zukunft

Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck

Ausgabe 01 | 08

 

STANDORT. Rektor Karlheinz Töchterle und Vizerektor Tilmann Märk zur Beziehung zwischen Universität und Region.

FORSCHEN IST WISSEN WOLLEN

Rektor Karlheinz Töchterle und Forschungsvizerektor Tilmann Märk über den Forschungsstandort Tirol, die Beziehung zwischen Universität und Region sowie Forschungsethos.

 

ZUKUNFT: Forschung und Bildung gelten als wichtige Zukunftsthemen – wie präsentiert sich in Ihren Augen der Forschungsstandort Tirol?

Rektor Karlheinz TöchterleKARLHEINZ TÖCHTERLE: Ich möchte zuerst generell antworten. Das Generelle, und das entspricht auch meiner Philosophie, ist, dass eine Region umso stärker ist, je umfassender sie in der Forschung aufgestellt ist, wenn sie in vielen Feldern Forschungskompetenz hat. Regional betrachtet ist es stimmiger, breit und stark zu sein, aus einer zentralistischen Perspektive, von Wien oder Brüssel aus, muss man anders denken – man kann nicht alles auf höchstem Niveau machen, die einzelnen Standorte müssen sich profilieren. Ein gewisses Profil entsteht ohnehin, auch wir können und wollen nicht in allen Bereichen absolute Spitzenforschung betreiben. Das geht auch nicht. Aber wenn sie entsteht, werden wir sie nach Kräften fördern. Da, wo sie nicht da ist, werden wir die qualitativ nicht so hochstehende, aber immer noch wichtige Wissenschaft – das ist für mich etwas weiter gefaßter als Forschung – nicht streichen. Es haben alle die Chance, besser zu werden, man muss sich aber auch mit der Vergabe der Mittel entscheiden. Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Wenn wir sehen, dass die Region Bedarf hat, und wir merken, dass wir diesen Bedarf mit Anstrengungen decken können, strengen wir uns an.

 

ZUKUNFT: Wie sieht die Konkretisierung des Generellen aus?

Vizerektor für Forschung Tilmann MärkTILMANN MÄRK: Ich möchte das noch etwas erweitern. Die Leopold-Franzens Universität ist im Westen Österreichs die führende Forschungsinstitution. Das ist ein Anspruch, aber auch eine Verantwortung, dem muss und soll sie gerecht werden und ihn in Zukunft noch ausbauen. Alle Rankings und Kennzahlen zeigen, dass wir stark im Aufwind sind, mit der Forschungsleistung ist es steil bergauf gegangen. Den Weg müssen wir weitergehen. Dieser Führungsanspruch muss wahrgenommen werden, wenn nicht von uns von wem –gute Forscher wissen, wo die nächsten interessanten Fragestellungen sind. Natürlich müssen wir auf Bedürfnisse und Ansprüche der Region eingehen, das machen wir und das ist uns wichtig, auch auf die Bedürfnisse und Ansprüche der Wirtschaft. Das ist auch ein zentraler Punkt, das steht ja auch im Gesetz, dass Forschungsleistung und –ergebnisse der wirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden sollen. Wir haben dazu auch institutionelle Vorkehrungen getroffen, zum Beispiel das transIT. Es ist auch die Aufgabe der Universität, der Region konkrete Unterstützung zu geben.

 

ZUKUNFT: Sie haben Forschung für die Region angesprochen, das geht auch in die Richtung Schwerpunktsetzung der Forschung.

MÄRK: Vor einigen Jahren sind wir von der Idee ausgegangen, dass man in dem Moment, in dem man nicht mehr mit üppigen Quellen rechnen kann, die Stärken konzentrieren muss. Meine langjährige Erfahrung hat auch gezeigt, dass die Zusammenarbeit von Forschern ein Mehrwert ist. Auf einigen Fakultäten war das schon üblich, die Frage war, ob man das auf die gesamte Universität anwenden kann. Wir hatten eine offene Diskussion und es konnten sich dann quer durch die Universität Forschungsgruppen bilden. Aus meiner Sicht ist das Konzept sehr gut aufgegangen, wir haben 40 Schwerpunkte, bei denen international ausgewiesene Forscher jeweils in kohärenter Weise zusammen arbeiten. Das sind 40 Stärkepole, ein Ergebnis ist auch, dass wir heuer erstmals eine große Anzahl von Verbundprojekten beim FWF und beim COMET-Programm beantragt haben. Das wäre sonst nicht möglich gewesen. Dazu kommt natürlich, dass man in der Zusammenarbeit mehr Ideen hat, sich gegenseitig inspiriert, sich gegenseitig – auch mit technischen Geräten – helfen kann.

 

ZUKUNFT: Sportlich gesehen war es der gelungene Versuch, aus Einzelsportlern eine Mannschaft zu bilden.

MÄRK: Ja durchaus. Und durch diese Strukturierung kann man auch von außen leichter gefasst werden. 40 Schwerpunkte, durch die wir international sichtbar sind, sind eben leichter zu vermitteln als die – ebenso sehr guten – Forschungsleistungen von 2000 Forscherinnen und Forschern unserer Universität. Darum geht es ja auch: Dass die Gesellschaft, die Entscheidungsträger, aber auch die internationalen Kollegen wissen, wofür Innsbruck steht.

 

ZUKUNFT: Eine Änderung der Schwerpunkte wäre aber durchaus möglich.

MÄRK: Natürlich, es ist ein dynamischer Prozess. Wir haben die Regelung, dass jederzeit neue Schwerpunkte entstehen können, es ist ein Bottom-Up-Prozess. Es können sich Forscher melden, die werden dann evaluiert. So wie die bestehenden Schwerpunkte regelmäßig evaluiert werden; alle zwei Jahre wird genau geschaut, ob die Schwerpunkte diesen Mehrwert auch wirklich bringen. Um einen Vergleich zu bringen: Vor zehn, 20 Jahren hatten wir in Europa den absoluten Nachteil, dass wir in nationale Forschergruppierungen zersplittert waren. Es gab in Europa sagen wir ein, zwei Forscher, die auf einem bestimmten Gebiet gearbeitet haben – die taten sich schwer, sich europäisch zu organisieren. In den USA hingegen, haben sich schon immer größere Gruppierungen gebildet, die kritische Masse an Forschern war dann auf einem Gebiet innerhalb eines Landes versammelt. Durch die EU sind nun auch bei uns Netzwerke entstanden, nun haben wir auch in Europa auf der gleichen Augenhöhe diese Überstruktur. Das war ein Schritt vorwärts. Und ähnlich ist es auf Universitätsebene – durch die Vernetzungen sind wir stärker.

 

ZUKUNFT: Sie betonen die Aufgabe der Universität für die Region. Umgekehrt gesehen: Wie sehen Sie die Universität Innsbruck in der Region Tirol verhaftet?

TÖCHTERLE: Sie ist durchaus gut verankert, man könnte viele Beispiele nennen. Eines der schlagendsten in letzter Zeit für mich war das Thema Ökologie im Stubaital, seit 15 Jahren werden intensivst alle möglichen Themen erforscht. Ende Oktober wurden in Neustift die Forschungen unter dem Thema „Globaler Wandel im Stubaital – 15 Jahre Ökologische Forschung im Stubaital“ präsentiert. Das überaus eindrucksvoll, da es zwei Dinge gezeigt hat. Erstens, wie sehr die Universität für die und in der Region forscht. Zweitens aber auch, wie sehr das auch ein international beachteter Forschungsansatz ist – Stichwort Klimawandel. Ulrike Tappeiner, Professorin am Institut für Ökologie, hat unter anderem sehr überzeugend gesagt, dass in den Alpen viele Prozesse viel schneller laufen als anderswo. Die Forschungen sind also durchaus exemplarisch – regional forschen und international sichtbar sein, ein schönes Beispiel.
Man kann aber auch etwas Kritisches sagen. Wir wünschen uns schon, dass uns die Region noch mehr schätzt und in ihre Überlegungen miteinbezieht. Es ist da viel geschehen und vieles im Vergleich zu früher verbessert worden. Dennoch hat man das Gefühl, der Schatz, der da liegt, wird zu wenig gesehen und gehoben. Das Gefühl habe ich und lade daher alle Akteure ein, sich stärker einzubringen. Von finanzieller bis hin zu ideeller Unterstützung. Wir machen Anstöße, es gibt erfreuliche Rückmeldungen – es könnte aber noch mehr sein.

 

ZUKUNFT: Gerade in Deutschland hat man oft den Eindruck, dass sich Städte ihrer Universitäten bewusster sind. Fehlt dieses Bewusstsein in Tirol?

MÄRK: Das war ein langer Prozess und ich habe ihn als Innsbrucker auch miterlebt, schon als Studierender. In den Nachkriegsjahren war die Universitätsaktivität in Innsbruck und Tirol von anderen Themen überwölbt – um die Wirtschaft in Gang zu bringen, hat man sich anderen Themen gewidmet: Stichworte Tourismus, Sport, Olympiade. Diese Themen haben die Universität überschattet. Das ist aber besser geworden, wir sind ins Bewusstsein der Gesellschaft und der Politik gedrungen. Man wird wahrgenommen, geschätzt, aber ich denke auch, es könnte noch verbessert werden. Als Beispiel: 1979 hat Innsbruck den Preis der Landeshauptstadt gestiftet, das ist 30 Jahre her und zeigt, wann die Universität in das Bewusstsein der Stadt gerückt ist, dass man hier ein Juwel hat. Welche Stadt dieser Größe hat eine derartige Universität?

TÖCHTERLE: In der Relation ist es fast einzigartig. Tübingen entspricht etwa – und gilt als reine Universitätsstadt, auch die Stadt ist voll von Universität. Die Stadt Innsbruck macht viel, das Land tut einiges – es muss sich aber auch auf anderen Feldern betätigen. Das Juwel Universität könnte aber noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.

MÄRK: Die Stadt und das Land können auch stolz sein. Wenn man die Größe in Relation sieht, ist Innsbruck die Spitzenuniversität in Österreich. Und wie man voller Begeisterung für einen Skifahrer ist, könnte man das auch für einen Forscher sein. Auf das könnte man die Aufmerksamkeit lenken. Und die Bevölkerung schätzt die Leistung – allein die „Lange Nacht der Forschung“. Es kamen rund 6000 Besucher an einem Samstag Abend. Man hat die Begeisterung gespürt, bei den Besuchern, aber auch bei unseren Mitarbeitern, die das freiwillig und gerne gemacht haben.

 

ZUKUNFT: Sie haben eingangs erwähnt, dass die Universität bereit ist, auch auf den Bedarf der Region einzugehen. Die Informatikoffensive und die Mechatronikdiskussion wären solche Beispiele. Besteht allerdings nicht die Gefahr, sich zu verzetteln?

TÖCHTERLE: Die Gefahr besteht zweifellos, und es wird auch immer wieder in der Universität formuliert, wir dürften das nicht tun. Aber ich sehe es nicht als Gefahr, die Universität kann ohnehin keine Wunder wirken. Wenn sie sich zu hoher Qualität verpflichtet fühlt – und das ist unser Anspruch –, kann sie nichts aus dem Boden stampfen. Man hat mit starker Unterstützung des Landes und anderer Institutionen die Informatik „aus dem Boden gestampft“, das war aber ein Sonderfall. Wir können nur Bestehendes verstärken, zusätzliche Mittel zuführen. Bezüglich Mechatronikdiskussion: Natürlich hat  die Universität Kapazitäten, die sie hier einbringen kann. Wir haben das in einem schmalen Feld mit dem Studium der Domotronik gemacht, wollen das auch weiterhin tun, wir können ja mit unserer Mathematik und Physik einiges beisteuern. Das sind Grundlagen, die sonst niemand hat. Wir wissen von der Industrie, dass sie Entwickler sucht, die eine solide und hochstehende Basisausbildung haben, die die speziellen Herausforderung in einem Betrieb sehen und darauf reagieren können. Diese Ausbildung können und wollen wir auch übernehmen. Aber nur, weil wir die Kapazitäten wenigstens teilweise schon im Haus haben.

MÄRK: Konkret aus der Sicht der Forschung: Ich sehe keine Gefahr der Verzettelung. Als Spitzenforscher macht man Grundlagenforschung, gute Grundlagenfoschung führt immer dazu, dass man vorne dran ist, sie führt also immer am Rand zu möglichen Anwendungen. Ein guter Spitzenforscher wird, auch um seine Studenten gut auszubilden, Themen wählen, die grundlagenorientiert sind, er wird das aber auch immer so wählen, dass die Grundlagenfragestellung mit realen Fragestellungen gekoppelt ist. Da hat man die Freiheit, man kann die Eigenschaft eines Moleküls an dem einen oder anderen Molekül erforschen – man wird jedoch dann eher eines nehmen, das bei der Beantwortung relevanter Fragestellungen hilft. Das gilt auch für Fragestellungen aus der Region. Daher ist es kein Verzetteln, sondern eine sinnvolle Anpassung.

 

ZUKUNFT: Stichwort angewandte Forschung. Diese passiert in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, die Universitäten sind aufgefordert, Drittmittel einzutreiben. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Kooperation mit der Tiroler Wirtschaft?

MÄRK: Sie ist sicher noch ausbaufähig, das ist aber nicht so einfach. Man muss ja ein Forschungsthema finden, bei dem wir a) kompetent sind und b) bei einem Unternehmen der Bedarf besteht. Es ist schwierig, neue Themen aufzugreifen. Wo die Zusammenarbeit läuft, ergibt sich aus einem Thema das nächste. Insgesamt ist es aber sicher so, dass wir sehr stark auf Drittmittel angewiesen sind. In den geräteintensiven, aber auch in den anderen Fächern könnten wir sonst keine Spitzenforschung machen, auch keine – international anerkannte – Spitzenausbildung. Das hängt ja zusammen und kostet natürlich Geld. Und wir waren in der Drittmitteleinwerbung sehr erfolgreich. In den letzten vier Jahren konnten wir sie verdoppeln. Wobei man sagen muss, dass es im Wesentlichen Drittmittel von Forschungsförderungsinstitutionen sind – an denen hängt ja kein Mascherl. Wir stehen momentan bei ungefähr 15 Prozent an Fördermitteln für angewandte Forschung, also von der Industrie. Das ist, denke ich, eine gute Relation. Wobei es ja auch noch Übergänge gibt, die von den Forschungsförderungsinstitutionen anerkannt und unterstützt werden – Translational Research. Aber eines ist natürlich klar: Die Universität muss und soll der Ort zweckfreier Forschung sein – und wenn es gute Forschung ist, führt es zu etwas, das für die Gesellschaft wichtig ist.

TÖCHTERLE: Das kann ich nur unterstreichen. Forschung ist wissen Wollen, also primär zweckfrei. Wir nehmen viel Geld für die Quanten- und Astrophysik in die Hand. Bei der Quantenphysik kommt vielleicht einmal ein Quantencomputer heraus. Das primäre Volens der Forscher ist aber nicht der Quantencomputer, ihr primäres Volens ist es, diese interessanten physikalischen Fragestellungen zu bearbeiten, mehr zu wissen. Das ist das Forscherethos, anderes ist ein schönes Nebenprodukt. Noch deutlicher ist es bei der Astrophysik, wo wir mit Olaf Reimer einen Spitzenforscher aus Stanford geholt haben und Sabine Schindler halten konnten, die ein tolles Angebot aus Göttingen hatte. Österreich ist mit hohen Summen der Südsternwarte ESO beigetreten – und da ist kaum eine Spur eines konkreten wirtschaftlichen Nutzens. Das ist pures wissen Wollen. Das Erstaunliche ist ja nur, dass man das bei der Naturwissenschaft nie so sieht. Hingegen bei der Geisteswissenschaft … aber ich will nicht jammern. Die Geisteswissenschaft wird sehr geschätzt, es ist nur oft schwer zu argumentieren, obwohl sie oft schneller und deutlicher relevant ist. Vielleicht repräsentiert sie sich auch nicht gut. Zum Andreas-Hofer-Jahr wird es nächstes Jahr ein Symposion geben, zur Mythenbildung etc. Das ist hochrelevant für die Tiroler Gesellschaft. Oder die Altertumskunde mit ihrer Forschung zum Orient, die zeigt, dass unsere Kultur sehr stark vom Orient beeinflusst ist – das hat natürlich Ausprägungen auf unsere derzeitige Situation, auf die Gräben, die zu überbrücken wären.

MÄRK: Ein schönes Beispiel dazu ist unser – neben der Quantenphysik – zweiter Sonderforschungsbereich: HiMAT – Die Geschichte des Bergbaus in Tirol und seinen angrenzenden Gebieten - Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Da gibt es eine Menge Aspekte, die gesellschaftlich relevant sind. Zum einen, dass man interessiert daran ist, wie es damals war – und wenn man es weiß, kann man es auch touristisch ummünzen. Zum anderen aber auch einen aus meiner Sicht viel breiteren Aspekt. Wenn man sich die wirtschaftlichen Umwälzungen in dieser Zeit genauer anschaut, dass Orte verarmt sind, weil kein Holz oder kein Metall mehr da war. Das war Auf- und Abstieg – etwas was wir auch heute erleben. Und wenn man weiß, wie man damit umgegangen ist, kann man daraus lernen.

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