Forschungsfeld Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Öffentliche Auftritte: 2. WIRTSCHAFTSHISTORISCHES SYMPOSIUM am 15. und 16. Mai 2008

 

 


Der Körper in der Psychiatrie: Psychiatrische Praxis in Tirol in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Maria Heidegger (Institut für Geschichte und Ethnologie der Universität Innsbruck)


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Über Körper in der historischen Anstaltspsychiatrie. Das Beispiel der "Irrenanstalt" Hall in Tirol 1830-1850

Dieser Beitrag beleuchtet anhand des lokalen Beispiels der 1830 gegründeten „k. k. Provinzial Irrenanstalt Hall in Tirol“ einzelne Aspekte des Problems, weshalb und welche an den Körper der „Irren“ gerichteten Behandlungstechniken eingesetzt wurden, um das „Gemüt“ derselben zu heilen. Zunächst wird die Position der Haller Einrichtung innerhalb der breiten psychiatrischen Landschaft skizziert, der PatientInnenstand während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben und die Binnenstruktur der Anstalt beleuchtet. Vor diesem Hintergrund werden sodann auf Basis psychiatrischer Krankenakten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Zustandsbilder des „Irren“ analysiert und anhand dieser Quellen sowie publizierter Fallbeschreibungen Kuren für „Wahnsinnige“ innerhalb der frühen Anstaltspsychiatrie vorgestellt. Am Beispiel der Zwangsweste kann gezeigt werden, dass mechanische Beschränkung aufgrund ihres strafenden Charakters auch die Heilung „verkehrter“ Ansichten befördern sollte. „Körper“ sind ebenso präsent, wenn es um deren „Verköstigung“ geht – die Inkorporation der Nahrung spielte im medizinisch-psychiatrisch-pädagogischen Kontext des „Irrenhauses“ eine mehrschichtige Rolle. Der Beitrag endet schließlich mit einigen Überlegungen zu historischen Veränderungen innerhalb der Tiroler Anstaltspsychiatrie, die sich am Ende des untersuchten Zeitraums abzuzeichnen begannen. Psychiatrische Beobachtungen des „Körpers“ tendierten nun vom individuellen Einzelfall weg mit dem Ziel, Symptomgruppen zu erkennen und nicht zuletzt, um anhand des anstaltseigenen „Patientengutes“ Studien und internationale Vergleiche anstellen zu können. Der Markt mit den Körpern erhält im Kontext psychiatrischer Professionalisierung eine neue, spezifische Bedeutung.