenn der Wechselkurs einer bestimmten Währung durch die Steuer stabiler im Verhältnis zu anderen Währungen wird, dann ist es für die jeweilige stabilere Währung insofern ein Vorteil, als sie Import und Export erleichtert, da diese Komponenten besser planbar werden. Bei einer Währung, die immer wieder von Spekulanten angegriffen wird, ist es umso schwieriger, – auch u.a. durch inflationäre Auswirkungen – realwirtschaftlich zu planen.

Zukunft: Wären die aktuellen Spekulanten-Angriffe auf den Euro, oder die Angriffe auf den Pfund Anfang der 1990er Jahren wären mit einer Tobin Tax verhindert worden?
Kirchler: Vielleicht wären sie nicht in dieser Form ausgefallen. Um eine Währung wie den Pfund aus den Angeln zu heben, muss man sehr viel Kapital investieren und unglaublich viel Handel mit der Währung betreiben. Wenn das dann nur einige wenige machen, trifft sie die Steuer massiv und müssen ungemein viel Abgaben zahlen und eine Spekulation gegen eine Währung würde sich aufgrund der massiven Steuerzahlungen wohl nicht mehr rentieren.. Insofern kann ich mir schon vorstellen, dass eine Tobin Tax einen stabilisierenden Effekt gehabt hätte. Die Frage ist beim Euro schwieriger zu beantworten. Es ist noch nicht klar, ob inwieweit der sinkende Euro Folge von Spekulationsangriffen ist, oder ob lediglich gerechtfertigte modifizierte wirtschaftliche Erwartungen der Marktteilnehmer dahinter stecken.

Zukunft: Einer der weltbekanntesten Spekulanten - der unter anderem auch für die Angriffe auf den Pfund verantwortlich zeichnet, George Soros, findet die Idee einer Tobin tax gut. Andere Wirtschaftswissenschaftler, darunter auch Nobelpreisträger, lehnen die Steuer ab. Woher dieser große Widerspruch, vor allem bei dem Spekulanten Soros?
Kirchler: Weil es bis zu einem gewissen Grad eine ideologische Frage ist. Wie bereits gesagt: Wir als Wissenschaftler können sagen, was unter gewissen Umständen passiert. Ob die Voraussetzungen jemals machbar sind, oder wenn sie machbar sind, von Politikern so gewollt sind, ist eine andere Frage

Zukunft: Es gibt Abwandlungen, Mischformen, wie zum Beispiel die in Deutschland vorgeschlagene sogenannte Spahn-Steuer. Müsste die Tobin Tax adaptiert werden, damit sie auf einen gesellschaftlichen Konsens stößt?
Kirchler: Die Tobin Tax ist so, wie sie konzipiert sind nicht schlecht. Bei der Spahn-Steuer war die Idee, dass es für Währungen einen Korridor gibt, in der die Währung schwanken kann, in dem nur eine lediglich eine sehr geringe Tobin-Steuer anfällt. Sobald der Wechselkurs den Korridor verlässt, wird zusätzlich noch eine sehr hohe (Pigou)Steuer eingehoben. Somit wird erwartet, dass alles darüber hinaus für Spekulanten extrem teuer wird. Das hätte den Effekt, dass sich die Währung schnell wieder in diesen Korridor zurückbewegt. Das Problem ist, den Korridor festzulegen - und das ist wieder eine politische Frage. Legt man den Korridor zu eng fest, ist das freie Spiel der Währungen nicht mehr so gegeben, wenn der Korridor zu weit angelegt ist, gibt es wieder viel Freiraum für Spekulationen. Die Spahn-Steuer zielt in erster Linie auf Nicht-Industrialisierte Länder, die sehr anfällig auf Spekulationen sind. Gerade bei solchen Ländern wäre eine Steuer sinnvoll. Die Spahn-Steuer ist im Prinzip eine Weiterentwicklung der Tobin-Steuer.

Zukunft: Bräuchte es bei einer Tobin Tax ein Regulativ, jemanden der die Steuer verwaltet oder koordiniert?
Kirchler: Grundsätzlich haben die einzelnen Länder für den jeweiligen Aktienmarkt die Steuerhoheit und die Gesetzgebungsbefugnis. Aber die Europäische Union könnte als Gesamtheit eine solche Steuer einführen. Da muss man sich überlegen, wo das durch die Steuer eingenommene Geld hinfließt. Geht alles nach Brüssel und wird dann verteilt, oder geht ein Teil an die Länder usw. Wie bereits gesagt, das sind Überlegungen, die politisch, gesellschaftlich und ideologisch sind. Bei einer weltweiten Einführung stünde man vor einem großen Koordinationsproblem.

Zukunft: Könnte hier der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank eine Rolle einnehmen?
Kirchler: Das wäre am ehesten möglich, aber die Koordination zwischen fast zweihundert Länder ist fast praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird immer jemanden geben, der ausschert, um entsprechend Handel auf seinen Markt zu ziehen. Irgendwelche Offshore-Gebiete schreien danach, denn diese hätten plötzlich das Hundert-oder Tausendfache an Handel zu verbuchen.

Zukunft: Weltweit ist es also nicht realistisch?

Kirchler: Nun, ich bin kein Hellseher. Aber auf der anderen Seite jedoch sehen wir gerade aktuell, im Zuge der Finanzkrise oder jetzt im Rahmen der Griechenlandkrise, wie schnell Rettungspakete geschnürt werden können und was durch internationale Koordination in kurzer Zeit möglich ist.

Zukunft: Ihre Untersuchungen ergeben, dass eine Tobin Tax möglich wären?

Kirchler: Aus ökonomischer Sicht finden wir, dass wenn sie die Steuer relativ umfassend eingesetzt wird, dann hätte sie zumindest keine destabilisierenden Effekte hätte. Könnte die Liquidität auf besteuerten Märkten einigermaßen aufrecht erhalten werden, dann würde die Steuer die Wechselkurse sogar stabilisieren und hätte somit den gewünschten Effekt. Unsere Forschung hierfür geht jetzt erst richtig los. Vor einem halben Jahr wurde ein zweijähriges Projekt vom FWF zu diesem Thema bewilligt, damit wir nun richtig in die Tiefe gehen können. In zwei bis drei Jahren kann ich mehr über die Ergebnisse sagen.

Zukunft: Es macht also Sinn, über das Thema Tobin Tax zu reden?
Kirchler: Sie ist ein brennendes Thema. Vor allem seit einigen Jahren und gerade aktuell durch die Finanzkrise und die Krise in Griechenland und rund um den Euro.

db

 

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