Thomas Lindner im Interview: „Forschung und Praxisbezug sind keine Gegensätze“

Thomas Lindner ist seit 1. Mai 2021 Professor für Internationales Management an der Universität Innsbruck. Davor war er bereits an der Wirtschaftsuniversität Wien, der Copenhagen Business School und der New York University tätig. Im Interview gewährt er Einblicke in seine akademische Laufbahn und Lehre an der Universität Innsbruck und hat auch den ein oder anderen Tipp für die Innsbruck

Herr Lindner, was hat Sie an die Universität Innsbruck geführt?

Thomas Lindner: Ich habe mich für die Universität Innsbruck entschieden, weil sie eine renommierte Universität in Österreich ist. Ich war in der Vergangenheit sehr viel im weit entfernten Ausland unterwegs und war nun auf der Suche nach einer Institution, die in der Nähe ist, aber mir trotzdem ermöglicht, mich weiterzuentwickeln.

Sie waren bereits in Kopenhagen und New York tätig. Wie war diese Zeit?

Thomas Lindner: Zu meiner Lehrtätigkeit in Kopenhagen bin ich durch ein Sommeruniversitätenprogramm gekommen. Anschließend habe ich eine Stelle als externer Lehrender bekommen und werde dort auch im Wintersemester – im Zusammenhang mit dem Aurora Netzwerk – wieder unterrichten. Für die mitlesenden Studierenden: Sommeruniversitäten kann ich sehr empfehlen!

Um ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern: Mir wurde in Kopenhagen auch eine dauerhafte Stelle als Associate Professor angeboten. Ich habe zwar ernsthaft überlegt, diese anzunehmen, weil die Copenhagen Business School definitiv eine der Top Wirtschaftsuniversitäten in Europa ist. Ich habe aber schließlich abgelehnt, weil mir die Möglichkeiten in Innsbruck insgesamt besser gefallen haben.

In New York war ich vor allem in der Forschung tätig. 2016 war ich dort während meiner PhD-Zeit als Austauschstudent und bin 2018 zurückgekehrt, um zu lehren und mit den KollegInnen zu forschen. Insgesamt muss ich sagen, war die Zeit sowohl in Kopenhagen als auch in New York großartig, und ich pflege immer noch regen Austausch mit den KollegInnen dort.

Sie selbst haben sowohl Wirtschaft als auch Physik studiert? Warum Physik?

Thomas Lindner: Die richtige Frage wäre eigentlich, warum ich Wirtschaft studiert habe. Eigentlich wollte ich hauptsächlich Physik studieren. Da ich mich anfangs nicht entscheiden konnte, habe ich beides angefangen und bin dann dabei geblieben. Das Masterstudium Physik habe ich eigentlich nur aufgehört zu verfolgen, weil ich mit dem Wirtschaftsstudium an der WU schneller fertig war und mit dem Doktorat angefangen habe. Die Deadlines auf der WU haben bei mir für einen gewissen Druck gesorgt und dazu geführt, dass ich mich mehr darauf konzentriert habe.

Aber die Physik schlägt bei mir bis heute noch durch. Ich betreue SchülerInnen, die sich für weltweite Physikwettbewerbe interessieren. Das ist eines meiner Hobbys. Es klingt zwar nicht nach einem spannenden Hobby, aber es ist lustig und man kommt in der Welt herum. Dieses Jahr war auch eine Schule in Innsbruck dabei, die sich sehr gut geschlagen hat: das Gymnasium am Adolf-Pichler-Platz.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Online-Lehre gemacht?

Thomas Lindner: Es funktioniert erstaunlich gut. Meine Studierenden in Innsbruck sind aktiver, als ich mir das gedacht hätte. Aber ich würde sagen, dass man nur zwei Drittel des Wissens vermittelt, als das unter „normalen“ Bedingungen der Fall wäre. Es ist also sicher eine schwächere Form der Wissensvermittlung als Lehre in Präsenz. Die Kommunikation ist viel isolierter und manches bleibt auf der Strecke.

Gibt es ein Erfolgsrezept für den Beruf Wissenschaftler?

Thomas Lindner: Das wichtigste ist Kritikfähigkeit. Der Feedback-Prozess beim wissenschaftlichen Schreiben ist brutal. Nehmen wir als Beispiel eine Masterarbeit. Stellen Sie sich vor, man hat seine Masterarbeit geschrieben und sie dann noch einmal ein Jahr lang überarbeitet, bis man glaubt, dass es der perfekte Text ist und man ihn auch nicht mehr wirklich sehen kann. Anschließend wird einem in sehr großem Detail von drei anonymen Experten gesagt, warum eigentlich auf jeder Seite ein absoluter Blödsinn steht. Dafür muss man eine dicke Haut entwickeln. Das ist mir am Anfang schwergefallen, weil ich im Studium keine großen Probleme hatte, durch die Prüfungen zu kommen. Ich war es nicht gewohnt, dass ich gefragt werde, warum ich so einen Blödsinn geschrieben habe.

Außerdem muss einem klar sein, dass einem dieser Beruf sehr viel Flexibilität abverlangt. Wien und Innsbruck war da bei mir der Idealfall. Es hätte auch sein können, dass die einzige Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln in Japan gewesen wäre – überspitzt gesagt. Man muss schon weite Sprünge machen und das muss man auch wollen. Viele denken sich wahrscheinlich, so ein bisschen örtliche Flexibilität braucht man eh in jedem Beruf, aber Wissenschaft ist extrem. Es kommt natürlich auch auf das Fach an. Wenn man österreichisches Privatrecht studiert, ist die Wissenschaft größtenteils in Österreich angesiedelt, aber gerade im Bereich Internationale Betriebswirtschaftslehre muss man international sein.

Arbeiten Sie gerade an einem Forschungsprojekt?

Thomas Lindner: Man arbeitet eigentlich immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Ich habe meist ungefähr 20 Projekte gleichzeitig offen. Das liegt daran, dass ein Forschungsprojekt von der Idee bis zur Publikation oft 4-5 Jahre dauert und wenn eines der Projekte schief geht, hätte man 5 Jahre umsonst gearbeitet, wenn das das einzige Projekt gewesen wäre.

Eines meiner derzeitigen Projekte dreht sich um die Gewinnvorhersage von österreichischen Unternehmen im Ausland und ich führe es in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Nationalbank durch. Wir bauen die Vorhersage sozusagen von klassischer Ökonometrie auf moderne Machine Learning Methoden um. Die Vorhersagen fließen dann in die EZB-Vorhersagen für die wirtschaftliche Entwicklung ein, die wiederum ein zentrales Instrument für die Fiskal- und Geldpolitik sind.

Welche Kurse unterrichten Sie in Innsbruck? Haben die Kurse auch Praxisbezug oder basieren Sie rein auf Theorie und Forschung?

Thomas Lindner: Zuerst muss ich sagen, dass Forschung und Praxisbezug für mich kein Gegensatz sind. Es mag zwar von außen oft so scheinen, aber für mich ist Forschung nur gut, wenn man sieht, dass sie direkte Implikationen für die Praxis hat.

In meinem Kurs Internationales Management geht es um die Investitionsentscheidungen von Unternehmen. Darin überlegen wir zum Beispiel, ob es eine gute Idee für ein europäisches Unternehmen wäre, eine Produktionsanlage in Südafrika zu bauen. Ein weiterer Aspekt, den ich mit meinen Studierenden behandle, ist jener der Steuervermeidung. Das ist momentan ein großes Thema in der internationalen Betriebswirtschaftslehre, gerade bei digitalen Unternehmen. Da geht es nicht nur um die Frage, was legal ist, sondern auch um die ethischen Implikationen.

In einer kleinen Fallstudie, dem Fall Roşia Montana, sehen wir uns außerdem eine Gemeinde in Rumänien an, die versucht hat, den Bau der größten Goldmine Europas zu verhindern. Die Mine wurde bis heute nicht gebaut und wird wahrscheinlich auch nicht mehr gebaut, weil das Unternehmen das Stakeholdermanagement nicht optimal betrieben hat.

Haben Sie noch einen letzten Tipp für die Studierenden?

Thomas Lindner: Ich würde empfehlen, die Studienpläne nur als Minimalvoraussetzung zu sehen. Man tendiert ja im Studium dazu, nur Dinge zu machen, die im Studienplan stehen. Unser Universitätssystem bietet aber eine einzigartige und sehr wertvolle Möglichkeit: Man kann auch in andere Studienrichtungen reinschnuppern, in dem man sich zum Beispiel in eine Theologie- oder Physik-Vorlesung setzt. Wenn man die Zeit findet, sich mal etwas Anderes anzusehen, würde ich ein Semester länger in Kauf nehmen und meinen Horizont erweitern.

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