Mann im schwarzen Hemd sitzt auf Stuhl

Eine neue Studie zeigt biophysikalische Veränderungen bei Depressionen.

Wenn Immun­zellen starr werden

Eine inter­na­ti­o­nale Forschungs­gruppe mit Betei­li­gung des Inns­bru­cker Depres­si­ons­for­schers Alex­ander Kara­bat­si­akis hat erst­mals biophy­si­ka­li­sche Verän­de­rungen in Immun­zellen von Menschen mit Depres­si­onen nach­ge­wie­sen. Die Studie zeigt, dass Immun­zellen bei Betrof­fenen messbar steifer sind als bei gesunden Perso­nen. Dieser Befund könnte das Verständnis der Erkran­kung grund­le­gend erwei­tern.

Depression ist weit mehr als ein psychisches Phänomen. Seit Jahren belegen Studien, dass die Erkrankung auch tiefgreifende biologische Spuren hinterlässt – im Immunsystem, im Hormonhaushalt und in Entzündungsprozessen des Körpers. Die an der Universität Ulm durchgeführte Untersuchung zeigt nun, dass depressive Erkrankungen auch zu biophysikalischen Veränderungen im Körper führen.

Was Immunzellen über die Psyche verraten

Im Mittelpunkt der im Fachjournal Translational Psychiatry erschienenen Studie standen sogenannte PBMCs, periphere mononukleäre Blutzellen, eine Gruppe von Immunzellen, die im Blut zirkulieren. Mithilfe eines innovativen Messverfahrens, der sogenannten Deformationszytometrie, untersuchten die Forschenden, wie verformbar und damit wie mechanisch flexibel diese Zellen bei 26 Personen mit einer diagnostizierten Depression (Major Depressive Disorder) im Vergleich zu 28 gesunden Kontrollpersonen sind.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Immunzellen der Betroffenen waren signifikant steifer als jene der Kontrollgruppe. „Wir konnten erstmals zeigen, dass es bei Depression nicht nur zu biologischen, sondern auch zu biophysikalischen Veränderungen kommt“, erklärt Alexander Karabatsiakis vom Institut für Psychologie. „Das ist eine wichtige Erweiterung unseres Verständnisses dieser Erkrankung.“

Freie Radikale schädigen die Zellmembran

Als mögliche Ursache für die erhöhte Zellsteifigkeit identifizieren die Forschenden chronischen Stress und die damit verbundene vermehrte Produktion freier Radikale. Diese reaktiven Moleküle können intrazelluläre Strukturen wie das Zellskelett und die Zellmembran beschädigen, insbesondere deren Fettsäurezusammensetzung. Eine steifere Membran beeinträchtigt die Fähigkeit der Zelle, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren, was weitreichenden Folgen für das Immunsystem hat.

„Die Membran ist die Schnittstelle zwischen der Zelle und ihrer Umwelt. Wenn sie ihre Flexibilität verliert, gerät die gesamte zelluläre Kommunikation aus dem Gleichgewicht“, so Karabatsiakis. Der Körper reagiert darauf, so die Hypothese des Forschungsteams, mit einer Erhöhung der Körpertemperatur und einer Entzündungsreaktion, um so unter anderem. auch die Membranfluidität wiederherzustellen.

Neue Perspektiven für Therapie und Forschung

Die Befunde liefern nicht nur Erklärungsansätze für bekannte Begleiterscheinungen der Depression wie gestörte Wundheilung und Immunfunktionsstörungen, sie eröffnen auch neue Fragen für die Therapieforschung, etwa ob diese biophysikalischen Veränderungen durch Psychotherapie, Psychopharmaka oder entzündungshemmende Behandlungen rückgängig gemacht werden können. „Unsere Studie ist ein erster Hinweis, aber er ist konkret genug, um diese Fragen nun gezielt weiter zu verfolgen“, betont Alexander Karabatsiakis.

 

Publikation: Cell deformability is reduced in individuals with depression in peripheral blood mononuclear cells. Lisa Kwapich, Tobias Neckernuss, Daniel Geiger, Jonas Pfeil, Kathrin Woike, Eun-Jin Sim, Markus Kiefer, Carlos Schönfeldt-Lecuona, Alexander Behnke, Marion Schneider, Othmar Marti, Iris-Tatjana Kolassa, and Alexander Karabatsiakis. Translational Psychiatry 2026. DOI: 10.1038/s41398-026-04225-w

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