Frontale Aufnahme einer Frau mittleren Alters, sie hat schwarze Haare, trägt eine Brille und einen violetten Blazer mit Jeans.

Pia Andreatta forscht und lehrt am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Innsbruck. Auslandseinsätze zur Krisenintervention und Traumaunterstützung führten sie unter anderem in den Libanon, nach Gaza, Sri Lanka und Syrien.

Im Auge der Krise

Die Psycho­login Pia Andre­atta unter­stützt während und nach Katas­tro­phen und Krisen Betrof­fene und Helfende. Im Inter­view erklärt sie, wann aus einem Schock eine Trau­ma­ti­sie­rung wird und worauf es bei der psycho­lo­gi­schen Aufarb­ei­tung von Natur­ka­ta­stro­phen ankommt.

Wie spricht man mit einem Menschen, der gerade alles verloren hat? Wie schützt man sich selbst als helfende Person? Im psychologischen Disaster-Management hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan. Im Zentrum steht eine wirksame Verbindung von Wissenschaft und Praxis.

Anna Maria Huber aus dem Büro für Öffentlichkeitsarbeit hat mit Pia Andreatta, Wissenschaftlerin der Universität Innsbruck und Notfallpsychologin, über Krisenintervention gesprochen:

Der Begriff Trauma wird sehr inflationär verwendet. Ab wann wird aus Trauer oder Schock eine Traumatisierung, die behandelt werden sollte?

Pia Andreatta: Im Alltag verwenden wir den Begriff oft sehr schnell und adjektivisch, für alles, was besonders schmerzt. Tatsächlich hat ein Trauma spezielle Eigenschaften: Man gerät durch eine Situation im Außen in eine Lage, in der man sich plötzlich handlungsunfähig, schutzlos ausgeliefert, ohnmächtig fühlt. Innerpsychisch setzt sich das als Erschütterung des Selbstverständnisses fort: Man glaubt nicht mehr an sich, kann nicht auf seine Ressourcen zurückgreifen. Auch das Weltverständnis geht verloren – die Welt wird nicht mehr als sicher wahrgenommen. Bei einem Schock ist das anders: Da ist die Sicherheit kurz weg, aber man findet sie wieder. Bei einem Trauma ist die Erschütterung anhaltend – bei manchen lebenslang – und sie ist übergeneralisiert.

Wie sieht psychologisches Disaster-Management in der Praxis aus? Was kann präventiv getan werden?

Pia Andreatta: Viele Naturkatastrophen haben eine Vorbereitungszeit, das ist etwas anderes als ein plötzlicher Unfall. In dieser Phase ist wichtig, die Bevölkerung und insbesondere vulnerable Gruppen zu unterstützen. Weder Verdrängung noch in Panik zu verfallen, ist in dieser Phase hilfreich. Beispielsweise gilt es, Menschen auf eine Evakuierung vorzubereiten. Das erhöht im Ernstfall dann die Bereitschaft, das eigene Zuhause wirklich zu verlassen. Es geht viel um Aufklärung: Wo werden wir untergebracht? Was passiert mit unserem Hab und Gut?

Wer sollte diese Vorbereitungsmaßnahmen konkret umsetzen?

Pia Andreatta: Das sind oft die Entscheidungsträger:innen, wie Bürgermeister:innen oder Behördenvertreter:innen. In Ländern, die regelmäßig von Naturkatastrophen betroffen sind – wie Nepal oder Japan – macht es Sinn, die Maßnahmen in das Bildungssystem zu integrieren, auch schon im Kindergarten.

In einem akuten Fall einer Naturkatastrophe: Was sagt man jemandem, der gerade alles verloren hat – geliebte Menschen, das Zuhause, die Lebensgrundlage?

Pia Andreatta: In diesen Fällen gibt es fünf Grundprinzipien, nach denen man arbeitet. Das erste ist: Für Sicherheit sorgen und Stabilität herstellen. Es braucht Raum dafür, dass Menschen überwältigt reagieren und es ist wichtig zu betonen, dass das eine normale Reaktion ist. Im nächsten Schritt gilt es, die Hilflosigkeit zu durchbrechen und den Menschen das Gefühl der Handlungsfähigkeit zurückzugeben. Bei Kindern gelingt das beispielsweise durch Spiele oder Alltagsroutinen. Der dritte Punkt ist die kollektive Wirksamkeit: „Wir helfen zusammen und schaffen das gemeinsam.“ Begleitend ist es wichtig, dass man existenzielle Grundbedürfnisse sicherstellt: Wo schlafen wir? Was essen wir? Und in einem fünften Schritt gilt es, relativ früh eine Zukunftsperspektive herzustellen, nicht in konkreten Zahlen, sondern in kleinen Schritten: Was sind unsere nächsten Aufgaben? Was lösen wir heute?

In manchen Katastrophenfällen kommen Schuldzuweisungen hinzu. Was macht das mit der Verarbeitung?

Pia Andreatta: Bei Naturkatastrophen ist das anfangs weniger der Fall – am Erdbeben selbst hat niemand Schuld. Aber oft setzt die Suche nach einem Schuldigen trotzdem ein. Bei den Erdbeben in der Türkei hieß es: „Unsere Häuser waren nicht erdbebensicher.“ Bei Lawinenunfällen wird die Schuld manchmal der Lawinenkommission zugewiesen. Doch solange ich an der Schuldzuweisung festhalte, komme ich nicht an den Punkt anzuerkennen, dass ich eine Person verloren habe, die nicht mehr zurückkommt. Die Trauer wartet hinter dieser Wand der Schuld. Langfristig führt das eher zu Depressionen und schlechterer Verarbeitung.

Was passiert nach einer Naturkatastrophe – wie lange sind NGOs vor Ort, gibt es eine Art von kollektiver Aufarbeitung?

Pia Andreatta: Bewältigung hängt sehr viel der sozialen Unterstützung ab. Oft entstehen Initiativen und neue gemeinschaftliche Rituale. Die Akut-Reaktionen – Flashbacks, Vermeidung, Angstzustände – sollten sukzessive abnehmen. Bei Kindern geht man von etwa einem Monat aus. In Screenings beobachten wir, welche Personen dauerhaft im Stress bleiben: Ein Drittel erholt sich rasch, ein Drittel braucht Unterstützung, und ein Drittel braucht längerfristige Betreuung.

Sind Menschen in Regionen, die regelmäßig von Naturkatastrophen betroffen sind, resilienter als etwa die österreichische Bevölkerung?

Pia Andreatta: Kultur macht nicht immun gegen Traumatisierung. Es ist eher so, dass in manchen Kulturen der individuellen Traumatisierung weniger Bedeutung beigemessen wird. In der hinduistischen Kultur in Nepal beispielweise ist Verlust viel mehr in der Religion eingebettet. Das haben die Götter vorgegeben, es lag nicht in meinen Händen. Das schützt tatsächlich davor, alles auf die eigene Handlungsunfähigkeit zu schieben. Bei uns in Mitteleuropa hingegen baut unsere Identität stark auf Handlungskontrolle auf – wenn ich mein Kind nicht schützen konnte, habe ich als Elternteil versagt. Das ist ein enormer Unterschied.

Wie unterstützt man Einsatzkräfte, medizinisches Personal, Psycholog:innen, die in Krisengebieten tätig sind, um u.a. sekundäre Traumatisierungen zu vermeiden?

Pia Andreatta: Bei einer primären Traumatisierung geht die Fähigkeit der Symbolisierung verloren: positive Bedeutungszusammenhänge sind zerstört, die Worte fehlen, Bilder und Erinnerungen verselbstständigen sich. Als helfende Person leistet man diese Symbolisierung für andere. Solange man das leisten kann, bleibt die eigene Psyche intakt. Sobald das nicht mehr gelingt, beginnt die sekundäre Traumatisierung.

In der Unterstützung von Helfenden ist es wichtig, zu schauen, wo die Belastungen liegen und man ihnen zu verstehen gibt, dass Herausforderungen nichts mit einer persönlichen Schwäche zu tun haben. Bedeutungsmanagement spielt eine Rolle: Wo liegen meine eigenen Ressourcen, was ergibt Sinn? Die Einsatzstrukturen so zu gestalten, dass man nie allein arbeitet und regelmäßig Zeit für Pausen hat, wirkt ebenfalls entlastend.

Abschließend – wie gut ist Österreich auf psychologisches Disastermanagement vorbereitet?

Pia Andreatta: Das psychologische Krisenmanagement in Österreich ist tatsächlich recht gut und international gesehen federführend. Es gibt österreichweit Kriseninterventionsteams, angedockt an Einsatzorganisationen. Inzwischen gibt es auch ein Netzwerk, das DCNA – Disaster Competence Network Austria – das Wissenschaft und Praxisorganisationen verbindet. Im internationalen Vergleich würde ich sagen: eine gute Ausstattung, aber jedes Ereignis ist anders, und man hat hinterher immer das Gefühl, man hätte besser vorbereitet sein können.

 

Zur Person

Pia Andreatta forscht und lehrt am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Innsbruck. Sie ist Klinische und Gesundheitspsychologin sowie Notfallpsychologin und Notfallpädagogin. Für das Rote Kreuz unterstützt sie Kriseninterventionsteams. Auslandseinsätze zur Krisenintervention und Traumaunterstützung führten sie unter anderem in den Libanon, nach Gaza, Sri Lanka und Syrien. Im Jahr 2024 veröffentliche sie ein Buch zur sekundären Traumatisierung in helfenden Berufen.

Dieser Beitrag ist in Ausgabe 1/2026 von ZUKUNFT FORSCHUNG, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck, erschienen. ​

  • Nach oben scrollen