Quantencomputer könnten eines Tages die Verschlüsselung knacken, die heute Bankdaten, Gesundheitsakten und Staatsgeheimnisse schützt. Die EU und die USA haben deshalb bereits Fristen bis 2030 und 2035 gesetzt, bis zu denen kritische Systeme auf quantensichere Kryptografie umgestellt sein sollen. Doch die Fragen reichen weit über die Sicherheit hinaus: Wer hat Zugang zu den neuen Technologien? Wer setzt die Standards? Und wer bleibt außen vor? Mehr als 150 Staaten haben laut UNESCO bis heute keine nationale Quantenstrategie.
Mit QUASAR (Quantum and Society Alliance for Research) startet nun die erste global ausgerichtete Allianz von Forschungseinrichtungen, die sich mit den ethischen, rechtlichen, sozialen und politischen Dimensionen von Quantentechnologien beschäftigt. Das Sekretariat liegt für die Gründungsphase 2026-27 beim Innsbruck Quantum Ethics Lab (IQEL) am Digital Science Center der Universität Innsbruck. Die Allianz wird am 1. Oktober 2026 offiziell gegründet.
Ein Atlas für ein junges Forschungsfeld
Die Diskussion über die gesellschaftlichen Folgen von Quantentechnologien hat sich seit 2019 von einer Nischenfrage zu einem eigenständigen Forschungsfeld entwickelt.
Bereits zum Start sind 35 Forschungszentren aus 17 Ländern auf fünf Kontinenten sowie 72 Einzelforscher:innen Mitglied. Dazu zählen unter anderem das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie, das Rathenau Instituut in Den Haag, QuTech/TU Delft, die Universität Amsterdam, die University of Ottawa, die University of Queensland, das Trinity College Dublin, das Wisconsin Quantum Institute und das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Aus Afrika sind unter anderem das Africa Quantum Consortium und der UNESCO-UNISA Africa Chair in Nanosciences in Pretoria vertreten. Österreich ist neben Innsbruck mit dem Institut für Höhere Studien, der FH Technikum Wien, dem Software Competence Center Hagenberg, RECENDT in Linz und Silicon Austria Labs in Graz stark präsent.
Vorbild ist das Global Network of Internet & Society Research Centers, das seit 2012 die benachbarte Internetforschung weltweit verbindet.
Was QUASAR erreichen will
Die Allianz verfolgt sechs Handlungslinien. Sie macht Forschende im Feld sichtbar, fördert vergleichende Forschung und gemeinsame Publikationen über Rechtsordnungen und Forschungstraditionen hinweg und koordiniert gemeinsame Förderanträge, etwa bei Horizon Europe oder COST. Mitglieder teilen Lehrerfahrungen im Bereich der Quantenethik und unterstützen Nachwuchsforschende durch Austauschprogramme. 2027 findet das erste Quantum and Society Research Symposium statt.
Herzstück der Webpräsenz von QUASAR ist ein Atlas, der alle bisher identifizierten Zentren, Labs und Programme zu Quantentechnologie und Gesellschaft verzeichnet. Ergänzt wird er durch ein gemeinsames Repositorium mit Grundlagendokumenten, Berichten internationaler Organisationen und Fachliteratur.
Innsbruck als Knotenpunkt kritischer Quantenforschung
Vizerektor Gregor Weihs, selbst ein renommierter Quantenphysiker, ist von der Allianz überzeugt: „Quantenphysikalische Grundlagenforschung kann nur von einer Bearbeitung der sozialen, politischen und ethischen Fragen der Nutzung von Quantentechnologie profitieren”, meint der künftige Rektor der Universität Innsbruck: “Es ist schön zu sehen, dass die Uni Innsbruck nicht nur Pionierin der Quantenphysik ist, sondern auch Vordenkerin ihrer ethischen Regulierung und Governance.” Die Zeit ist jedenfalls reif. „Bei sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz haben wir über Regeln gesprochen, als Marktmacht und Infrastrukturen längst verteilt waren“, sagt Matthias C. Kettemann, LL.M. (Harvard), Gründer und Leiter des Innsbruck Quantum Ethics Lab und Convener von QUASAR. „Bei Quantentechnologien haben wir die Chance, früher dran zu sein. Dafür muss die Forschung zu den gesellschaftlichen Folgen aber genauso gut vernetzt sein wie die Forschung an der Technologie selbst.“
Kettemann, der das Institut für Theorie und Zukunft des Rechts leitet und in zwei FFG-geförderten Projekten datenschutz- und sicherheitsrechtliche Aspekte quantensicherer Kommunikation beforscht, war Berichterstatter des 2025 verabschiedeten Berichts der Weltwissenschaftsethikkommission der UNESCO zur Ethik des Quantencomputings, des ersten umfassenden Ansatzes eines UN-Gremiums zu diesem Thema. Zudem leitet er eine Arbeitsgruppe des European Law Institute zum Rechtsrahmen für Quantentechnologien.
QUASAR-Manager Raphael Wibmer betont die globale Ausrichtung: „Wer über die Zukunft von Quantentechnologien entscheidet, darf nicht nur in wenigen Ländern sitzen. Darum war uns von Anfang an wichtig, dass QUASAR kein europäisches oder nordamerikanisches Netzwerk mit ein paar Gästen ist. Zentren aus Südafrika und dem Kongo sind genauso Mitglieder wie jene aus Stockholm oder Ottawa.“
Auf einen Blick:
- Name: QUASAR – Quantum and Society Alliance for Research
- Gründung: Oktober 2026
- Mitglieder: 35 Forschungszentren aus 17 Ländern auf fünf Kontinenten, 72 Einzelforscher:innen
- Sekretariat 2026–27: Innsbruck Quantum Ethics Lab, Digital Science Center, Universität Innsbruck
- Convener: Prof. Dr. Matthias C. Kettemann, LL.M. (Harvard)
- Alliance Manager: Raphael Wibmer
- Webseite: www.quas-ar.org
- Kontakt: IQEL@uibk.ac.at
