Paula Schlier

Paula Schlier hat ihren Platz in der aktuellen Ausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg.

Paula Schlier: Zurück im kultu­rellen Gedächtnis

Wissen­schaft­le­rinnen des Forschungs­in­sti­tuts Brenner-Archiv setzen sich seit langem gegen das Vergessen von Auto­rinnen ein. So auch mit der Wiede­rent­de­ckung von Paula Schliers Buch „Petras Aufzeichnungen“. Diese lite­ra­ri­sche Beschrei­bung einer Demo­kratie in Gefahr wurde wieder aufge­legt und medial viel­fach rezi­piert. Nun fand die Autorin auch Eingang in eine aktu­elle Auss­tel­lung im Haus der Baye­ri­schen Geschichte in Regens­burg.

„Die 100 besten Bücher der deutschen Literatur“, die Leselisten von Schulen und Universitäten – das ist das, was man in der Literaturwissenschaft „Kanon“ nennt. Sollten Sie sich fragen, wer diese Bücher auswählt und warum manche Bücher, die Sie für wichtig halten, nicht in diesen Listen enthalten sind, dann betreiben Sie Kanonkritik. „Seit Jahrzehnten gibt es Kritik am traditionellen literarischen Kanon“, sagt die Literaturwissenschaftlerin und seit kurzem pensionierte Archivarin Annette Steinsiek vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv. „Sehen Sie sich diese Listen an, und Sie werden feststellen, dass einiges Wichtige fehlt – zum Beispiel Bücher von weiblichen Schreibenden, oder, formulieren wir es anders, Bücher von und über die Welterfahrung von Frauen oder anderen marginalisierten Teilen der Gesellschaft.“

Ein Literaturarchiv mit seinen Beständen bietet nicht selten Materialien für eine Kanonerweiterung oder Kanonrevision, erklärt sie. Ist ein Nachlass einmal in einem Archiv, so kann der Name der Autorin nicht mehr so leicht vergessen werden. „Das Vergessen von Autorinnen findet auf zweierlei Weise statt“, fügt ihre Kollegin Ursula Schneider hinzu. „Einerseits absichtlich, indem eine Leistung unter eine andere Fahne gestellt wird– das ist gar nicht so selten. Suchen Sie im Internet oder in den sozialen Medien nach dem Begriff ‚vergessene Frauen‘ oder ‚beklaute Frauen‘, und sie werden zahlreiche Beispiele finden, auch aus dem Bereich der Literatur.“ Viel häufiger sei aber das absichtslose Vergessen, wenn etwas ohne genauere Prüfung für unwichtig gehalten wird. Und hier setzen die beiden Literaturwissenschaftlerinnen – und viele ihrer Kolleg:innen – an: Sie versuchen mit Editionen von vergessenen Texten, mit Vorträgen, Ausstellungen und Veranstaltungen vergessene Autorinnen wieder in das kulturelle Gedächtnis zu holen. Im besten Fall werden sie dann auch für die weitere Verbreitung empfohlen, in Leselisten oder als Teil dessen, was gerade als Kanon gilt.

Im Fall von Paula Schliers Buch „Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit“, das 1926 im Brenner-Verlag in Innsbruck erstmals erschien, ist das gelungen. 2018 als kommentierte Neuausgabe im Otto Müller Verlag erschienen, hatte es nicht viel Aufsehen erregt. Nachdem die Auflage vergriffen war, war kein Verlag an einer Taschenbuchausgabe interessiert. Die beiden Editorinnen brachten das Taschenbuch 2023 bei Books on Demand auf eigene Kosten heraus: „Wir wollten den Text zum 100. Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putsches unbedingt auf dem literarischen Markt zur Verfügung stellen. Schliers literarische Beschreibung der Gefährdung der Demokratie ist heute ganz wichtig, weil hochaktuell. Gerade junge Menschen kann das Zeugnis der damals erst 27jährigen Autorin ansprechen.“ Das Glück wollte es, dass der Bayerische Rundfunk 2023 einen Film über Paula Schliers investigative Recherche in der Nazi-Zeitung Völkischer Beobachter in Auftrag gab, der in „Universum History“ gezeigt wurde und der auch die Editorinnen einbezog. Auch ein Podcast über die mutige junge Frau, die sich als Sekretärin verdingte, um gegen die Nazis zu recherchieren, und die als Kriegskrankenschwester zur Pazifistin geworden war, wurde produziert. Film und Podcast erhielten zahlreiche deutsche und internationale Preise. „Das half der Verbreitung enorm“, freuen sich beide.

In der vergangenen Woche wurde in Regensburg im Haus der Bayerischen Geschichte die Ausstellung Brennpunkt Bayern. Hitler und der Kampf um die Demokratie eröffnet, im Beisein des Bayerischen Ministerpräsidenten. Bereits im einführenden Text zu Beginn der Ausstellung wird Paula Schlier genannt. Ihr literarisches Zeugnis von der Bedrohung der Demokratie wird in der Ausstellung neben das von Lion Feuchtwanger gestellt, in der Ausstellung erhielt sie Stimme, Bild, Aufsteller. „Paula Schlier ist angekommen“, konstatieren Steinsiek und Schneider. „Um sie und ihr Buch aus dem Vergessen zu holen, haben zahlreiche Menschen, die einander nicht kannten, zusammengewirkt: Die verantwortlichen Redakteurinnen vom Bayerischen Rundfunk, Regisseur und Crew des Films, die Podcasterin, die Ausstellungskurator:innen in Regensburg. Eine beglückende und sinnstiftende Erfahrung, alle haben im Sinne von Paula Schlier zur Förderung der Demokratie gearbeitet.“

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