Nachruf von Univ.-Doz. Dr.Dr. Wolfgang Heiser

Ein Oberösterreicher, nein Der Oberösterreicher in Tirol ist von uns gegangen. 

Als man Karl vor etwa einem Jahr die Diagnose Gallenausgangs CA mitteilte,  rief er mich zu sich. Er bat mich damals bei seiner Verabschiedung  als sein Freund  einerseits und  andererseits im Namen der  Univ. S! Skalden und der S! Waltharia, deren AH h.c. er war, zu sprechen.

Als ich ihm bei diesem Besuch in die Augen sah wusste ich sofort, dass ihn diese Diagnose mit einem Ablaufdatum, wie er formulierte, mit voller Wucht getroffen hatte.  Karl hing auch mit seinen 88 Jahren  noch am Leben. 90 zu werden war sein Ziel. Vieles hatte Karl schon überstanden in seinem Leben - seinen Humor   verlor er aber nie. Aber jetzt das.  Er sagte mir, dass er ab jetzt die Tage herunter zählen und im Kalender abhacken werde. Wo Karl aufgehört hat einen letzten Hacken zu machen, weiß ich nicht.   

Ich konnte Karl immer nach Rat fragen und was ich ihm anvertraute plauderte er auch nicht aus, nicht so wie mach anderer. Er wäre einem niemals in den Rücken gefallen. Er selbst schüttete aber auch sein Herz mir gegenüber aus, wann immer es ihm danach war. Es war für ihn ganz selbstverständlich , dass er mit mir über alles sprach, über seine Jugend im Mühlviertel, über seine Erlebnisse als junger Leutnant der Gebirgsjäger im Krieg,  über seine Zeit als Ministerialrat im Bauten Ministerium, über seine  Zeit  als Dekan an der technischen Fakultät  und als Rektor Stellvertreter der Leopold Franzens Universität,  aber auch über seine Ängste und den drohenden Tod. Auch über den frühen Tod seiner 1ersten Frau und dann vor nicht allzu langer Zeit den Tod seiner 2ten Frau. Das alles bei dem einen oder anderen Glas Whisky, manchmal auch eins zu viel und einer Virginia, manchmal auch zwei. Lieben und Leiden zogen sich quer durch sein erfülltes Leben.

Ich habe mit Karl meinen väterlichen Freund verloren. Karl du wirst mir unendlich fehlen.

Bei einem dieser Gespräche fragte ich Karl. Was willst Du dass ich bei deiner Verabschiedung sage.

Daraufhin erzählte er mir aus seinem Leben und was ihm dabei bis zu Letzt wichtig war und gab mir entsprechende Anweisungen.

Ich folge hiermit seinem letzten Willen.

Wichtig war ihm zu erwähnen, dass ein Großteil der Autobahn- bauten in Österreich unter seiner Federführung als Chefplaner durchgeführt wurden.  So  z.B. die A1 Westautobahn,  die Südautobahn, die Innviertler Autobahn und  in Tirol  die Inntal- und Brennerautobahn. Der Pannenstreifen auf Österreichs Autobahnen geht auf ihn zurück. Karl erzählte er mir auch wie er den legendären LH E. Wallnhöfer als Ministerialrat kennen  lernte und wie sie gemeinsam die Inntalautobahn verwirklichten. Die daraus entstandene Freundschaft, beide waren passionierte Jäger,  führte letztlich auch dazu, dass man Karl 1971 zum Vorstand des neu gegründeten Instituts für Straßenbau und Verkehrsplanung an der technischen Fakultät der Leopold Franzens Universität Innsbruck berief.  Karl plante auch eine Autobahnverbindung  Zirl - Garmisch,  was so manchen Verkehr von der Inntalautobahn abgezogen hätte.  Mit dem Tod seines Freundes Eduard Wallnhöfer verschwand diese Planung in irgendeiner Schublade. Mit einer gewissen Häme stellte er noch kürzlich fest, dass der nunmehrige geplante Bau des Umfahrungstunnels in Scharnitz Großteils auf seine Planung zurückzuführen sei. Dass ihm, das Land Tirol keine Anerkennung  seiner Verdienste zukommen ließ, hat ihn übrigens sehr gekränkt aber nicht verwundert. Über 600 Straßen-Projekte hat er mit seinem Ingenieurbüro abgewickelt. Von seinen zahlreichen Publikationen und Büchern wurden zwei seiner Bücher sogar in Russische übersetzt. Darauf war er zu Recht besonders stolz.

Zahlreiche Auszeichnungen, konnte er in Empfang nehmen. So z.B. das Goldene Verdienstkreuz des Landes Oberösterreich, das Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse, er wurde zum Mitglied der europäischen Akademie der Wissenschaften gewählt und auch  zum Ehrenmitglied des Ingenieurs  und Architekten  Vereins.  Besonders stolz war er aber auf seine Gastprofessur an der Chula Long Korn Universität in Bangkok, wo er Gebirgsstraßenbau unterrichtete. Darüber hinaus noch viele andere Auszeichnungen die ich hier nicht alle erwähnen kann. Aber an den Trinser Auszeichnungen hing es ganz besonders.

Wichtig waren ihm aber auch seine Bundesbrüder von der Univ.-S! Skalden. Was er den Skalden noch zu sagen hatte, hat in einem aller letzten Treffen in seiner Wohnung  getan.   Durch Karls Antrag beim Akad. Senat der Leopold Franzens Universität unterstützt vom legendären Rektor Clemens August Andreae wurde den Skalden der Ehrentitel Universitätssängerschaft zuerkannt. Die Sängerschaft Skalden trug dem Rechnung und ernannte ihn zum AH honoris causa. Dies freute ihn sehr. Gern hätten wir diese Ehrung auch C. A. Andreae zukommen lassen. Aber die Zeit war noch nicht reif. Karl förderte die Skalden wo er konnte und verhalf ihnen zu zahlreichen öffentlichen Auftritten. Ich sehe Karl  noch mit den Tränen in den Augen wenn auf der Skalden Kneipe die oberösterreichischen Landeshymne  für ihn erklang.

Hoamatgsang von F Stelzhammer einem Innviertler.

Hoamatland, Hoamatland,

di han i so gern!

Wiar a Kinderl sein Muader,

a Hünderl sein Herrn

Er nannte sich selbst immer einen Oberösterreicher in Tirol. Und das blieb er auch.

Oder wie er sich freute wenn zu seinem Auszug aus der Skaldenbude ihm zu Ehren das Gaudeamus igitur mit dem  vivat academia vivant professores  angestimmt wurde. Er genoss diese Augenblicke.

Karl hatte den Mut und das Rückgrat sich zu den Skalden zu bekennen.

Er fühlte sich bei den Skalden wohl,  denn er war ein durch und durch musischer Mensch. Bei einem Straßenbauer nicht unbedingt zu erwarten.  Zahlreiche Aquarelle, Kohlezeichnungen, Linolschnitte,  viele mit Jagd Motiven  hinterlässt er seiner Tochter. Er war ein Multitalent. Er war auch Mitglied der Oberösterreichischen Stelzhammer Gesellschaft. Und so schrieb er u.a. das folgende Mundart Gedicht. Ich darf vorausschicken dass ich ihm angekündigte, dass ich dies vortragen würde. Er musste es mir, bereits gestützt auf einem Rollwagen,  aus seiner Bibliothek heraussuchen. Karl  hatte mir dieses Gedicht vor über 20 Jahren abends auf seiner Jagdhütte am Juifen im Sellrain vorgetragen. Ich glaubte schon damals zu wissen, was er mir damit sagen wollte. Er nennt es.

Die süasse Liab

Da Schnee schaut scho aba

Und bei da Nacht is scho kalt.

Da Hirbst geht dem End zua:

UND DA WINTER KIMMT BALD

 

Im Fruahjahr han ma Bleamal brockt,

im Summa die Liab,

im Hirbst toan ma’s Holz hoam

WEIL DA WINTA KIMMT BALD!

 

Schen war die Jugendzeit,

d’Schul und die Liab…

und d’Jahr san vagoanga.

HIATZ KIMMT DA WINTA BALD

 

Und is dann da Winta do,

iss sau kalt  umadum

und san d’Haar schloweiiss..

KIMMT DA WINTA BALD?

 

Und sinnirst aft a wenig z’ruck

In die Zeit in die alt…

Aoft woaßt es genau:

DA WINTA KIMMT Z‘BALD

Den  Menschen Karl Rudelstorfer zu beschreiben ist hier schier unmöglich.  Ich will es zunächst  mit einer Geschichte probieren, einer Geschichte die Karls Leben prägte. Er war  damit einverstanden, und ich bat ihn damals sie mir noch einmal zu erzählen, damit ich sie ja richtig widergeben würde.

Er war am 24.  Dezember 1943 abends an der Front irgendwo in Russland.  Ihm dem jungen 19 jährigen Leutnant der deutschen Wehrmacht wurde im Unterstand gemeldet, dass sich ein Licht dem Bach nähere, einem Bach der  die Russen von den Deutschen trennte. Er  griff zum Glas um zu sehen was da los ist. Er glaubte seine Augen nicht zu trauen. Auf ihn kam ein Russe zu der ein kleines Bäumchen mit Kerzen in den änden Händen trug.  War dies eine Finte des Feindes? Was sollte er tun?

Mit schlotternden Knien, so sagte er, trat er aus dem sicheren Unterstand und ging auf den Russen zu. Sie trafen sich am Bach, der Russe gab ihm den Baum, bot ihm einen Schluck Wodka an und Karl reichte ihm eine  Zigarette. Man rauchte schweigend diese Zigarette, Karl wünschte noch  ein  frohes Weihnachtsfest auf Deutsch, der Russe sagte etwas in seiner Sprache und man ging wieder zurück in den Unterstand. Jeder in den Seinen.  Karl machte an dieser Stelle eine lange Pause und sagte dann zu mir ….

…und am nächsten Tag mussten wir wieder aufeinander schießen.

Diese Szene zeigt den exorbitanten Mut beider Männer. Sie prägte Karl.  Zeitlebens ging Karl  mutig auch unangenehme Dinge an und brachte sie zu Ende. Karl war kein Diplomat, -   war er stur?    Nein stur war er nicht, er war nur  sehr konsequent und voller Leidenschaft. Karl war ein Visionär. Er plante für die Zukunft und war überzeugt von dem was er tat. Er war einer der ganz Großen Oberösterreicher.

Mit ihm verliert das Land einen seiner großen Söhne, die Leopold Franzens Universität einen großen Visionär und Pionier,  die Skalden und Waltharen einen wichtigen Förderer und hoch geschätzten Bundesbruder, seine Jagdfreunde einen treuen Kameraden, die Trinser ihren Karl,  ich meinen väterlichen Freund und Sissi ihren geliebten Papa.

Sissi Du warst für ihn sehr sehr wichtig. Das weißt Du.

Karl halt mir einen Platz frei an Deinem Tisch! So wie immer!

Es war mir eine Ehre Dein Freund sein zu dürfen. Du fehlst mir.

Fiducit

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