2017-11 Schwan Vortrag

Im Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Datenschutz

Am vergangenen Freitag war Dr. Severin Schwan, CEO von Roche, für einen Gastvortrag zum Thema „Digitalisierung aus Sicht eines Pharmaunternehmens“ zu Besuch an der Fakultät für Betriebswirtschaft. Er ging dabei auf die strategischen und operativen Implikationen der Digitalisierung ein und veranschaulichte diese anhand zahlreicher Beispiele.

Nach einer kurzen Unternehmensvorstellung stellte Schwan zu Beginn seines Vortrags zunächst fest, dass Digitalisierung und die „analoge“ Gesundheit von Menschen auf den ersten Blick zwei voneinander getrennte Themenkomplexe seien. So sei das Thema Digitalisierung für viele Unternehmen in der Gesundheitsbranche nach wie vor Neuland und die Möglichkeiten der Digitalisierung seien in der Branche bei weitem noch nicht ausgeschöpft.  

Neue Medikamente und wandelnde Geschäftsmodelle 

Im weiteren Verlauf des Vortrags beleuchtete Schwan das Thema der Digitalisierung in der Pharmabranche zunächst aus einer strategischen Perspektive. Bei der Entwicklung von Medikamenten ging der letzte, große Entwicklungsschub zu Beginn des Jahrtausends von wissenschaftlichen Fortschritten aus, wodurch differenziertere Medikamente für einzelne Patientengruppen entwickelt werden konnten. Noch differenziertere, individuell angepasste Medikamente könnten nun entwickelt werden, wenn Gesundheitsdaten aus der Praxis zu den Herstellern zurückgelangten. Dieser Rückfluss findet aber derzeit noch nicht statt, da entsprechende Informationen nach wie vor in analogen Patientenakten vorgehalten werden. 

Damit einhergehend könnte die Digitalisierung auch dazu führen, dass neue Geschäftsmodelle entstehen. Statt wie bisher auf Basis von Medikamenten bezahlt zu werden, könnten Pharmaunternehmen in Zukunft anhand von „Therapieerfolgen“ entlohnt werden. 

Weitere Möglichkeiten durch die Digitalisierung ergeben sich laut Schwan beispielsweise durch die Nutzung von Bewegungssensoren an Smartphones, mit denen schon jetzt die Medikation von Parkinsonpatienten wesentlich verbessert werden können oder bei der Zulassung von Medikamenten, wo die Menge an Daten aus der Praxis die Aussagekraft von klinischen Studien verbessern können. 

Eigentum und Schutz von Gesundheitsdaten 

Dabei stellt sich laut Schwan aber auch die Frage nach dem Eigentum der Daten. Im deutschsprachigen Raum gehören Gesundheitsdaten dem Bürger und es gilt grundsätzlich der Grundsatz „ohne den Patient geht gar nix“. In Großbritannien sei es hingegen der Fall, dass Gesundheitsdaten in anonymisierter Form ganz selbstverständlich ein öffentliches Gut darstellen - schließlich kommt die Öffentlichkeit über die allgemeine Krankenversicherung auch für die entstehenden Therapiekosten auf. Aus Sicht von Schwan ist es dringend notwendig, dass einschlägige Datenschutzgesetze überdacht werden und nicht dazu führen dürfen, dass sinnvolle Entwicklungen bereits im Keim erstickt werden. 

Neben den Eigentumsrechten seien weitere Herausforderungen bei der Digitalisierung, dass die Verwendung von praktischen Daten im Rahmen von Zulassungsverfahren regulatorisch noch nicht geklärt sei und das Volumen an Daten und deren unstrukturierte und lückenhafte Qualität Probleme bei der Analyse mit sich bringen, die bei klinischen Studien so nicht auftreten.

 

Digitalisierung ist Neuland für Mitarbeiter 

Im letzten Teil seines Vortrags beleuchtete Schwan die Digitalisierung dann von einer operativen Warte aus, wo er darauf einging, wie der Wandel im Unternehmen umgesetzt werden kann. Eine zentrale Herausforderung sei hierbei, dass das Thema für die Belegschaft noch zu abstrakt und nicht greifbar ist. Ferner sei in der Pharmaindustrie das notwendige Know-How häufig noch nicht vorhanden und die Branche bei Absolventen einschlägiger Studiengänge noch nicht als Arbeitgeber etabliert. 

Bezugnehmend auf die eingangs erwähnte Unsicherheit über die Auswirkungen der Digitalisierung in der Pharmabranche führte Schwan zum Ende des Vortrages aus, dass es darüber hinaus wichtig sei, dass Mitarbeiter diese Unsicherheit als Teil des Alltags zu akzeptieren lernen und das Unternehmen insgesamt sich durch viele, kleine Pilotprojekte breit positioniert und erfolgreiche Projekte ausreichend finanziert, damit diese zur Marktreife gelangen können. 

Programmieren statt Stricken 

Im Anschluss an den Vortrag fand eine Podiumsdiskussion unter der Leitung von Matthias Bank statt, an der neben Severin Schwan auch Johann Füller als Experte für Innovation und Steffen Zimmermann als Experte für Digitalisierung teilnahmen. Unter anderem diskutierten sie dabei über die notwendigen Fähigkeiten von Absolventen. Entscheidend seien hierbei eine grundsätzliche Offenheit für Neues sowie ein grundlegendes, methodisches Wissen über Programmieren und Datenanalyse. In diesem Zusammenhang hinterfragte Schwan plakativ die gängige Praxis, dass Volksschüler noch immer wie selbstverständlich Stricken lernen, obwohl die Textilproduktion längst aus Europa abgewandert ist, anstatt einfache Programmierkenntnisse vermittelt zu bekommen. 

Nach der Podiumsdiskussion gab es noch einen kleinen Umtrunk, bei dem die Zuhörer Gelegenheit zum Austausch hatten. Trotz des Fenstertages und der kurzfristigen Ankündigung der Veranstaltung war der Kaiser-Leopold-Saal mit über 200 Zuhörern bis auf den letzten Platz gefüllt.

  Zur Person

Dr. Severin Schwan studierte Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck, mit Auslandsaufenthalten an den Universitäten York, Oxford und Louvain. Nach seiner Promotion im Jahr 1993 begann er seine berufliche Laufbahn bei Roche in Basel im Bereich Corporate Finance. Nach verschiedenen Stationen im In- und Ausland wurde er 2008 schließlich zum CEO des Unternehmens berufen.

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