Xiao Gang 蕭綱

Zwölf Gedichte von Xiao Gang

Übersetzung: Björn Adelmeier

詠煙

浮空覆雜影

含露密花藤

乍如洛霞發

頗似巫雲登

映光飛百仭

從風散九層

欲持翡翠色

時吐鯨魚燈

DER RAUCH

In Lüften treibend hüllt er     vermischte Schatten ein

und birgt den Tau wie Ranken     mit Blüten dicht und fein;

tritt, Flussesnymphe ähnlich,     als Dämm‘rungsdunst hervor,

steigt, wie die Bergesgöttin,     in Wolkenform empor;

entschwebt um hundert Klafter     und wirft zurück das Licht,

dem Wind gefügig folgend     zerfällt er Schicht um Schicht.

Türkis des Königsfischers  –  so gerne hielt ich‘s fest,

wenn meine Waltranlampe     in Schwaden ihn entlässt.

詠芙蓉

圓花一蒂卷

交葉半心開

影前光照耀

香裏蝶徘徊

欣隨玉露點

不逐秋風催

DIE LOTOSBLÜTE

Die Blüte auf dem Stiele  –  gerollt zu einem Kreis,

verkreuzte Blätter geben     das Herz zur Hälfte preis.

Sie leuchtet vor den Schatten     mit funkelnd hellem Schein,

ein Falter hält des Weges     in ihrem Dufte ein.

Sie lässt sich liebend gerne     mit Perlentau besprengen,

vom Wind des Herbstes aber     zu keiner Eile drängen.

詠單鳧

銜苔入淺水

刷羽向沙洲

孤飛本欲去

得影更淹留

EINE EINZELNE WILDENTE

Mit Moos im Schnabel geht sie     ins seichte Wasser ‘rein

und schlägt zum Federnputzen     den Weg zur Sandbank ein.

Sie wollt, alleine fliegend,     zunächst von hier enteilen,

nun lässt das Spiegelbild sie     für läng‘re Zeit verweilen.

南湖

南湖荇葉浮

復有佳期遊

銀綸翡翠釣

玉舳芙蓉舟

荷香亂衣麝

橈聲隨急流

DER SÜDLICHE SEE

Im Süden auf dem See  –  die Teichkann‘blätter schweben,

ich hab zum Rendezvous     aufs Neue mich begeben.

An Silberschnur verbreitet     türkis der Haken Schein,

das Lotosprachtboot schimmert,     als könnt‘s aus Jade sein.

Ihr Blütenduft verwirrt     mit Moschus vom Gewand,

und starker Strömung folgt     der Ruderlaut gebannt.

七夕

秋期此時浹

長夜徙河靈

紫煙凌鳳羽

紅光隨玉軿

洛陽疑劍氣

成都怪客星

天梭織來久

方逢今夜停

SIEBTE NACH DES SIEBTEN MONATS

Es ist die Zeit des Treffens     in diesem Herbst erwacht,

die Flussesnymphe wechselt     den Ort zur langen Nacht.

Ein Purpurnebel steigt     an Phönixfedern auf,

und rotes Strahlen folgt     der Jadekutsche Lauf.

In Luoyang rätseln alle,     ob‘s sich um Schwertglanz handelt,

und Chengdu ist verwundert     vom Stern, der abseits wandelt.

Am Himmelswebstuhl hat sie     gewirkt für lange Zeit,

zur heut‘gen Nacht nun ruht er  –  die beiden sind zu zweit.

詠內人晝眠

北窗聊就枕

南簷日未斜

攀鉤落綺障

插捩舉琵琶

夢笑開嬌靨

眠鬟壓落花

簟文生玉腕

香汗浸紅紗

夫婿恒相伴

莫誤是倡家

DER MITTAGSSCHLAF MEINER GEMAHLIN

Am Fenster auf der Nordseit‘     nur kurz zur Ruh sie geht,

als südlich an der Traufe     noch hoch die Sonne steht.

Heran das Häkchen zieht sie,     der seid‘ne Vorhang fällt,

die Laute mit dem Plektrum     zur Seite wird gestellt.

Schon träumend bildet Lächeln     das Grübchen lieblich fein,

im Schlafe drückt die Haartracht     gefall‘ne Blüten ein.

Es sprießt das Mattenmuster     dem Jad‘gelenk der Hand,

und Duftschweißtröpfchen netzen     das seidenrot‘ Gewand.

Als stetiger Begleiter  –  der ihr vermählte Mann,

seht nicht als Kurtisane     ganz irrtümlich sie an!

夜遣內人還後舟

錦幔扶船列

蘭橈拂浪浮

去燭猶文水

餘香尚滿舟

MEINE GEMAHLIN NACHTS ZUM HINTEREN BOOT HEIMSCHICKEND

Von Reihen aus Brokatstoff     ist sie an Bord umgeben,

die Orchideenruder,     die Wogen streifend, schweben.

Das Wasser trägt noch Muster     vom scheid‘nden Kerzenlicht,

bisher erlischt die Duftspur     auf meinem Boote nicht.

春江曲

客行秖念路

相爭度江口

誰知堤上人

拭淚空搖手

FRÜHLINGSFLUSSLIED

Auf Reisen in der Fremde,     allein den Weg im Sinn –

als wär‘s ein Wettstreit, fährt man     zur Flussesmündung hin.

Ist jene auf dem Deich     denn niemandem bekannt?

Sie wischt sich Tränen fort,     vergebens winkt die Hand.

春宵

花樹含春叢

羅帷夜長空

風聲隨筱韻

月色與池同

彩牋徒自襞

無信往云中

FRÜHLINGSNACHT

Die Blütenbäume bergen     des Frühlings dichte Pracht,

doch hinterm Seidenvorhang  –  nur endlos leer die Nacht.

Des Windes Stimme lässt sich     von Bambusklängen leiten,

derselbe Schimmer ist es,     den Mond und Teich verbreiten.

Vergebens falte ich     das farb‘ge Briefpapier,

denn hin zum Wolkenreich     kein Schreiben geht von hier.

金閨思二首其一

遊子久不返

妾身當何依

日移孤影動

羞睹燕雙飛

SEHNSUCHT IN EINEM GOLDENEN GEMACH I

Der Wand‘rer kommt nicht heimwärts     seit einer langen Zeit,

wie könnt ich etwas haben,     das mir noch Halt verleiht?

Mein Schatten zieht ganz einsam     im Sonnenlauf umher,

zwei flieg‘nde Schwalben sehend     wird‘s Herz vor Scham mir schwer.

照流看落釵

相隨照綠水

意欲重涼風

流搖妝影壞

釵落鬢花空

佳期在何許

徒傷心不同

ZUM ANBLICK EINER FALLENDEN HAARNADEL IN DER FLUSSREFLEXION

Im spiegelnd grünen Wasser     sind wir vereint zu sehen,

ich wünscht, dass du mich schätztest     wie frischen Windes Wehen.

Der Fluss gerät ins Wanken,     der Schminke Schein zerbricht‘s,

die Haaresnadeln fallen,     der Blütenschmuck – ein Nichts.

Die Zeiten uns‘res Glückes,     wo sind sie nur geblieben?

Ich leide ganz vergeblich,     du wirst mich nicht mehr lieben.

臨高臺

高臺半行雲

望望高不極

草樹無參差

山河同一色

彷彿洛陽道

道遠難別識

玉階故情人

情來共相憶

VON DER HOCHTERRASSE BLICKEND

Die Hochterrasse ragt     in Wanderwolken vor,

voll Sehnsucht schweift mein Blick     so endlos weit empor.

Die Pflanzensilhouetten     entbehr‘n Variation,

die Berge und die Flüsse  –  gefärbt in einem Ton.

Mir mutet jener Weg dort     wie der nach Luoyang an,

doch ist er fern, sodass ich     ihn kaum erkennen kann.

Auf Jadestufen zeigt sich     die einst‘ge Liebste mir,

ich spüre Herzenswogen,     gedenk der Zeit mit ihr.

Kommentar

Anmerkungen zum Gedicht "詠煙 DER RAUCH":

Flussgottheit: Cao Zhi (192–232) verfasste ein Gedicht über eine flüchtige Begegnung mit der Flussgöttin des Luo. Er beschreibt ihre überirdische Schönheit (»Dämmerungsdunst«) und seinen Kummer nach ihrem Entschwinden.

Berggöttin: die Göttin der Wu-Berge, die als Wolke in Erscheinung tritt.

Königsfischer: der Eisvogel.

 

Anmerkungen zum Gedicht "七夕 SIEBTE NACH DES SIEBTEN MONATS":

Siebte Nacht des siebten Monats: das Qixi-Fest, das auf einer chinesischen Volkssage beruht: Die Weberin (Stern Wega) und der Kuhhirte (Stern Altair) gingen eine ungebührliche Liebesbeziehung ein und wurden auf unterschiedliche Seiten der Milchstraße verbannt. Nur am Siebten des siebten Monats ist eine Überquerung möglich und das Paar für diese eine Nacht vereint.

Flussnymphe: die Weberin. Der »Fluss« ist die Milchstraße, auf Chinesisch »Silberfluss« oder »Himmelsfluss«.

Schwertglanz: bezeichnet eine besondere Aura.

 

Anmerkungen zum Gedicht "春宵 FRÜHLINGSNACHT":

Farbiges Papier: diente dem Verfassen von Gedichten oder liebevollen Briefen.

Wolkenreich: freie Übersetzung von Yunzhong, dem Namen einer Grenzregion.

 

Anmerkungen zum Gedicht "臨高臺 VON DER HOCHTERRASSE BLICKEND":

Wanderwolke: kann als Bezeichnung für die Göttin der Wu-Berge und ein sinnliches Erlebnis stehen.

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