zukunft

Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck

Ausgabe 02 | 09


MECHATRONIK ALS SOLIDER SOCKEL


Wissenschaftslandesrat Bernhard Tilg über den Forschungsstandort Tirol, die österreichischen Unis im Vergleich zur ETH Zürich und den Plan, ein umfassendes Angebot an Ingenieurwissenschaften in Tirol zu etablieren.

 

ZUKUNFT: Im Oktober 2009 wurde der Quantenphysiker Peter Zoller als heißer Kandidat für den Nobelpreis genannt, Tiroler Wissenschaftler publizieren regelmäßig in Top-Journalen und beim Nachwuchs holte man 50 Prozent der heurigen START-Preise nach Tirol. Der Forschungsstandort Tirol macht auf sich aufmerksam.

BERNHARD TILG: Grundsätzlich muss man sagen, dass Tirol im Bereich der universitären und klinischen Grundlagenforschung ein Top-Standort ist – ohne jeden Zweifel. Die Physik in Innsbruck hat Weltruf, das ist beeindruckend, insofern, da sie das ja selbst aufgebaut hat. Peter Zoller, Rainer Blatt, Rudolf Grimm und ihre Kollegen genießen in ihrer Community den Status der Exzellenz. Das ist bewundernswert, das muss man in anderen europäischen Regionen erst einmal finden. Und Quantenphysik bis hin zum Quantencomputer ist ein Thema, das Zukunft hat. Es ist sicherlich Grundlagenforschung, bietet aber für den Standort Tirol ein unheimliches Potenzial. Wenn man es nämlich schafft, dieses Thema hin zur Angewandten Forschung und zur Entwicklung zu bringen, dann könnte Tirol so etwas werden wie San Francisco und das Silicon Valley vor 40 Jahren. Und zum Thema START-Preisträger. 50 Prozent der Preise in einem Jahr – das ist eine besondere Auszeichnung für den Standort und nicht selbstverständlich. Wer diese Begutachtung besteht, der gehört zur Crème de la Crème – der Antrag wird ja durch die internationale Top-Szene evaluiert. Sechs, sieben Gutachter, die alle mit „exzellent“ urteilen müssen. Das haben diese drei Persönlichkeiten erreicht, in den letzten Jahren auch viele andere Tiroler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – das ist die österreichische Forschungselite. Und es spricht für die besondere Qualität, wenn die Quantenphysik oder die Biomedizin mehrere solcher Preisträger stellen. Das sind wahrscheinlich auch – ohne andere Gebiete abwerten zu wollen – von der Grundlagenforschung her die Top-Gebiete Tirols.



ZUKUNFT: Auf der anderen Seite fehlt der Universität das Geld, die Studentenzahlen explodieren aus verschiedensten Gründen, die Studierenden protestieren unter dem Motto „Bildung statt Ausbildung“. Ein Widersprich zu den wissenschaftlichen Leistungen?

TILG: Es hat immer schon studentische Proteste und Diskussionen gegeben und das halte ich auch für gut und positiv. Faktum ist aber auch, dass diese Studentengeneration ihre Ziele noch klarer formulieren müssen. Allein die Aussage, zwei Prozent des BIP für Wissenschaft und Forschung zu wollen, und das nicht durch Fakten zu ergänzen, halte ich für ungeschickt, weil Geld alleine ist es ja nicht. Und es geht ja nicht nur ums Geld. Die österreichischen Universitäten sind eine Insel in der internationalen Szene, da wir erstens eines der wenigen Länder sind, wo es keine Studiengebühren gibt, da wir zweitens eines der wenigen Länder sind, wo es keine Studienzugangsregelungen gibt und wir sind das einzige Land, das noch keine Akkreditierung von Studienprogrammen an öffentlich-staatlichen Universitäten hat. Und es ist ein Tabu, zu diskutieren, ob es Sinn macht, eine Hörergruppe in ihrer Anzahl zu beschränken. Es ist schon etwas absurd was sich da derzeit abspielt. Einerseits wird kritisiert, dass die Universitäten nicht in der Top-Liga sind, andererseits darf man Themen nicht aufgreifen, die anderswo selbstverständlich sind. Wenn wir zum Beispiel mit der ETH Zürich verglichen werden. Die hat mehr Budget, das viele Geld kommt aber zu einem hohen Anteil aus Drittmitteln. Die ETH hat Studiengebühren, Zugangsregelungen und ist eine Kaderschmiede – und da soll sie die vergleichbare Eliteuniversität sein? Das ist aber gerade der Weg, den internationale Top-Universitäten gehen. Das kann man natürlich negieren und sagen wir wollen Bildung für alle. Und ich sage bewusst „Bildung“, da Studenten jeder Generation ihre Zeit an der Uni, ihre universitäre Ausbildung, genutzt haben, um sich zu bilden – das ist auch gut so. Ein universitäres Curriculum muss mehr Freiheiten haben wie ein eher verschultes Curriculum an Fachhochschulen, es soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Studium Qualitätskriterien hat und auch eine gewisse Strenge, damit Studenten zur Leistung angehalten sind.

 

ZUKUNFT: Ist das eine leise Kritik an den universitären Curricula nach dem Bologna-Modell?

TILG: Grundsätzlich glaube ich, dass das Bologna-Modell für Europa der richtige Schritt war, der einen positiven Einfluss auf die Mobilität der Studenten und der Wissenschaftler hat. Viele Hochschulen und Universitäten haben aber den inhaltlichen Diskurs – was heißt es, ein Diplomstudium auf Bachelor- und Masterprogramm umzumünzen – noch nicht abgeschlossen. Viele haben den Diplom-Studienplan einfach auf einen Bachelor und Master nach Semester geordnet aufgeteilt. Der Bachelor sollte aber eine berufsqualifizierende Ausbildung nach sechs Semestern sein. Es gibt auch den Kritikpunkt, dass mit dem Bologna-Modell die Grundlagenausbildung zu kurz kommt. Dem kann ich nichts abgewinnen, da muss man einfach die Grundlagenfächer in den Bachelor ausreichend integrieren. Insgesamt ist der Switch vom Diplom in den Bachelor und Master aber noch nicht abgeschlossen.



ZUKUNFT: In Tirol gibt es ein neues Bachelorstudium, nämlich Mechatronik als Teil der Tiroler Technologieoffensive. Wo sehen Sie zusätzliche Möglichkeiten, diese Offensive an die Universitäten zu bringen?

TILG: Kurz zum Status quo. Das gemeinsame Mechatronik-Studium von Universität Innsbruck und UMIT ist etwas sehr Positives und sozusagen der solide Sockel, um universitäre Ingenieurwissenschaften am Standort Tirol aufzubauen. Dieses Element hat in Tirol gefehlt und ich freue mich, dass das in Ergänzung zu den Fachhochschulen, HTLs und Lehrlingsausbildungen kommt. Das Mechatronik-Studium ist für mich im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik, etc. so etwas Ähnliches wie das Medizinstudium, es legt den basalen Grund für nachträgliche Vertiefungen – bei der Medizin wären das die Facharztausbildungen. Mechatronik ist das universitäre Basisstudium und ein Fächermix aus den klassischen Fächern Maschinenbau, Elektrotechnik, Informationstechnologie, etc.. Es ergänzt sich auch hervorragend zum Bauingenieurstudium an der Universität Innsbruck. Danach geht es um die Vertiefung. An der Universität Innsbruck macht da Gebäudemechatronik, also der Master Domotronik, absolut Sinn – man hat ja Architektur, IT und Bauingenieurwesen, ein ideales Setting. An der UMIT wird ein Diplomingenieur in Mechatronik und ein Diplomingenieur in Medizintechnik – Stichwort Life Sciences – ausdifferenziert. Der Mechatronik-Diplomingenieur ist inhaltlich noch nicht ganz definiert, er kommt ja erst 2012. Vorher möchte ich noch ein Brainstorming mit vielen Tiroler Technologieunternehmen, um die Ausrichtung klar festzulegen – er soll die Ausdifferenzierung haben, die sich die Tiroler Industrie auch erwartet. Das wird sicher in Richtung Maschinenbau- und Anlagenbau, Elektronik, Regelungstechnik, Automatisierung, Werkstofftechnik gehen, genaueres wollen wir aber ab 2010 im Rahmen der Technologieplattform diskutieren. Und das anschließende Doktoratstudium, das ist ja in der Regel bei den technischen Wissenschaften so, dass dieses im Zuge eines  Forschungsprojektes absolviert wird. Das wäre der generelle Plan für den universitären Teil der Technologieoffensive. Und noch einmal: Wichtig ist die gute Grundausbildung, der Sockel, das wollen auch viele Tiroler Unternehmen so.

 

ZUKUNFT: Etwas provokant formuliert: Man schafft die Studien, aber wie bringt man die Studenten für diese Fächer an die Universitäten? Wie kann man Schüler für technische Fächer interessieren?

TILG: Das ist sicher eine der zentralen Aufgaben, die wir noch zu lösen haben. Gemeinsam mit Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf möchte ich im Jahr 2010 das Thema „Frauen in der Technik“ angehen, das wollen wir lobbyieren, überall, wo wir können. Das andere Thema werden „Kinder und Jugendliche“ sein, um diese für Natur- und Ingenieurwissenschaften zu begeistern. Wir müssen ihnen klar machen, dass dieser Bereich Jobmöglichkeiten für die nächsten Jahre, Jahrzehnte bietet. Es wird an uns, also auch an der Politik, liegen, die Tiroler Jugendlichen dafür zu begeistern.

 

ZUKUNFT: Sehen Sie einen Grund für die mangelnde Begeisterung?

TILG: Die Lange Nacht der Forschung hat gezeigt, dass das Interesse da ist, man muss es aber auch transportieren. Wissenschaft und Forschung war über Jahre zu elfenbeinturmmäßig unterwegs, die Öffnung der Universitäten ist eine Angelegenheit, meine ich, der letzten zehn, 15 Jahre. Die Lange Nacht der Forschung ist da sicher eine sehr gute Maßnahme. Wissenschaft und Forschung kann extrem spannend sein, es liegt an den Wissenschaftlern und der Politik, dies so zu kommunizieren, dass Wissenschaft und Forschung verstanden werden kann und dadurch Begeisterung weckt. Es gab ja auch Zeiten, in denen, sagen wir mal salopp, Mathematik nicht gerade sexy war. Da muss man noch viel tun, derzeit sind wir am Beginn einer neuen Ära. Es wird dazu auch sicher ein strategisches Konzept brauchen. Ich möchte aber festhalten: Andere Fächer möchte ich damit nicht abwerten, mir geht es aber schon auch darum, zu zeigen, in welchen Bereichen die Jobs der Zukunft sind. Dazu gehört sicherlich Technologie, aber auch Gesundheit und Pflege.

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