Armut in Tirol

Studienpräsentation: "Armut in Tirol auf der Spur". Forschende der Universität Innsbruck untersuchen Lebensrealitäten, Ausgrenzungserfahrungen und Teilhabechancen von armutsbetroffenen Personen in Tirol
Armut in Tirol

Foto: © Land Tirol/Huldschiner

Welche Personengruppen sind in Tirol vermehrt von Armut betroffen? Wie stellt sich die Situation von armutsbetroffenen Menschen in Tirol dar? Welche Auswirkungen hat die aktuelle Corona-Pandemie auf armutsbetroffene Menschen?
Diesen Fragen wurde im Rahmen der Studie „Armutsbetroffenheit in der Krise – Eine Studie des Tiroler Armutsforschungsforums 2020/21“ unter der Leitung von Andreas Exenberger vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte nachgegangen. Mit der Studie wird der Kenntnisstand über die Auswirkungen der Covid-Pandemie in Tirol für Armutsbetroffene beträchtlich erweitert. Dieser war bislang wissenschaftlich praktisch nicht erforscht. Gleichzeitig beinhaltet die Studie eine umfassende Beschreibung der Lebensumstände der von Armut betroffenen Menschen. Speziell für sie wirkt die Covid-Pandemie als „Brennglas“: „‚Corona‘ verstärkt problematische und prekäre Lebenssituationen. Es wirkt sich nicht nur negativ auf die psychische und körperliche Gesundheit aus, sondern insbesondere auch auf soziale Verhältnisse. Kurz gesagt: Personen mit Ressourcen hatten Wahlmöglichkeiten, die andere nicht hatten“, resümiert Exenberger.

Acht Teilprojekte beleuchten unterschiedliche Aspekte der Armutsbetroffenheit 

Die Studie basiert auf acht Teilprojekten, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Armutsbetroffenheit beleuchten. So wurde vor allem das Armutsrisiko und die Armutsbetroffenheit von Menschen mit Bildungsdefiziten, Working Poor, Menschen mit Fluchterfahrung, ältere Menschen, Frauen sowie Menschen mit psychischen und mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen wissenschaftlich untersucht.

Dafür wurden erstmals einschlägige Daten aus dem Austria Corona Panel Projekt (ACPP) mit Tirol-Bezug ausgewertet, insbesondere mit Blick auf die Einkommenssituation in Tirol. In Form von Interviews mit armutsbetroffenen Familien – ergänzt durch das Praxiswissen der Beratungsstelle Dowas für Frauen – wurden die Problemstellungen Gewalt, Armut, Bildungsungleichheit und Wohnungslosigkeit als Formen sozialer Diskriminierung von Frauen und Kindern (in der Corona-Krise) herausgearbeitet. „Durch diese Feldstudie konnten insbesondere konkrete Ausgrenzungserfahrungen verdeutlicht werden, speziell an der Schnittstelle zwischen dem Erwerbsleben der Mütter und den Bildungsbiografien der Kinder“, erläutert Studienleiter Exenberger.

Im umfangreichsten Teil-Projekt zum Thema „Armutsdynamiken unter Covid-19 in Tirol“, das am Center for Social & Health Innovation des MCI unter Leitung von Lukas Kerschbaumer durchgeführt wurde, konnten bislang 52 biographische Interviews und 55 qualitative Online-Befragungen mit armutsbetroffenen Personen sowie 26 ExpertInnen-Interviews mit MitarbeiterInnen von Sozialeinrichtungen bzw. Vereinen in Tirol gewonnen werden. Dabei wurde deutlich, dass die Häufung von Problemlagen mitunter die größte Herausforderung ist, wobei die Digitalisierung mancher Abläufe zwar eine Entlastung für manche Institutionen bedeutet kann, aber nicht unbedingt für Betroffene, die sich dadurch zusätzlichen Anforderungen gegenübersehen.

Ein Forschungsteam des Studiengangs Ergotherapie und Handlungswissenschaft der fh gesundheit Tirol unter der Leitung von Ursula Costa ging den Lebensrealitäten unterschiedlicher marginalisierter Gruppen nach, darunter jenen von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen. „Hier zeigt sich, dass diese von der Teilhabe und Mitsprache an Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind und von notwendigen oder sinnvollen Betätigungen ausgegrenzt werden. Dies resultiert oft in einer Verfestigung der Armutsbetroffenheit“, analysiert Studiengangsleiterin Ursula Costa von der fh gesundheit Tirol. Um Teilhabe und soziale Gesundheitsdeterminanten ging es auch beim Blick auf Menschen mit positivem Asylbescheid, die sich hier vor allem durch Selbstständigkeit und Selbstbestimmung im Alltag widerspiegelt. Angehaltene oder inhaftierte Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen wiederum benötigen ebenfalls Handlungskompetenzen zur Stärkung ihrer Gesundheits- und Lebenskompetenzen, u.a. durch kontinuierliche ergotherapeutische und sozialarbeiterische Begleitung auch in Zeiten von Lockdowns.

Sechsteilige Workshop-Reihe ergänzt Studie 

„Die Ergebnisse des gesamten Projekts wurden und werden in Form der sechsteiligen Workshop-Reihe ‚Armut aktuell‘ zwischen Oktober 2021 und Februar 2022 kommuniziert und diskutiert. Sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Sozialeinrichtungen, die mit Armutsbetroffenen arbeiten, aber auch die interessierte Öffentlichkeit kann an diesen Workshops teilnehmen“, sagt Exenberger. Die Ergebnisse der Workshops fließen gemeinsam mit den Erkenntnissen der Studie in eine finale Publikation ein. Die Workshop-Reihe soll zudem in den kommenden Jahren fortgesetzt werden.

 

Aktuelle Workshop-Termine unter:

Nach oben scrollen