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Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck 

 

Clemens Pig
Richtigkeit vor Schnelligkeit

APA-Geschäftsführer Clemens Pig über das seinerzeitige Start-up MediaWatch, Journalismus in Zeiten von Corona und Verschwörungstheorien, die Situation des Wissenschaftsjournalismus sowie seinen Wunsch nach einer offensiven Wissenschaft.


ZUKUNFT: In einer Zeit, als zumindest in Österreich von Start-ups noch keine Rede war, haben Sie 1996 mit MediaWatch ein solches in Innsbruck gegründet. Wie kam es dazu?

CLEMENS PIG: Ich studierte damals am Institut für Politikwissenschaft, meine zentralen Professoren waren Fritz Plasser, Günther Pallaver, Ferdinand Karlhofer und Gilg Seeber. Günther Pallaver organsierte eine Exkursion nach Italien zum Osservatorio di Pavia. Dieses Beobachtungszentrum war von der italienischen Regierung mit dem Eintritt Silvio Berlusconis in die Politik ins Leben gerufen worden. Hintergrund war, dass die öffentlich-rechtlichen Sender Italiens ausgewogen zu berichten hatten – das Osservatorio wurde beauftragt, die Politikerpräsenz zu analysieren. Das hat mich und eine Gruppe von Studierenden nicht mehr losgelassen, in der angewandten Forschung war damals die Hochblüte der Arbeit zur massenmedialen Politikvermittlung. Wir wollten das, was wir gesehen haben, für Österreich in die Anwendung bringen.

 

ZUKUNFT: Was war die erste solche „Anwendung“?

CLEMENS PIG: Im Herbst 1996 war der erste österreichische EU-Wahlkampf. Wir konnten Institutsvorstand Anton Pelinka und den Rektor überzeugen, uns in den Sommermonaten einen Seminarraum zur Verfügung zu stellen, um unsere eigene Initiative zur medialen Analyse des Wahlkampfs zu verwenden. Es war tatsächlich so, dass wir mit Stoppuhr und Zettel Zeit-im-Bild-Sendungen analysierten: Welche Politiker kommen vor? Wie lange? Haben sie Redezeit? Wird über sie gesprochen? Mit welchen Themen kommen sie vor? Wer dominiert Themen? Das war der Beginn der MediaWatch-Reise.

 

ZUKUNFT: Wie ging die Reise weiter?

CLEMENS PIG: Es war anfangs reines Forschungsinteresse, wir stellten aber relativ schnell fest, dass die Daten, die wir für Österreich neuartig erheben, auf Interesse stoßen – Profil und Tiroler Tageszeitung waren interessiert, Medien berichteten. Das hat uns beflügelt, abseits des Wahlkampfs täglich Nachrichtensendungen zu analysieren. Im Rahmen einer Diskussion in Innsbruck kamen wir mit Gerfried Sperl, dem damaligen Chefredakteur des Standard in Kontakt – daraus folgte der erste Auftrag für das MediaWatch-Institut, nämlich wöchentlich für den Standard Daten über Politikerpräsenz im ORF zu erheben. In weiterer Folge konnten wir feststellen, dass unsere Analysen Medien, die Politik, aber auch die Wirtschaft interessierten. So ist das Unternehmen entstanden, fasziniert hat mich der Parallelschwung Wissenschaft, angewandte Forschung und Praxis – und daraus auch ein Geschäftsmodell zu machen. Der Rest ist das Wachsen eines Unternehmens. Wir wollten unser Geschäft ausweiten, stellten uns die Frage, ob allein oder mit einem Partner. Diesen fanden wir mit der Austria Presse Agentur und haben, um MediaWatch nachhaltig in die Zukunft zu bringen, das Unternehmen mehrheitlich an die APA verkauft. Einige Jahre war ich dann noch Geschäftsführer und Gesellschafter vor Ort in Innsbruck, bis ich 2008 die letzten Anteile der APA verkauft habe und dem Ruf der APA in die Zentrale nach Wien gefolgt bin.

 

ZUKUNFT: MediaWatch maß sekundengenau die Präsenz von Politikern im TV. Haben sie jemals diejenige von Wissenschaftlern analysiert?

CLEMENS PIG: Wir haben immer wieder Vollerhebungen durchgeführt, welche Menschen, welche Funktionen und Geschlechter in der medialen Berichterstattung vorkommen. Damit war auch ein Teil der Wissenschaft abgedeckt, aber nicht mit einer spezifischen Fragestellung auf die Wissenschaft. Das würde man heute sicherlich tun, ganz genau hinschauen, welche Akteure aus der Wissenschaft präsent sind, welche Akteure insgesamt medial das Bild der Gesellschaft bestimmen.

 

ZUKUNFT: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dürften dabei nicht an erster Stelle stehen.

CLEMENS PIG: Das stimmt, die hohen und höchsten Präsenzen haben Politikerinnen und Politiker, aber auch ausgewählte Top-CEOs sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Sport, Kunst und Kultur sowie Society. Das sind in den Massenmedien sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene die prägenden Akteure. Allerdings sind mit Corona die Wissenschaft insgesamt bzw. Virologinnen und Virologen massiv in den Vordergrund gerückt.

 

ZUKUNFT: Mit Corona haben Fake News und Verschwörungstheorien noch mehr Raum und Anhänger gefunden. Warum dringen klassische Medien, aber auch Wissenschaftler nicht zu ihnen vor?

CLEMENS PIG: Das ist eine umfassende Fragestellung. Meiner Meinung nach haben Corona den Rahmen und die sogenannten sozialen Medien – die ich persönlich weder als sozial noch als klassische Medien einordne – den Brandbeschleuniger für etwas geliefert, was es schon vorher gab: Verschwörungstheorien einerseits und andererseits Misstrauen gegen Eliten und klassischen Systemen wie Medien, Politik und Wissenschaft. Hand in Hand geht eine zunehmende Polarisierung, vor allem in den Online-Kanälen bis hin zu Fake News, Hate Speech etc., aber auch eine Abwendung einiger Menschen von diesen Systemen. Es wäre sehr unzureichend, Antworten nur rational und aus der Perspektive der betroffenen Systeme zu suchen und zu finden. Anders gesagt: Rein kommunikativ wird sich dieses große Thema nicht lösen lassen.

 

ZUKUNFT: Wie ließe es sich lösen?

CLEMENS PIG: Es gibt komplexe Ursachen; eine, die ich herausgreife, ist die Globalisierung, mit all ihren vielen Vorteilen, die wir alltäglich erleben. Für einige oder viele Menschen bereitet sie aber Nachteile, das betrifft materielle, aber auch gefühlte Nachteile. In dieser viel zitierten Transformation steckt eine große Schnelligkeit, das führt bei einigen Menschen auch zu einem Gefühl des Abgehängt-Seins. Und es stimmt ja auch: Die Welt ist komplexer geworden. Manche Antworten auf diese Komplexität sind aber leider nostalgisch-verklärerischer Natur und führen zu sehr einfachen, holzschnittartigen Antworten, vor allem aus dem rechtspopulistischen Umfeld. Aber auch Verschwörungstheorien, die an dieses rechtspopulistische Umfeld anknüpfen, liefern diese einfachen Antworten, weil sie für die komplexen Herausforderungen sehr einfache, vor allem in sich geschlossene und in sich schlüssige Erklärungen haben. Auf psychologischer Ebene betrachtet ist das für viele Menschen in sehr belastenden Zeiten eine Entlastung. Das ist hartnäckig und daher ist auch schwer, dagegen anzukämpfen – vor allem mit rationalen Argumenten. Daher glaube ich, dass ein wesentlicher Job von Wissenschaft, Medien und Politik darin besteht, nicht nur aktiv und aufgeklärt zu kommunizieren, sondern auch zuzuhören und Raum zu geben. Das ist eine schwierige Gratwanderung. Wenn man diesen Raum aber gibt und hin und wieder Rückfragen stellt, kann es gelingen, dass manche dieser Verschwörungstheorien von jenen, die sie propagieren oder in sich tragen, selbst in Frage gestellt werden. Das gilt im Wesentlichen für Menschen, die noch kommunikationsfähig sind. Der zweite Punkt kreist um Ihre Frage insgesamt und liegt in der Tradition der Aufklärung, in der ich die Wissenschaft, aber auch die Medien verankert sehe. Wir erleben eine Zeit, in der der hohe Wert der Aufklärung unter Druck gerät.

 

ZUKUNFT: Fake News und Verschwörungstheorien liefern auf komplexe Fragen einfache Antworten, etwas was Wissenschaft nicht kann und auch nicht will. Erschwert dies Wissenschaftsjournalismus, vor allem in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne der Konsumenten immer kürzer wird?

CLEMENS PIG: Wissenschaftsjournalismus steht von den Ressourcen her tatsächlich unter Druck, ist aber in Wahrheit immer unter Druck gestanden. Die Gründe mögen vielschichtig sein, erstens ist es eine Frage, in welcher Tradition der Aufklärung Gesellschaften stehen; zweitens wie die polit-mediale Kultur in einem Land ist, wem vertraut und wer gehört wird; und drittens welchen Wert man einer aufgeklärten Gesellschaft zumisst – und diese Gesellschaft braucht immer Qualitätsmedien, aber auch die Institutionen Wissenschaft und Forschung. Wir sehen derzeit bei dem brutalen Überfall Russlands auf die Ukraine, dass es drei Schritte auf dem Weg zu einer autokratisch-diktatorischen Gesellschaft gibt: Den Medien das Licht auszuschalten; die Störgeräusche der Opposition abzudrehen; die Unterwerfung der Justiz unter das jeweilige Regierungsregime. In dieser Situation, die wir gerade erleben, können wir daher froh sein, dass wir in einer liberalen Demokratie mit freien, privaten Medien, mit einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einer staatlich unabhängigen Nachrichtenagentur leben. Dennoch ist einiges zu tun, gerade in Fragen des Wissenschaftsjournalismus.

 

ZUKUNFT: Guter Journalismus benötigt Zeit. Sind bei der Geschwindigkeit digitaler und sozialer Medien journalistische Prinzipien wie Check, Re-Check, Double-Check überhaupt noch möglich?

CLEMENS PIG: Ja, es ist nicht nur möglich, es braucht in der konkurrierenden Frage Schnelligkeit versus Richtigkeit sogar eine hierarchische Antwort: Richtigkeit vor Schnelligkeit. Die Möglichkeit ist da, sie wird auch eingefordert. Die wahnsinnig überhitzten Meinungsmärkte, gerade in den sozialen Medien, benötigen dringend ein Cooldown. Eine unabhängige Nachrichtenagentur hat die Möglichkeit und Aufgabe ausgewogen, zuverlässig, faktenbasiert zu berichten und damit gegen Polarisierung zu sein. Als Nachrichtenagentur müssen wir Themen vielseitig ausleuchten – da bleibt Raum für Recherche.

 

ZUKUNFT: Wie schaut es mit Wissenschaftsjournalismus bei der APA aus?

CLEMENS PIG: Als APA haben wir eine gute Tradition mit breiter Wissenschaftsberichterstattung, die wir neben dem eigenen redaktionellen Team auch mit Kooperationsmodellen mit Partnern wie der Uni Innsbruck bespielen. Mit APA Science versuchen wir viele Themen aus dem Kontext Wissenschaft, Forschung, Technologie und Innovation einem wesentlich breiteren österreichischen Publikum zur Verfügung zu stellen. Fakt ist aber: Die Geschwindigkeit in den Medien, die Aufmerksamkeitsökonomie stellt für alle eine Herausforderung dar, für die Wissenschaft ganz besonders. Aber auch Politik und andere haben komplexe Themen, die sie kommunizieren müssen und wollen. All diese Systeme stehen noch dazu unter einem Legitimationsdruck.

 

ZUKUNFT: Braucht Wissenschaft heute mehr Kommunikation?

CLEMENS PIG: Wissenschaft hat für mich immer einen Selbstzweck aus sich selbst heraus, gleichzeitig ist man heutzutage gefordert, die Brücke zu schlagen, zu erklären und Ergebnisse passend zu formulieren und aufzubereiten. Schlichtweg in Anerkennung der Realitäten, wie Medien und Kommunikation heute funktionieren, und um die Rolle zu bekommen, die man als Wissenschaft in der Gesellschaft haben will. Das ist eine Kraftanstrengung, einerseits ist es eine Aufgabe für die Institution selbst, andererseits braucht es einen Schulterschluss zu Medien und Politik. Am Beispiel Corona: Wer spricht über die Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnisse – da hat es zwischen Österreich und Deutschland wesentliche Unterschiede gegeben in der medialen Vermittlung. Wissenschaft wäre gut beraten, wissenschaftliche Ergebnisse zu publizieren, zu kommunizieren und für die Bevölkerung greifbar zu machen – die Uni Innsbruck liefert dafür ein Paradebeispiel.

 

ZUKUNFT: Universitäten sollen also die Vermittlung ihrer Leistungen und deren Wert für die Gesellschaft forcieren?

CLEMENS PIG: Selbstverständlich. Wir benötigen wieder Stimmen und glaubwürdige Autoritäten aus der Wissenschaft – in modern interpretierter Form. Mit Autoritäten meine ich Menschen, auf die man hört, die für Glaubwürdigkeit stehen. Ich bin überzeugt, dass es hier – auch für die Wissenschaft – viel Potenzial gibt. In unserer komplexen Welt gibt es den Wunsch nach Orientierung. Das ist ja auch nachvollziehbar, problematisch wird es nur dann, wenn die Antworten darauf sehr einfach und rückwärts gewandt sind. In diesem Sinne bin ich definitiv für eine aktive Rolle der Wissenschaft und wünsche mir eine selbstbewusste und offensive Wissenschaft.

 

ZUKUNFT: Verfolgen Sie in diesem Zusammenhang die Aktivitäten der Uni Innsbruck?

CLEMENS PIG: Durch meine Mitgliedschaft im Förderkreis der Uni Innsbruck und da ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen noch universitär verbunden bin, verfolge ich das sehr gerne. Insbesondere achte ich auf die Positionierung: Wie schafft es die Uni, komplexe Themen weiterzubringen und welche Personen prägen das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Das hat für mich als Absolvent der Uni Innsbruck einen hohen Stellenwert, aber auch insgesamt und professionell betrachtet, weil gerade Wissenschaft und Medien im Geiste der Aufklärung agieren. Qualitätsjournalismus und Wissenschaft recherchieren, im Idealfall sind beide kritisch, methodisch und offen. Es gibt vieles, was diese beiden Systeme verbindet, deshalb ist auch der zeitgleiche Druck auf beide Systeme in manchen Teilen der Öffentlichkeit vorhanden.

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