Interview mit Walter Salzburger
Der Evolution zuschauen


Der Zoologe Walter Salzburger hat in Innsbruck studiert und ist heute an der Universität Basel tätig. Am Beispiel afrikanischer Buntbarsche ergründet er die Mechanismen der Evolution.

 

Zukunft Forschung: Sie sind in Wörgl geboren und haben in Innsbruck Zoologie studiert. Warum haben Sie sich für dieses Fach entschieden?

Seit ich mich erinnern kann, interessiere ich mich für die Biologie im Allgemeinen und die Zoologie im Speziellen. Biologie war immer schon mein Lieblingsfach in der Schule, wobei ich hier durch meinen Vater – einen mittlerweile pensionierten Biologielehrer – wohl etwas vorbelastet bin. Auf jeden Fall hat es für mich außer Biologie nie einen anderen Studienwunsch gegeben.

 

War es für Sie immer klar, dass Sie in Innsbruck studieren? Was war für Ihre Wahl des Studienortes ausschlaggebend?

Ehrlich gesagt habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, woanders als in Innsbruck zu studieren. Allerdings liegt mein Inskriptionsdatum mehr als zwei Jahrzehnte zurück, und zu dieser Zeit war es einfach auch nicht üblich zum Studieren weiter weg oder gar ins Ausland zu gehen. Außerdem schrieben sich alle meine Kollegen an der Universität Innsbruck ein. Dazu hatte ich einen tollen Nebenjob im Alpenzoo, bei schönem Wetter konnte man auf die Nordkette zum Snowboarden, und am Abend traf man sich in diversen „Bögen“-Lokalen... Ich habe aber auch gemerkt, dass wir in Innsbruck eine sehr solide Ausbildung genossen haben, in meinem Fall in Zoologie und molekularer Evolution. Davon habe ich immer profitiert.

 

Sie haben sich schon früh auf Fische spezialisiert, nämlich die Buntbarsche in afrikanischen Seen. Warum?

Buntbarsche, auch „Cichliden“ genannt, sind die wohl vielfältigste und artenreichste Fisch-Familie überhaupt. Sie zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sich ständig neue Arten innerhalb von sehr kurzen Zeiträumen bilden. Aus diesem Grund zählen die Buntbarsche – zusammen mit den Darwin-Finken auf den Galapagos-Inseln und den Anolis Eidechsen auf den Karibischen Inseln – zu den bekanntesten Lehrbuch-Beispielen für schnelle Evolution und Anpassung an unterschiedliche ökologische Nischen. Als ich im Rahmen meines Studiums zum ersten Mal von den vielen Hunderten von Buntbarsch-Arten im Viktoria-, Malawi- und Tanganjikasee hörte, war ich sofort begeistert von diesem evolutionären Phänomen. Als sich dann im Rahmen meiner Diplomarbeit und später dann in meiner Doktorarbeit die Möglichkeit ergab, die Verwandtschaftsbeziehungen der Tanganjikasee-Cichliden mittels genetischem Vergleich zu ergründen, wusste ich sofort, dass mich dieses Thema noch einige Zeit beschäftigen würde...

 

Dieses Thema begleitet Sie also bis heute: Sie nutzen die Buntbarsche als Modellorganismus, um die Mechanismen der Evolution zu erforschen. Welche Fragen interessieren Sie dabei besonders?

In erster Linie interessiert mich die Frage, wie es zur Entstehung von biologischer Vielfalt kommt und wieso es bestimmte Organismengruppen (wie etwa die Buntbarsche) gibt, die quasi explosionsartig neue Formen hervorbringen, während andere mehr oder weniger unverändert über Jahrmillionen „dahindümpeln“. Man könnte das auch auf die Ausgangsfrage von Charles Darwin herunterbrechen, nämlich wie neue Arten entstehen – wobei wir uns heute vorwiegend auf die genetischen Mechanismen konzentrieren, die der Artbildung zugrunde liegen. In meiner Arbeitsgruppe erforschen wir beispielsweise Unterschiede und Veränderungen im Erbgut, die mit der Bildung von neuen Arten einhergehen. Wir waren auch an der Entschlüsselung von fünf Buntbarschgenomen beteiligt, die ein internationales Konsortium kürzlich im renommierten Wissenschaftsjournal Nature vorgestellt hat.

 

Sie verbringen jedes Jahr mehrere Wochen bis Monate in Afrika, um am Tanganjikasee zu forschen. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?

Unsere Arbeit am Tanganjikasee besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten. Zum einen führen wir Experimente durch, die darauf abzielen, die Anpassungen und das Verhalten der Buntbarsche in ihrer natürlichen Umgebung zu untersuchen. Zum anderen sind wir damit beschäftigt die mehr als 200 verschiedenen Arten von Buntbarschen im Tanganjikasee zu sammeln, zu charakterisieren und katalogisieren, und davon DNA-Proben für genetische Untersuchungen zu nehmen. Das heißt wir verbringen auf unseren Expeditionen viel Zeit unter Wasser und bereisen weite Teile der Küste dieses einzigartigen Sees.

 

Neben den Fischen in Afrika beschäftigen Sie sich auch mit der Tierwelt in den Alpen. Welche Fragen treiben Sie hier an?

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „naheliegend“, die Fragestellungen, Methoden und Erkenntnisse aus unserer Buntbarsch-Forschung auch auf die heimische Fisch-Fauna anzuwenden. Anpassung und Evolution passieren nämlich auch vor unserer Haustür, wenn auch vielleicht nicht so spektakulär und schnell wie bei den Buntbarschen. Im Moment untersuche ich, zusammen mit einem Basler Kollegen, wie sich Stichlinge an ihre unterschiedlichen Lebensräume anpassen. Dazu vergleichen wir unter anderem Stichlings-Populationen aus dem Bodensee und seinen Zuflüssen.

 

Nach der Promotion in Innsbruck, waren Sie in Konstanz und Lausanne bevor Sie 2007 an die Uni Basel berufen wurden. Wie unterscheiden sich die akademischen Welten in Österreich, Deutschland und der Schweiz?

In der Schweiz hat die Wissenschaft insgesamt einen sehr viel höheren Stellenwert und eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung als etwa in Deutschland und vor allem in Österreich. Dies drückt sich unmittelbar durch eine vergleichsweise hohe Grundfinanzierung der einzelnen Forschungsgruppen aus. Auch der Schweizerische Nationalfonds (das Pendant zum FWF in Österreich) ist finanziell gut ausgestattet, und die Industrie sowie Private beteiligen sich sehr aktiv an der Forschungsförderung (z.B. via Stiftungen). Im Vergleich zu vielen österreichischen und deutschen Kollegen unterrichte ich weniger, und dies fast ausschließlich in meinen unmittelbaren Fachgebieten. Gleichzeitig habe ich mehr Freiheiten, den Unterricht zu gestalten. Die Schweizer Unis sind generell internationaler (in Basel lehren wir vorwiegend in englischer Sprache), und – ob man’s glaubt oder nicht – weniger bürokratisch. Das sind allesamt Faktoren, die zu einem angenehmen, motivierenden und inspirierenden Forschungsklima beitragen.

 

Sie haben für Ihre Forschungen vom Europäischen Forschungsrat (ERC) 2007 einen Starting Grant und 2014 einen Consolidator Grant erhalten und betreiben mehrere SNF-Projekte. Wie gut funktioniert Ihrer Meinung nach die Forschungsförderung in Europa? Welche Unterschiede gibt es zwischen Österreich und der Schweiz?

Mit den sogenannten „ERC-Grants“, die jeweils bis zu 2.5 Millionen Euro schwer sind und über fünf Jahre laufen, gelang der Europäische Union ein entscheidenden Schritt in Richtung qualitätsbezogene Förderung der Grundlagenforschung – und zwar in allen Bereichen der Wissenschaft und auf allen Ebenen, also vom Jungforscher bis zum etablierten Professor. Viele amerikanische Kollegen beneiden uns Europäer mittlerweile um die Möglichkeit, „high-risk/high-gain“-Projekte umfangreich gefördert zu bekommen und ohne zu große administrative Hürden durchführen zu können. Die Förderquote des Europäischen Forschungsrates ist übrigens vergleichbar mit der vieler nationaler Agenturen (der Schweizerische Nationalfonds stellt hier mit einer deutlich höheren „Erfolgsquote“ eine Ausnahme dar). Im Unterschied zu vielen Kollegen an österreichischen Universitäten kann ich hier in Basel einen großen Teil meiner Arbeitszeit der Forschung widmen, auf eine hervorragende Infrastruktur zurückgreifen und mit einem großen, hauptsächlich aus Drittmitteln finanzierten Team die molekularen Mechanismen der Artbildung bei Buntbarschen ergründen. Ich hoffe sehr, dass in Österreich der notwendige gesellschaftspolitische Schwenk eingeleitet wird, wieder mehr in die zukunftsträchtigen Bereiche Bildung und Wissenschaft und hier vor allem in die Grundlagenforschung zu investieren.

 

Der Titel einer Seminarreihe Ihrer Arbeitsgruppe lautet "Think different". Was hat es damit auf sich? 

Wir wollen mit diesem Format eine Art Horizonterweiterung erreichen, also über aktuelle Forschungsergebnisse, Methoden, Konzepte und akademische Lebenswege informiert werden, die nichts oder nur wenig mit unserer eigenen Forschung zu tun haben. Wir laden – meistens an einem Freitagnachmittag – Freunde, Kollegen oder eben Wissenschaftsjournalisten und -editoren nach Basel ein. Diese halten einen Seminarvortrag, danach diskutieren wir bei einem Bier weiter. Hin und wieder besuchen wir auch andere Institutionen, wie etwa das CERN in Genf, wo uns mein Bruder, der dort als Physiker forscht, die Welt der Bosonen erklärte und uns zum unterirdischen Teilchenbeschleuniger führte.

 

An welchen Fragen arbeiten Sie gerade und was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Im Moment sind wir damit beschäftigt, Hunderte von Fisch-Genomen zu sequenzieren und zu analysieren und stoßen dabei immer wieder auf neue Erkenntnisse zur Evolution von Genomen. Erst kürzlich konnten wir in einer in PNAS publizierten Studie zeigen, dass die für das Farbsehen wichtigen Opsin-Gene in Fischen sehr dynamisch evolvieren, dass es immer wieder zu Gen-Verdopplung aber auch zu Gen-Verlust kommt, und dass Gene untereinander bestimmte Abschnitte austauschen. Unser großes Ziel ist es aber, die Mechanismen zu verstehen, die zur Entstehung der einzigartigen Buntbarsch-Vielfalt im Tanganjikasee führten. Aus diesem Grund werde ich den ganzen Sommer über in Afrika unterwegs sein, und deshalb sind wir gerade am Planen für die nächste Expedition, die uns nach Tansania und Sambia führen wird.