Blaumeise auf eine Ast sitzend

Die Blaumeisen in der Stadt wirken weniger farbenfroh als ihre Artgenossen im Wald.

Ein Tag im Leben einer Stadt-Blau­meise

Im Rahmen einer zoolo­gi­schen Exkur­sion führte Marion Chate­lain ihre Studie­renden im Sommer­se­mester durch den Inns­bru­cker Stadt­raum, um ihnen die Lebens­be­din­gungen von Vögeln im urbanen Raum näher­zu­brin­gen. Entstanden sind dabei Tage­bü­cher über unter­schied­liche Arten. Heute erzählt Ella Majerus von einem Tag im Leben der Blau­meise Blaui.

Beliebt wegen ihres freudigen Gesangs und ihres farbenfrohen Aussehens ist die Blaumeise nicht mehr wegzudenken aus unseren Städten und Wäldern. Mit ihrem strahlend gelben Bauch, ihrer blauen Kappe und dem schwarzen Eyeliner ist die Blaumeise auch für Hobby-Ornithologen leicht zu erkennen. Besonders häufig findet man sie umgeben von dichtem Gebüsch oder in den grünen Baumkronen des Botanischen Gartens. Kein Wunder, denn die Blaumeise ist ein echter ökologischer Generalist mit einer großen diätetischen Flexibilität, Agilität und der Bereitschaft, fast überall zu nisten.

Doch wer genauer hinsieht, erkennt einen feinen Unterschied: Die Blaumeisen unserer Stadt wirken weniger farbenfroh als ihre Artgenossen im Wald der Nordkette.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Noch bevor die ersten Straßenbahnen fahren und sich der Frühverkehr staut, macht sich unsere Blaumeise Blaui auf die Suche nach ihrem Frühstück. Dabei wird ihr außergewöhnliches akrobatisches Talent offensichtlich. Denn durch ihre kräftigen Füße und ihr geringes Körpergewicht kann Blaui Futterquellen erreichen, die für andere Vögel unerreichbar wären. Sie hängt kopfüber an den feinen Ästen einer alten Linde und sucht mit ihrem kurzen, spitzen Schnabel die Rindenritzen nach Insekten und Spinnen ab. Dieses Verhalten wird in der Stadtökologie auch Ressourcenpartitionierung genannt, weil Blaui einen Teil des Lebensraums nutzt, den sonst niemand beansprucht.

Gegen Vormittag verlässt Blaui das schützende Grün des Botanischen Gartens und fliegt Richtung Hötting. Dort wird sie fündig und entdeckt auf einem kleinen Balkon ein gefülltes Futterhaus. Doch sie ist nicht allein, auch Kohlmeisen und Kleiber interessieren sich für den bereitgestellten Schmaus. Zum Streit kommt es aber nicht, denn es ist genug für alle da. In der Stadt ist die Nahrungsverfügbarkeit oft höher als im nahegelegenen Wald, dafür aber auch einseitiger. Fettkugeln und Sonnenblumenkerne bilden eine bequeme Ergänzung zu Blauis Speiseplan. Sie sind aber auch der Grund, warum Stadt-Blaumeisen einen weniger intensiv leuchtenden, gelben Bauch haben.

Das Rätsel der verlorenen Farbe

Wenn man Blaui mit einer Blaumeise aus dem tiefen Wald der Nordkette vergleicht, fällt schnell auf: ihr Bauch ist eher blassgelb anstelle von einem leuchtenden Löwenzahngelb.

Verantwortlich für die gelbe Farbe der Federn sind Carotinoide, eine Gruppe von Pigmenten. Vögel können Carotinoide jedoch nicht selbst herstellen und nehmen sie stattdessen über ihre Nahrung auf – primär durch kleine Schmetterlingsraupen, die die Blaumeisen auf verschiedenen Blättern finden. Doch obwohl die Stadt viel Futter bietet, fehlen oft die spezifischen Raupenarten, die für die intensive Färbung nötig wären. Ein blasseres Gefieder bei Meisen wirkt so als Indikator für eine geringere Nahrungsqualität und -vielfalt.

Immobilienjagd in Innsbruck

Nachmittags macht sich Blaui auf die Suche nach dem perfekten Nistplatz. Während sie im Wald auf natürliche Baumhöhlen oder verlassene Spechthöhlen angewiesen wäre, stehen ihr in der Stadt alle Möglichkeiten offen. Dabei verwendet Blaui nicht nur klassische Ressourcen wie Moos, Tierhaare & Grashalme, sondern lässt ihrer Kreativität freien Lauf. So findet man in urbanen Nestern auch häufig menschengemachte Materialien wie bunte Kunststofffasern. Ebenso flexibel ist die Wahl des Ortes. Die kuscheligen Nestschüsseln verstecken sich in Briefkästen, Hausfassaden oder bereitgestellten Nistkästen mit dem passenden kleinen Einflugloch.

Während einige Blaumeisen migrieren, bleibt Blaui das ganze Jahr über in der Stadt und ergattert so einen entscheidenden Vorteil bei der Nistplatz-Suche. Zum einen ist sie resident, weil das Nahrungsangebot auch im Winter ausreicht, und zum anderen, weil es warm genug bleibt. Das verdankt sie dem sogenannten „Urban Heat Island Effect“. Durch Versiegelung und Bebauung agiert die Stadt als Wärmespeicher und ist oft 2-3°C wärmer als die umgebende Natur. So kann Blaui jedes Jahr in Ruhe ihre Wahl treffen, noch bevor die Zugvögel zurückkehren und die große Jagd um die besten Vogel-Immobilien beginnt.

Zwischen Katzenkrallen und Glasfassaden

Doch das Stadtleben ist für Vögel kein reines Privileg, es hat auch seine Schattenseiten. Sobald der Berufsverkehr einsetzt und die Arbeit auf den Baustellen beginnt, wird die Kommunikation für Blaui zur echten Herausforderung. Um gegen den Lärm anzukämpfen, singt sie lauter und in höheren Frequenzen. Ein Kraftakt, der ihr lebenswichtige Energie raubt. Trotz Bemühungen geht der eine oder andere Warnruf im lauten Getümmel der Stadt verloren und Fressfeinde bleiben unerkannt. Besonders die ersten Flugversuche der Jungmeisen werden durch lauernde Hauskatzen zu einem riskanten Manöver, nicht selten mit tödlichem Ausgang. Auch die Lichtverschmutzung zehrt an den Energieressourcen der Blaumeisen. Durch Straßenlaternen und beleuchtende Schaufenster verschwimmt die Grenze zwischen Tag und Nacht. Ihr Biorhythmus wird verzerrt: Blaui schläft weniger und beginnt früher mit ihrem Reviergesang.

Zusätzlich verwandeln die spiegelnden Fensterfronten der modernen Architektur die Stadt in ein gefährliches Labyrinth. Wo wir eine Glasscheibe erkennen, sieht Blaui die perfekte Reflexion eines einladenden Gartens. Diese trügerische Spiegelung in Kombination mit einem rasanten Flug wird schnell zur tückischen Falle.

Ein neuer Blickwinkel

Beim fröhlichen Gezwitscher unserer Stadt vergessen wir schnell, dass wir tagtäglich mitgestalten, wie Blaui lebt, singt und aussieht. Ein bunter Vorgarten ist für unsere Blaumeisen nicht nur ein schöner Anblick, sondern eine lebenswichtige Vorratskammer. Jede gepflanzte heimische Staude lockt Raupen und andere Insekten an, die Blauis Bauch wieder in einem kräftigen Gelb erstrahlen lassen.

Die Natur passt sich an, doch auch wir können unseren Teil leisten und einmal die Stadt durch die Augen einer Blaumeise betrachten. Kopfüberhängend an den feinen Ästen einer alten Linde.

(Ella Majerus)

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