zukunft

Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck

Ausgabe 01 | 09

„Beim Dichten Zuschauen“

Schon seit Jahren arbeiten im Innsbrucker Brenner-Archiv die Germanisten Hermann Zwerschina und Eberhard Sauermann an einer Ausgabe sämtlicher Werke des Dichters Georg Trakl.

 

 

ZUKUNFT: Herr Zwerschina, was ist für Sie die Hauptaufgabe beim Editieren?


ZWERSCHINA: Erstens geht es darum, dass man die Handschriften lesbar machen kann, machen soll. Es ist schon so angelegt, dass dieses Buch und diese voluminöse Ausgabe jeder benutzen können soll. Das erste Problem ist also, die Handschriften lesbar zu machen, nicht nur weil es eine alte Schrift –Kurrentschrift – ist, sondern ganz einfach, weil´s überstrichen, übermalen, weil´s durchgestrichen ist. Und lesbar machen heißt nicht nur, dass wir es lesen können, sondern die Übertragung der Handschriftzeichen in Maschinenschriftzeichen, das nennt man diplomatische Umschrift, weil´s inklusive aller Korrekturzeichen, also aller Durchstreichungen, aller Strophenkreuzchen übertragen wird. So dass auch ein Laie hergehen und sagen kann, was heißt das Wort und es dann mehr oder weniger eins-zu-eins in der diplomatischen Handschrift lesen kann. Das Wichtige besteht darin, dass wir dann die diplomatische Umschrift, also den handschriftlichen Befund, in der Übersetzung in Maschinenschrift in die Phasen aufgliedern, in denen der Text in der Handschrift entstanden ist. Ausgangspunkt ist einfach ein erkenntnistheoretischer. Ich bin der Meinung, dass ein Kunstwerk, ein literarischer Text, ein Gedicht auch aus der Entstehung verstanden werden kann. So ähnlich wie man einem Maler zuschaut. Wenn ich dabei sitzen könnte, wie ein Maler welchen Strich oder welche Farbe setzt, welchen Teil seines Bildes er dann beispielsweise übermalt, was er „korrigiert“ und wo er einen Mangel sieht – in der Art könnte ich als Konsument, als Rezipient zu einem anderen Verständnis eines Kunstwerkes kommen.

 

ZUKUNFT: Das ist aber ein bisschen dem Dichter beim Schreiben zuschauen.


ZWERSCHINA: Das ist dem Dichter über die Schulter schauen. Das Problem war folgendes, und so sind wir überhaupt auf die Idee gekommen, diese Ausgabe zu machen. Die Vorarbeiten, soweit ich sie habe, sind mehr oder weniger zufällig entstanden. Ich habe nach meiner Lehramtsprüfung das Bedürfnis gehabt, mich germanistisch weiterzuentwickeln, und war eigentlich auf der Suche nach einem würdigen Dissertationsthema. Mit meinem Mitherausgeber Eberhard Sauermann habe ich einen kongenialen Partner gefunden, der gewusst hat, wie er mich „derpackt“ und er hat gesagt: „Die Chronologie der Dichtungen Trakl´s, das wäre ein Dissertationsthema in der Literaturwissenschaft und in der Traklforschung, es wird allerdings nicht möglich sein, diese Chronologie zu rekonstruieren. Und mehr habe ich nicht gebraucht, um Blut zu lecken. Dann habe ich mich drangemacht, einfach auch deshalb, weil ich das Gefühl gehabt habe, wenn es etwas wird, dann habe ich etwas gelöst, was eigentlich als einigermaßen unlösbar angesehen wurde. Und wenn ich es nicht lösen kann, dann haben eh schon viel Gescheitere gesagt, das lässt sich nicht lösen. Das war so ein bisschen ein Sicherheitsspiel. Und ich bin tatsächlich auf die Chronologie gekommen, die bis jetzt unwidersprochen geblieben ist. Die einzigen, die manches aus meiner damaligen Dissertation korrigiert haben, sind wir selber gewesen. Und damit ist jetzt die wesentliche Voraussetzung für die Herausgabe einer historisch-kritischen Ausgabe geschaffen gewesen. Es hat zu dem Zeitpunkt schon eine Salzburger Ausgabe gegeben. Aber mit meiner Dissertation sind da zu viele Unstimmigkeiten und Unrichtigkeiten und Fehler, wobei das nicht vorwurfsvoll wirken soll, aufgekommen. Wir habe uns mit dem Plan getragen, eine große historische Faksimile-Ausgabe zu machen, also das ist sozusagen das Nonplusultra in der Editionsphilologie. Dann haben wir auch noch das Glück gehabt, dass der Verleger KD Wolff vom Strömfeldverlag das gehört hat – der hat damals die ganz großen Ausgaben gemacht, die Hölderlin- und die Kleistausgabe. Zurzeit ist dort die Franz Kafka-Ausgabe im Entstehen. Das heißt also, der Verleger ist zu uns gekommen und das ist der große Glücksfall für uns als Herausgeber gewesen – wenn man nicht suchen muss, sondern wenn man gebeten wird, ob man dort verlegen will. Dann haben wir begonnen. Da geht es eben um ein editorisches Konzept, d.h. ich muss schon vorher wissen, was mache ich wie und warum. Da kommt dieser hermeneutische Ansatz dazu, nämlich etwas verstehen zu wollen, auch die Genese, die Entstehung. Und diese genetische Darstellung, und das ist das Besondere.

 

ZUKUNFT: Was ist daran das Besondere?


ZWERSCHINA: Es wird nicht nur der Grundtext, also nicht nur die Grundniederschrift, aufgeschrieben, und dann die Korrekturen darüber. Denn es ist ja nicht in jedem Fall so, dass Trakl das Ganze zuerst in der Grundniederschrift niedergeschrieben hat, und erst nachdem er den letzten Vers geschrieben hat, mit der Überarbeitung begonnen hat. Sondern es kann ja durchaus sein, und es ist häufig so, dass er beispielsweise nach der ersten oder zweiten Strophe begonnen hat zu überarbeiten, korrigieren ist ja ein missverständlicher Begriff. Überarbeiten oder weiterarbeiten ist der richtigere Ausdruck. Und das muss jetzt so dargestellt werden, dass die jeweiligen Korrekturen in ihrem Korrekturzusammenhang sichtbar werden. Denn es kann ja das, was zuerst Grundniederschrift gewesen ist, Inspiration für eine Überarbeitung gewesen sein. Und diese Überarbeitung fließt dann beispielsweise in die nächste Strophe ein als Motiv oder als Voraussetzung. Das kann bei umfangreicheren Manuskripten sehr viel Arbeit bedeuten, das kann zweitens bei sogenannten Sammelhandschriften sehr schwierig werden – da geht es oft drunter und drüber. Wenn Trakl dann zeichnet, dann ist das auch oft schwer zu erkennen, was es ist. Ist es ein Totenkopf, ist es eine Maske. So was wird in einer Nicht-Faksimile-Ausgabe dem Publikum ja nicht geboten. Dann stellt sich hier noch die Frage: „Ist das gezeichnet worden, bevor die Schrift gestanden ist oder ist es über die Schrift gezeichnet worden“. Das kann ich im Einzelnen nicht so sagen. Aber...

 

ZUKUNFT: Sie versuchen das zu recherchieren?


ZWERSCHINA: Es wird recherchiert und dann auch so dargeboten. Und insofern ist diese Traklausgabe eine Grundlagenforschung. D.h. wir stellen das Material zur Verfügung, Literaturwissenschaftler mögen sich damit beschäftigen, jemand der Trakl interpretiert, muss sich damit beschäftigen.

 

ZUKUNFT: Ein wichtiger Punkt bei einer Faksimile-Ausgabe sind natürlich die Originalschriften. Sind da ausreichend viel vorhanden?


ZWERSCHINA: Wir im Brenner Archiv haben die wichtigsten Manuskripte. Aber die wichtigsten Manuskripte sind nicht unbedingt die editorisch interessantesten. Wir haben den größten Anteil der Reinschriften, aber für die Textgenese sind die Texte der Salzburger Ausgabe wesentlich wichtiger gewesen. Also im Salzburger Museum Karolinum Augusteum, da sind die wirklichen Schmuckstücke, wenn man als Editor drangeht. Aber die Reinschriften wie etwa Grodek, die sind bei uns in Innsbruck. Aber die Beschaffung der Quellen, also der Handschriften, hat bis Chile und Argentinien gereicht. Da sind manche Stücke sehr weit weggekommen. Uns ist es möglich gewesen, alle bekannten Handschriften – es gibt aber auch verschollene – einscannen zu können. Steigerdruck Axams ist uns da sehr behilflich gewesen. Da komme ich auf unsere Sponsoren zu sprechen, es ist ja nicht so leicht das zu finanzieren. Zum Beispiel hat uns der Gerling Versicherungskonzern die Versicherungsprämien erlassen, bzw. uns den Transport von Salzburg nach Innsbruck mit der Bahn versichert.

 

ZUKUNFT: Sie als Editor und Literaturwissenschafter kennen wahrscheinlich jede Zeile, die Trakl geschrieben hat. Wie „fährt es ihnen ein“, wenn sie diese Originale vor sich liegen haben? Wie erleben sie diese Art der dunklen Gedichte und Gedanken? Oder sehen sie das nicht so?


ZWERSCHINA: Also erstens gibt es die Trennung. Ich kann als Traklfan ein Traklgedicht bei einem Glas Wein zu meinem Genuss lesen. Das ist etwas anderes, als wenn ich mich als Editor mit den Handschriften beschäftige. Diese Distanz als Editor ein fertiges Traklgedicht vom Kunstgenuss zu trennen, das halte ich schon für notwendig. Die editorische Beschäftigung ist eine nüchterne, da kommt man nicht ins Schwärmen. Das ist eine so mühsame Arbeit. Hin und wieder kommt allerdings schon der Traklfan durch und auch das gute Gefühl, was verstanden zu haben. Beispielsweise wenn ich ein Gedicht vor mir habe und ich lese die Überschrift „An Novalis“ und ich lese dann diesen Text, dieses Gedicht, dann lese ich ihn unter der Prämisse, finden zu wollen, was denn jetzt da von Novalis handelt oder über den Novalis drinsteht. Und jeder Leser liest zuerst die Überschrift und mit dieser subjektiven Wahrnehmung der Überschrift dann den Text. Als Editor kommt man da auf etwas ganz Interessantes. Nämlich, dass der Titel „An Novalis“ das letzte war, was Trakl geschrieben hat. Und da beginnt nun die editorische Arbeit, auch ganz kriminalistisch, nicht nur im Entziffern von Handschriften, sondern auch, warum er denn irgendwann etwas ändert. Die Gedichttitel sind bei Georg Trakl immer erst zum Schluss dazu gekommen. Und auf dieses Phänomen aufmerksam geworden, hat mich dann auch interessiert, wie denn die Arbeitsweise des Georg Trakl war. Dieses Phänomen ist auch mir durchaus bekannt. Das können sie als Journalist auch sicher bestätigen. Wenn sie einen Text vorhaben, dann wissen sie am Anfang nicht, wie der lauten wird, d.h. während des Schreibens ergibt sich eine Perspektive, eine Linie, und während des Schreibens und durch das Schreiben entwickelt sich der Text weiter. Von daher wird dann verständlich, warum ein Text mit irgendeinem Vers beginnt und erst zum Schluss der Titel dazu kommt. Diese Schreibstrategie Trakls ist dann auch untersucht worden. Der Germanist Hanspeter Ortner von der Universität Innsbruck hat zur selben Zeit an seinen Schreibtheorien gearbeitet, „Schreiben und Denken“, – ein monumentales und hervorragendes Buch. Er unterscheidet darin elf Schreibertypen und aufgrund dieses Buches konnte ich feststellen, dass Trakl ein sogenannter Versionenschreiber, ein Redaktionsschreiber ist, d.h. er überarbeitet, er schreibt nicht immer einen ganzen Text neu, manchmal aber auch ganz neu. Wenn ich das jetzt überspitzt formuliere, dann bin ich darauf gekommen, dass Trakl oft nicht gewusst hat, was beim Schreiben rauskommen wird. Er hat oftmals nur eine vage Vorstellung gehabt. Er hat nicht etwas als festes Bild, also z.B. eine Realität, vor Augen gehabt, dem er sich schreibend nähert, bis er das ideale Abbild davon hat. Sondern durchs Schreiben entsteht erst das, was dann irgendwann den Freudenschrei „Heureka“ auslöst. Und diese Schreibtechnik des Georg Trakl, die erklärt z.B., warum Trakl in manchen Varianten von silbern auf braun auf rot kommt. Gerade bei den Farbadjektiven ist es am deutlichsten, wenn Georg Trakl sich an eine Realität, z.B. an eine Wirklichkeit annähert, dann kommt er, wenn er eine Farbe sucht, nicht auf silbern, sondern das silbern ergibt sich aus anderen Zusammenhängen, die im Gedicht irgendwo verborgen sind. Wenn er dann den Fokus auf einen anderen Aspekt in dem von ihm niedergeschriebenen Text wirft, dann ist es möglicherweise zwingend, dass aus diesem silbern ein rot wird. Das ist aber aus dem Schreibprozess zwingend. Für uns schaut es so aus, als ob jemand nicht wüsste, was er da tut. Wenn er von rot auf blau oder silbern kommt.

 

ZUKUNFT: Es gibt bei Georg Trakl eine Diskussion, inwieweit seine Werke von seiner Drogensucht beeinflusst sind. Kann das sein, dass er im Drogenflash geschrieben hat?


ZWERSCHINA: Nein, nein. Ich habe zu wenig Erfahrung mit Drogen. Aber man muss sich nur eine Handschrift anschauen. Da spiegelt sich eine Intensität an Arbeit, die, glaube ich, nicht im Drogenrausch stattfinden kann. Literarische oder lyrische Texte sind nicht etwas von oben, von irgendwelchen göttlichen Wesen eingeträufeltes. Jeder, jeder wertvolle literarische Text ist harte Arbeit. Wenn man die Handschriften ansieht, merkt man direkt, wie hart die Arbeit ist. Ich schließe es aus – es möge hier aber jemand urteilen, der sich mit Drogen auskennt – dass es unter Drogen entstanden ist. Nicht denkbar, nicht vorstellbar.

 

ZUKUNFT: Ich nehme an, dass sie seine Biografie, sein Werk sehr genau im Auge haben. Merkt man da Phasen, wo man weiß, dass er sehr schwere Zeiten gehabt hat – etwa die Fehlgeburt seiner Schwester. Da muss ich aber zuerst noch fragen, ob die die Werke genau datiert sind oder war das immer nur ihre Recherchearbeit? Ich sehe auf den Handschriften Zeichen, ich glaube, die sind nicht nur von Herrn Trakl?


ZWERSCHINA: Nein, das sind die Archiv Signaturen, das hat nichts mit Datum zu tun.

 

ZUKUNFT: Hat Trakl mit Datierungen gearbeitet?


ZWERSCHINA: Es gibt zwei oder drei Blätter, die von ihm datiert sind. Die Briefe sind teilweise datiert, teilweise über Poststempel datiert, teilweise aus der Korrespondenz der Antwort datierbar. Die Datierungen sind eine wirkliche kriminalistische Arbeit gewesen. Z.B. bin ich draufgekommen, dass Trakl keine Reiseschreibmaschine gehabt hat, die er überall hin mitgenommen hat, sondern dass er jeweils die Schreibmaschine genommen hat, die er dort, wo er war, vorgefunden hat. Jetzt haben wir, auf der einen Seite Gott sei Dank, auf der anderen Seite leider, nicht so viele Schaffensjahre bei Trakl. Wir haben da im Wesentlichen vier wirklich fruchtbare Jahre. Und da habe ich sehr genau einen Kalender machen können: Wann war er in Wien, wann war er in Innsbruck. Hier habe ich elf verschiedene Schreibmaschinen identifizieren können, und dann war schon einmal klar, das war eine Salzburger Schreibmaschine, das ist eine Wiener Schreibmaschine, das ist die Schreibmaschine von Ludwig von Ficker. Da war es dann schon einmal möglich einzugrenzen, wann war er in Innsbruck, wann hat er bei Ficker gewohnt und wann hat er in Innsbruck in der Garnison gelebt. Diese alten Schreibmaschinen sind Individualitäten. Da gibt es eine Schreibmaschine, die hat irgendeinen Fehler beim Farbband, und zwar bei jedem Anschlag ist eine Unterlänge beim G, da geht sie vom blauen Farbband ins rote. Das ist eindeutig identifizierbar. Dann kann man aufgrund des Grades der Verschmutzung der Typen, wenn das O oder E voll ist, ein Typoskript eindeutig einer bestimmten Schreibmaschine zuordnen. Teilweise haben wir auch mit der Polizei, mit dem Meldeamt, zusammengearbeitet. Also diese Datierungen, die wir hatten, haben wir recherchiert und geringfügig verändert. Das ist ein wesentlicher Fortschritt der Innsbrucker Traklausgabe gegenüber der Salzburger Ausgabe. Wenn man nun Entwicklung als Perspektive für eine literaturwissenschaftliche Untersuchung hat, dann muss man die Zeiten wissen, zumindest eine relative Chronologie, was ist früher, was ist später. Das ist einer der Vorteile. Und innerhalb der Texte dann die Binnenchronologie, welche Textzeugen sind früher und welche sind später.

 

ZUKUNFT: Meine Frage nach der Schwester blieb noch unbeantwortet. Merkt man, dass seine Schwester eine Fehlgeburt hatte?


ZWERSCHINA: Ich bin jetzt etwas leichtsinnig. Man weiß über seine schlechten Phasen mehr und eher aus den Gesprächen und Berichten seiner Freunde. Aus dem was Ludwig von Ficker gesagt hat. Aus den Tagebüchern Karl Röcks, einem seiner Kumpanen aus Innsbruck. Da wissen wir also schon, dass es ihm nicht gut gegangen ist. Und von seiner inneren Befindlichkeit aus seinen Briefen. Dass man aus seinen Gedichten herauslesen kann, dass diese Zeit eine besonders grimmige Phase gewesen ist, das glaube ich aber nicht.

 

ZUKUNFT: Das heißt aber, es gab komplett grimmige Phasen, in denen er trotzdem etwas wunderbar Lyrisches schreiben konnte?


ZWERSCHINA: Das wunderbar Lyrische, das rein ästhetische Schöne, das kommt nur beim ganz frühen Trakl vor. Also Ästhetizismus, ein Text darf nur schön sein, das gibt es bei Trakl nicht. Da ist er ernsthaft genug. Und Lyrik ist nicht ästhetisches Spiel bei Trakl. Lyrik ist auch Lebensbewältigung und Identität. Dieses rein Wunderschöne, das wird man bei Trakl nicht so in dieser Art finden wie bei Rilke oder anderen. Vielleicht beim ganz jungen Trakl, aber sonst nicht.

 

ZUKUNFT: Er hat sich also mehr dem schwermütigen, der dunklen Seite zugewandt.


ZWERSCHINA: Dunkle Seite, das klingt jetzt so, als wenn er verliebt gewesen wäre in die dunklen und Schattenseiten des Lebens. Das Leben ist nicht leicht, da kann auch die Literatur nicht leicht sein. Trakl ist auch deshalb der wichtigste österreichische Lyriker, weil er so was wie der Prototyp des Künstlers der damaligen Zeit ist. Da passiert ja auch zeitgeschichtlich etwas. Da ist die Habsburgermonarchie, auf der anderen Seite kommt da was vom Sozialismus herauf, es kommt ein soziales Bewusstsein dazu. Bei Trakl kommt auch eine Zivilisationskritik dazu, auch ein persönliches Unvermögen, das Leben zu bewältigen, weil dieses zu schwierig geworden ist. Er ist ein Dichter, der um seine Werte ringt, und dann brechen ihm diese Werte weg. Er ist zwanzig, vierundzwanzig Jahre alt, also kein situierter weiser Dichter, seine Eltern mütterlicherseits her Protestanten, das war noch ein sicheres Gerüst, ein Halt. Er ist ein Kind seiner Zeit, er hat Nietzsche gelesen und wusste, so sicher ist das Christentum nicht. Er stellt seine Werte in Frage, aber das, was Trakl kann, ist, dass er diese Zeit künstlerisch bewältigen kann. Er kann Lyrik schreiben. Und so ergeben sich Texte, aber nicht nur für Trakl, sondern für alle seiner Zeit, die dunkel und schwermütig sind. Man muss sich hüten anzunehmen, dass es hier um einen selbstversponnenen Pessimisten geht, der jetzt in schwärzesten Farben malt, da geht es auch um die Lichtblicke, die er glaubt zu haben. Und es kann sein, dass sich das als Blitz, als Hoffnungsschimmer, positiv gezeigt hat, und dann aber doch wieder weg bricht. Es ist kein besonderes Schicksal, das Trakl da erlebt, das zeichnet Trakl nicht aus. Aber er ist der, der sich als Künstler sichtbar damit auseinandersetzt.

 

ZUKUNFT: Er ist ja nur 27 Jahre alt geworden. Spürt man eine Gehetztheit im Werk, ein Gefühl man kriegt nicht alles unter im Leben?


ZWERSCHINA: Er hat keine solide Lebensbasis in seinem Leben gefunden, auch materiell nicht. Und wenn man das nicht hat, dann kommen irgendwann Existenzängste, Sorgen und alles wird flüchtiger. Trakl hat doch sehr exzessiv gelebt, aber nicht hedonistisch, das ist wohl eher Verzweiflung an der Welt. Und er hat sich die Unsicherheit oder Verzweiflung an der Welt nicht schön trinken, vielleicht aber weg trinken wollen. Wobei er kein Alkoholiker, dem Alkohol aber nicht ganz abgeneigt, war. Bei diesem exzessiven Lebenswandel kommt dann doch der Wunsch nach Bewusstseinserweiterung, da kommt dann Rauschgift ins Spiel. Dieses Leben ist dann irgendwann, wenn man es überzieht, gefährdet.

 

ZUKUNFT: Kann man sagen, als er kurz vor seinem Tod in dieses Schlachtengetümmel geraten ist, dass dies für seinen Nervenzusammenbruch verantwortlich war. Dass er seinen Schmerz so betäuben wollte, dass er daran gestorben ist, was man auch als Unfall bezeichnen könnte. Dass er an der Grausamkeit der Welt gestorben ist.


ZWERSCHINA: An der Grausamkeit der Kriegswelt.

 

ZUKUNFT: An seiner eigenen Unfähigkeit, irgendetwas dagegen tun zu können.


ZWERSCHINA: Man kann sich das nicht drastisch genug vorstellen. Er ist ausgebildeter Medikamentenhelfer, ein besserer Apotheker. Und jetzt ist er allein, nicht einmal als ausgebildeter Sanitäter, mit schwerstverwundeten Soldaten alleine und hätte helfen sollen, ist aber ganz einfach von seiner psychischen Anspannung her, auch von seiner Ausbildung und dem zur Verfügung stehend Material her, nicht im Stande gewesen zu helfen. Und das bei jemanden, der so bewusst gelebt hat, und alles rundherum intensiver gelebt hat. Mit dem Ersten Weltkrieg ist etwas eingetreten, dass die Menschheit entmenscht hat. Trakl wusste von früher, der Mensch ist nicht schlecht, aber manchmal ist er der Wolf für den anderen Menschen. Trakl hat kein negatives Menschenbild, aber in dieser Grenzsituation des Krieges und der Verwundungen und der Bosheit der Welt, eröffnet sich für ihn hier blitzartig das Böse – ausgehend von Menschen. Das ist etwas, was einen sensiblen Menschen an den Rand dessen drängt, was er gewillt ist zu ertragen. Sein Tod – Unfall oder nicht – Tatsache ist, dass er an einer Überdosis Kokain gestorben ist. Er hat aber bis zum Schluss geschrieben. Seine Veröffentlichungen sind immer von anderen besorgt worden.

 

ZUKUNFT: Er hat nur eine Lesung gehalten.


ZWERSCHINA: Und auch die hat jemand anderer für ihn veranstalten müssen. Er selber, für ihn war das Schreiben nicht Brotberuf, für ihn war das Schreiben nicht „es muss ein Buch daraus werden“. Für Georg Trakl ist das Schreiben Mitteilungsprozess. Er hat seine Texte seinen Freunden gezeigt, zum Lesen gegeben, dabei nicht aber an eine Veröffentlichung gedacht. Er war aber dafür bereit, als Kurt Wolff seine Sachen verlegt hat, er war dankbar und hat auch Geld dafür bekommen. Diese literarische Kommunikation unter Freunden war das einzige, damit Trakl sein Leben bewältigen konnte. Nicht nur sein eigenes, sondern auch das Weltleben.

 

ZUKUNFT: Letzte Frage. Er ist im 28. Lebensjahr gestorben, er hat ein ziemlich tragisches Leben geführt, fast schon armselig. Wie stehen Sie persönlich zu Georg Trakl. Wenn man so viel über ihn liest und recherchiert, hat man ja ein Naheverhältnis.


ZWERSCHINA: Mir ist Georg Trakl sehr sympathisch geworden, sehr ans Herz gewachsen. Manchmal brüderlich, nie moralisierend von mir. Was ich selbst nie haben konnte, nämlich ein Bohemien-Leben führen, das konnte Trakl, bei aller Armseligkeit. Da ist etwas wie Sympathie, Empathie. Ich habe Trakl tatsächlich verstanden, wenn er nach Wien ins Arbeitsministerium gefahren ist, nachdem ihm Freunde eine Stelle verschafft haben, und nach wenigen Stunden hat er das Gefühl gehabt „dort halt ich es nicht aus“. Wenn er die Typen sieht, wen er das Beamtentum sieht, wenn er diese Hierarchien sieht. Da reichen ihm drei Stunden, um zu sehen, das ist mein Leben nicht. Da habe ich ihn ganz verstanden, auch beim Militär hätte ich nichts machen können.

 

ZUKUNFT: Das Projekt läuft jetzt noch...


ZWERSCHINA: Der Briefband steht noch aus, die Texte sind fertig. Der Briefband ist aber schon beim Verlag, er hätte auch heuer schon erscheinen sollen, es wird jetzt aber 2009/10. Die Arbeit ist jetzt de facto abgeschlossen. Es wartet nur noch die Veröffentlichung.

 

 

Georg Trakl: Sämtliche Werke und Briefwechsel

Innsbrucker Ausgabe. Historisch-kritische Ausgabe mit Faksimiles der handschriftlichen Texte Trakls. Hrsg. v. Eberhard Sauermann u. Hermann Zwerschina.
Mit Beschluss des Kuratoriums des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung vom 16.3.1992 bzw. 3.10.1994 wurde das Projekt „Historisch-kritische Faksimile-Ausgabe der Werke und des Briefwechsels Georg Trakls“ genehmigt, wodurch die Personalkosten eines wissenschaftlichen Mitarbeiters (Zwerschina) für 4 Jahre (Herbst 1992 - Herbst 1996) finanziert werden konnten. Weitere finanzielle Unterstützung (Reise-, Faksimile- und Druckkosten) erfolgte vor allem durch die Stadt Innsbruck, die Österreichische Akademie der Wissenschaften und das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst bzw. für Wissenschaft und Verkehr bzw. das Bundeskanzleramt/Kunstsektion. Die von Sauermann und Zwerschina herausgegebene Innsbrucker Trakl-Ausgabe (Sämtliche Werke und Briefwechsel. Historisch-kritische Ausgabe mit Faksimiles der handschriftlichen Texte Trakls) erscheint seit 1995 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern in Frankurt a. M. und Basel (bisher 4 Bände bzw. 5 Teilbände).

 

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