Sakramentalität im digitalen Zeitalter. Die Herausforderung der katholischen Kirche im Spannungsfeld von Transhumanismus und virtueller Realität.
Mag. theol. Bernhard Kathrein-Wieser, MA
Doktorand · Systematische Theologie
bernhard.kathrein-wieser@student.uibk.ac.at
Forschungsanliegen
In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und das Internet der Dinge immer mehr Einfluss gewinnen, verschwimmen die Grenzen zwischen Natur, Technik und Mensch. Diese Entwicklung stellt nicht nur das anthropologische und ontologische Selbstverständnis in Frage, sondern wirft auch grundlegende theologische Fragen auf: Wie kann die katholische Kirche die Bedeutung ihrer Sakramente in einer zunehmend digitalisierten Welt bewahren und neu entfalten?
Das Dissertationsprojekt untersucht, inwiefern Sakramentalität – verstanden als die ontologische Grundstruktur sichtbarer Zeichen göttlicher Gegenwart – unter den Bedingungen digitaler Kultur neu gedacht werden muss. Dabei wird die These vertreten, dass Sakramente gerade als Ereignisse leiblicher Präsenz, zeitlicher Dichte und unverfügbarer Gnade einen kritischen Gegenpol zur informationsförmigen Verflüchtigung von Wirklichkeit darstellen.
Die Dringlichkeit dieser Frage zeigt sich nicht zuletzt in den jüngsten Debatten um digitale Gottesdienste, Online-Beichte und virtuelle Gemeinschaft, die durch die Erfahrungen der Pandemie neu an Schärfe gewonnen haben. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zu einer Theologie der Verkörperung, die sich nicht defensiv gegenüber der Digitalisierung verhält, sondern in ihr eine Herausforderung erkennt, die Tiefendimension sakramentaler Wirklichkeit neu zu artikulieren.
Forschungsfragen
01 Wie verändert die digitale Transformation – insbesondere durch Künstliche Intelligenz und virtuelle Räume – das Verständnis von Wirklichkeit, Präsenz und Beziehung?
02 Inwiefern lässt sich der Mensch als „sakramentales Wesen" verstehen, dessen leiblich-relationales Sein durch digitale Kultur herausgefordert oder transformiert wird?
03 Kann sakramentale Praxis unter digitalen Bedingungen gedacht werden, ohne ihren Bezug zu Leiblichkeit, Gemeinschaft und materieller Zeichenhaftigkeit zu verlieren?
Forschungsmethoden
Die Dissertation verbindet systematisch-theologische Reflexion mit philosophisch-anthropologischer Analyse. Ausgangspunkt bildet die Ressourcement-Theologie (insbesondere Henri de Lubac und Hans Boersma), die Sakramentalität als ontologische Grundstruktur der Wirklichkeit versteht. Diese Perspektive wird durch phänomenologische Ansätze zur Leiblichkeit und Intersubjektivität (u. a. Thomas Fuchs) sowie durch medienphilosophische und kulturkritische Analysen der Digitalisierung ergänzt.
Darüber hinaus werden zeitgenössische theologische Positionen zur digitalen Transformation (insbesondere Johannes Hoff) berücksichtigt, um die Spannung zwischen sakramentaler Präsenz und digitaler Simulation systematisch zu erschließen.
Betreuung
ERSTBETREUER
Univ.-Prof. Dr. Johannes Hoff
Dogmatik
Institut für Systematische Theologie
Karl-Rahner-Platz 1, Raum 146
A-6020 Innsbruck
→ Profil auf uibk.ac.at
ZWEITBETREUER
Univ.-Prof. Dr. Stefan Hofmann SJ
Moraltheologie
Institut für Systematische Theologie
Karl-Rahner-Platz 1, Raum 213
A-6020 Innsbruck
→ Profil auf uibk.ac.at
Literatur (Auswahl)
- Boersma, Hans: Nouvelle Théologie and Sacramental Ontology. Oxford 2009.
- Han, Byung-Chul: Undinge. Berlin 2021.
- Hoff, Johannes: Verteidigung des Heiligen. Anthropologie der digitalen Transformation. Freiburg i. Br. 2021.
- Fuchs, Thomas: Verkörperte Gefühle. Berlin 2024.
- Jones, David: Art and Sacrament, in: Epoch and Artist. London 1959, 143–179.
- Cavanaugh, William T.: Migrationen des Heiligen. Münster 2023.
