Exzellenz als Aushängeschild

Wolfgang Burtscher, stellvertretenden Generaldirektor für Forschung und Innovation in der Europäischen Kommission, über Umbrüche in der Forschungsförderung, seine Sicht auf Innsbruck und die Notwendigkeit von Networking.

ZUKUNFT: Mit Jahresbeginn 2014 startet das neue Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union, nicht simpel als 8. bezeichnet, sondern als Horizont 2020. Warum nun dieser blumige Name?

WOLFGANG BURTSCHER: Tatsächlich wollte Máire Geoghegan-Quinn, die Kommissarin für Forschung und Innovation, mit dieser Namensänderung die grundlegende Neuausrichtung des EU-Forschungsrahmenprogramms zum Ausdruck bringen.

ZUKUNFT: Warum ist es ein Bruch mit der Vergangenheit?

BURTSCHER: Da ist einmal die Steigerung des Forschungsbudgets um rund 30% auf €79 Mrd. im Vergleich zur Vorperiode. Die Europäische Kommission hat ursprünglich noch mehr Mittel vorgeschlagen, aber in Zeiten begrenzter öffentlicher Haushalte ist die von den Staats- und Regierungschefs und dem Europäischen Parlament beschlossene Steigerung durchaus beachtlich. Ein entscheidender Paradigma Wechsel von Horizont 2020 liegt aber insbesondere in der  Verknüpfung von Forschung und Innovation durch eine nahtlose Unterstützung von Projekten von der Forschung bis hin zur Markteinführung (z.B. Pilotprojekte, Demonstrationsvorhaben). Damit wollen wir eine wesentliche Schwäche der europäischen Forschung angehen, nämlich die mangelnde Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen. Denn wenn man sich internationale Studien, Performanceindikatoren und Ähnliches anschaut, steigt Europa immer hervorragend aus, wenn es um wissenschaftliche Publikationen geht. Europa hat weltweit die meisten wissenschaftlichen Publikationen, wir sind an zweiter Stelle bei den High-Impact-Publikationen. Europa ist aber weniger erfolgreich, wenn es um die Umsetzung dieser Forschungsergebnisse geht.  

ZUKUNFT: Welche sonstigen Neuerungen bringt Horizont 2020?

BURTSCHER: Eine weitere Neuerung ist,  dass wir die EU-Forschungsförderung auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen konzentrieren und weg vom Gießkannenprinzip wollen. Die Forschungsförderung soll auf Schwerpunkte wie etwa gesundes Altwerden, genügend und hochwertige Nahrung, nachhaltige Energie und Transport oder Klimawandel fokussiert werden. Aber auch da legen wir Wert darauf – und legen das auch schon in den Ausschreibungen fest –, dass wir Ergebnisse erwarten. Das heißt, dass in Zukunft bei der Beurteilung der Förderwürdigkeit nicht nur die Exzellenz eines Forschungsprojekts  eine Rolle spielen wird, sondern auch dessen möglichen Auswirkungen. Und es gibt  noch eine weitere wichtige  Neuerung bei Horizont 2020: Es herrscht immer die Klage, dass der Zugang zu EU-Forschungsmitteln kompliziert und bürokratisch ist.

ZUKUNFT: Teilen Sie diesen Vorwurf?

BURTSCHER: Zunächst dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, das Projekte im Rahmen des EU-Forschungsrahmenprogrammes im Regelfall nur mit Partnern aus verschiedenen Staaten durchgeführt werden können und eine sehr hohe Konkurrenz herrscht, da nur die europaweit besten Projekte zum Zuge kommen. Man muss nicht nur der beste in Tirol oder Österreich sein, sondern bei den besten in Europa. Die Erfolgsquote für die Vorschläge ist in Anbetracht der begrenzt verfügbaren Mittel relativ niedrig und liegt im Schnitt bei 20 Prozent. Diese Rahmenbedingungen erschweren den Zugang zu den Mitteln, sind aber einem europäischen Forschungsrahmenprogramm, das "europäischen Mehrwert" liefern muss, inhärent und lassen sich nur bedingt vereinfachen.

ZUKUNFT: Es wird also nur einer von fünf Anträgen genehmigt?

BURTSCHER: Ja. Das bedeutet auch, dass der eine oder andere  Forscher frustriert ist, er hat ja Herzblut und finanzielle Mittel in die Projekterstellung und die Partnersuche gesteckt. Diese grenzübergreifende und interdisziplinäre Forschung unterscheidet die europäische Forschungsförderung maßgeblich von der nationalen. Es gibt also systemimmanente Komplexität. Dennoch wird Horizont 2020 zu einer radikalen Vereinfachung führen. Herzstück dieser Vereinfachung ist das neue Fördermodell, das die direkten Kosten (z.B.  Personal- und Investitionskosten) zu 100 Prozent rückerstattet. Die indirekten Kosten werden durch einen Pauschalsatz von 25 Prozent der direkten Kosten abgegolten. Gerade die Berechnung dieser  indirekten Kosten hat in der Vergangenheit immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen zwischen der Europäischen Kommission und den Fördernehmern geführt.

ZUKUNFT: Gibt es noch andere Vereinfachungen?

BURTSCHER: Bislang waren die Fördersätze unterschiedlich je nachdem, ob es sich bei den  Beteiligten  um Industriebetriebe, Klein- und Mittelbetriebe, Forschungseinrichtungen oder Universitäten gehandelt hat. Das hat die Projektabwicklung verkompliziert. Daher werden in Zukunft die Fördersätze für alle gleich sein, Horizont 2020 soll für alle attraktiv sein, auch für Industrie und KMUs, da wir ja neue Produkte und  Dienstleistungen am Markt platzieren wollen.

ZUKUNFT: Universitäten wie jene in Innsbruck sind primär Orte der Grundlagenforschung, auch wenn sich viele Universitäten in Richtung angewandter Forschung geöffnet haben. Wie schaut es in den nächsten sechs Jahren mit der Förderung der Grundlagenforschung aus?

BURTSCHER: Ich habe vor kurzem an einer Podiumsdiskussion mit dem französischen Physiknobelpreisträger Serge Haroche teilgenommen. Diskutiert wurde über die Frage, ob genug für die Grundlagenforschung getan wird. Mein Schluss aus dieser Diskussion, aber auch aus dem, was wir mit Horizont 2020 vorgelegt haben, ist, dass breites Einverständnis darüber besteht, dass wir  Grundlagenforschung brauchen. Sie ist sozusagen der "Treibstoff" für zukünftige Innovationen. Es trifft aber auch zu, dass sich die Grenzen zwischen der Grundlagenforschung und der angewandten Forschung  aufgrund des rasanten  technologischen Fortschritts zusehends verwischen.   Nur zwei Beispiele: Die Phänomene der Elektrizität waren schon Jahrhunderte lang bekannt, bis zur ökonomischen Translation dieses Phänomens hat es aber sehr lange gedauert, eigentlich bis ins späte 19. Jahrhundert. Der Werkstoff Graphen wurde erst vor einigen Jahren "entdeckt" und heute arbeiten Forscher schon an Anwendungen, die unser Alltagsleben schon bald revolutionieren können.

ZUKUNFT: Was heißt das jetzt aber für die Unterstützung der Grundlagenforschung?

BURTSCHER: Grundlagenforschung wird in allen Prioritätsachsen von Horizont 2020 -  Exzellenz, industrielle Führungsposition und gesellschaftliche Herausforderungen - ihren Platz finden. Besondere Unterstützung wird der Grundlagenforschung allerdings in der Prioritätsachse "Exzellenz" unter dem "Europäischen Forschungsra"t zuteil, da hier ein bottom-up ansatz verfolgt wird und einziges Kriterium für die Beurteilung von Projekten deren Exzellenz ist. Wer eine bahnbrechende Idee hat, kann sich bewerben, egal aus welcher Wissenschaftsdisziplin erkommt. Der Europäische Forschungsrat ist sozusagen das Aushängeschild  für die europäische Grundlagenforschung und vor diesem Hintergrund ist es auch nur folgerichtig, dass die Mittel für den Europäischen Forschungsrat mit rund € 13 Mrd. bis 2020 nahezu verdoppelt wurden. Aber selbst in diesem Bereich haben wir nun ein Instrument geschaffen– es heißt „proof of concept“ –, das es Forschern ermöglicht,  Anwendungen zur Marktreife hin zu entwickeln.  Mehr als  200 Projekte à 150.000 Euro sind unter diesem Instrument bereits genehmigt worden oder stehen kurz vor einer solchen. Die Grundlagenforschung findet also im Bereich „Exzellenz“ gebührende Berücksichtigung. Dann haben wir auch noch – wie schon erwähnt – zwei weitere Schwerpunkte, die „Industrielle Führungsposition“ und „Gesellschaftliche Herausforderungen“. Auch in diesen Bereichen wird die Grundlagenforschung eine zentrale Rolle spielen.

ZUKUNFT: Wo kommen bei diesem Ansatz aber die Geistes- und Sozialwissenschaften vor?

BURTSCHER: Wie gesagt, der Europäische Forschungsrat steht allen Wissenschaftsdisziplinen offen.  Des Weiteren haben sie im Bereich „Gesellschaftliche Herausforderungen“ mit dem Thema "Inklusive und reflektierende Gesellschaften" einen eigenen Förderschwerpunkt. Was in Zukunft aber viel wichtiger ist, ist dass wir die Geistes- und Sozialwissenschaften bei der Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen direkt einbeziehen. Entscheidend ist nicht nur die technologische Machbarkeit von neuen Lösungsansätzen sondern auch deren  soziale Akzeptanz und Unterstützung. Ein Beispiel: Nicht jeder technologische Wandel wird von der Gesellschaft akzeptiert. Ich kann also bahnbrechende technologische Entwicklungen zur Steigerung der Energieeffizienz vorschlagen, die aber nichts nützen, wenn die Menschen diesen Neuerungen im Alltagsleben kritisch gegenüberstehen.  Diese Integration der Geistes- und Sozialwissenschaften ist natürlich nicht leicht, es müssen die Vertreter der technischen Disziplinen den Weg zu den Geistes- und Sozialwissenschaftlern suchen und umgekehrt, es muss – noch mehr – interdisziplinär gearbeitet werden.

ZUKUNFT:  Sie haben in Innsbruck studiert und an der Uni Innsbruck gearbeitet und sind jetzt schon seit mehr als 15 Jahren auf europäischer Ebene tätig. Wie ist heute Ihre Außensicht Ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte bzw. Ihres Arbeitgebers?

BURTSCHER: Zunächst gilt, dass man an jedem Ort, an dem man längere Zeit gelebt hat, ein Stück seines Herzens zurücklässt. So gesehen habe ich immer noch eine emotionale Bindung an Innsbruck und verfolge mit Interesse das Geschehen in Innsbruck und an der Universität. Ich bin 1990 nach Genf gewechselt, seit damals hat Innsbruck als Hochschulstandort stark mobil gemacht. Dies zeigt sich nicht nur in den vielen neuen Hochschuleinrichtungen (Biomedizinisches Zentrum, SOWI, MCI) sondern auch in der engen Verknüpfung zwischen Forschung, Lehre und Wirtschaft. Da sieht man, dass die Forschung Innsbruck und Tirol mitbestimmt.

ZUKUNFT: Und wie präsentiert sich Innsbruck aus der Sicht des europäischen Fördergebers?

BURTSCHER: Oft steht nur das Geld im Vordergrund, das ist natürlich für die Universitäten und die Republik Österreich – vor allem in Zeiten der Skepsis gegenüber der europäischen Integration – wichtig. Man kann zeigen, dass man nicht nur in europäischen Haushalt einzahlt, sondern auch Mittel zurückbekommt. Und da schaut es für Österreich gut aus. Im Schnitt kommen für jeden Euro, den Österreich in den Forschungshaushalt einzahlt, 1,4 Euro zurück. Darüber dürfen wir aber auf den "geistigen" Mehrwert nicht vergessen, der sich durch die Teilnahme an Forschungsrahmenprogrammen ergibt, der Chance nämlich, mit den besten  Forschungseinrichtungen und Forschern aus Europa, aber auch aus der ganzen Welt, zusammenzuarbeiten.

ZUKUNFT: Wie schaut der finanzielle Input für Innsbruck aus?

BURTSCHER: Der Standort Innsbruck liegt österreichweit mit 180 Teilnehmern am 7. Forschungsrahmenprogramm – sie erhalten 70 Millionen Euro – nach Wien und Graz an dritter Stelle. Die Universität Innsbruck allein liegt österreichweit mit 88 Teilnehmern und 43 Millionen Euro nach der TU Wien und der Universität Wien ebenfalls an dritter Stelle. Was aber immer mehr zum Ausweis von wissenschaftlicher Exzellenz wird, ist die Teilnahme am Europäischen Forschungsrat, dem European Research Council, kurz ERC. Innsbruck kann inzwischen auf neun ERC-Grants, zwei Advanced Grants und sieben Starting Grants mit insgesamt 14 Millionen Euro, sowie 33 Marie-Curie-Aktionen mit neun Millionen verweisen. In diesem Sinne hat sich Innsbruck und Tirol, sehr gut entwickelt. Mein Eindruck ist auch, dass man große Fortschritte macht, die Synergien von Forschung und Wirtschaft zu nutzen. 

ZUKUNFT: In Europa gibt es ungefähr 4000 Hochschuleinrichtungen mit über 19 Millionen Studierenden und 1,5 Millionen Mitarbeitern. Welche Rolle spielt Größe, um bei europäischen Förderprogrammen erfolgreich punkten zu können?

BURTSCHER: Die Diskussion, ob  kleine oder große Forschungsprojekte erfolgreicher sind, haben wir oft auch in der Europäischen Kommission. Es gibt auch Studien, die der Frage nachgehen, ob die Großen exzellent sind und die Kleinen nicht – und das sowohl bei Forschungsprojekten als auch bei Institutionen. Ich glaube, dass man keine  generellen Schlussfolgerungen ziehen kann. Exzellenz gibt es an großen und an kleinen Einrichtungen. Es trifft aber zu, dass große nationale Forschungseinrichtungen wie etwa der französische CNRS oder renommierte Universitäten maßgeblich am Rahmenprogramm beteiligt sind. Wichtig für Kleine ist es daher sich entsprechend zu vernetzen, um bei Ausschreibungen auf entsprechende Partner in anderen Staaten zurückgreifen zu können. Für die Teilnahme an Horizont 2020  braucht es nämlich internationale Partner. Kleinheit ist kein Hindernis an der Teilnahme, aber man muss investieren – in Ressourcen, in Networking und Kontakte.

ZUKUNFT: Wäre es in diesem Sinne ein Vorteil, wenn die Tiroler Hochschulen mehr als Einheit, als ein Verbund auftreten würden?

BURTSCHER: Eine Vernetzung zwischen den Universitätseinrichtungen in Tirol, aber auch zur regionalen Wirtschaft ist auf jeden Fall wichtig. Eine Chance für die Unterstützung solcher Initiativen ergeben sich möglicherweise auch aus der neuen Generation der EU-Strukturfonds. Die mangelnde Vernetzung ist auch das Dilemma der "neuen" EU-Mitgliedstaaten, deren Beteiligung am Forschungsrahmenprogramm im Vergleich zu den "alten" Mitgliedstaaten geringer ausfällt. Das führt auch zu Kritik. Das Argument der Kommission ist, dass EU-Forschungspolitik auf dem Exzellenzprinzip beruht, dass aber die EU-Kohäsionspolitik das geeignete Instrument ist, um die neuen Mitgliedstaaten und deren Regionen an diese Exzellenz heranzuführen.

ZUKUNFT: Die Finanzierung von Universitäten und Forschung durch die Nationalstaaten geht zurück, die Unis sind daher immer mehr auf die Drittmittel – vor allem aus der EU – angewiesen. Wohin führt diese Entwicklung?

BURTSCHER: Im Zuge der Konsolidierung ihrer Staatshaushalte haben einige Mitgliedstaaten ihre Budgets zurückgefahren und da ist teilweise auch das Forschungsbudget davon betroffen, obwohl die Europäische Kommission stets für eine "smart consolidation" plädiert hat, also Bildungs- und Forschungsausgaben von den Kürzungen auszunehmen, da diese Investitionen unsere Zukunft sind. Diese Entwicklung führt natürlich dazu, dass der Druck auf die "Brüsseler Geldtöpfe" in Zukunft grösser werden wird.

ZUKUNFT: Wie unterschiedlich ist die Forschungsquote in Europa?

BURTSCHER: Europa ist was Ausgaben für Forschung und Innovation anlangt kein homogener Forschungsraum. Ziel ist nach wie vor, dass 3% des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung  ausgegeben werden. Der europäische Schnitt liegt derzeit aber nur bei 2%. Manche Länder wie Schweden, Finnland oder Dänemark liegen mit ihren Forschungsausgaben sind weit über den 3%, andere wie Österreich stehen kurz davor dieses Ziel zu erreichen, wiederum andere liegen  weit darunter; in Rumänien, Bulgarien oder Zypern etwa sind es nur 0,5%. Diese Lücke kann man nicht mit europäischen Mitteln schließen, hierzu bedarf es nationaler Anstrengungen. Mehr als 90% der europäischen Forschungsausgaben werden auf nationaler Ebene getätigt. Was uns zu einer anderen Frage führt: Müssen wir, wenn wir uns als europäischer Forschungsraum weltweit behaupten wollen, nicht unsere Kräfte bündeln – insbesondere, wenn es um die Definition und Abgleichung der Forschungsschwerpunkte geht? In diesem Zusammenhang kommt der "gemeinsamen Programmierung" zwischen den EU-Mitgliedstaaten zur Festlegung der europäischen Forschungsagenda große Bedeutung zu. Beispiele wie die  gemeinsamen Programmierung der Forschung etwa betreffend  "Smart Cities" oder "Alzheimer" zeigt dass wir auf dem richtigen Weg sind und die vorhandenen Synergien nützen.          

ah