Interview mit Christian Bartenbach
Vom Stemmer zum Leuchter


Der Tiroler Lichtpionier über seine leuchtenden Anfänge an der Universität Innsbruck, die ­Zusammenarbeit mit heimischen Psychologen und die Bedeutung der Visualität für die Architektur.

 

ZUKUNFT: Das Jahr 2015 wurde von der UNESCO zum Jahr des Lichts ausgerufen. Was verbindet ein Licht-Experte wie Christian Bartenbach mit so einem Würdigungsjahr?

CHRISTIAN BARTENBACH: Aus meiner Sicht ist es natürlich für uns und unsere Tätigkeit gut, da man auf das Licht aufmerksam wird. Das ist notwendig, weil – wie es der amerikanische Psychologe James J. Gibson formuliert hat – Licht nicht sichtbar ist, aber sichtbar macht. Das heißt, wir sehen Licht nicht unmittelbar, sondern nur an seinen Wirkungen. Darin steckt eine Abstraktion, was es auch schwierig macht: Ich muss mir die Wirkung von etwas, was ich nicht sehe, vorstellen können. Ich muss also das Erscheinungsbild in meinem Kopf bilden und dann das Licht zuordnen, dass es so wird. Das macht unseren Beruf auch schwierig.

 

ZUKUNFT: Wird Licht in unserer Gesellschaft unterschätzt?

CHRISTIAN BARTENBACH: Licht hat die Bedeutung, dass circa 80 Prozent unserer Informationsvermittlung visuell sind. Bei der sensorischen, aber auch der neurologischen Informationsverarbeitung spielt Licht eine entscheidende Rolle. Der Mensch ist also, wie es die Psychologen sagen, ein Augentier. Auch betont die Neurologie immer mehr die große Bedeutung der Visualität, der visuellen Verarbeitung – das hat in meinen Augen eine große Bedeutung für die Zukunft und wird die Forschung bestimmen. Dieser Bedeutung von Licht ist man sich aber nicht bewusst.

 

ZUKUNFT: Können Sie das konkretisieren??

CHRISTIAN BARTENBACH: Nur ein Beispiel, die Ausbildung der Architekten. Architektur denkt überwiegend visuell, das „Lichtfach“, die visuelle Wahrnehmung, gibt es im Unterricht aber nicht. Gerade aufgrund des Echos auf dieses Thema und der Begeisterung von Studenten, mit denen ich bei Lehraufträgen und Gastprofessuren an den Universitäten Innsbruck, München, Kassel und Wien zu tun hatte, habe ich die Bartenbach Akademie gegründet.

 

ZUKUNFT: An der Sie unter anderem den Universitätslehrgang „Lichtgestaltung“ angeboten haben…

CHRISTIAN BARTENBACH: Ja. Und ich möchte auch festhalten, dass die Universität Innsbruck die Wichtigkeit von Licht sehr wohl erkannt hat – sonst hätte es diesen Lehrgang nicht gegeben, der heuer leider beendet wird. Ich habe meine Firma der Nachfolge übergeben und es besteht hier vorübergehend kein Interesse an der Weiterführung eines solchen Lehrganges an der Uni. Man darf dabei nicht übersehen, dass so ein Lehrgang – trotz Studiengebühren – für ein Unternehmen auch Kosten bedeutet.

 

ZUKUNFT: Wie funktioniert die Überleitung von theoretischem Wissen in die Praxis?

CHRISTIAN BARTENBACH: Das Schwierige ist aber, das Thema Tageslicht nicht nur zu lehren, sondern auch umzusetzen. Theoretisch und in Modellsimulationen konnten wir neue Gebäudeformen schon optimal zeigen, mit der Umsetzung dran wir leider noch nicht erfolgreich.

 

ZUKUNFT: Stießen Sie mit Ihren Ideen zum Tageslicht immer auf Verständnis?

CHRISTIAN BARTENBACH: Ich kann mich an einen Vortag bei Siemens über meine Entwicklungen und Patente bezüglich Tageslicht erinnern – all die Lichttechnikern waren nach dem Vortrag ruhig. Ich habe sie gefragt, ob ich denn so einen Blödsinn geredet hätte, sie haben aber gemeint, nein, ihnen wäre nur bewusst geworden, dass Tageslicht ja auch Licht ist.

 

ZUKUNFT: Wann begann Sie eigentlich das Thema Licht zu faszinieren?

CHRISTIAN BARTENBACH: Mein Vater hatte ein Unternehmen für Elektroinstallationen. Nach Abschluss der HTL bin ich 1954 in den Familienbetrieb eingestiegen, „stemmen“ wollte ich aber nicht und begann mich deswegen für Licht zu interessieren. In dieser Zeit sind Leuchtstofflampen so wirklich aufgekommen, in Europa konnte wir damit aber nicht richtig umgehen. Mein HTL-Lehrer Hugo Watzlawek hat mich mit amerikanischer Literatur zu diesem Thema versorgt – und ich habe es, naiv wie ich war, umgesetzt, ohne mich mit den Werten genau auszukennen.

 

ZUKUNFT: Die Universität Innsbruck spielt in Ihrem Werdegang eine entscheidende Rolle. Um was ging es damals genau?

CHRISTIAN BARTENBACH: An die Universität bin ich über den Auftrag gekommen, als Elektroinstallationsbetrieb eine Bibliothek zu beleuchten. Ich habe einen Vorschlag gemacht, mit dem sollte ich zu Ivo Kohler, dem damaligen Professor für Psychologie. Zu ihm persönlich ist man damals allerdings nur schwer vorgedrungen, ich bin bei seinem Assistenten Anton Hajos, der später Professor in Gießen wurde, gelandet. Er ist auf mich losgegangen, weil ich Leuchtstofflampen statt Glühbirnen verwenden wollte. Wir sind uns in die Haare geraten, haben uns aber auch wieder beruhigt und sind gemeinsam das Problem angegangen.

 

ZUKUNFT: Wie verlief diese Kooperation Elektroinstallationsbetrieb und akademische Psychologie?

CHRISTIAN BARTENBACH: Gemeinsam haben wir dann, auch mit Ivo Kohler, Experimente im Keller rund um Unterschiedsempfindlichkeiten und Adaptionszusammenhänge durchgeführt, auch ein Student war dabei, Manfred Ritter. Zahlen musste ich, mein Vater hat mir fast den Hals umgedreht, weil ihn als Elektroinstallateur Adaptionszusammenhänge nicht interessiert haben. Adaption war damals, aufbauend auf den Arbeiten von Kohlers Vorgänger Theodor Paul Erismann, ein Schwerpunkt der Innsbrucker Psychologie. Das war alles also ein Zufallseinstieg, Glück braucht man immer. Glück war auch, dass Ivo Kohler mit dem schon erwähnten James J. Gibson nicht nur befreundet war, sondern ihn ins Deutsche übersetzt hat.

 

ZUKUNFT: Welche Konsequenzen zogen Sie aus dieser Zusammenarbeit?

CHRISTIAN BARTENBACH: Mit dieser Beschäftigung wurde mir klar, dass Licht und Visualität ohne Wahrnehmung nicht verstanden werden können. Daher habe ich mir auch Jahrzehnte später, als ich es mir leisten konnte, einen Wahrnehmungspsychologen in das Unternehmen geholt. Gesucht habe ich ihn auf der Uni Innsbruck, habe angerufen und ließ mich mit dem Dekan verbinden. Dieser meldete sich mit: „Manfred Ritter“ Auch wenn sich die Innsbrucker Psychologie nicht mehr schwerpunktmäßig mit Wahrnehmungspsychologie beschäftigte, konnte er mir mit Walter Witting einen Experten vermitteln. In der Zwischenzeit beschäftigen wir drei Psychologen.

 

ZUKUNFT: Warum spielte trotz vieler neuer Technologien und auch eigener Erfindungen für Sie Tageslicht immer eine große Rolle?

CHRISTIAN BARTENBACH: Am Anfang war für mich Kunstlicht auch wichtig, ich wollte es verstehen und ergründen. Es war aber trotzdem immer ein Fenster da, am Tag ist es also hell, in der Nacht dunkel. Über die Adaptionstheorie wusste ich, dass ein Fenster auch blendet. Irgendwann wurde mir klar, dass man ein Fenster als Leuchte sehen kann.

 

ZUKUNFT: Was in der Architektur Ihrer Meinung nach nicht der Fall ist.

CHRISTIAN BARTENBACH: Der Tiroler Architekt Josef Lackner hat immer gesagt: „Käse mit Löcher.“ Man baut etwas und macht einfach ein paar Öffnungen. Das war vor der Erfindung des elektrischen Lichts anders, da wurde tageslichttransparent gebaut. Ohne Tageslichttransparenz hätte man ja ständig eine Fackel gebraucht. Mit dem elektrischen Licht ist man von Tageslicht auf Kunstlicht übergegangen, die Räume wurden niedriger, Fenster zu reinen Öffnungen.

 

ZUKUNFT: Tagesllichtlose Architektur ist für Sie also eine historische Entwicklung?

CHRISTIAN BARTENBACH: Ja, das hat sich über mehrere Jahrzehnte hingezogen. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, in der ich mich mit Licht zu beschäftigen begann. Damals war es interessant, fensterlose Räume zu machen, weil man der Ansicht war, konstantes Kunstlicht wäre besser als Tageslicht, speziell in der Industrie dachte man so. Das Tageslicht wurde damals, wie schon gesagt, auf Löcher in der Mauer reduziert. Seit 150, 200 Jahren denkt man nicht mehr daran, wo ein Fenster hin soll. Auch die Vorschriften für Fenster kommen aus dem Lüftungsbereich – ein Fenster dient dem Lüften, nicht dem Durchlass von Tageslicht.

 

ZUKUNFT: Heute wird aber viel mit Glas, also tageslichttransparent gebaut …

CHRISTIAN BARTENBACH: … trotzdem brennt überall Kunstlicht – das dürfte eigentlich gar nicht sein.

 

ZUKUNFT: Glauben Sie an einen Wandel im Denken, Bauen und Lehren?

CHRISTIAN BARTENBACH: Ich bin der Überzeugung, dass man Licht und Visualität in die Architektur integrieren wird. Ich glaube auch, dass es für die Universität Innsbruck eine Besonderheit wäre, wenn sich die Architektur stark am Thema Licht ausrichten würde, weil es immer noch nicht Allgemeingut und -wissen ist. Geredet wird viel, getan aber nicht.