Kurz-Chronologie der Fundgeschichte

von Elisabeth Rastbichler-Zissernig

1. Von der Entdeckung bis zur Bergung
2. Die Bergung
3. Weitere Begebenheiten und spätere Fundbergungen


Von der Entdeckung bis zur Bergung: In diesen 4 Tagen zwischen dem 19.09.1991 und dem 23.09.1991 wurde die Fundstelle von 22 verschiedenen Personen aufgesucht, von denen einige den Ort des Geschehens mehrmals begingen.


DO 19.09.1991: Entdeckung der Gletschermumie vom Hauslabjoch / Ötztaler Alpen durch das Nürnberger Ehepaar Erika und Helmut Simon.

FR 20.09.1991: Erster offizieller Bergungsversuch durch Alpingendarmerie. Wegen Schlechtwetters nach einer Stunde abgebrochen. Das Beil wird im Gendarmerieposten Sölden verwahrt und ist als Datierungshilfe den weiteren Besuchern an der Fundstelle entzogen.

SA 21.09.1991: Fundort wird weitere 8x von verschiedenen Personen aufgesucht. Motivation unterschiedlich.

SO 22.09.1991: Halboffizielle Freilegung der Gletschermumie für Abtransport durch Bergrettung.


Die Bergung: Die Bergung selbst fand vor laufender Kamera des ORF statt. Diese Bilder gingen um die Welt.

MO 23.09.1991: Offizielle Bergung durch den Gerichtmediziner Univ.-Prof. Dr. Rainer Henn. Meldung lag vor, dass Toter bereits zur Abholung bereitläge, daher kein Bergewerkzeug mitgenommen. Henn hofft in live-Interview auf Ehering oder Pass als Identifizierungshilfe.Die Gletschermumie kommt an die Universität Innsbruck.


Weitere Begebenheiten und spätere Fundbergungen

DI 24.09.1991: Univ.-Prof. Dr. Konrad Spindler / Institut für Ur- und Frühgeschichte erklärt den Fund als urgeschichtlich.Bundesdenkmalamt wird verständigt.Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung genehmigt Hubschrauberflug und sagt Mittel für eine Nachuntersuchung am Fundort zu. . Erste archäologische Expedition wird vorbereitet.Kostenlose Restaurierung und Konservierung der Beifunde wird durch Dr. Markus Egg / Römisch- Germanisches Zentralmuseum in Mainz zugesichert.Erste Pressekonferenz findet statt.Univ.-Prof. Dr. Werner Platzer übernimmt die Gletschermumie von der Gerichtsmedizin in eine Kühlzelle am Institut für Anatomie.

MI 25.09.1991: Glaziologenteam, Dr. Ekkehard Dreiseitl, Gerhard Markl (Institut für Meteorologie und Geophysik), Dr. Heralt Schneider (Institut für Mathematik) und Univ.-Prof. Dr. Gernot Patzelt (Institut für Hochgebirgsforschung), bricht zu Fuß zum Fundort auf. Weitere Fundbergung: Köcher mit Pfeilen. Fundbergungen auch durch anwesende italienische Finanzwache. Der geplante Hubschrauberflug zur Fundstelle wird wegen Schlechtwetters abgebrochen und erste archäologische Expedition abgesagt.Restauratoren aus Mainz treffen ein und nehmen erste restauratorische Versorgungsmaßnahmen zur Sicherung der Beifunde vor.

DO 26.09.1991: Archäologische Untersuchung am Fundort wird forciert. Univ.-Doz. Dr. Liselotte Zemmer-Plank schickt in Absprache mit Spindler zwei bergerfahrene Mitarbeiter des Landesmuseums Ferdinandeum zu Fuß zur Fundstelle. Patzelt vermutet die Fundstelle auf italienischem Hoheitsgebiet. Bewachung des Fundortes durch Alpingendarmen wird angeordnet.Vizekanzler Dr. Erhard Busek / Ressort für Wissenschaft und Forschung beruft Sitzungen ein stellt Kommission zusammen.Ausfuhrbewilligung der Beifunde nach Mainz wird vorerst nicht erteilt.

FR 27.09.1991: Erster Archäologe am Fundort: Mag. Wolfgang Sölder. Er trifft mit dem Restaurator des Ferdinandeums, Gerhard Lochbihler, bei dichtem Nebel und heftigem Schneetreiben an der Felsenrinne ein. Weitere Fundstücke werden geborgen. Die Krisensitzung österreichischer Restauratoren und Archäologen tagt in Innsbruck. Das Gremium kommt zum Schluss, dem Minister zu empfehlen, das Fundensemble den Werkstätten des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz zur Restaurierung und Konservierung anzuvertrauen. Diese verfügen über die nötige apparative Ausstattung sowie weltweit über die meisten Erfahrungen.Grenze: der Fund befindet sich auf italienischem HoheitsgebietErste Rechtsanwälte melden sich zu Wort.

SA 28.09.1991: Univ.-Prof. Dr. Andreas Lippert/Instituts für Ur- und Frühgeschichte mit Team trifft zu Fuß an der Fundstelle ein. Bietet Mithilfe an.Zemmer und Spindler gelangen mit dem Hubschrauber zum Fundort. Archäologen studieren Fundtopographie.

SO 29.09.1991: Fundort wird weiterhin von österreichischen Beamten bewacht.

MO 30.09.1991: Der "Mann aus dem Eis" wird zur Staatsaffäre. Eismannkommission tagt im Ministerium in Wien: Fund ist unverzüglich unter Denkmalschutz zu stellen. Neuvermessung des Fundplatzes wird angeordnet. Gespräche mit Südtiroler Vertretern sind zu führen, dass der Fund, auch wenn die Fundstelle auf Südtiroler Gebiet liegt, an der Landesuniversität Innsbruck untersucht werden darf.Man beschließt, die Funde doch nach Mainz zu geben und dem Vizekanzler als Ressortchef des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung die Einrichtung eines Forschungsinstitutes zu empfehlen. Damit sei in Österreich eine kompetente Stelle für derartige archäologische Funde geschaffen. Dieses Institut solle dann als erstes die Untersuchung des Mannes im Eis koordinieren. Bezüglich der wissenschaftlichen Untersuchungen einigt man sich, bei schwierigen Fällen jeweils zwei voneinander unabhängige Gutachter heranzuziehen. Die von der Kommission getroffenen Beschlüsse bilden die Richtlinien für den weiteren Ablauf des Eismannprojektes.In der Folge wird festgelegt, dass an der Fundstelle eine archäologische Nachgrabung durchzuführen ist. Sie wird von Lippert geleitet werden.

DI 01.10.1991: Unterschutzstellung des Fundensembles als Denkmal. Amtliche Ausfuhrbewilligung nach Mainz wird erteilt.

MI 02.10.1991: Neuvermessung des Fundplatzes: 92,56 m von der Staatsgrenze entfernt auf italienischem Hoheitsgebiet.

DO 03.10.1991 - SA 05.10.1991: Erste archäologische Nachuntersuchung am Fundort. Muss wegen Schlechtwetters am 3. Tag abgebrochen werden.

Ab Okt. 1991: Fundgeschichte wird recherchiert, um den Ablauf des Geschehens zu rekonstruieren und somit die Grundlage für den archäologischen Befund zu schaffen.

21.05. 1992: Forschungsinstitut für Alpine Vorzeit an der Universität Innsbruck wird gegründet.

20.7. - 25.8.1992: Durchführung der Forschungsarbeiten bezüglich der zweiten archäologischen Nachgrabung obliegt dem Denkmalamt Bozen. Mit Leitung betraut: Prof. B. Bagolini (Universität Trient), Dr. L. Dal Ri, Dr. H. Nothdurfter (Denkmalamt Bozen) und Lippert. Fundort auf 3200 m wird mit Dampfstrahlern eisfrei gemacht. Es kommen immer noch Funde zum Vorschein, die dem Fundensemble zugehörig sind.

22., 27.8. und 30.09. 1994: Weitere zugehörige Fundbergungen durch Prof. Torstein Sjovold / Universität Stockholm bzw. Nothdurfter und Dal Ri

Seit 1994: Projekt "Prospektionen in den Tiroler Alpen" (Leitung: Univ.-Doz. Dr. Dieter Schäfer) - verstärkte systematische Suche nach urgeschichtlichen Fundstellen im Hochgebirge

16.01.1998: Abtransport der Mumie und der Beifunde nach Bozen.

20.05.1998: Vertrag zum Fortbestehen des Instituts für Alpine Vorzeit wird nicht verlängert.


Quellen:
Spindler 1993 - Spindler, K.: Der Mann im Eis, Die Ötztaler Mumie verrät die Geheimnisse der Steinzeit, 1993
Bagolini u.a. 1995 - Bagolini, B., Dal Ri, L.,Lippert.,A., Nothdurfter, H.: L´Uomo del Similaun: la Campagna di Recupero 1992 al Passo di Tisa, Comune di Senales, Südtirol, In: Spindler, K. / Rastbichler-Zissernig, E. / Wilfing, H. / zur Nedden, D. / Nothdurfter, H.: Der Mann im Eis, Neue Funde und Ergebnisse, 1995, S.23-52,
Gesprächsprotokolle mit den beteiligten Personen