Leopold Füreder

Gewässer - Wissenschaftliche Schriften, Nationalpark Hohe Tauern

 

Die Gebirgsregion der Hohen Tauern beherbergt eine große Vielfalt und auch Anzahl an Gewässern unterschiedlichster Natur. Wegen ihrer Entlegenheit aber auch aufgrund des Schutzstatus des Nationalparkgebietes sind diese Gewässer überwiegend in einem ursprünglichen, vom Menschen nicht veränderten Zustand. Beim Erleben dieses großartigen Naturraumes nehmen die Gewässer oft eine dominierende Stellung ein: die ruhige Oberfläche eines Bergsees, der rauschende Gebirgsbach oder der tosende Gletscherabfluss sind in den Tälern und Flanken der Hohen Tauern allgegenwärtig.

Ungeachtet ihrer Bedeutung war bis vor kurzem nur wenig über diese Gewässer bekannt. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die der Autor seit mehr als 10 Jahren an den Gewässern im Gebiet des Nationalparks durchführt, lieferten viele grundlegende Informationen und Ergebnisse, die für ein Verständnis der Vielfalt, Eigenheiten und Komplexität der Gewässer notwendig sind. Neben der Beschreibung der wesentlichen Eigenschaften des Naturraumes, der Gewässereinzugsgebiete und der Umweltbedingungen in den Gewässern selbst, werden vor allem die Gewässer als Lebensraum dargestellt. Die Funktion dieser Gewässer liegt nicht nur im Speichern und Abtransport von Wasser und Feststoffen, sondern die einzelnen Gewässer bieten als eigenständige Ökosysteme einer je spezifischen Tier- und Pflanzenwelt Heimat. Eine arten- und formenreiche Pflanzen- und Tierwelt bildet charakteristische Lebensgemeinschaften aus, die sich in den einzelnen Gewässertypen wie Gletscherbach, Gebirgsbach, Quellen und Gebirgsseen deutlich unterscheiden. Die Pflanzen- und Tierarten der Gebirgsgewässer haben sich im Lauf ihrer Entwicklung optimal an die vorherrschenden Umweltbedingungen angepasst, wodurch sie auch herausragende Eigenschaften als Zeigerarten erlangen. Aktuelle Themen wie Biodiversität, Hochwasserschutz, Auswirkungen der Wasserkraftnutzung auf Gewässerlebensräume und Lebensgemeinschaften, aber auch Klimarekonstruktionen oder Klimawandel können aus verschiedenen Blickwinkeln der Gewässerforschung beleuchtet werden.

Der Inhalt des Gewässerbuches ist in mehrere Kapitel gegliedert, wobei dies nach folgenden thematischen Schwerpunkten erfolgt ist. Zu Beginn werden ein naturräumlicher Überblick und eine kurze Darstellung der Bedeutung der Gewässer im Nationalpark gegeben, regionale und überregionale Interessen und auch der immer noch bestehende Nutzungskonflikte, die sogar die Entstehung des Nationalparks mit beeinflussten, erörtert. In den einleitenden Kapiteln wird auf Wasser in all seinen Erscheinungsformen und seiner Wirkung im Naturraum eingegangen. So werden Niederschlag, Erosion, Schleppkraft und Geschiebetransport als wesentliche Faktoren für die Naturraumdynamik und Landschaftsformung des Gebirgsraumes diskutiert. Zentrale Bedeutung erlangen dabei die Gletscher. Im Besonderen ist die Gletscher- und Klimageschichte im Gebiet der Hohen Tauern dargestellt und die Rolle von Vergletscherung und Gletscheränderungen für die Entstehung und den Zustand der Gewässer.

Die Vielfalt der Gewässer im Gebiet des Nationalparks mit den jeweiligen ökologischen Gegebenheiten ist besonders sorgfältig aufbereitet. Ein wesentlicher Teil des Buches widmet sich der Vorstellung der pflanzlichen und tierischen Organismen, die in diesen vielfältigen Gewässern vorkommen. Dabei werden nicht nur die Ordnungen, Gattungen und Arten genannt, sondern auch spezielle Anpassungen an die oft extremen Verhältnisse in den Gebirgsgewässern und ihre Rolle und Funktion im Ökosystem mit vielen Beispielen erläutert.

Der Zustand der Gebirgsgewässer wird auch in einem kulturhistorischen Zusammenhang diskutiert. So wird im Besonderen auf die Siedlungsgeschichte, Landnutzungsformen, Nutzung oder Rodung der Gebirgsaue, Gewässernutzung, Mühlen aber auch Aktivitäten des Menschen, den Katastrophen durch Muren und Hochwasser entgegenzuwirken, eingegangen. Im Buch wird auch gezeigt, dass besonders Gebirgsgewässer und ihre pflanzlichen und tierischen Bewohner in aktuellen ökologischen Fragen Berücksichtigung finden. Als Schlagworte seien hier u.a. Gewässer als Referenzökosysteme und Indikatoren für die Auswirkungen von Klimaveränderungen, Paläolimnologie, Gewässergüte und Strukturgüte genannt.

Das Buch spart nicht mit Grundlagen der Gewässerkunde und der Ökologie, die für ein gutes Verständnis der Struktur und Funktion dieser Gewässer Voraussetzung sind. Mit vielen Bildern, Karten und Tabellen erklärt das fachkundige Buch den interessierten Laien aber auch den Fachleuten die „Lebensadern“, die den Nationalpark Hohe Tauern im Innersten zusammenhalten.

Leopold Füreder, Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr., geb. 1958, studierte Zoologie and der Universität Innsbruck und absolvierte sein Doktoratsstudium 1994 an den Universitäten Innsbruck und Philadelphia in den Fächern Limnologie, Taxonomie und Tropenökologie. Im Jahre 2003 habilitierte er in Limnologie und Zoologie und leitet die Arbeitsgruppe Fließgewässerökologie und Süßwasserfauna des Institutes für Ökologie an der Universität Innsbruck. Seine Forschungen führen ihn an viele Orte der Alpen, aber auch nach Spitzbergen, Sri Lanka und Kenia. Seit 1998 ist er Mitglied des Naturschutzbeirates der Tiroler Landesregierung, seit 2006 Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Nationalparks Hohe Tauern.

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