Ein extrem offenes Projekt

Mit der Ausprägung von Gegenwelten beschäftigt sich ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt der Universitäten Innsbruck und Hildesheim. Was darunter zu verstehen ist und was erwartet werden kann, erklärt Projektleiter Christoph Bertsch.


ZUKUNFT: Herr Professor Bertsch, wie kam es zum Projekt „Gegenwelten“?

CHRISTOPH BERTSCH: Mit dem Grundkonzept habe ich vor zwei Jahren begonnen. Meine Idee war, zu überlegen, wie sich ausgehend von einer historischen Position heute Gegenwelten zeigen. Der Begriff ist ein sehr offener, es wird unterschiedliche Definitionen und Antworten geben. Mein Ziel ist es aber nicht, eine Antwort zu geben, sondern das Projekt offen zu halten, zu überlegen, wie sich Gegenwelten im Verhältnis zur realen Welt zeigen; ob es überhaupt verschiedene Welten gibt; ob es Gegenwelten gibt, die von der realen Welt aufgenommen werden, und was dann mit ihnen passiert, ob es Gegenwelten gibt, die parallel zur realen Welt existieren, und ob diese eigene Normen, Ideen haben. Das sind die Dinge, die für mich wichtig sind.

ZUKUNFT: Das Projekt wurde am Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck konzipiert?

CHRISTOPH BERTSCH: Ja, Erfahrung hatten wir von einigen anderen Projekten wie etwa „Cella“in Rom oder „opera austria“.Für das Institut für Kunstgeschichte ist es aber ein sehr großes Projekt, finanziell fast an der Grenze. Bei „Gegenwelten“ ist es mir auch darum gegangen, dass zumindest ein Großteil des Projekts in Innsbruck stattfindet. Mit den Gesprächsrunden in Amsterdam, Münster, Bern etc. läuft das Projekt ja schon, der erste Höhepunkt ist dann die Ausstellung auf Schloss Ambras ab dem 27. September. Für uns der ideale Ort, weil wir uns historisch an der Kunst- und Wunderkammer anlehnen und mit ihr arbeiten, im 16. Jahrhundert war sie ja so etwas wie einen Gegenwelt.

ZUKUNFT: Gegenwelten ist aber kein rein künstlerisches Projekt?

CHRISTOPH BERTSCH: Nein, das Projekt hat den spezifischen Ansatz, dass man diese Überlegungen wissenschaftlich und künstlerisch angeht. Wir laden einerseits internationale Künstlerinnen und Künstler ein, Arbeiten zu Gegenwelten zu konzipieren – sei es in Bezug zur Sammlung in Ambras oder nicht –, andererseits sind auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen wie Theologen, Mediziner, Politologen, Kunsthistoriker, Architekten dabei. Das ist ein ganz zentraler Aspekt. Wir wollen die Ansätze gegenüberstellen, schauen, ob man sie verbinden kann, ob es Brüche gibt. Das Besondere im Bereich Wissenschaft ist sicherlich die Interdisziplinarität in extremster Form, im Bereich Kunst, dass viele Künstler von Weltgeltung auf das übliche Honorar verzichten, weil sie das Projekt spannend finden. Am Schluss wird dann genügend Material da sein, das in einem großen Katalogbuch erscheinen wird.

ZUKUNFT: Ist das Katalogbuch dann der Abschluss von „Gegenwelten“?

CHRISTOPH BERTSCH: Das Buch, das die Gespräche, die Tagung, die Ausstellung etc. beinhalten wird, ist wiederum eine Diskussionsplattform, eine Grundlage, auf der die unterschiedlichsten Disziplinen aufbauen und damit weiterarbeiten können. Bei Projekten dieser Art lernen sich viele Menschen kennen, wenn man Glück hat, arbeiten einige von ihnen weiter gemeinsam zusammen.

ZUKUNFT: Es ist also auch kein kunsthistorisches Projekt im engeren Sinne?

CHRISTOPH BERTSCH: Nein, es sei denn, man versteht Kunstgeschichte als extrem offenes Fach – was es für mich auch ist. Die acht, neun über das ganze Jahre verteilten – und auf der Gegenwelten-Homepage anzuhörenden – Gesprächsrunden sind etwas ganz Spannendes, die Teilnehmer werden nicht von Viola Vahrson – die Co-Projektleiterin aus Hildesheim – oder mir eingeladen, sondern von den Gesprächsleitern selbst, damit sind die Gespräche sehr offen und sehr vielseitig, da Menschen dazustoßen, von denen ich bislang nicht einmal den Namen gekannt habe. Die Gesprächsrunden öffnen sich so sozusagen ins Unendliche – und das finde ich spannend. „Gegenwelten“ ist kein ergebnis- bzw. zielorientiertes Projekt, das auf etwas Bestimmtes, auf ein Ziel hinarbeitet, sondern ein offenes Forum für Künstler, Theoretiker und Wissenschaftler zu einem Thema, das – glaube ich – heute sehr wichtig ist: Denn mit unserer derzeitigen Welt ist wohl niemand zufrieden.

ZUKUNFT: Hat sich die Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin in den letzten Jahren verändert, sprich geöffnet?

CHRISTOPH BERTSCH: Ja, ich glaube, dass die Kunstgeschichte – generell gesehen – in einem radikalen Wandel begriffen ist, man kommt von einer Kunstgeschichte in einem engeren Sinn weg hin zu einem offeneren wissenschaftlichen Feld, in dem es um Bilder im weitesten Sinne geht. Also Bildforschung, die sich mit dem Bild in verschiedenen Medien beschäftigt, da hat auch ein Kriegsfoto aus dem Vietnamkrieg Platz.

ZUKUNFT: Hängt die fachübergreifende Arbeit auch mit einer generellen Entwicklung in der Wissenschaft zusammen?

CHRISTOPH BERTSCH: Ich bin schon ein Verfechter der Einzeldisziplinen, wenn sie in der Lage sind, von ihrer Disziplin ausgehend Kooperationen zu schaffen. Vielfach wird heute versucht, einen Einheitsbrei zu schaffen. Wenn Forschungskooperationen oder -plattformen an einer Universität zu groß, zu offen werden, stellt sich mir oft die Frage, wo denn der Inhalt dieser Kooperationen oder Plattformen ist. Insofern sind mir kleiner Strukturen lieber, in denen man an Inhalten arbeiten kann. Ich halte es für wichtig, dass es ein Institut für Kunstgeschichte gibt. Wichtig ist aber auch, wie die Menschen, die an diesem Institut arbeiten, mit dem Wissenschaftsbegriff umgehen. Sehen sie ihn eng und kapseln sich ein? Oder sind sie in der Lage, von ihrem Fach ausgehend mit Personen anderer Institute gemeinsame Projekte einzugehen.

ZUKUNFT: Zurück zu den Gegenwelten. Ist eine Gegenwelt, Gegenkultur oder Gegengesellschaft nicht auch ein sehr politisches Thema?

CHRISTOPH BERTSCH: Ich glaube, dass sich zu gefestigten Strukturen immer andere bilden, die Jugendkultur wäre so ein Beispiel einer Gegenwelt, die dann zum Teil aufgesogen wird. Da geht es auch um Machtfragen, wie geht man denn mit einer Gegenkultur um und wie entwickelt sich diese selbst. Bekommt sie Bedeutung, dann besteht die enorme Gefahr, dass sie aufgesogen wird und sich dadurch verliert, aber selten in der alten Struktur etwas ändern kann. Ich sehe das Projekt auch als politisches Thema und als politische Ausstellung. Die Ausstellung ist nicht vordergründig politisch, es geht aber um politische, um gesellschaftspolitische Fragen, um Machtfragen.

ZUKUNFT: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Ist es möglich, dass ein Gegenwelt-Konzept eines Künstlers im Zeitraum von der Idee bis zur Ausstellung schon wieder überholt ist?

CHRISTOPH BERTSCH: Ja, davon bin ich überzeugt, es ist aber kein Problem. Wir stellen auch historische Arbeiten aus, wir haben in Schloss Ambras zwei verschiedene Ausstellungsformate. Wir haben aktuelle Arbeiten von Künstlern, die sich heute mit dem Thema beschäftigen, und wir haben das Gegenwelten-Archiv, in dem historische Positionen genannt werden, die in meinen Augen sehr wichtig sind. Wir werden in diesem Zusammenhang Objekte nach Tirol bringen, die man hier noch nie gesehen hat.

ZUKUNFT: Die da wären?

CHRISTOPH BERTSCH: Zum Beispiel Kinderzeichnungen aus dem KZ Theresienstadt als Leihgabe des jüdischen Museums in Prag. Für mich eine Gegenwelt im doppelten Sinn – zum einen das Konzentrationslager an sich und zum anderen kulturelle Veranstaltungen im Konzentrationslager.

ZUKUNFT: … und andere Beispiele …

CHRISTOPH BERTSCH: Wir zeigen etwa das Sindbadspiel von Paul von Rittinger, das er in der Zwischenkriegszeit entwickelt hat. Spiele sind auch ein wichtiger Punkt für Gegenwelten, da ich im Spiel gedanklich aussteigen kann. Im Archiv haben wir auch spannende Exponate aus der Hildesheimer Peru-Sammlung, bei denen es zum Beispiel um Totenkulte im alten Peru geht. Zusammen ergibt das eine Fülle, die unglaublich spannend und wichtig ist.

ZUKUNFT: Wie fügt sich das zusammen?

CHRISTOPH BERTSCH: Die Ausstellung wird zeigen, dass dies möglich ist und spannende Gedankengänge erzeugt. Ausgehend von der bestehenden Kunst- und Wunderkammer über die historischen Objekte im Archiv bis zu den Arbeiten aktueller Künstlerinnen und Künstler. Gerade in diesem Bereich haben wir versucht, keine Tirol-Ausstellung zu machen, sondern international zu agieren. Eingeladen sind unter anderem Jannis Kounellis, Giuseppe Penone, Gregor Schneider aus Deutschland – viele wichtige Künstler, die mit vielen ihrer Werke Gegenpositionen, in diesem Fall Gegenwelten, schaffen.

ZUKUNFT: Das Innsbrucker Institut für Kunstgeschichte hat schon in den 80er Jahren mit einem eigenen Ausstellungsraum begonnen, sich zu öffnen, sich am Ausstellungswesen zu beteiligen. Ist das üblich für Kunstgeschichteinstitute?

CHRISTOPH BERTSCH: Das hat schon in Innsbruck begonnen, wir waren eines der allerersten Institute im deutschsprachigen Raum, das einen eigenen Ausstellungsraum hatte und ihn permanent mit unterschiedlichsten Projekten bespielte. Das war für das Institut, für die Profilbildung sehr wichtig. Heute haben viele kunsthistorische Institute einen Ausstellungsraum, wir haben leider keinen mehr, die Konsequenz ist, an andere Orte zu gehen und dort Projekte zu machen – wie jetzt Gegenwelten in Schloss Ambras. Die Projekte werden dadurch auch größer und internationaler, außerhalb der Universität sichtbarer. Kunstgeschichte ist eben eine Disziplin, die nicht nur Bücher produziert, sondern auch Ausstellungen. Ausstellungen als wissenschaftliches Projekt, die spannende Aspekte zusammenbringt.

ZUKUNFT: Wie kam es eigentlich zur Kooperation mit der Universität Hildesheim?

CHRISTOPH BERTSCH: Das hat in erster Linie persönliche Gründe, weil Viola Vahrson ein halbes Jahr lang eine Assistentenstelle bei uns am Institut hatte. Das war genau in der Zeit, in der ich begonnen habe, an diesem Projekt zu arbeiten. Wir haben an unserem Institut schon eine Reihen von Ausstellungen konzipiert, es war in meinen Augen an der Zeit, dies zu öffnen, neue Leute und neue Gedanken dazuzubringen.

ZUKUNFT: Sind eigentlich Studierende in das Projekt eingebunden?

CHRISTOPH BERTSCH: Ja, es gibt zwei Lehrveranstaltungen dazu, eine in Innsbruck, eine in Hildesheim. Das Begleitheft zur Ausstellung wird – vom Konzept bis zu den texten – ausschließlich von Studierenden bearbeitet, sie sind so weit wie möglich aktiv ins Projekt eingebunden.