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Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck

Interview: Kultur der Offenheit

Bei Kooperation zwischen Universitäten und Wirtschaft gibt es in Österreich noch keine ausgeprägte Kultur, meint Martin Kocher. Der Chef des Instituts für Höhere Studien plädiert auch für einen stärkeren Wettbewerb zwischen den Universitäten und generell für mehr Offenheit in Österreich.


 

ZUKUNFT: Sie haben in Innsbruck Volkswirtschaft studiert, welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

MARTIN KOCHER: Nur positive, es war die erste Zeit weg von zu Hause, für mich als Mensch vom Land auch erstmals in einer großen Stadt. Im Studium gab es auch noch viel Freiheit, ich habe nebenbei auch Politikwissenschaft und Zeitgeschichte studiert, aber nie abgeschlossen. Die Wirtschaftswissenschaften sind ein Fach, in dem man schon etwas mit Scheuklappen durch das Leben geht, deswegen war es mir wichtig, auch woanders Lehrveranstaltungen zu besuchen.

ZUKUNFT: Volkswirtschaft ist unter den Wirtschaftswissenschaften sozusagen das Exotenstudium.

KOCHER: Ja, ich habe mich schon immer für Wirtschaft, aber vor allem für gesellschaftliche Zusammenhänge interessiert, BWL war daher keine Option.

ZUKUNFT: Auch Ihre Wissenschaftskarriere starteten Sie an der Universität Innsbruck. Wie kam es zum Schritt in die Forschung?

KOCHER: Sehr unspektakulär. Es hat mich interessiert, die Diplomarbeit hat mir Spaß gemacht. Von Manfried Gantner kam dann das Angebot, bei ihm eine Dissertation zu schreiben. Ich habe dann eine halbe Stelle bekommen und begonnen, in dem Bereich zu arbeiten. Große Gedanken, ob ich in der Wissenschaft bleibe will, habe ich mir nicht gedacht. Damals war die Zeit noch so, dass Doktoranden am Arbeitsmarkt sehr gefragt waren, man bekam teilweise Briefe von Unternehmensberatern, ob man sich nicht bewerben wolle. Der entscheidende Punkt war mein Research Fellowship an der Universität Amsterdam als Post Doc, nach diesen zwei Jahren war klar, dass ich in die Wissenschaft will.

ZUKUNFT: Ihre Forscherlaufbahn führte Sie in die Niederlande, nach England und Deutschland. Wie wurde dort der Wissenschaftsstandort Österreich wahrgenommen?

KOCHER: Eigentlich sehr stark, denn in Amsterdam und München waren einige Österreicherinnen und Österreicher, selbst in den Departments unter den Volkswirten. Es gibt relativ viele österreichische Volkswirte im Ausland, es hat sich ein Netzwerk entwickelt. In München etwa waren wir vier Österreicher unter den rund 20 Professoren, insofern waren wir überrepräsentiert. Wie es in Österreich genau läuft, war nie ein großes Thema, es war aber klar, dass es hier eine gute Ausbildung gibt und dass man international erfolgreich sein kann.

ZUKUNFT: Und in Norwich, an der University of East Anglia?

KOCHER: Österreicher waren dort keine, dafür war es so international wie sonst nirgends – Forscherinnen und Forscher aus Indien, den USA, aus ganz Europa. Volkswirte mit britischer Herkunft sind eine Minderheit, deswegen war das Department international besetzt. Ich habe dabei viel gelernt, wie man über kulturelle Grenzen hinweg gut zusammenarbeitet.

ZUKUNFT: Kannte man Innsbruck auch als Universitätsstadt, oder nur als Sportstadt?

KOCHER: Ich kann nur für die VWL sprechen – und da wurde Innsbruck als sehr gute Universität wahrgenommen. Natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

ZUKUNFT: Ist Österreich heute für ausländische Forscherinnen und Forscher attraktiv?

KOCHER: Es hängt vom Fach ab. In der VWL ist es nicht einfach, weil der Wettbewerb um die besten Leute sehr hart ist. Es ist daher schwierig, die besten Köpfe zu bekommen, bei finanziellen Aspekten gibt es in Österreich einfach Grenzen, aber auch in Deutschland. Zudem geht es um Freiheiten, die man als Forscher hat: Im internationalen Vergleich ist in Österreich die Lehrbelastung relativ hoch. Mit den Top-Privatuniversitäten in den USA kann man sicher nicht konkurrieren, mit anderen europäischen Universitäten aber sehr wohl. Das macht man auch, deshalb kommen immer wieder gute Leute nach Österreich. In den letzten Jahren hat Österreich etwas verloren, weil die Finanzierung der Universitäten im Vergleich zu anderen Ländern wie Deutschland im Spitzenbereich nicht ganz so gut war. Die deutsche Exzellenzinitiative hat zu mehr Möglichkeiten beigetragen, das wurde international wahrgenommen. In Österreich hat so etwas gefehlt, dass die Universitäten unterstützt werden, um gute Leute zu holen.

ZUKUNFT: Sehen Sie sonst noch Unterschiede?

KOCHER: Man merkt in Österreich, aber auch in Deutschland, dass es im täglichen Leben schwierig ist, wenn man nicht deutschsprachig ist. In den Niederlanden zum Beispiel ist das anders, wenn man dort auf eine Behörde geht, ist dort immer jemand, der sehr gut englisch spricht. Man kommt in dem Land durch, ohne niederländisch zu sprechen. Das ist in Österreich schwieriger, insofern ist es eine Hürde. Andererseits ist Österreich extrem beliebt, was das generelle Umfeld betrifft: Landschaft, Kultur, die Work-Life-Balance.

ZUKUNFT: In einem Interview meinten Sie in diesem Zusammenhang, dass es in Österreich eine generelle Kultur benötige, offen zu sein

KOCHER: Wir haben das Problem, dass wir Ausländerinnen und Ausländer, wenn sie einmal da sind, nicht so offen behandeln und aufnehmen, wie wir es sollten. Das betrifft nicht nur den universitären Sektor, sondern Österreich generell. Wir haben einen Fachkräftemangel: Wenn man im Ausland Leute sucht, muss man ihnen das Gefühl geben, dass sie – wenn sie hier sind – willkommen sind. Man kann, das ist eine politische Diskussion, bei der Auswahl, wen man ins Land lässt, restriktiv sein, eine Kultur, offen Nicht-Österreicher aufzunehmen, ist aber auch wichtig. Man sieht auch in Umfragen, dass diese in anderen Ländern wie z.B. in Kanada oder in Skandinavien deutlich ausgeprägter ist. Ausländer werden eher als Bereicherung gesehen, bei uns gibt es erstmal eher eine Abwehrhaltung. Wobei es an Universitäten, die ja sehr international sind, weniger Probleme gibt.

ZUKUNFT: Stichwort Universitäten: Vor Kurzem meinten Sie, dass es bei Forschungsförderungen und Universitätsfinanzierung mehr Wettbewerb benötigt. Gibt es zu wenig Wettbewerb?

KOCHER: Da muss man differenzieren. Auf individueller Ebene ist der Wettbewerb im wissenschaftlichen Bereich relativ hart, es gibt auch Grenzen, weil Wettbewerb in gewisser Weise Leistung zerstört. Wenn man einen ausführlichen Antrag schreiben muss und nur zehn Prozent der Antragsteller bekommen eine Förderung, haben 90 Prozent den Antrag umsonst geschrieben – das ist wertvolle Zeit, die verloren geht, das darf man nicht übertreiben. Mir ging es vor allem um die Frage des Globalbudgets für die Universitäten, da gibt es relativ wenige wettbewerbliche Elemente zwischen den Universitäten. Da könnet man sich Gedanken machen, wie man die Universitäten und die einzelnen Einheiten innerhalb der Universitäten etwas besser vergleicht: Wo läuft etwas gut, wo weniger? Wo kann man unterstützen? Wo kann man es eventuell schaffen, weltweit in die Spitzengruppe zu kommen?

ZUKUNFT: Ein Wettbewerb, in dem Forschungsoutput mehr zählt als die Anzahl der Studierenden oder Mitarbeiter…

KOCHER: Ja, etwa eine klare Forschungsorientierung für einen Teil des Budgets. Das kommt jetzt ein bisschen durch die Studienplatzfinanzierung. Es geht in die richtige Richtung, ist aber noch sehr schwach ausgeprägt. Man muss sich sicher noch Gedanken machen, wie das ausgestaltet wird. Die Gefahr ist immer, dass man mit solchen Methoden Fehlanreize setzt. Da muss man also vorsichtig sein.

ZUKUNFT: Besteht dann nicht die Gefahr, dass sich Universitäten auf ihre exzellenten Fächer konzentrieren, um im Wettbewerb zu bestehen, und andere Fächer vernachlässigen?

KOCHER: Das wäre sicher eine Gefahr, daher braucht es auch die Koordination durch das Ministerium. Es gibt aber viele Beispiele, wo wir Doppelungen haben. Ob es Wien mehrere Bachelor, Master und Doktorate für VWL geben muss, kann man durchaus diskutieren. Es muss ein Grundangebot geben, es ist aber auch gut, wenn sich einzelne Universitäten auf bestimme Fächer konzentrieren. Nur so kann man international wahrgenommen werden. Und die Studenten sind ohnehin mobil genug, da geht es mehr um die Information, wo was angeboten wird. Möglicherweise macht es auch Sinn, sich nicht nur in Österreich abzustimmen, sondern im ganzen Alpenraum.

ZUKUNFT: Von den Universitäten wird immer mehr angewandte Forschung bzw. Kooperation mit der Wirtschaft gefordert. Ist dies ein Fluch oder ein Segen?

KOCHER: Wahrscheinlich beides. Es geht darum, wie es gestaltet wird. In gewissen Bereichen soll es genutzt werden. In Österreich gibt es dafür aber noch keine breite Kultur – vor allem auf Seiten der Unternehmen und möglicher Mäzene, Universitäten zu unterstützen. Ich glaube, dass man beidseitig gewinnen kann. Die Regeln müssen aber klar sein, es darf keinen Eingriff auf das Ergebnis der Forschung geben. Also eher eine generelle Förderung, mit der man was lernt, einen Austausch hat, mit der man als Unternehmen profitiert, aber nicht bestimmen kann, in welche Richtung die Forschung geht oder welche Ergebnisse veröffentlicht werden und welche nicht. In einigen Bereichen wie den Wirtschaftswissenschaften wird das leichter gehen, in anderen wie der Medizin kann es Interessenskonflikte geben, in anderen wie den Geisteswissenschaften werden Kooperationen vielleicht nicht so leicht möglich sein. Da muss man gegensteuern, weil es nicht sein kann, dass nur die Fächer, die sich mit Drittmitteln von Seiten der Wirtschaft leichter tun, davon profitieren. Ich glaube, dass es in diese Richtung gehen muss, man muss ja nur den Anteil der öffentlichen Mittel für Universitäten mit privaten Mitteln vergleichen. Beim privaten Anteil sind wir weit hinten – auch im europäischen Vergleich.

 

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