Eckbank mit Tisch in einer Stube, Licht scheint auf die orange Tischdecke

Gemeinhin wird eine Stube als heimelig wahrgenommen – doch Gewalt passiert meist in den eigenen vier Wänden. Eine studentische Intervention macht das sichtbar. 

Orange the Stuben: Studen­ti­sche Inter­ven­tion im Volks­kunst­mu­seum

Wenn die vermeint­lich heile Welt der Stube Risse bekommt: Studie­rende der Univer­sität Inns­bruck machen mit „Orange the Stuben“ im Tiroler Volks­kunst­mu­seum häus­liche Gewalt sicht­bar.

„In der Geschichte gibt es viele Formen der Gewalt, die Stube ist nicht nur ein Ort der Harmonie“, betont Karl C. Berger, Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums. Die Intervention greift diesen Gedanken auf und stellt die Stube als vermeintlich eindeutig positiven Erinnerungsort infrage.

Wenn Vertrautes irritiert

Entstanden ist „Orange the Stuben“ im Sommersemester 2026 im Rahmen der Lehrveranstaltung „Gedächtnis, Erinnerung und Erzählung: ‚Orange the Stuben‘ – Ausstellungskonzeption im Arbeitsfeld Museum“ des Bachelor- und Masterstudiengangs Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Innsbruck. 

Gruppenfoto

Petra Neuner-Gyß, Sidonie Laner, Sara Dorfmann, Melinda Forgo, Nicola Mair, Mira Weissenegger, Nadja Neuner-Schatz, Benjamin Stark, Marie Steiner, Marilena Buchauer, Sara Knollenberger (von links/from the left/da sinistra).

Unter der Leitung von Nadja Neuner-Schatz entwickelten die Studierenden ein Ausstellungskonzept, das museale Erzählungen nicht nur ergänzt, sondern bewusst irritiert. „Ich wollte mit den Studierenden nicht einfach eine weitere Ausstellung über Gewalt machen. Uns ging es darum, einen Ort, den wir mit Sicherheit und Harmonie verbinden, neu zu lesen“, erklärt Nadja Neuner-Schatz. Karl C. Berger ergänzt: „Museen sind nicht neutral: Sie entscheiden, welche Objekte und Geschichten gezeigt werden, welche Perspektiven Eingang in die Sammlung finden – und welche unsichtbar bleiben. Das Projekt macht diese Auswahlprozesse selbst zum Thema.“

Gewalt hat viele Gesichter

Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt sind ein aktueller Anlass, über Gewalt und ihre gesellschaftlichen Bedingungen zu sprechen. Die Intervention geht dabei bewusst über die Darstellung körperlicher Gewalt hinaus. Sie thematisiert unterschiedliche Erscheinungsformen und macht sichtbar, dass Gewalt auch psychisch, sexualisiert, ökonomisch oder strukturell sein kann. „Gewalt beginnt nicht erst dort, wo sie körperlich sichtbar wird. Gerade das Unsichtbare wollten wir in den Mittelpunkt rücken“, erklären die Studierenden.

„Gewalt beginnt nicht erst dort, wo sie körperlich sichtbar wird. Gerade das Unsichtbare wollten wir in den Mittelpunkt rücken“

Studierende Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaf, Universität Innsbruck 

Oranger Stoffstreifen mit der Frage: Was ist Gewalt?

Work in progress: DIe Intervention entstand im Rahmen einer Lehrveranstaltung der Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft.

Eine Stube ist mehr als ein Erinnerungsort

Die historischen Stuben erzählen von vergangenen Lebenswelten. „Orange the Stuben“ stellt diesen Erzählungen eine weitere Ebene gegenüber und fragt: Wer fühlte sich in diesen Räumen tatsächlich sicher? Wer hatte welche Macht? Wer musste schweigen? Und welche Erfahrungen finden keinen Platz in der traditionellen Vorstellung vom harmonischen Zuhause? „Die Stube kennen viele als Ort der Gemeinschaft. Aber das bedeutet nicht, dass darin alle Menschen dieselben Möglichkeiten, Rechte oder dieselbe Sicherheit hatten“, so Hanna Wäger, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Tiroler Landesmuseen, die das Projekt begleitet hat. Die Intervention versteht sich deshalb auch als Einladung an die Besucher:innen, eigene Vorstellungen von Zuhause, Familie und Sicherheit zu hinterfragen.

runder Stubentisch aus Holz ein einem Erker, davor 3 hölzerne Stühle, zur Wand des Erkes eine hölzerne Sitzbank

Die Ausstellung zielt darauf bewusst darauf ab, zu irritieren. Interaktive Parts laden dazu ein, die eigenen Vorstellungen von Sicherheit, Zuhause und Familie zu hinterfragen. 

Mehrwöchiges Begleitprogramm setzt Zeichen

Begleitet wird die studentische Intervention von einem breit gefächerten Veranstaltungsprogramm, das in Kooperation mit Teresa Millesi vom Forschungsschwerpunkt Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte umgesetzt wird. In unterschiedlichen Formaten – Stubengesprächen, Lesungen, Workshops, Vorträgen – diskutieren Expertinnen und Experten, aber auch Initiativen über verschiedene Facetten von Gewalt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt, sondern auch die gesellschaftlichen, historischen und strukturellen Bedingungen, unter denen Gewalt entsteht und fortbestehen kann. „Orange the Stuben“ verbindet damit universitäre Lehre, museale Praxis und gesellschaftliche Auseinandersetzung. Die Intervention zeigt, dass historische Räume nicht nur von der Vergangenheit erzählen, sondern auch Fragen an die Gegenwart stellen können.

Intervention "Orange the Stuben" 
17. September bis 10. Dezember 2026 im Tiroler Volkskunstmuseum
Weitere Informationen und Veranstaltungsprogramm: www.uibk.ac.at/de/fsp-kultur/orange-the-stuben/

(Red./Tiroler Landesmuseen) 

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