Entwicklung in der Krise – Krisenhafte Entwicklungen

 Bujagali Falls – der (weiße) Nil in Uganda, kurz nach Verlassen des Viktoriasee [Foto: Ines Dombrowsky]
22.01.2010
Im Wintersemester 2009/10 veranstaltete das Innsbrucker Forum Entwicklungsforschung (IFEF) eine interdisziplinäre Vortragsreihe zum Thema „Entwicklung in der Krise – Krisenhafte Entwicklungen“. Den Abschluss dieser Reihe bildete im Jänner der Vortrag „Die Ökonomie grenzüberschreitenden Gewässermanagements in Entwicklungsländern“ von Ines Dombrowsky (Leipzig).
Foto: Bujagali Falls – der (weiße) Nil in Uganda, kurz nach Verlassen des Viktoriasee [Foto: Ines Dombrowsky]

Das Innsbrucker Forum Entwicklungsforschung (IFEF), in dem sich Angehörige von fünf verschiedenen Fakultäten der Universität Innsbruck zur Förderung von Forschung und Lehre über „Entwicklung“ zusammengeschlossen haben, lud am 13. Jänner zum Abschluss seiner aktuellen Vortragsreihe. Dieser Abschluss der fünfteiligen Reihe, die zugleich den Auftakt der IFEF-Aktivitäten markiert, wurde gemeinsam mit der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik organisiert und hatte daher ein (polit-)ökonomisches Thema.

 

Gewässermanagement in Entwicklungsländern

Dr. Ines Dombrowsky vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sprach zum Thema „Die Ökonomie grenzüberschreitenden Gewässermanagements in Entwicklungsländern“. In ihren bisherigen theoretischen und praktischen Forschungsarbeiten (u.a. für die deutsche GTZ und die Weltbank) beschäftigte sich die Referentin primär mit den besonderen Brennpunkten der Wasserknappheit in Westasien und Nordafrika, worauf sie auch in ihrem Vortrag anhand der Fallbeispiele Nil und Jordan besonders Bezug nahm.

 

Das besondere Problem bei der gemeinsamen Nutzung von grenzüberschreitenden Flüssen aus ökonomischer Sicht ist, dass die Nutzung von Wasser im Oberlauf eines Flusses die Nutzung im Unterlauf beeinflusst. Dies kann positiv oder negativ geschehen: wenn z.B. im Oberlauf eines Flusses zu viel Wasser entnommen wird, steht im Unterlauf zu wenig zur Verfügung, wenn hingegen z.B. im Oberlauf Abwassermanagement betrieben wird, verringert das die Verschmutzung im Unterlauf. Dabei stellen sich – neben dem Informationsproblem – vor allem zwei Fragen: Wie werden Eigentumsrechte definiert und wie Verträge durchgesetzt? Dombrowsky widmete sich diesen Fragen vor dem Hintergrund, wie Kooperation zustande kommen kann und wie die daraus entstehenden Kosten und Gewinne fair zu verteilen sind.

 

So gibt es ein breites Spektrum an möglichen Lösungen für das Management grenzüberschreitender Gewässer, die in der Realität von bewaffneten Konflikten bis zu internationalen Wasserverträgen reichen. Sehr viel häufiger sind freilich geringere Intensitäten von Konflikt oder Kooperation. So ist das Wassernutzungsproblem am Jordan im Zuge des Friedensprozesses zwischen Israel und Jordanien immerhin als solches anerkannt worden, freilich ohne dass es zu einer formellen Regelung gekommen wäre. Vielmehr behindert die Nicht-Regelung von Wasserentnahmen unverändert die regionale wirtschaftliche Entwicklung. Am Nil mit seinen insgesamt elf Anrainerstaaten wiederum spitzt sich das Problem auf die östlichen Zuflüsse zu, von wo der Großteil der Wassermenge kommt. Die Nilbeckeninitiative zwischen Ägypten, Sudan und Äthiopien hat bislang freilich ebenfalls kaum mehr als Richtlinien hervorgebracht, wobei hier besonders auffällt, dass am Nil traditionell der Unteranrainer Ägypten als bei weitem größter Konsument die Regelung der Wasserverteilung mittels politischem Druck dominiert. Dieser Fall zeigt aber zudem, welche Möglichkeiten Zusammenarbeit gerade im Hinblick auf Entwicklungspotentiale bieten kann, wenn Dammbauten in Äthiopien zugleich zur Elektrizitätserzeugung beitragen wie auch die Hochwassersituation im Sudan regulieren könnten.

 

Eine Wasser-„Krise“?

Die Aufteilung von Kosten und Gewinnen bleibt dabei freilich immer ein Streitpunkt, aber auch insgesamt wird Wasser im 21. Jahrhundert eher zum Krisenfaktor. Denn auch wenn manche Horrorszenarien trotz Klimawandel übertrieben erscheinen, stößt die Wassernutzung in manchen Weltregionen bereits jetzt an ihre physischen Grenzen. Das macht den Transfer von Wasser ebenso nötig, wie bessere Vereinbarungen über die gemeinsame Nutzung von Wasserreserven. Dies gilt zumindest regional auch für entwickelte Länder und daher in doppelter Weise für Entwicklungsländer: zum einen aufgrund von Nutzungskonflikten zwischen ihnen, zum anderen indirekt aufgrund des ökonomisch oder politisch erzwungenen Zugriffs auf ihre Wasserressourcen von außen.

Daher wird das Wasserthema auch in der Entwicklungsforschung in Zukunft (wieder) mehr Gewicht erhalten. Gerade für die Klärung solcher Fragen kann die (politische) Ökonomie schließlich zweifellos wichtige Beiträge leisten, indem sie zu identifizieren erlaubt, unter welchen Voraussetzungen Kooperation zustande kommt (oder nicht) und in welche Form sie annimmt oder annehmen soll. Zudem verweist sie – zusammen mit empirischen Ergebnissen – auf die Bedeutung von Fairness.

 

Abschluss einer Reihe

Ines Dombrowsky beendete mit ihrem Beitrag die fünfteilige Vortragsreihe des IFEF, die in Kooperation mit dem Arbeitskreis Wissenschaft und Verantwortlichkeit (WuV) der Universität Innsbruck abgewickelt wurde. Die Reihe gewährte den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern vielfältige Einblicke in den aktuellen Stand der Entwicklungsforschung aus der Perspektive der Zeitgeschichte, der Stadtplanung, der Entwicklungssoziologie, der Geographie und der politischen Ökonomie. Ihr Erfolg bestätigt die Absicht des IFEF, seine Bemühungen im Hinblick auf eine bessere Vernetzung verschiedener Ansätze der Entwicklungsforschung an der Universität Innsbruck in Zukunft weiter voranzubringen und damit auch die gesamtösterreichische Entwicklungsforschung zu stärken.

(ip)

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