Forschungsfeld Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Öffentliche Auftritte: 2. WIRTSCHAFTSHISTORISCHES SYMPOSIUM am 15. und 16. Mai 2008

 

 



Mit Haut und Haar. Der menschliche Körper als Ware im Europa der Frühen Neuzeit

Valentin Gröbner (Historisches Seminar der Universität Luzern)


zurück zum Programm

 

Die nationalsozialistischen Lager, hat Primo Levi geschrieben, müssten als moderne Sklaverei und Menschenverwertung in ihrer extremsten Form begriffen werden. Wie hätte Levi wohl Berichte über Transfers menschlicher Nieren, Knochenmark, Hornhäuten, Eizellen, Lebern und Blut (ganz zu schweigen von lebendigen Kindern und jungen Frauen) aus Lateinamerika, Indien, den Philippinen oder Moldawien in das wohlhabende Westeuropa kommentiert?

Die europäische Rechtsgeschichte denkt den Menschen als Körper. Sie ist bestimmt vom Prinzip „Habeas corpus“, von der Schutzwürdigkeit einer Person als Körper, der als Träger unteilbarer Rechte figuriert. Daneben gibt es aber eine zweite Geschichte: die des zerteilten und ökonomisch verwerteten Menschen. Sie beginnt nicht erst mit der Medizin des 20. und 21. Jahrhunderts. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden menschliche Haare und Zähne verkauft. Die mittelalterlichen Erzählungen von und der Handel mit Reliquien gehören ebenso in diese Tradition wie pragmatische Schadenersatzregelungen und medizinische Praktiken der Frühen Neuzeit, die menschlichen Körperteilen sehr reale Marktwerte verliehen.

Wie wurden solche fremden Körperteile ge- und behandelt? Es könnte sich lohnen, Reliquienfrömmigkeit, magische Praktiken und einige erstaunlich robuste und langlebige Erzählmotive der Vormoderne mit bestimmten Phänomenen der zeitgenössischen Transplantationsmedizin zusammenzudenken. Denn die Körper und ihre Teile sind immer eingebettet in Erzählungen über Identifikation: Erst ihre Benennung – oder erfolgreiche Anonymisierung – ermöglicht ihren Transfer und ihre Weiterverwendung. Oder soll man Wiedereingliederung sagen?